Lebensdaten
1873 bis 1943
Geburtsort
Baden bei Wien
Sterbeort
New York
Beruf/Funktion
Regisseur
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118599380 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Goldmann, Max
  • Goldmann, Max
  • Goldmann, Maximilian
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Zitierweise

Reinhardt, Max, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118599380.html [28.09.2016].

CC0

Reinhardt, Max (bis 1890 Goldmann, seit 1904 amtl. R.)

Regisseur, Schauspieler, Theaterleiter, * 9.9.1873 Baden bei Wien, 31.10.1943 New York, Hastings on Hudson. (jüdisch)

  • Genealogie

    V Wilhelm Goldmann (1846–1911), aus Stampfen (Stomfa, Stupava, Ungarn, heute Slowakei), Kaufm., Fabr. in W. S d. Philipp (1814–1912); M Rosa Wengraf (1851–1924), aus Nikolsburg (Mikulov, Mähren); 3 B u. a. Edmund (1900–04 Arányi, 1875–1929), seit 1901 Geschäftsführer d. R.schen Theateruntern., Siegfried (* 1883), Lederwarenfabr., später Leiter d. Einkaufsabt. d. R.schen Theateruntern., Leo (* 1885), tätig im Dt. Theater in B., emigrierte nach Großbritannien, 3 Schw; – 1) Maidenhead (England) 1910 ( 1935) Else Heims (1878–1958, Unfall, ev.), aus Berlin, Schausp., emigrierte 1934 in d. USA (s. Kosch, Theaterlex.; BHdE II), 2) 1935 Helene (Ps. Helene Werner, 1889–1974, 1] 1916 1918 Paul Kalbeck, 1884–1949, Regisseur, Schriftst., s. ÖBL; BHdE II, S d. Max Kalbeck, Ps. Jeremias Deutlich, 1850–1921, Musikschriftst. u. -kritiker in W., 3] Anton Edthofer, 1883–1971, Schausp.), Schausp. (s. L), T d. Hugo Thimig (1854–1944), aus Dresden, Schausp., Dir. d. Burgtheaters, Hofrat, u. d. Franziska (Fanny) Hummel (* 1867), aus Stuttgart; außerehel. T Jenny (1900–73), aus Verbindung mit Else Heims vorehel. S Wolfgang (1908–79), Drehbuchautor u. Produzent, S aus 1) Gottfried (s. 2) (s. L); Schwager Hermann Thimig (1890–1982), Schausp., Hans Thimig (1900–96), Schausp., 1959 Leiter d. Max Reinhardt Seminars in W.

  • Leben

    Nach dem Besuch der Realschule und der Bürgerschule in Wien 1884-88 trat R. eine Banklehre an, folgte aber bald seinen künstlerischen Interessen und ließ sich bei den|Schauspielern Rudolf Perak und Emil Bürde für das Theater ausbilden. Erste Bühnenerfahrungen sammelte er 1890-93 in Wiener Vorstadttheatern. 1893/94 am Salzburger Landestheater engagiert, gehörte er 1894-1902 dem Ensemble des Dt. Theaters in Berlin an, wo er unter Otto Brahm (1856–1912) die Spielweise und Dramatik des naturalistischen Theaters kennenlernte. Brahm vertraute ihm bedeutende Rollen an – z. B. 1894 Pastor Kittelhaus in Hauptmanns „Die Weber“, 1900 die Titelrolle in der Uraufführung von Hauptmanns „Michael Kramer“ und 1901 den Mephisto.

    Bei Gastspieltourneen und in kabarettartigen Auftritten, zu deren Mitinitiatoren Christian Morgenstern zählte, entwickelte R. in Abwendung vom Naturalismus eine Aufführungspraxis, bei der Atmosphäre und Stimmung zentrale Bedeutung gewannen. Das 1900/01 gegründete, 1902 zum „Kleinen Theater“ weiterentwickelte Kabarett „Schall und Rauch“ wurde zu seinem Experimentierfeld. Mit der Ur- oder Erstaufführung neuer Autoren wie Wilde (Salome, 1902), Wedekind (Erdgeist, 1902), Hofmannsthal (Elektra, 1903) und Gorki (Nachtasyl, 1903) erzielte dieses Theater Aufsehen, Kritik und spontanen Erfolg. 1903 mietete R. zusätzlich das „Neue Theater“ (am Schiffbauerdamm). Seine Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ 1905 auf einer Drehbühne wurde begeistert begrüßt und führte dazu, daß ihm noch im selben Jahr die Direktion des Dt. Theaters übertragen wurde, das er im Folgejahr erwarb. Neben den dt. Klassikern inszenierte R. immer wieder Shakespeare (Shakespearezyklen 1913/14, 1916). 1906 wurden die von ihm konzipierten Kammerspiele – das Wort „Kammerspiel“ ist R.s Erfindung – neben dem Dt. Theater eröffnet. 1918 erwarb er den „Zirkus Schumann“, für dessen Umbau zum „Großen Schauspielhaus“ (1919/20) er den Architekten Hans Poelzig gewann, dessen Monumentalbau als Höhepunkt expressionistischer Architektur gilt. Konzipierung und Erwerb oder Anmietung von Theaterbauten ganz unterschiedlicher Dimensionen und Stile sowie Freiluftaufführungen sollten der Vielfalt der dramatischen Genres Rechnung tragen und dem Publikum die jeweils passende Atmosphäre vermitteln.

    1918 nahm R. seinen Wohnsitz im ehemals fürsterzbischöfl. Schloß Leopoldskron bei Salzburg, das zum gesellschaftlichen Treffpunkt eines Weltpublikums wurde. Gast- und Festspiele, Inszenierungen in verschiedenen Ländern und Sprachen waren genuiner Bestandteil seiner Arbeit. Die 1920 von R. mit Hugo v. Hofmannsthal (1874–1929) und Richard Strauss (1864–1949) gegründeten und bis 1937 geleiteten Salzburger Festspiele wurden aufgrund ihrer Schauplätze und der atmosphärischen Einbeziehung einer ganzen Stadt zum Welterfolg. 1920 inszenierte er Hofmannsthals „Jedermann“ auf dem Salzburger Domplatz und stiftete damit eine bis heute anhaltende Tradition. 1928 gründete R. ein der Fachhochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien angeschlossenes Schauspiel- und Regieseminar (seit 1945 „Reinhardt-Seminar“ d. Univ. f. Musik u. darstellende Kunst).

    1933 emigrierte R. aus Berlin, 1938 aus Österreich; sein Besitz wurde enteignet. Obwohl er in den 20er Jahren mit seiner „Mirakel“-Pantomime bedeutende Erfolge in den USA hatte feiern können, erfüllten sich Hoffnungen auf eine produktive Weiterexistenz in Hollywood nur begrenzt; der „Max Reinhardt Workshop of Stage, Screen and Radio“ (1939-41) blieb ohne unmittelbare Wirkung; Filmprojekte, für die R. Ideen und Skripten vorlegte, wurden – mit Ausnahme von „A Midsummer Night's Dream“ (1935) – nicht realisiert. Einige Aufführungen am Broadway (zuletzt 1943 d. UA v. Irwin Shaws „Sons and Soldiers“) kamen nur unter schwer erträglichen Bedingungen zustande. Spektakulär war indes die Inszenierung von „The Eternal Road“ 1937: Das Drama – von den zionistischen Produzenten als „ jüd. Antwort auf Hitler“ gedacht – wurde zum bedeutendsten Ereignis des Exiltheaters. R. gewann Franz Werfet als Autor, Kurt Weill als Komponisten, den amerik. Architekten Norman Bel Geddes für Umbau und visuelle Gestaltung des Manhattan Opera House sowie ein erstklassiges, mehrere hundert Darsteller umfassendes Ensemble. „Der Weg der Verheißung“, so der dt. Titel, wurde eine Art jüd. Welttheater und damit ein Pendant zu Hofmannsthals für R. verfaßtem und 1922 in der kath. Kollegienkirche in Salzburg (und noch einmal 1933, als letzte Berliner Inszenierung R.s, unmittelbar vor der Machtergreifung Hitlers) aufgeführtem „Salzburger Großes Welttheater.“

    R. gilt als Begründer und fruchtbarster Vertreter moderner Regiekunst: Regie und Inszenierung wurden von ihm nicht mehr als überwiegend technisch-organisatorische Funktion verstanden, sondern als subjektiv gestaltende Zusammenführung vielfältiger sinnlich-ästhetischer Komponenten auf der Basis einer schöpferischen Analyse des Dramas. Bezeichnenderweise enthält R.s Auffassung vom Theater, die er v. a. in der 1928 an der Columbia University gehaltenen „Rede über den Schauspieler“ („Of Actors“) formulierte, weniger eine Selbstdarstellung von Inszenierung und Regie als v. a. eine Huldigung an den Schauspieler, als dessen Diener sich R. verstand. Ein immer wieder studiertes Vorbild war die commedia dell'arte, in der die Schauspieler eigentliche Schöpfer der Vorstellung sind. R. gelang eine ausgewogene Verbindung zwischen der jüd., v. a. dem Wort verbundenen Tradition und der raum- und bildorientierten kath.-christl. Welt. Das „Regietheater“, von dem man seit der 2. Hälfte des 20. Jh. spricht, ist ein Ergebnis der „R.schen Revolution“. Ein Beispiel für R.s Inspirationskraft ist das Stück „Elektra“, das Hofmannsthal 1903 für die von R. entdeckte Schauspielerin Gertrud Eysoldt und für R.s Theater schrieb; es war nicht nur der Beginn einer lebenslangen fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Autor und Regisseur, sondern bewog auch Richard Strauss, „Elektra“ zu vertonen, was zur wohl bedeutendsten Konstellation im Musiktheater des 20. Jh. führte. Fast alle wichtigen dt.sprachigen Schauspieler der ersten Jahrhunderthälfte sind durch R.s Schule gegangen; viele internat. bedeutende Regisseure sehen sich in seiner Nachfolge. Schauspieler und Regisseure wie Marlene Dietrich und Paul Wegener begannen bei ihm. Die Entwicklung der frühen Filmkunst in Deutschland ist ohne R. kaum denkbar, obwohl er selbst nur sporadisch auf diesem Gebiet tätig war, und auch der Hollywood-Film wurde von ihm und seinen Schülern – u. a. Fritz Lang, G. W. Pabst und Ernst Lubitsch – nachhaltig geprägt.|

  • Auszeichnungen

    Prof. (Sachsen-Coburg-Gotha 1909); Grand Chevalier Légion d'Honneur (1912); Dr. h. c. (Frankfurt/M. u. Kiel 1930, Oxford 1933); Vizepräs, d. engl. Shakespeare Soc. (1931); ital. Commendatore (1936); Max Reinhardt Forsch.- u. Gedenkstätte, Salzburg (1966–95).

  • Werke

    Schall u. Rauch, Bd. 1, 1901; Ill. Klassiker d. Dt. Theaters nach Inszenierungen M. R.s, hg. v. H. Rosenberg, 1912 ff.; Die Bücher d. Dt. Theaters, hg. v. H. Herald u. H. Rosenberg, 1920 ff.; Ausgew. Briefe, Reden u. Schrr., hg. v. F. Hadamowski, 1963; Regiebuch zu Macbeth, hg. v. M. Grossmann, 1966; M. R.s Regiebuch zu „Faust I“, hg. v. W. Passow, 1971; Der Briefwechsel Arthur Schnitzlers mit M. R. u. dessen Mitarbeitern, hg. v. R. Wagner, 1971; Schrr., Reden, Aufss., hg. v. H. Fetting, 1974; Schall u. Rauch, Erlaubtes u. Verbotenes, Spieltexte d. ersten M. R.-Kabaretts (Berlin 1901/02), hg. v. P. Sprengel, 1991. – Bibliogr.: L. M. Fiedler, M. R. in Selbstzeugnissen u. Bilddok., 1975, 41994 (P, Bibliogr. S. 147-52); H. Huesmann, Welttheater R., Bauten, Spielstätten, Inszenierungen, 1983; Manuskripte, Briefe, Dok., hg. v. H. Wetscherek, 1998. & Qu.: Max Reinhardt-Archiv/Archiv d. Salzburger Festspiele im „Schüttkasten“, Salzburg.

  • Literatur

    M. Bergmann, Der Fall R., 1906; P. Legband, Das Dt. Theater in Berlin, 1909 (P); S. Jacobsohn, M. R., 1910, erw. 1921; H. Carter, The Theatre of M. R., 1914 (P); H. Herald, M. R., Ein Versuch über d. Wesen d. modernen Regie, 1915 (P); ders., M. R., 1953 (P); E. Stern u. H. Herald (Hg.), R. u. seine Bühne, Bilder v. d. Arbeit d. Dt. Theaters, 1918; H. v. Hofmannsthal, Vorrede, ebd., S. 3-8; M. Epstein, M. R., 1918; F. F. Baumgarten, Zirkus R., 1920; O. Sayler, M. R. and his theatre, 1924 (P); H. Böhm, Die Wiener Reinhardt-Bühne im Lichtbild, 1926; H. Rothe, M. R., 25 J. Dt. Theater, 1930; B. Fleischmann, M. R., Die Wiederentdeckung d. Barocktheaters, 1948 (P); E. Stern, Bühnenbildner bei M. R., 1955; G. Adler, M. R., Sein Leben, 1964 (P); S. Melchinger, M. R., Sein Theater in Bildern, 1968; H. Braulich, M. R., Leben zw. Traum u. Wirklichkeit, 21969; E. Leisler u. G. Prossnitz, M. R. u. d. Welt d. Commedia dell'arte, 1970; dies. M. R. in Europa, 1973 (P); dies., M. R. in Amerika, 1976 (P); L. M. Fiedler, M. R. u. Molière, 1972 (P); F. Klingenbeck, M. R.s Theater in d. Josefstadt, 1972; Helene Thimig-Reinhardt, Wie M. R. lebte, 21973; Gottfried Reinhardt, Der Liebhaber, Erinnerungen seines Sohnes G. R. an seinen Vater M. R., 1973 (amerik. u. d. T. The Genius, 1979); H. Schwarz, M. R. u. d. Wiener Seminar, 1973 (P); M. R., Der Regisseur u. seine Schausp., Ausst. d. Max-Reinhardt-Forsch.-Stätte Salzburg, hg. v. E. Fuhrich, 1973 (P); G. E. Wellwarth u. A. Brooks, M. R. 1873-1973, 1973 (P); P. W. Jacob, M. R., 1974; G. Adler, Aber vergessen Sie nicht d. chines. Nachtigallen, Erinnerungen an M. R., 1980, 21983 (Dok., P); J. L. Styan, M. R., 1982; M. R., „Ein Theater, das den Menschen wieder Freude gibt“, Ausst. d. Max-Reinhardt-Forsch.-stätte Salzburg, 1983 (P); K. Boeser (Hg.), M. R. in Berlin, 1984 (P); M. Jacobs (Hg.), M. R., The Oxford Symposium, 1986; E. Fuhrich (Hg.), M. R., Die Träume d. Magiers, 1993; S. Höper, M. R., Theater, Bauten, Projekte, 1994; C. Funke, M. R., 1996; Kosch, Theaterlex.; Sucher, Theaterlex.; ÖBL; Hist. Lex. Wien (P); BHdE II; DBE; – Fernsehdok.:  Gottfried Reinhardt, M. R., Der gr. Zauberer, 1973; – zu Helene Thimig-R.:  F. Schwiefert, H. Th., 1923; A. Kahane, Die Thimigs, Theater als Schicksal e. Fam., 1930.

  • Portraits

    Zeichnung v. E. Orlik, Prag 1895, Abb. in: Wellwarth u. Brooks, 1973, S. 6 (s. L); Zeichnung v. E. S. Klemperer, 1912, ebd., S. 38; Lith. v. O. Kokoschka, 1919, ebd., S. 46; Radierung v. H. Struck, ebd., S. 52; Zeichnung v. A. Faistauer, 1928, ebd., S. 102; div. Lith. v. E. Orlik u. a. ebd., S. 104, 124; Gem. v. M. Weger, ebd., S. 22; Büste v. Prof. Seitz, Volksbühne Berlin, Abb. in: G. Adler, 1964 (s. L); Büste v. Ambrosi, Theater in d. Josefstadt, Wien, Abb. ebd.; Karikaturen v. K. Arnold, 1928, O. Gulbransson, 1928, E. Schilling, 1930, in: Schrr., Reden, Aufss., 1974, S. 128 (s. W); Zeichnung v. B. F. Dolbin, in: ders., Zeitgenossen, 1981.

  • Autor

    Leonhard M. Fiedler
  • Empfohlene Zitierweise

    Fiedler, Leonhard M., "Reinhardt, Max" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 357-359 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118599380.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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