Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Philosophen ; Geistes- und Naturwissenschaftler ; Musiker ; Literaten ; Bildende Künstler ; Unternehmer
Konfession
jüdisch,evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 118580760 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mendelssohn

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Zitierweise

Mendelssohn, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118580760.html [10.12.2018].

CC0

  • Leben

    Die Familie jüd. Herkunft hat eine Vielzahl bedeutender Persönlichkeiten hervorgebracht, die in der Geschichte der Philosophie, der Geistes- und der Naturwissenschaften, der Musik, der Literatur und der bildenden Kunst ebenso eine Rolle gespielt haben wie im Wirtschaftsleben. Eine im Auftrag der Familie 1937 aufgestellte Stammfolge der Nachkommen des Philosophen Moses (s. 1), in der auch – gemäß den „Nürnberger Gesetzen“ von 1935 – der Grad der sog. rassischen Abstammung vermerkt ist, zeigt die enge Verflechtung vieler ehemals jüd. Familien durch Heirat, die dazu führte, daß eine große Zahl von Mendelssohn-Nachkommen während des Dritten Reiches Deutschland verlassen mußte.

    So gut die Nachkommenschaft des Moses dokumentiert ist, so schwierig gestaltet sich die Frage nach seinen Vorfahren. Vor allem in der Familie seiner Mutter findet sich eine Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten. So stammt der Philosoph von Rabbi Matitijah Treves ab, der um 1220 in Trier lebte und der Stammvater einer über ganz Europa verbreiteten Familie berühmter Talmudisten war. Dessen Vorfahr war wiederum Rabbi Salomon bar Isaak gen. Raschi (1040–1105), der bedeutendste jüd. Bibel-Kommentator. Genannt seien auch Moses Isserles (um 1530–73), eine Autorität auf dem Gebiet der Halacha, Meir ben Isaak Katzenellenbogen (um 1485-1565), Oberrabbiner von Venedig und Talmudist, Aaron Luria (um 1450), Talmudist in Heilbronn, sowie die gelehrte Mirjam Spira (um 1325). Als Kaufleute gelangten zu Wohlstand und Ansehen Akiba ha-Kohen ( 1496) in Prag, einflußreicher Finanzmann am Hof von Kg. Matthias in Ofen, der in Wilna, Pinsk und Halberstadt tätige Wolf Wilner sowie der Vorsteher der jüd. Gemeinde von Brest-Litowsk, der Zoll- und Steuerpächter Saul Wahl (1545–1620); er soll der berühmte „Eintagskönig“ von Polen gewesen sein. Unter den Vorfahren der Frau des Moses, Fromet Gugenheim (s. Gen. 1), finden sich bedeutende Vertreter der Hochfinanz und des frühen Bankwesens wie Juda Lima Emmerich ( 1711), Kriegsfaktor des Großen Kurfürsten, und Samuel Oppenheimer (1630–1703), Oberhoffaktor, Finanzier der Feldzüge von Prinz Eugen. Auch Glückel von Hameln (1645-1724), deren Memoirenbuch eine wichtige Quelle für die Geschichte der deutschen Juden ist, gehört zu Fromets Vorfahren.

    Unter den Nachkommen des Moses entfaltete sich erneut die reiche und vielseitige Begabung der Familie. In der 1. Generation gründete Joseph (s. 2) 1795 ein Bankgeschäft in Berlin. 1804 nahm er seinen Bruder Abraham (s. Gen. 2) als Kompagnon auf. Seit 1811, nach einigen Jahren Aufenthalt in Hamburg wieder in Berlin, richtete dieser bald nach den Freiheitskriegen musikalische Soiréen ein, die als „Sonntagsmusiken“ 1825-47 einen bedeutenden Platz im Berliner Musikleben einnahmen. 1822 trat er zum ev. Glauben über und nannte sich seither M. Bartholdy (die Kinder seines Sohnes Paul führten später zur Unterscheidung ihrer Linie den Bindestrich zwischen beiden Namen ein). Im selben fahr schied Abraham aus dem aktiven Geschäftsleben aus, blieb jedoch weiterhin unbesoldeter Stadtrat von Berlin und förderte vor allem die Ausbildung seiner Kinder Fanny (s. 4) und Felix (s. 5) und dessen Karriere. Ein weiterer Bruder, Nathan (1782–1852, s. Gen. 7), lebte als Mechanikus in Berlin, wurde dann „Fabriken-Commissarius“ in Neiße, Steuereinnehmer in Glatz und Liegnitz und schließlich Revisor bei der Haupt-Stempel- und Magazin-Verwaltung in Berlin. 1839 gründete er dort die „Polytechnische Gesellschaft“, deren Erster Vorsitzender er war (s. Pogg. II). Moses' Tochter Brendel (1764–1839) heiratete auf Wunsch ihres Vaters den Kaufmann Simon Veit (1754–1819). 1798 wurde die Ehe geschieden, nachdem Brendel den Schriftsteller Friedrich Schlegel kennengelernt hatte, der zum entscheidenden Mann ihres Lebens wurde. 1804, nach Brendels Übertritt zum ev. Glauben, heirateten beide, wenige Jahre später wurden sie katholisch. Dorothea (wie sie sich seit ihrem zweiten Übertritt nannte) begann sich nun schriftstellerisch zu betätigen. 1801 erschien anonym ihr Roman „Florentin, hrsg. von Friedrich Schlegel“, danach veröffentlichte sie innerhalb von 10 Jahren 12 weitere Bücher, zumeist Übersetzungen. Zwei Söhne aus ihrer Ehe mit Simon Veit, Jonas (Johannes, 1790-1854) und Philipp (1793–1877), wurden als Maler bekannt. Beide wandten sich der Künstlergruppe der Nazarener zu.|Johannes, von dem sich nur wenige Bilder erhalten haben, weilte 1811-19 in Rom, wohin er nach einem Aufenthalt in Berlin 1822 zurückkehrte. Philipp hat nicht nur als Maler und Zeichner, sondern auch als Direktor des Frankfurter „Städel“ (1830-43) und während seines Mainzer Aufenthaltes (seit 1853) als Verfasser von Aufsätzen auf das künstlerische Geschehen seiner Zeit Einfluß genommen. Eine weitere Tochter von Moses, Recha (1767–1831), heiratete Mendel Meyer, den Sohn des mecklenburg. Hofagenten Nathan Meyerkatz. Die dritte Tochter, Henriette (1775–1831), lebte als Erzieherin in Paris. 1812 wurde sie katholisch und spielte später in der kleinen kath. Gemeinde Berlins eine Rolle. Rechas Tochter Rebecka (1793–1850) wurde die Frau des Bankiers Heinrich Beer (1794–1842), eines Bruders des Komponisten Giacomo Meyerbeer (s. NDB 17).

    Von den weiteren Angehörigen der 2. Generation wandte sich Georg Benjamin (s. 3), der ältere Sohn Josephs, der Wissenschaft zu. Der jüngere Bruder Alexander (s. Gen. 2) trat 1822 als Gesellschafter in die väterliche Bank ein und übernahm 1848 deren Leitung. Bis zu seinem Tode gehörte er dem Vorstand der jüd. Gemeinde zu Berlin an. Von Abrahams Kindern führte Paul (s. Gen. 4) die Banktradition weiter. Nach dem Tode seines Bruders Felix gab er zunächst allein, später gemeinsam mit seinem Neffen Karl M. Bartholdy (s. u.) die Briefe des Komponisten heraus. Ein Sohn von Nathan, Arnold (s. Gen. 7), wurde Arzt. Er war Vertrauter des Sozialistenführers Ferdinand Lassalle, in dessen Auftrag er 1846 an dem sog. Kassettendiebstahl beteiligt war. Zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, wurde er auf Fürsprache Alexander v. Humboldts bald freigelassen. Danach war er Militärarzt in Ungarn. Später wirkte er als Arzt in Palästina und starb, nach unstetem Leben, 1854 in Bajazid.

    In der 3. Generation leitete Hermann (s. Gen. 2), der Sohn Alexanders, seit 1850 die Verlagsbuchhandlung seines Namens in Leipzig (zuerst gemeinsam mit Eduard Avenarius), während sein Bruder Franz v. M. (s. Gen. 2 u. 8) das Bankhaus weiterführte. Der ältere Sohn von Felix M. Bartholdy, Karl (s. ADB 55; Gen. 5), machte sich bis zu einer schweren psychischen Erkrankung vor allem um die Erforschung der Geschichte des modernen Griechenlands verdient, über die er ein lange Zeit gültiges Standardwerk verfaßte (Geschichte Griechenlands von der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 bis auf unsere Tage, 2 Bde., 1870/74). Sein jüngerer Bruder Paul (s. 6) war Chemiker und Industrieller. Ein Enkel Nathans, Arnold (s. 7), erlangte als Kirchenmusiker Bedeutung.

    In der 4. Generation wurde der ältere Sohn von Franz v. M., Robert (s. Gen. 8), 1884 Mitinhaber des Bankhauses. Seine Tochter Eleonora (s. Gen. 8) war Schauspielerin und trat in Düsseldorf und Berlin unter Jessner und Reinhardt auf. 1933 emigrierte sie in die USA, wo sie u. a. am Broadway spielte (s. BHdE II; Kosch, Theaterlex., unter Kossleck). Roberts Bruder Franz (s. 8) leitete die Bank seit 1917. Albrecht (s. 9) war ein bedeutender Jurist und Politikwissenschaftler. Von den Söhnen von Paul M. Bartholdy wurde der ältere, Otto (s. Gen. 6), Bankier, der jüngere, Paul (s. Gen. 6), Chemiker. Paul (1875–1935), der Sohn von Ernst v. M.-Bartholdy (preuß. Adel 1896, 1846-1909), war wie sein Vater Bankier und Teilhaber des Bankhauses.

    Bedeutende Schenkungen und Stiftungen gehen auf Angehörige der Familie M. Bartholdy zurück. Schon 1811 hatte Abraham seinem Freund Zelter, dem Leiter der Singakademie, wertvolle Autographen aus dem Nachlaß der Familie Bach geschenkt. 1878 wurden die Kompositionsmanuskripte von Felix dem preuß. Staat übereignet, der dafür Stipendien für junge Musiker einrichtete (bis 1934; 1963 von der Stiftung Preuß. Kulturbesitz in Berlin als Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Preis wiedererrichtet). 1908 erhielt die Kgl. Bibliothek die überaus wertvolle Autographensammlung des Komponisten. 1964 ermöglichte Hugo v. M. Bartholdy (1894–1975), ein Urgroßenkel von Felix, durch die Schenkung seiner Sammlung die Errichtung des Mendelssohn-Archivs der Staatsbibliothek Preuß. Kulturbesitz. 1929 wurde mit Geldern des Bankhauses Mendelssohn & Co. zum 200. Geburtstag des Philosophen das „Moses-Mendelssohn-Stipendium zur Förderung der Geisteswissenschaften“ errichtet (1933 sistiert). 1979 schuf anläßlich des 250. Geburtstags der Senat von Berlin den „Moses-Mendelssohn-Preis zur Förderung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern, Rassen und Religionen“; seit 1980 wird der Preis in zweijährigem Turnus verliehen. Der Verpflichtung, das Erbe und Andenken der Familie Mendelssohn wachzuhalten, widmet sich seit 1967 die „Mendelssohn-Gesellschaft e. V.“, die seit 1972 die wissenschaftliche Zeitschrift „Mendelssohn-Studien, Beiträge zur deutschen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte“ veröffentlicht.

  • Literatur

    Moses M. u. Fromel Gugenheim u. ihre Nachkommen, 24 Stammbaumreihen, zus.gestellt v. Dr.|R. Wolff (ungedr., Kopie im Bes. d. Vf.);
    G. Ballin, Die Ahnen d. Komponisten Felix M. B., in: Genealogie, 1967, S. 644-55;
    G. v. Wilcke, Die M. in Leipzig, Vorfahren u. Nachkommen, ebd. 1983, S. 497-519;
    H. M. Z. Meyer, Die Vorfahren v. Moses u. Fromet M., Fam.geschichtl. Notizen (als Ms. gedr.), 1967;
    S. Hensel, Die Fam. M. 1729-1847, 2 Bde., 1879;
    M.-Studien, Btrr. z. neueren dt. Kultur- u. Wirtsch.-gesch., hrsg. v. C. Lowenthal-Hensel u. R. Elvers, 1972 ff. (P v. zahlr. Mitgll. d. Fam.);
    F. Gilbert, Bankiers, Künstler u. Gelehrte, Unveröff. Briefe d. Fam. M., 1975;
    Die M. in Berlin, Eine Fam. u. ihre Stadt, Ausst.kat. Berlin 1983;
    G. Gantzel-Kress, Noblesse oblige, e. Btr. z. Nobilitierung d. M., in: Mendelssohn-Stud. 6, 1986, S. 163-81;
    I. Rabien, Arnold u. Wilhelm M., Zur Biogr. zweier bemerkenswerter Brüder, ebd. 7, 1990, S. 287-328;
    E. Klessmann, Die M., Bilder aus e. dt. Fam., 1990. - Zu Dorothea Schlegel:
    ADB 31;
    L. Weissberg (Hrsg.), Dorothea Schlegel, Florentin, Roman, Fragmente, Varianten, 1987 (L);
    C. Stern, „Ich möchte mir Flügel wünschen“, Das Leben d. Dorothea Schlegel, 1990. - Zu →Philipp Veit:
    N. Suhr, Ph. Veit (1793–1877), Leben u. Werke e. Nazareners, 1991;
    ThB.

  • Autor/in

    Cécile Lowenthal-Hensel
  • Familienmitglieder

  • Empfohlene Zitierweise

    Lowenthal-Hensel, Cécile, "Mendelssohn" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 44-46 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118580760.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA