Wiesenthal, Grete (geborene)

Lebensdaten
1885 – 1970
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Tänzerin ; Choreographin ; Tanzpädagogin ; Tänzerin ; Choreografin ; Tanzlehrerin ; Schauspielerin ; Filmschauspielerin
Konfession
-
Normdaten
GND: 118771663 | OGND | VIAF: 79399878
Namensvarianten

  • Wiesenthal, Margarethe
  • Wiesenthal, Margarethe Maria Anna
  • Lang, Margarethe (verheiratete)
  • Silfverskiöld, Margarethe (verheiratete)
  • Wiesenthal, Grete (geborene)
  • wiesenthal, grete
  • Wiesenthal, Margarethe
  • Wiesenthal, Margarethe Maria Anna
  • Lang, Margarethe (verheiratete)
  • lang, margarethe
  • Silfverskiöld, Margarethe (verheiratete)
  • silfverskiöld, margarethe
  • Lang, Margarete
  • Wiesenthal, Margarete
  • Silverskiöld, Margarete
  • Wieseneder, Margarete

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Zitierweise

Wiesenthal, Grete (geborene), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118771663.html [23.01.2026].

CC0

  • Wiesenthal, Grete (eigentlich Margarethe Maria Anna), verheiratete Lang beziehungsweise Silfverskiöld

    | Tänzerin, Choreographin, Tanzpädagogin, * 9.12.1885 Wien, † 22.6.1970 Wien, ⚰Wien, Zentralfriedhof, Ehrengrab der Stadt Wien. (evangelisch Augsburgischen Bekenntnisses)

  • Genealogie

    V Franz (1856–1938), aus Kistapolcsány (Kleintopoltschan, Topol’čianky, Slowakei), studierte in Stuttgart u. W., Porträt- u. Genremaler, Vizepräs. d. Vereinigung österr. bildender Künstler (s. ThB), S d. N. N., Geometer;
    M Rosa Ratkovsky (1859–1943), Pianistin;
    1 B Franz (* 1894), 5 Schw Elsa (1887–1967, Rudolf Huber [auch: Huber-Wiesenthal], 1884–1983, akad. Maler, Schriftst., s. L), Tänzerin, Choreographin, Tanzpäd., Gertrud (1890–1981), Musikpäd., Hilde (* 1891), Berta (1892–1953), Tänzerin, Tanzpäd., Marta (1902–96), Tänzerin, Violinistin, Pianistin;
    1) Wien 1910 1923 Erwin (1886–1962), akad. Maler, Graphiker, o. Mitgl. d. Hagenbundes, entkam 1920 aus sowjet. Kriegsgefangenschaft u. kehrte über China n. Wien zurück (s. ThB; Vollmer; AKL; L, P), S d. Edmund Lang (1860–1918), RA in W., u. d. Marie Wissgrill (1858–1934, 1] Theodor Köchert, 1859–1936/37, Hofjuwelier in W.), Schriftst., Frauenrechtlerin u. Theosophin, 1893 Mitbegründerin d. Allg. Österr. Frauenver., 1899–1903 Mithg. d. Zs. „Dokumente d. Frauen“, Mitbegründerin d. Ver. „Wiener Settlement“ (s. ÖBL), 2) Stockholm 1923 1927 Nils (1888–1957), orthopäd. Chirurg in Stockholm, Turner, Goldmedaillengewinner b. d. Olymp. Spielen 1912 in Stockholm, S d. Petter Silfverskiöld (1854–1940), Arzt in Göteborg u. auf Styrsö, u. d. Anna Warholm;
    1 S aus 1) Martin Lang (1911–1993), Schausp., Autor, Handelsdelegierter in Schweden.

  • Biographie

    W. besuchte eine öffentliche Volksschule und erhielt danach Privatunterricht. Ausgebildet 1895–1901 an der Ballettschule der Wiener Hofoper, war sie seit 1901 Mitglied, seit 1905 Koryphäe des Balletts der Hofoper. Nach ersten solistischen Auftritten in privatem Kreis, verließ sie 1907 das Ensemble und debütierte 1908 gemeinsam mit ihren Schwestern Elsa und Berta im Wiener-Werkstätte-Kabarett „Die Fledermaus“. Der sofortige Erfolg insbesondere der Walzerinterpretationen führte das Trio nach Berlin zu Max Reinhardt (1873–1943), mit dessen Arbeit W. verbunden blieb, dann nach St. Petersburg, Budapest, Prag, London und Paris sowie in zahlreiche dt. Städte. In Wien festigte sich 1908 durch die „Kunstschau“ -Produktionen der Pantomimen „Der silberne Schleier“, „Der Geburtstag der Infantin“, dazu als Wiederaufnahme „Die Tänzerin und die Marionette“, der Erfolg der Schwestern. In der körperlichen Ausdrucksform der Pantomime, einer als „Stummes Spiel“ verstandenen Narration, sah Hugo v. Hofmannsthal (1874–1929) einen Weg heraus aus der „Sprachkrise“ der Zeit.

    Als Hauptdarstellerin und Choreographin, zuweilen auch als Verfasserin, nahm W. eine zentrale Stellung in dem besonders in den beiden ersten Jahrzehnten des 20. Jh. gepflegten Genre ein. Ab 1910 trat sie solistisch auf und gastierte 1912 erstmals in New York. 1912 tanzte sie in Stuttgart den Küchenjungen und den Schneidergesellen in „Der Bürger als Edelmann“, dem Vorspiel zur Uraufführung von „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss (1864–1949). 1913 war sie zudem als Hauptdarstellerin in Filmen zu sehen, u. a. in „Das fremde Mädchen“ (Regie: Mauritz Stiller). Hinzu kamen großangelegte Wiener Tanzabende, auch unter dem Dirigat von Strauss (1918). 1919 gründete W. ihre erste eigene Tanzschule und trat nunmehr oft mit Toni Birkmeyer (1897–1973) als Partner, aber auch mit Schü|lerinnen auf. Sie spielte ausgewählte Rollen in Sprechstücken, choreographierte für Reinhardt in Berlin („Die Fledermaus“, 1929) und die Salzburger Festspiele. 1930 kreierte sie das Ballett „Der Taugenichts in Wien“ (Musik: Franz Salmhofer) für die Wiener Staatsoper. 1933 trat sie wieder in New York auf, 1934 begann ihre Lehrtätigkeit an der Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst in Wien. 1938 tanzte W. das letzte Mal öffentlich. 1945–51 war sie Leiterin der Tanzabteilung der Musikakademie, zeitgleich bis 1955 Leiterin einer eigenen Tanzgruppe, mit der sie zahlreiche Gastspielreisen unternahm.

    W.s Œuvre umfaßt rund 60 Solo-, Duo- und Gruppentänze, dazu Choreographien für Ballett und Pantomime, Oper, Operette, Schauspiel und Film. Nach dem Rückzug von ihrer Lehrtätigkeit übernahm Maria Josefa Schaffgotsch (1908–1996) das 1934 begründete Fach „Wiesenthal-Technik“ an der Musikakademie (bis 1974). An der Ballettschule der Österr. Bundestheater bzw. Ballettschule der Wiener Staatsoper wurde „Wiesenthal-Technik“ 1985–2014 von Hedi Richter (* 1936) unterrichtet. Für das Wiener Staatsopernballett wurden 1977–86 durch Vilma Kostka-Langer (1925–2015) und Erika Kniza-Tron (* 1925) insgesamt acht Tänze von W. rekonstruiert.

    Als „schwebende Gegenwart“ der Wiener Moderne gefeiert, gehört W. zu den ganz wenigen Persönlichkeiten der Tanzgeschichte, denen völlig Neues gelang. Verankert in der Welt von „Jung Wien“, der Kunstgewerbebewegung, dazu im Wien-Konstrukt, das, wie die Musik der Strauß-Dynastie, Zeiten (das Biedermeier mit der Moderne) und Räume (urbane mit ländlichen) verknüpfte, gelang es ihr, dem Walzer Körper zu geben. Durchaus im Sog der Isadora Duncan, beschritt sie als eine der ersten den Weg zum Modernen Tanz, der sich bewußt gegen den institutionalisierten klassischen Bühnentanz richtete. Zu der neuen Ästhetik gehörten das Selbstverständnis, gleichzeitig Schöpferin und Interpretin zu sein, die Werkkonzeption und ihre Dramaturgie. Dabei wurde die bestehende Aneinanderreihung von Stereotypen von Tänzerfächern und choreographischen Bausteinen abgelöst von einer in der Moderne wurzelnden Neuordnung der Künste, die Volkstümliches und Elemente des Unterhaltungstheaters einbezog. Neu war das Körperverständnis, das aus dem Individuum heraus Technik und Stil – später „Balance- und Schwebetechnik“ genannt – entwickelte. Daraus ergab sich ein neues äußeres Erscheinungsbild der Tänzerin, zu dem Kostüm (die Bewegung begleitend), Tanzschuhe (weiche Sandalen) und Frisur (offenes Haar) gehörten. Dies alles unterstrich W.s schwingendes Bewegungskontinuum. Neu waren zudem die spezielle Musikauswahl, das Heranziehen von Werken „großer“ Meister oder Auftragskompositionen, dazu die „aus der Musik heraus“ geschöpfte Choreographie. Ebenso neu waren die Auftrittsform – allein oder mit ihren Schwestern–, der Auftrittsort auf der Leere eines Podiums, und schließlich auch das Publikum – zunächst Künstler aus W.s Kreis.

    Daraus resultierte das Verschwinden des „male gaze“. All dies trug dazu bei, Tanz nicht mehr als bloße Kunstfertigkeit, sondern als Kunst zu verstehen. Die von W. etablierten Maximen sind bis heute Kennzeichen des Modernen Tanzes geblieben.

  • Auszeichnungen

    |Ehrenmitgl. d. Univ. f. Musik u. darstellende Kunst Wien (1952);
    W.-Gasse im 10. Wiener Gde.bezirk (1981).

  • Werke

    |u. a. Pantomimen: Sumurûn, Libretto v. F. Freksa, Musik v. V. Hollaender, Inszenierung v. M. Reinhardt, 1910;
    Amor u. Psyche, Libretto v. H. v. Hofmannsthal, Musik v. R. Braun, 1911;
    Das fremde Mädchen, Libretto v. H. v. Hofmannsthal, Musik v. H. Ruch, 1911;
    Die Biene, Libretto n. e. Idee v. H. v. Hofmannsthal, Musik v. C. v. Franckenstein, 1916;
    Todestarantella, Libretto v. B. Warden u. I. M. Willeminsky, Musik v. J. Bittner, 1920;
    Solo-, Duo- u. Gruppenchoreographien: Donauwalzer, Musik v. Johann Strauß Sohn, 1908;
    Allegretto, Musik v. L. v. Beethoven, 1908;
    Andante con moto, Musik v. dems., 1908;
    Lanner-Schubert-Walzer (mit E. Wiesenthal), Musik zus.gestellt v. J. Bayer, 1908;
    Panstänze, Musik v. F. Schreker, 1909;
    Der Wind, Musik v. dems., 1909;
    Frühlingsstimmenwalzer, Musik v. Johann Strauß Sohn, 1911;
    II. Ungar. Rhapsodie, Musik v. F. Liszt, 1911;
    Walzerfolge aus Der Rosenkavalier, Musik v. R. Strauss, 1917;
    Wein, Weib u. Gesang, Musik v. Johann Strauß Sohn, 1922;
    Odem, Musik v. J. S. Bach, 1924;
    Wiener Blut (Die Liebenden), Musik v. dems., 1928;
    Der Tod u. d. Mädchen, Musik v. F. Schubert, 1933;
    Das gestörte Rendezvous, Musik v. Johann Strauß Sohn, 1934;
    Rosen aus d. Süden, Musik v. dems., 1939;
    Schrr. u. a.: Der Aufstieg, Aus d. Leben e. Tänzerin, 1919;
    Die ersten Schritte, 1947 (Ill.);
    Iffi, Roman e. Tänzerin, 1951.

  • Literatur

    |Erwin Lang u. O. Bie, G. W., 1910 (P);
    Erwin Lang u. R. Billinger, G. W. u. ihre Schule, 1923 (P);
    Rudolf Huber-Wiesenthal, Die Schwestern W., Ein Buch eigenen Erlebens, 1934 (P);
    I. Prenner, G. W., Die Begründerin e. neuen Tanzstils, Diss. Wien 1950 (ungedr.);
    R. Witzmann, Die neue Körpersprache, G. W. u. ihr Tanz, 1985 (P);
    L. M. Fiedler u. M. Lang (Hg.), Die Schönheit d. Sprache d. Körpers im Tanz, 1985 (P);
    S. Mundorf, G. W., Renaissance e. Tanzform, 2008 (P);
    S. Spießberger, Die Tänzerin G. W. im Werk v. Erwin Lang, Diss. Salzburg 2008 (ungedr., P);
    V. Hofbauer, G. W. – eine Varietétänzerin?, Dipl.arb. Wien 2009 (P);
    G. Brandstetter u. G. Oberzaucher-Schüller, Die Mundart d. Moderne,|Der Tanz d. G. W., 2009 (P);
    A. Amort, Alles tanzt, Kosmos Wiener Tanzmoderne, 2019 (P).

  • Porträts

    P Photogrr: v. d. Ateliers R. Lechner, M. Nähr, R. Jobst, L. Bab, R. Dührkoop, D. Kallmus (d’Ora), Becker &
    Maass, Zander &
    Labisch, F. X. Setzer, F. Löwy, T. Fleischmann;
    Arbb. v. Erwin Lang: Mischtechnik/Papier, um 1906;
    Bleistift/Papier, 1907 (beide Privatbes.);
    Öl/Lwd., um 1908 u. 1914 (beide Privatbes.);
    Kreide, Rötel, weiß gehöht, um 1926 (Albertina Wien);
    Zeichnung, 1939 (Privatbes.);
    – G. W. tanzt d. Frühlingsstimmenwalzer, Graphik v. L. Rauth, 1912;
    Bronzebüste v. G. Ehrlich, 1928 (Wien Mus., Wien);
    Ölgem. v. S. Pauser, 1929;
    Terrakottabüste v. J. Humplik, 1929 (Österr. Gal. Belvedere, Wien).

  • Autor/in

    Gunhild Oberzaucher-Schüller
  • Zitierweise

    Oberzaucher-Schüller, Gunhild, "Wiesenthal, Grete (eigentlich Margarethe Maria Anna), verheiratete Lang beziehungsweise Silfverskiöld" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 101-103 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118771663.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA