Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Unternehmer ; Künstler
Konfession
jüdisch,katholisch,evangelisch
Normdaten
GND: 1082777625 | OGND | VIAF: 157145601907001320060
Namensvarianten
  • Strakosch von Feldringen
  • Strakosch
  • Strakosch von Feldringen

Zitierweise

Strakosch, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd1082777625.html [20.04.2021].

CC0

  • Leben

    Die Familie ist Mitte des 18. Jh. in Butschowitz (Bučovice, Mähren) nachweisbar. Salomon (1795–1867) war dort ein angesehener Tuchmachermeister, erhielt 1845 die Landesfabriksbefugnis und errichtete mit seinen Söhnen Jonas (1820–88) und Isidor (1826–98) die Schafwollwarenfabrik „Salomon Strakosch & Sohn“. Bald wurde der größte Teil der Produktion nach Brünn verlegt und nach Deutschland sowie in die USA exportiert. Um sich von Lieferanten unabhängig zu machen, kaufte Salomon 1855 eine Spinnfabrik in Schlapanitz. Im selben Jahr schied Jonas aus der Firma aus und gründete mit Isidor und seinen übrigen Brüdern aus der ersten Ehe seines Vaters, Moritz (1823–98), Bernhard (1828–1908), Sigmund (1828–77) und Eduard (um 1831–88), die Feintuch- und Schafwollwarenfabrik Brüder Strakosch in Brünn mit einer Spinnerei, einer Wollwäscherei und einer Färberei zur Herstellung von Velourhosen, weichen Rockstoffen u. a. auch für den Export nach Übersee. Simon (1835–1901) und Nathan (1837–1904), Söhne aus Salomons zweiter Ehe, traten hingegen in die väterliche Tuchfabrik ein. Im Hinblick auf die günstigen Aussichten der noch jungen Rübenzuckerindustrie errichteten Jonas und seine Brüder 1868 in Niederösterreich die „Hohenauer Zuckerfabrik der Brüder Strakosch“, ein bald florierendes Unternehmen, das später unter der Leitung von Eduard und seit 1886 von Jonas’ Sohn Julius (1852–1901) weiter expandierte. Dieser hatte am Polytechnikum in Zürich und an der Univ. Berlin studiert, er modernisierte die Fabrik, ließ Sandzucker und seit 1896 Würfelzucker erzeugen und war 1886–1901 Bürgermeister von Hohenau. Außerdem machte er sich als Amateurphotograph vornehmlich mit Tier- und Naturstudien einen Namen.

    Die Leitung der Brünner Textilfabrik Gebrüder S. ging nach Jonas’ Tod 1888 an seine Brüder Isidor und Bernhard sowie an seine Neffen Felix (1865–1931), Sohn von Bernhard, und Siegfried (S. v. Feldringen, 1867–1933, s. u.), Sohn von Isidor, über. Die Neffen verkauften die Textilfabrik 1905, um sich besser der Zuckerfabrik widmen zu können. Felix (Orden d. Eisernen Krone III. Kl., 1908) war 1912–19 Bürgermeister von Hohenau und Vizepräsient des Zentralverbands der Lebensmittelindustrie Österreichs. Nach dem Tod von Felix und Siegfried folgten deren Söhne Oskar (1904–75) und Georg (S. v. Feldringen, 1898–1938) in der Leitung der Zuckerfabrik. Nach dem „Anschluß“ 1938 wurden beide aus „rassischen“ Gründen verhaftet und die Fabrik unter kommissarische Verwaltung gestellt. Während Georg Selbstmord beging, konnte Oskar nach Großbritannien flüchten; er kehrte nach dem Krieg zurück und übernahm 1949 die Leitung der Zuckerfabrik.

    Der Sohn von Eduard, Heinrich Eduard (Henry, 1871–1943, Sir 1921) spielte eine bedeutende Rolle im internationalen Finanzgeschäft. Seit 1891 in der Londoner Devisenabteilung der Anglo-Austrian Bank, ging er 1895 nach Südafrika, wurde 1900 Leiter der Londoner Niederlassung einer Johannesburger Firma und war in der Folge in führenden Positionen tätig. Aufgrund seiner Veröffentlichung „The value of gold in our economic system“ (1918) wurde er von der südafrikan. Regierung als Finanzexperte herangezogen und hatte wesentlichen Anteil an der Schaffung des südafrikan. Banken- und Währungsgesetzes (1920) sowie der Gründung der South African Reserve Bank. Sir Henry war u. a. Mitglied des Council of India und nahm als Delegierter Südafrikas bzw. Indiens an internationalen Wirtschafts- und Währungskonferenzen teil, war in wichtigen wirtschaftlichen Gremien vertreten und zeitweise Berater Winston Churchills, den er 1938 auch finanziell unterstützte.

    Einige Familienmitglieder waren auf künstlerischem Gebiet erfolgreich. Ludwig (1855–1919), Sohn von Jonas, war nach einer Gesangsausbildung als Tenor in Wien und Berlin an verschiedenen europ. Opernhäusern engagiert. Seit 1897 trat er nur noch als Konzertsänger auf, wurde jedoch auch als Pädagoge sehr geschätzt, zuletzt an der Gesangsschule in Hamburg, die er 1910 gemeinsam mit seiner Frau, der Sängerin Irma, geb. Czerwinská (1860–1931), gegründet hatte und die später nach Berlin verlegt wurde. Diese hatte ihre Ausbildung in Wien und Prag erhalten und wirkte nach ihrem Debüt am Brünner Stadttheater in Salzburg, Linz und – seit 1882 ohne festes Engagement – an diversen dt. Bühnen. Sie verfaßte auch Libretti und Drehbücher für Stummfilme. Beider Sohn, der Schauspieler und Regisseur Hunold (1886–1938), kam im KZ Dachau ums Leben.

    Mori(t)z (Maurice) (1825–87), ein Neffe von Salomon, war neben eigener künstlerischer Tätigkeit v. a. im Kunstmanagement erfolgreich. Er trat bereits elfjährig als Pianist auf, studierte später Harmonie- und Kompositionslehre sowie Gesang und wurde zum Gesangspädagogen ausgebildet. Verheiratet mit der Sängerin Amalia Patti (1831–1915), ging er auf Einladung von deren Vater 1848 nach New York und unternahm mit dessen Operntruppe eine zweijährige Amerika-Tournee. Dies bedeutete den Beginn seiner Karriere als äußerst einflußreicher Impresario, Manager, Opernleiter und Konzertveranstalter in Europa und den USA, bei der er zeitweise von seinem Bruder Max (1835–92) unterstützt wurde.

    Alexander (1840–1909), ein weiterer Neffe Salomons, war ursprünglich Buchhalter, nahm aber daneben Schauspielunterricht. Nach einigen kleineren Engagements ging er 1866 nach Paris, wo er sich bei Mitgliedern der Comédie française weiterbildete und in der Folge mit Rezitationsabenden reüssierte. 1868 wurde er von Heinrich Laube in der für ihn geschaffenen Stellung eines Vortragsmeisters an das Leipziger Stadttheater, danach an das Wiener Stadttheater geholt. Alexander, der auch Rezitationsreisen durch Europa und die USA unternahm, unterrichtete am Wiener Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde und war 1899–1904 Vortragsmeister am Dt. Volkstheater in Wien. 1905 übersiedelte er nach Berlin, wo er am Dt. Theater und an der Schauspielschule Max Reinhardts wirkte.

    Ein jüngerer Verwandter, Alexander (1879–1958), studierte an der TH in München, wo er im Kreis um Wassily Kandinsky verkehrte. Er war danach als Ingenieur für Eisenbahn- und Wasserbau im österr.(-ungar.) Staatsdienst (zuletzt in Wien) beschäftigt, ehe er 1920 als Lehrer an eine Waldorfschule nach Stuttgart ging. Als Anhänger Rudolf Steiners engagierte er sich organisatorisch und schriftstellerisch in der anthroposophischen Bewegung und war bis 1933 auch im Vorstand der dt. Landesgesellschaft. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verlegte er seine Aktivitäten ins Ausland, 1938 ließ er sich endgültig in Dornach (Kt. Solothurn) nieder.

  • Literatur

    H. Heller, Mährens Männer d. Gegenwart 4, 1890, S. 151;
    Die Großind. Österr. I/4, 1898, S. 140;
    A. Schultes, Btrr. z. Heimatkde. v. Hohenau, o. J., passim;
    Wschr. d. Centralver. f. Rübenzucker-Ind. in d. Oesterr.-Ungar. Monarchie v. 28. 8. 1901;
    Die Ind. v. 12. 6. 1931;
    A. Schultes, Heimatbuch d. Marktgde. v. Hohenau, 21966, passim;
    J. Baxa, 1867–1967, Hundert J. Hohenauer Zuckerfabrik d. Brüder S., 1967 (P);
    M.-Th. Arnbom, Friedmann, Gutmann, Lieben, Mandl u. S., 22003(P);
    B. v. Plato, Anthroposophie im 20. Jh., 2003, bes. S. 806 ff. (P);
    Kosch, Theater-Lex.;
    Dict. of South African Biography III, 1977;
    Oxford DNB 52, 2004;
    ÖBL;
    Mitt. v. Uwe Harten u. Elisabeth Großegger, beide Wien.

  • Autor/in

    Elisabeth Lebensaft, Josef Mentschl
  • Familienmitglieder

  • Empfohlene Zitierweise

    Lebensaft, Elisabeth; Mentschl, Josef, "Strakosch" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 466-468 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd1082777625.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA