Lebensdaten
1878 bis 1942
Geburtsort
Leipzig
Sterbeort
Brüssel
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118617958 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sternheim, William Adolph Carl
  • Sternheim, Karl
  • Sternheim, Carl
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Zitierweise

Sternheim, Carl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118617958.html [21.04.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Jakob (genannt Carl) (1852–1918), Bankier in Hannover, seit 1884 Börsen- u. Immobilienmakler in Berlin, S d. Julius (genannt Carl) Coppel (1820–77), Bankier in Hannover, u. d. Jeanette Leeser (genannt Lessing) (1823–89);
    M Rosa Marie Flora (1856–1908), T d. Gustav Adolf Francke (1819–71), Schneidermeister in L., u. d. Johanna Friederike Seyffert (1821–82); Vorfahrin-m Miriam Sara Jente (1623–95), T d. Joseph Hameln (genannt Jobst Goldschmidt) (1597–1677), aus Hameln;
    Ov Hermann (1849–1916), Theaterautor, Miteigentümer d. Belle-Alliance-Theaters in Berlin; 6 jüngere Geschw u. a. Julius (1881–1941), Drehbuchautor, Filmproduzent in Berlin;
    1) Düsseldorf 1900 1906 Eugenie Christine Marie (1881–1946), T d. Eduard Hauth (1845–1901), Weingutsbes. u. -händler aus Düsseldorf, u. d. Bertha Neuerburg (1852–86), 2) Pullach b. München 1907 1927 Thea (s. 2; L) ,3) Berlin 1930 1934 Pamela (1906–86, 2] Charles Regnier, 1914–2001, Schausp., s. NDB 21), Schausp., T d. Frank Wedekind (1864–1918), Dramatiker (s. Kosch, Lit.-Lex.3; Killy; Metzler Autorenlex.), u. d. Mathilde (genannt Tilly) Newes (1886–1970), Schausp.; Lebensgefährtin seit 1935 Henriette (genannt Henny) Carbonara (1897–1959), T d. Emil Popper, Arzt in Wien;
    1 S aus 1) Carl Hans (auch: Carlhans) Eduard (1901–44 hingerichtet, s. L), 1 S aus 2) Agnes Franz Nikolaus (genannt Klaus) (1908–46 Freitod), Journ., 1 T aus 2) Dorothea v. Ripper (s. Gen. 2).

  • Leben

    S. wuchs seit 1880 in Hannover, seit 1884 in Berlin auf, wo er das Friedrichswerdersche Gymnasium besuchte. 1894 wechselte er für ein halbes Jahr an das Domgymnasium in Halberstadt, anschließend an das Luisen-Gymnasium in Berlin. Nach dem Abitur 1897 studierte er Philosophie und Literaturgeschichte in München und 1898/99 Rechtswissenschaften in Göttingen. 1899 setzte er sein Studium der Literaturgeschichte kurzzeitig in Leipzig fort und ließ sich im Folgejahr in Weimar als Schriftsteller nieder. Schwere Nervenkrisen und Depressionen machten zwischen 1899 und 1929 häufige Klinik- und Sanatoriumsaufenthalte notwendig. 1901 studierte er in Jena erneut Jura und zog dann mit Frau und Kind nach Berlin, wo er ein Studium der Literaturwissenschaft, Psychologie und Kunstgeschichte aufnahm (v. a. bei Heinrich Wölfflin), das er jedoch nicht abschloß. Aus dem einjährig-freiwilligen Militärdienst 1902/03 in Brandenburg/Havel wurde er wegen körperlicher Schwäche vorzeitig entlassen. Anschließend zog S. nach München, nach der Trennung von seiner ersten Frau 1905/06 nach Freiburg (Br.), wo er sich nach einem Sexualdelikt psychiatrisch behandeln lassen mußte.

    Die Heirat mit seiner zweiten Frau Thea erlaubte ihm seit 1907 eine aufwendige Lebensführung und den Bau des Anwesens „Bellemaison“ in Höllriegelskreuth bei München, das sich rasch zu einem Treffpunkt von Künstlern und Literaten entwickelte (u. a. M. Reinhardt, F. Wedekind, H. v. Hofmannsthal, R. A. Schröder, H. Mann). Nach finanziellen Schwierigkeiten übersiedelte S. 1912 nach Belgien. Engere Freundschaften pflegte er mit den Schriftstellern Carl Einstein, Ernst Stadler, Gottfried Benn und Franz Blei, dessen Literaturzeitschrift „Hyperion“ er, anfangs auch als Mitherausgeber, seit 1908 finanzierte und in der im selben Jahr Franz Kafkas erste Veröffentlichung erschien. Freundschaftlich verbunden war S. auch den bildenden Künstlern Ottomar Starke, Franz Masereel und Conrad Felixmüller, die ihn porträtierten und seine Werke illustrierten. Zu Beginn des 1. Weltkriegs kehrte er zur militärischen Einberufung nach Deutschland zurück, wurde jedoch für untauglich befunden. Er hielt sich erst in Bad Harzburg, später, zeitweise auch im dortigen Sanatorium, in Königstein (Taunus) auf, bevor er 1916 wieder nach Belgien zog. Nach dem 1. Weltkrieg ließ er sich in der Schweiz nieder und verbrachte mehrere Jahre in Uttwil am Bodensee sowie 1922–24 im „Waldhof“ bei Radebeul. Nach einem Nervenzusammenbruch und der Diagnose eines schweren Gehirnleidens folgten seit 1928 längere Sanatoriumsaufenthalte in der Schweiz und in Berlin, während derer sein Bruder Julius zum Vormund bestellt wurde. Als sich sein Gesundheitszustand besserte, übersiedelte S. 1930 mit seiner dritten Frau Pamela nach Brüssel, wo er an den Folgen einer Lungenentzündung starb.

    S., der anfangs auch Gedichte veröffentlichte, gilt als bedeutender Vertreter expressionistischer Prosa, obwohl er kritische Distanz zum literarischen Expressionismus hielt. Seine überwiegend während des 1. Weltkriegs entstandenen Novellen, u. d. T. „Chronik von des zwanzigsten Jh. Beginn“ (2 Bde., 1918) zusammengefaßt, kreisen thematisch um das Verhältnis zwischen individueller Sinnsuche, erotischem Glücksstreben und den Zwängen gesellschaftlicher Erwartungen.

    Eingang in die Literaturgeschichte fand S. v. a. als Dramatiker. Seit Mitte der 1890er Jahre entstanden erste Dramenentwürfe, in denen sich die Figuren gegen gesellschaftliche Konventionen und familiäre Ordnung auflehnen. S.s frühe Ehedramen (Der Heiland, 1898; Auf Krugdorf, UA Dresden 1902) stehen noch in der Tradition des literarischen Naturalismus, während sein neuromantisches Versdrama „Ulrich und Brigitte“ (1907, UA Darmstadt 1916) Einflüsse Hugo v. Hofmannsthals zeigt. Ein Beispiel für literarischen Eklektizismus ist seine Tragödie „Don Juan“ (1905/09, UA Berlin 1912), in der Motive aus Mozarts „Don Giovanni“, Goethes „Faust“ und Werken Shakespeares, Cervantes’ und Schillers amalgamiert sind.

    Eine entscheidende Wende im dramatischen Schaffen setzte mit S.s intensiver Beschäftigung mit Molière ein, zu der ihn sein Freund Franz Blei anregte. „Die Hose“ (1911), nach anfänglichem Polizeiverbot eines seiner meistgespielten Stücke, „Bürger Schippel“ (1912) und „Der Snob“ (1914), beide von Max Reinhardt in Berlin inszeniert, wurden mit anderen in rascher Folge entstandenen Komödien unter dem ironischen Titel „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ zu einem Zyklus zusammengefaßt. In diesen Theaterstücken porträtierte S. in satirischer Überzeichnung und in teils schwankhafter Manier das „Juste milieu“ des wilhelminischen Bürgertums seiner Zeit, was die Zensurbehörden auch nach 1918 noch veranlaßte, seine Theaterstücke als die „öffentliche Sittlichkeit“ gefährdend einzustufen. Die stilisiert verknappte Sprache dieser Komödien, oft artikel- und verbenlos mit inversem Satzbau, dient der Entlarvung klischeehaften Denkens der Figuren; zugleich ist sie als Kritik am Metaphernreichtum der zeitgenössischen Moderne zu verstehen.

    S. gilt als einer der wichtigsten Satiriker seiner Zeit und zählte, wenngleich nicht unumstritten, bis etwa 1930 zu den meistgespielten dt. Dramatikern. Sein programmatischer Essay „Vincent van Gogh“ (1910) löste eine öffentliche Debatte um seine angebliche „Deutschfeindlichkeit“ aus. Die Nationalsozialisten verhängten 1933 ein Publikationsverbot. Erst seit den 1960er Jahren, nach dem Erscheinen der west- und ostdt. Gesamtausgaben, wurden seine Stücke wieder häufiger inszeniert, u. a. mehrfach von Rudolf Noelte mit Theo Lingen in Hauptrollen. S. besaß vor dem 1. Weltkrieg eine beachtliche, aus den Mitteln seiner Frau Thea erworbene Sammlung moderner Malerei (Renoir, Gauguin, Picasso, Matisse) und mit 13 Werken van Goghs die damals wohl bedeutendste Kollektion des Malers im dt.sprachigen Raum.

  • Auszeichnungen

    A Fontane-Preis (1915; Preissumme F. Kafka gestiftet); – C.-S.-Ges., Frankfurt/M. (seit 2003).

  • Werke

    Weitere W Die Kassette, 1912;
    Der Kandidat, 1914;
    Das leidende Weib, 1915;
    1913, 1915;
    Tabula rasa, 1916;
    Der Stänker, 1917;
    Berlin oder Juste milieu, 1920;
    Tasso oder Kunst d. Juste milieu, 1921;
    Der Nebbich, 1922;
    Die Schule v. Uznach, 1925;
    Das Fossil, 1925;
    Oscar Wilde, 1926;
    Vorkriegseuropa im Gleichnis meines Lebens, 1936 (Autobiogr.);
    – A. Eggebrecht, Was arbeiten Sie? Gespräch mit C. S., in: W. Haas (Hg.), Zeitgemäßes aus d. „Literar. Welt“ 1925–32, 1963;
    – Gesamtwerk, hg. v. W. Emrich, 11 Bde., 1963–76 (P);
    Ges. Werke, hg. v. F. Hofmann, 6 Bde., 1963–68;
    Briefe, hg. v. W. Wendler, 2 Bde., 1988;
    R. Billetta (Hg.), Briefe an F. Blei, in: Neue Dt. Hh. 18, 1971, S. 36–69;
    L. M. Fiedler (Hg.), C. S., H. v. Hofmannsthal, in: Hofmannsthal-Bll. 4, 1970, S. 243–54;
    Nachlaß:
    DLA Marbach;
    Staatsbibl. Preuß. Kulturbes., Berlin.

  • Literatur

    L. Feuchtwanger, C. S., Eine Studie, in: Der Merker 4, 1913, H. 12, S. 448–52;
    F. Blei, Über Wedekind, S. u. d. Theater, 1915;
    Carlhans Sternheim, C. S., d. Mensch u. Erzieher, in: Der Querschnitt 9, 1929, H. 1;
    C. Felixmüller, Erinnerungen e. Malers an seinen Kunstfreund C. S., in: Neue Texte 4, 1964, S. 454–72;
    H. Karasek, C. S., 1965;
    W. Emrich, C. S.s „Kampf der Metapher!“ u. f. d. „eigene Nüance“, in: ders., Geist u. Widergeist, 1965, S. 163–84;
    W. Wendler (Hg.), C. S., Materialienbuch, 1980 (W, L);
    W. G. Sebald, C. S., Kritiker u.|Opfer d. wilhelmin. Ära, 1969;
    R. Billetta, S.-Kompendium, 1975 (W, L);
    M. Durzak, Das expressionist. Drama I, C. S. u. G. Kaiser, 1978;
    ders. (Hg.), Zu C. S., 1982;
    K. Deiritz, Gesch.bewußtsein, Satire, Zensur, Eine Studie zu C. S., 1979;
    M. Linke, C. S., 1979 (P);
    B. Dedner, C. S., 1982;
    R. W. Williams, C. S., A Critical Study, 1982;
    B. Budde, Über d. Wahrheit u. über d. Lüge d. antibürgerl. Individualismus, Eine Studie z. erzähler. u. essayist. Werk C. S.s, 1983;
    C. S., Text u. Kritik, H. 87, 1985 (W, L);
    Thea Sternheim, Tagebücher 1905–27, Die J. mit C. S., hg. v. B. Zeller, 1995;
    A. Rogal u. D. Sturges, C. S., Londoner Symposion, 1995;
    P. Sprengel, Gesch. d. dt.sprachigen Lit. 1900–18, 2004, S. 423–28, 554–63;
    V. Nölle, Eindringlinge, S. in neuer Perspektive, 2007 (W, L);
    S. Kremser-Dubois, Dramaturgie de la provocation, C. S., 2008;
    Killy;
    KLL;
    Hdb. Exiltheater;
    Kosch, Theater-Lex.;
    Kosch, Lit.Lex.B3 (W, L);
    Metzler Autoren Lex. (P);
    Hann. Biogr. Lex.;
    Munzinger;
    zur Fam.:
    E. I. Newhouse, Jente Hameln and her Distinguished Descendants, in: Stammbaum, The Journal of German-Jewish Genealogical Research, hg. v. Leo Baeck Institute, 11, 1997, S. 1–7.

  • Portraits

    Lith. v. E. L. Kirchner, 1916, Abb. in: M. Linke, C. S. (s. L), u. v. O. Starke, 1916, Abb. in: Der Bildermann, Steinzeichnungen fürs dt. Volk, hg. v. P. Cassirer, 1916 (beide New York, Mus. of Modern Art);
    Holzschnitt v. C. Felixmüller, 1925 (Altenburg, Lindenau-Mus.);
    Ölgem. v. C. Felixmüller, 1928/ 29 (DLA Marbach), Abb. in: M. Linke, C. S. (s. L).

  • Autor/in

    Thomas Diecks
  • Empfohlene Zitierweise

    Diecks, Thomas, "Sternheim, Carl" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 301-303 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118617958.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA