Lebensdaten
1890 bis 1967
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
Theaterintendant ; Regisseur ; Schauspieler
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118704990 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hilpert, Heinz
  • Hilpert, H.
  • Hilpert, Heinrich Otto Gustav

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Zitierweise

Hilpert, Heinz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118704990.html [13.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich, Mechaniker, dann Gewerkschaftssekr.;
    M Marie Therese Litzinger;
    Göttingen 1965 Ursula (* 1935), Schauspielerin, T d. Paul Müller (1901–56), Stadtdir. v. Soltau, u. d. Gertrud Hormann; kinderlos.

  • Leben

    H. begann als Volksschullehrer, studierte Literaturgeschichte, Philosophie und Kunstgeschichte und wurde 1919, aus dem Krieg zurückgekehrt, von der Volksbühne am Bülowplatz, Berlin, als Schauspieler engagiert. Er fiel durch seine genaue, eindringliche Charakterisierung auf. Der Intendant Friedrich Kayßler erkannte die pädagogisch-dramaturgische Begabung und übertrug H. Regieaufgaben. Es folgten Inszenierungen bei den|avantgardistischen Notgemeinschaften der „Truppe“ und der „Jungen Bühne“ und kurze Engagements als Schauspieler und Regisseur in Düsseldorf und Köln (1924) und als Oberspielleiter an den Städtischen Bühnen in Frankfurt/M. (1925). 1926-32 wirkte H. als Oberregisseur an Max Reinhardts Deutschem Theater in Berlin. Seit 1932 leitete er die Berliner Volksbühne, 1934 übernahm er, mit ausdrücklicher Zustimmung des emigrierten Reinhardt, die Direktion des Deutschen Theaters und der Kammerspiele in Berlin, denen 1938 das Theater in der Josefstadt, Wien, angeschlossen wurde. Nach 1945 inszenierte H. in vielen Städten des In- und Auslandes, war 1947 für eine Saison Chefintendant der Städtischen Bühnen Frankfurt/M. und begründete unter dem Signum „Deutsches Theater“ in Konstanz eine Musterbühne, die er in Göttingen (1950–66, erste unabhängige Theater-GmbH) mit großem Gelingen fortsetzte. Er trat auch als Film- und Rundfunkregisseur hervor, veranstaltete zahlreiche Dichterlesungen und hat in seinen letzten Jahrzehnten bedeutende tragische und humoristische Charakterrollen gespielt.

    H.s Vorbilder waren Otto Brahm und Oscar Sauer, der dramaturgische Theaterleiter und der unprätentiöse Schauspieler. Sein Aufstieg begann, als die expressionistischen Schreie auf der Bühne verhallten. Mit seinem Sinn für das Reale führte er gliedernd, ordnend und wertend Regie. Er bekämpfte alles Aufgesetzte und Aufgeputschte, derbe Wirkungen und billige Erfolge. Er hatte Ehrfurcht vor dem Wort des Dichters, dessen Wahrheit er noch im Pathos aufspürte. Er liebte die Schauspieler, deren Entwicklung und Wachstum er zu fördern trachtete, hat mit Prominenten gearbeitet und junge Darsteller prominent gemacht. Zeigte er klassische Dramen, sah man keine Staatsaktionen, sondern Menschentragödien. H. war ein Regisseur des Humanen, der lieber Leid als Leidenschaften enthüllte. Vitalität, Energie, Temperament, religiöser Sinn und unkonventioneller Humor zeichneten ihn aus. Zuweilen hatte die Abkehr von Affekten und Effekten etwas Puritanisches. Während der Diktatur des „Dritten Reiches“ beantwortete er den Phrasenschwall mit seinem geistigen Spielplan, seiner schlichten Spielweise. Mit offenem Wort und öffentlichen Taten setzte er „dem Heldischen das Huldische“ entgegen.

    H. hat keine Stimmungen inszeniert, sondern das Wesen der Dichtungen zu ergründen versucht. Die Schauspieler verehrten ihn, weil er ihnen Ruhe und Selbstbewußtsein gab, ihr Inneres erschloß. Er interpretierte nichts hinein, er holte heraus, vergewaltigte nicht, sondern entfaltete. Er verzichtete auf brillierende Einfälle und lehnte lehrhafte Demonstrationen ebenso ab wie Sensationen und Dekorationsprunk. Ob er die Komödien Shakespeares, Tschechows, Hofmannsthals con sordino e con affetto inszenierte, Hauptmanns Realismus Transparenz gab, Zuckmayers Volksstücke, Horvaths Satiren, alte Berliner Schwänke oder Stücke junger Dichter bündig, sachlich, rasch ablaufen ließ, immer diente seine, dem Ensemblegedanken verpflichtete Regie dem „deutschrealen Menschentheater“, das auf Lessing und Ekhof zurückgeht.

  • Werke

    Gedanken z. Theater, 1951;
    Das Theater ein Leben, 1961;
    Liebe z. Theater, 1963.

  • Literatur

    F. Hollaender, Lebendiges Theater, 1932;
    K. H. Ruppel, Berliner Schauspiel, 1943;
    A. Polgar, Ja u. Nein, hrsg. v. W. Drews, 1956;
    H. Ihering, Von Reinhardt bis Brecht, 1958-61;
    Festschr. f. H. H., hrsg. v. J. Brinkmann, 1960;
    W. Drews, Theater, 1961;
    A. Kerr, Die Welt im Drama, hrsg. v. G. F. Hering, 1964;
    S. Jacobsohn, Jahre d. Bühne, hrsg. v. W. Karsch, 1965;
    Festgabe f. H. H. … mit e. Laudatio „H. H.-Entwicklung und Wachstum“ v. W. Drews u. e. Bildteil „H. H. als Schauspieler“, Redaktion N. Baensch, 1965 (P);
    H.-G. Falkenberg, H. H., Das Ende e. Epoche, 1968 (P);
    Kosch, Theater-Lex.

  • Autor/in

    Wolfgang Drews
  • Empfohlene Zitierweise

    Drews, Wolfgang, "Hilpert, Heinz" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 159-160 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118704990.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA