Lebensdaten
1884 bis 1963
Geburtsort
Brackenheim bei Heilbronn
Sterbeort
Stuttgart
Beruf/Funktion
Bundespräsident ; Politiker ; Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118550578 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Brackheim, Thomas (Pseudonym)
  • Brackheim, Thomas
  • Haosi, Teaoduoer
  • mehr

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Zitierweise

Heuss, Theodor, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118550578.html [06.12.2016].

CC0

Heuss, Theodor

Politiker, Schriftsteller, Bundespräsident, * 31.1.1884 Brackenheim bei Heilbronn, 12.12.1963 Stuttgart.

  • Genealogie

    V Ludwig (1853–1903), Regierungsbaumeister (Straßenbau), S d. Kaufmanns Georg Ludwig in Heilbronn, aus Schifferfam. in Haßmersheim/Neckar, u. d. Friederike Kallenberger; M Elisabeth Aug. Frieder. (1853–1927), T d. Herm. Heinr. Gümbel (1814–83). Oberförster in Wolfstein, u. d. Margarete Obermaier; Ur-Groß-Ov Friedrich (1804–70), Schiffer, befuhr als erster 1840 d. Strecke Heilbronn-Holland, 1848 Gründer u. Vorstand d. Volksver. u. d. Bürgerwehr in Haßmersheim (s. L); Groß-Om Theodor Gümbel ( 1858), Botaniker (s. NDB VII), Wilh. v. Gümbel ( 1898), Geologe (s. NDB VII); B Hermann (1882–1959), Prof. a. d. Ak. f. Technik in Chemnitz; - Straßburg 1908 Elly Knapp (s. 2); 1 S Ernst Ludwig (1910–67), Dr. iur., Geschäftsführender Gesellschafter d. Wybert GmbH.

  • Leben

    Die Familie zog 1890 nach Heilbronn, wo H. die Volksschule und danach die humanistische Karlsschule besuchte (Abitur 1902). Schon in der Schulzeit begeisterte er sich für die politischen und sozialen Gedanken F. Naumanns; seinen ersten Artikel schrieb er für dessen Wochenzeitschrift „Die Hilfe“. Diese jugendliche Begeisterung wurde bald zur aufrichtigen Verehrung, auch Nachahmung, zum Beispiel im Stil der Rede, und später zu einer festen Freundschaft. Auf das Abitur folgten Reisen, die H. unter anderem nach Hannover führten, wo er Naumann persönlich kennenlernte. Nach einigem Schwanken, ob in Tübingen studiert werden solle, entschied sich H. für München (1902–03). Zunächst blieb unsicher, welche Richtung das Studium nehmen würde, nationalökonomisch-politische Fächer interessierten ihn ebenso stark wie kunsthistorisch-literarische. Die künstlerisch-literarischen Neigungen wurden äußerlich durch ein leicht bohèmehaftes Auftreten unterstrichen und führten zu einer schnellen, beinahe spielerischen Aneignung des literarischen, historischen und kulturellen Bildungsgutes der Zeit; auch übte sich in frühen Gedichten, Romanversuchen und ausgedehnten Korrespondenzen die Feder des späteren Publizisten. 1903-05 studierte H. in Berlin, kehrte jedoch nach München zurück, um bei Lujo Brentano, dessen „Verbindung von entschiedener Sozialpolitik und liberaler Weltanschauung“ (Heuss) ihn aufs stärkste beeinflußt und in der Wahl des endgültigen Studienfaches bestimmt hatte, zu promovieren (1905, Dissertation: Der Weinbau und der Weingärtnerstand in Heilbronn). In der Münchner Zeit knüpften sich wichtige Freundschaften, 1903 mit Lulu von Strauß und Torney, 1905 mit Albert Weisgerber, der eines der besten Porträts von H. malte. Auch der Redner H. fiel schon in Münchner politischen Versammlungen auf, wenn er zum Beispiel gegen Georg von Vollmar in Diskussionen antrat.

    Noch vor der Promotion war H. nach Berlin zurückgekehrt, um in die Redaktion der „Hilfe“ einzutreten. Im Freundeskreis von Naumann begegnete er Elly Knapp. Die Trauung mit ihr vollzog in Straßburg Albert Schweitzer, der zum Freundeskreis von Elly Knapp gehörte und der später ein treuer Freund von H. wurde.

    Die Jahre bis 1912 waren gekennzeichnet durch enge Zusammenarbeit mit Naumann, eine über das journalistisch-publizistische Interesse hinausgehende Anteilnahme an der Innen- und Parteipolitik (Bekanntschaften mit Theodor Barth, Hans Delbrück und anderen), eine ausgedehnte publizistische Tätigkeit, die in gleicher Weise literarisch-künstlerische wie politisch-historische Bereiche einschloß, und durch Reisen (Paris 1906, Schweiz 1908, Italien 1909, Österreich 1910, England 1911). Berufliche und politische Gründe veranlaßten H., 1912 nach Heilbronn zurückzukehren. Der Reichstagswahlkreis Heilbronn, den Naumann 1907-12 in Berlin vertreten hatte, ging 1912 an die SPD verloren. H. sollte ihn für die fortschrittliche Volkspartei zurückgewinnen, weswegen er auch, jedoch ohne Erfolg, Ende 1912 zuerst einen Sitz im württembergischen Landtag zu gewinnen versuchte. Beruflich übernahm H. in Heilbronn die Chefredaktion der angesehenen demokratischen „Neckar-Zeitung“ und (1913) die Schriftleitung der bislang von München aus redigierten Wochenzeitschrift „März“, die von Ludwig Thoma und Hermann Hesse herausgegeben wurde und an der Conrad Haußmann sich finanziell beteiligte. In der Weltkriegszeit schrieb H. fast täglich für die „Neckar-Zeitung“ Leitartikel zum Kriegs- und innenpolitischen Geschehen.

    1918 kehrte H. von Heilbronn nach Berlin zurück. Zusammen mit Axel Schmidt übernahm er die Schriftleitung der von Ernst Jäckh, Paul Rohrbach und Phil. Stein herausgegebenen Zeitschrift „Deutsche Politik, Wochenschrift für Welt- und Kulturpolitik“. Gleichzeitig wurde er 2. Vorsitzender des „Schutzverbandes deutscher Schriftsteller“ (SDS); diese Tätigkeit hatte er schon einmal, 1909, ausgeübt, sie brachte ihn in ständigen Kontakt mit den bedeutenden Journalisten und Schriftstellern dieser Zeit. Ferner wurde er Geschäftsführer des „Deutschen Werkbundes“.

    H. unterstützte nach dem 9.11.1918 Naumann bei der Gründung der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und trat mit wichtigen Vorträgen und Aufsätzen zur Verfassungsfrage hervor. Im Werk der Weimarer Nationalversammlung sah er eine späte partielle Verwirklichung der Forderungen von 1848. Er trat für einen gemäßigten Unitarismus ein, der besonders in der Frage der Größenordnung der Gliedstaaten modernen wirtschaftlichen Notwendigkeiten Rechnung tragen sollte, ohne dafür jedoch die historischen Grundlagen der deutschen Demokratiebewegung, besonders ihre süddeutschen Wurzeln, zu gefährden. H. kandidierte 1919 vergeblich für die Verfassunggebende Nationalversammlung. 1920-24 war er in Berlin Studienleiter in der von Jäckh gegründeten Deutschen Hochschule für Politik, seine Dozentur in der Hochschule (für Zeitgeschichte, Verfassungslehre und Parteienkunde) behielt er bis 1933 bei. Gleichzeitig betätigte er sich in der Kommunalpolitik, wurde 1919 Stadtverordneter in Berlin-Schöneberg, nach der Eingemeindung Schönebergs in Groß-Berlin Bezirksverordneter, und war 1929-31 Stadtverordneter in Groß-Berlin.

    Der Sprung in den Reichstag gelang erst 1924. Als Abgeordneter vertrat H. die DDP 1924-28 und die DDP/Staatspartei 1930–33. In innerparteilichen Dingen nahm er oft eine Mittlerstellung zwischen divergierenden württembergischen und Berliner Parteikreisen ein, zum Beispiel im Streit um die Haltung der Berliner demokratischen Presse. Im Reichstag trat er mit Reden zum Versorgungsgesetz für die Kriegsgeschädigten, zum sogenannten Schmutz- und Schundgesetz und mit Angriffen gegen die Nationalsozialisten hervor. Auch im Berliner Stadtparlament kam es zu heftigen Rededuellen zwischen H. und den nationalsozsialistischen Stadtverordneten. 1932 veröffentlichte er das Buch „Hitlers Weg“; nicht „München“ sondern „Versailles“ wird darin als Ausgangspunkt der NS-Bewegung genannt; die relative Kümmerlichkeit und mangelnde Originalität der nationalsozialistischen Vorstellungen über Staatsrecht und Außenpolitik, das prinzipienlose Machtstreben der NS-Partei, der Anspruch Hitlers, sich „unzweifelhaft als den gegebenen Faktor, von dem aus die Führung des Staates und dessen Elemente neu gebildet“ werden müssen, anzusehen, werden ebenso herausgearbeitet, wie der von H. abgelehnte Irrationalismus und Emotionalismus der NS-Bewegung.

    Nach der „Machtergreifung“ im März 1933 wurde H. wiederum als Abgeordneter der Staatspartei, die in einer Listenverbindung mit der SPD in den Wahlkampf ging, in den Reichstag gewählt. In parteiinternen Vorberatungen über das Ermächtigungsgesetz schlug er zusammen mit Hermann Dietrich vor, den Entwurf der Regierung abzulehnen. Dietrich und H. wurden dann in der Fraktion überstimmt, worauf sie am 24.3.1933 zusammen mit ihren anderen Fraktionskollegen (Reinhold Maier, Ernst Lemmer, Heinrich Landahl) im Plenum für das Ermächtigungsgesetz stimmten. Schon im Mai 1933 wurde H. die Dozentur an der Hochschule für Politik, im Juli 1933 das Reichstagsmandat entzogen. Die Bücher „Hitlers Weg“ und „Führer aus deutscher Not“ wurden 1933 in Berlin, dann in anderen Universitätsstädten, öffentlich verbrannnt.

    An eine Emigration dachte H. nicht, obwohl sein Freund G. Stolper ihm hierzu riet. H. übernahm 1933-36, nicht ohne Risiko, die Redaktion der „Hilfe“, die von den Freunden Naumanns in der veränderten Situation besonders beachtet wurde. In erzwungener Zurückgezogenheit widmete er sich biographischen Studien. 1937 erschien seine Biographie über Friedrich Naumann, 1939 eine über Poelzig (der Verkauf wurde 1941 verboten), 1940 über Anton Dohrn, 1942 eine kleinere Schrift über Justus von Liebig; in den letzten Kriegsjahren verfaßte er die Biographie über Robert Bosch (veröffentlicht 1946). Regelmäßig schrieb er auch für verschiedene Zeitungen, vor allem für die Frankfurter Zeitung, die ihn auch nicht fallen ließ, als Hitler den Namen H. in dieser Zeitung nicht mehr sehen wollte; er benutzte nun für seine Veröffentlichungen das Pseudonym „Thomas Brackheim“. Mit Rücksicht auf die Gesundheit seiner Frau verließ H. 1943 Berlin und ging nach Heidelberg. Wahrscheinlich wurde er dadurch vor Verfolgungen nach dem 20. Juli 1944 geschützt, denn er war mit führenden Mitgliedern und Opfern des Widerstandes bekannt oder befreundet (Fritz Elsas, C. Goerdeler, Werner von Haeften, Walter Bauer, Otto Geßler) oder seine Frau mit deren Familien verwandt (von Harnack, Delbrück, Bonhoeffer).

    Nach dem Zusammenbruch 1945 wurde H. von den amerikanischen Besatzungsbehörden zur Mitarbeit an einer Provinzialregierung für den Bezirk Mannheim/Heidelberg zugezogen. Gleichzeitig wurde er Mit-Lizenzträger der Rhein-Neckar-Zeitung (1945–19). Auf Vorschlag der amerikanischen Militärregierung trat er im September 1945 als Kultminister in die von Reinhold Maier geführte erste württembergisch-badische Landesregierung ein. Aus diesem Amt schied er nach den ersten Landtagswahlen freiwillig aus, um eine Überrepräsentation seiner Partei in der Landesregierung zu vermeiden und die Ministerpräsidentschaft von Reinhold Maier nicht zu gefährden. Die Parteiarbeit auf der obersten Ebene wurde nun das Feld seiner Tätigkeit. 1946 wählten die Dachorganisationen der süddeutschen liberalen beziehungsweise demokratischen Parteien H. zu ihrem 1. Vorsitzenden. 1947 gelang es, die von großen inneren Spannungen erfüllten liberalen Nachkriegsparteien West- und Mitteldeutschlands an der Spitze zusammenzufassen, gleichberechtigte Vorsitzende der Demokratischen Partei Deutschlands (DPD) wurden H. und Wilhelm Külz. H. verstand zunächst, die divergierenden liberalen Kräfte abzugleichen, bis Währungsreform und Verfassungspläne Gegensätze schufen, die nach 1948/49 nicht mehr ausgesöhnt werden konnten. Trotz aller Konzilianz bestand H. auf einer Konsolidierung Westdeutschlands, um der mit den mitteldeutschen Einheitsplänen verbundenen Expansion des Kommunismus Einhalt zu gebieten. Deswegen stellte er sich gegen den Plan, Beobachtungsgruppen mitteldeutscher Parteien bei den westdeutschen Verfassungsberatungen zuzulassen. Im Dezember 1948 wurde H. 1. Vorsitzender der westdeutschen Freien Demokratischen Partei (FDP).

    1946-49 war H. Abgeordneter der DVP/FDP im württembergisch-badischen Landtag. 1948 wurde er an der TH Stuttgart zum Honorarprofessor für Geschichte und politische Wissenschaft ernannt, konnte jedoch diese Professur nur in beschränktem Umfang wahrnehmen, weil der württembergisch-badische Landtag ihn als Vertreter in den Parlamentarischen Rat nach Bonn entsandte. Hier zählte er bald zu den führenden Persönlichkeiten und trat unter anderem durch|seine Vorschläge für das Wahlverfahren des Bundespräsidenten (Bundesversammlung), die Formulierung der Präambel des Grundgesetzes und durch seine liberale Haltung in der Schulfrage hervor.

    Am 14. August 1949 wurde H. über die württembergisch-badische Landesliste in den ersten Deutschen Bundestag gewählt. Das Mandat legte er jedoch nieder, als die Bundesversammlung ihn am 12. September 1949 im zweiten Wahlgang zum Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland wählte. Neben der FDP gaben ihm auf Vorschlag Adenauers auch die Vertreter der CDU/CSU ihre Stimme. Als Glücksfall wirkte sich aus, daß H. mit bestimmten Erscheinungen (Nationalsozialismus, Militarismus, Konservativismus, Preußentum), die in einer Periode innerdeutscher Selbstprüfung und heftiger ausländischer Ablehnung aufs schärfste kritisiert wurden, nicht in Verbindung gebracht werden konnte. Die Amtsgewalt des Bundespräsidenten war nach dem Bonner Grundgesetz im Vergleich zum Amt des Reichspräsidenten der Weimarer Zeit eingeschränkt worden. Trotzdem verstand es H., durch seine immer spürbarer wirkende Persönlichkeit, seine demokratische Überzeugung und durch eine unaufdringliche Pädagogik, diese Beschränkung, die zu einer starken Zurückhaltung gegenüber der Tagespolitik führen mußte, zugunsten des Neuaufbaus des westdeutschen Staatswesens auszunutzen. Hiervon ausgehend vermochte er, der höchsten Repräsentation des neuen deutschen Staates einen zivilen und bald auch volkstümlichen Charakter zu geben, wozu sein überlegener Humor Wesentliches beitrug.

    Durch vielerlei Initiativen setzte er sich für eine Wiederannäherung der Emigration an die wissenschaftlich und kulturell führenden Kreise der Bundesrepublik ein. Auch versuchte er, die gefährliche Distanz zwischen dem kulturellen und dem politischen Leben, die die Weimarer Zeit noch weitgehend gekennzeichnet hatte, aufzuheben und jene Tradition des geistigen Deutschland wiederherzustellen, die durch den Nationalsozialismus unterbrochen worden war (Wiederbegründung der Friedensklasse des Ordens pour le mérite, Mitarbeit an der Neuausgabe des Werkes: „Große Deutsche“, Förderung der Arbeit des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg). Hatte Hindenburg zu einer Persönlichkeit werden können, um die sich in entscheidenden Augenblicken auch antidemokratische Kräfte sammelten, so verstand es H., zu einem amtlichen Förderer der demokratischen Kräfte des neuen Staates zu werden und Demokratie und Kultur einander nahe zu bringen. Auch bemühte er sich, in der Gründungsphase der Bundesrepublik auftretende innere Spannungen auszugleichen. So stellte er ein verständnisvolles Verhältnis zur Sozialdemokratie in einer Zeit her, in der sich zwischen Adenauer und Schumacher stärkste Differenzen zeigten. Auch sein Verhältnis zur eigenen Partei, der FDP, war durch seine keineswegs unpolitische Überparteilichkeit gekennzeichnet. In Fragen der Regierungsbeteiligung der FDP im Bund wie in den Ländern, auch in Fragen des Südweststaats hielt er sich zurück, wenn er auch in politischen Kontroversen, etwa zwischen Adenauer und Dehler, zu vermitteln suchte. Starken Einfluß konnte er in schwierigen gesellschaftspolitischen Fragen nehmen; so trat er zum Beispiel für die Anerkennung ziviler Leistungen ein (Stiftung des Bundesverdienstordens); wie er im Zusammenhang mit dem Aufbau der Bundeswehr, mit dem er sich nur nach einigem Zögern abgefunden hatte, einen neuen Stil zu schaffen versuchte (Uniformfrage), wenn dies auch nicht immer gelang (Ordensfrage). In der Frage der Nationalhymne erlitt H. eine Niederlage; er hatte versucht, eine neue Hymne (Text Rudolf Alexander Schröder, Ton Hermann Reutter) einzuführen, mußte diesen Plan jedoch zugunsten des Deutschlandliedes, dessen 3. Strophe nun bei offiziellen Anlässen gesungen werden sollte, aufgeben.

    Die erste Amtsperiode von H. lief 1954 aus. Er wurde am 18.7.1954 im ersten Wahlgang mit 88% der abgegebenen Stimmen wiedergewählt, woraus sich deutlich ein Anwachsen seiner Popularität zeigte. Auch in der zweiten Amtsperiode machte H. in wichtigen Angelegenheiten der Nation einen großen Einfluß geltend, vor allem durch seine Schriften und Reden. Die Stellungnahme des Staatsoberhauptes zur Frage des Widerstandes gegen Hitler, zur Wiedergutmachung an dem jüdischen Volke sowie zu dem Komplex der Emigration konnte die allgemeine öffentliche Meinung günstig beeinflussen. Im Ausland trugen seine Staatsbesuche (Griechenland 1956, Türkei 1957, Kanada und USA 1958, England 1958) dazu bei, das Ansehen der Bundesrepublik zu heben und die Distanz des neuen deutschen Staates von dem nationalsozialistischen Deutschland deutlich zu machen.

    Bis auf wenige Punkte blieb das Verhältnis des Bundespräsidenten zu dem Bundeskanzler Adenauer korrekt und gut, wie überhaupt die personelle Kontinuität an der Staatsspitze die 10 Jahre der Amtszeit von H. und damit auch das 1. Jahrzehnt der Geschichte der Bundesrepublik kennzeichnete. H. wie Adenauer waren, jeder auf seine Weise, seltene Beispiele eines ungebrochenen deutschen Bürgertums, dessen geistige und politische Wurzeln in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurückreichen. In Fragen der Wirtschaft, aber auch der Außenpolitik (Einschätzung des Kommunismus, Europapolitik, westliche Bündnissystem) stimmten sie weitgehend überein. Zu einer offenen Kontroverse mit dem Bundeskanzler kam es nur, als Anfang 1959 Adenauer für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren wollte (die Kandidatur wurde bald wieder zurückgezogen) und dabei andeutete, daß er jene politische Zurückhaltung aufgeben wolle, mit der H., dem Grundgesetz entsprechend, sein Amt bislang geführt hatte. H. selbst wies aus prinzipiellen Gründen den Gedanken, ihm durch eine Grundgesetzänderung eine 3. Präsidentschaftsperiode zu ermöglichen, zurück. 1959 wählte die Bundesversammlung H. Lübke zu seinem Nachfolger.

    Auch während der Bundespräsidentenzeit hatte H. stets Zeit zu schriftstellerischer Betätigung gefunden. Er trat mit vermischten kleineren Schriften hervor (Jugenderinnerungen, Fassungen politischer Reden, Reisebeschreibungen, Kurzbiographien, Abhandlungen über Kunst, historische Skizzen), für die er einen großen Kreis von Lesern fand. 1963 veröffentlichte er seine Erinnerungen aus der Weimarer Zeit. Eine fortschreitende Krankheit hinderte ihn, einen weiteren Band über die Bundespräsidentenzeit folgen zu lassen. Politisch hielt sich H. nach 1959 zurück, um nicht nachträglich die überparteiliche Funktion des Amtes, das er innegehabt hatte, zu gefährden. Von politischer Wirkung blieben jedoch verschiedene wichtige Reden, die er noch hielt (Emigrantenfrage), sowie 2 Auslandsreisen (Israel 1960, Indien 1960).

  • Werke

    Weitere W u. a. M. Boveri u. W. Prinzing, Th. H., Bibliogr. d. Schrr. u. Reden v. Th. H. u. Elly Heuss-Knapp, o. J.; - Staat u. Volk, Betrachtungen üb. Wirtsch., Pol. u. Kultur, 1926; Politik, Ein Nachschlagebuch f. Theorie u. Gesch., 1927; Hitlers Weg, e. hist. pol. Studie üb. d. Nat.sozialismus, 1932; Frdr. Naumann, Der Mann, d. Werk, d. Zeit, 1937; Hans Poelzig, Bauten u. Entwürfe, Das Lb. e. dt. Baumeisters, 1939; Anton Dohrn in Neapel, 1940; Justus v. Liebig, Vom Genius d. Forschung, 1942; Robert Bosch, Leben u. Leistung, 1946; Dt. Gestalten, Stud. z. 19. Jh., 1947; Schattenbeschwörung, Randfiguren d. Gesch., 1947; Vorspiele d. Lebens, Jugenderinnerungen, 1953 (P); Würdigungen, Reden, Aufsätze und Briefe a. d. J. 1949–55, 1955; Von Ort zu Ort, Wanderungen mit Stift u. Feder, 1959; Berlin, München, 1960; Lust d. Augen, Stilles Gespräch mit beredtem Bildwerk, 1960; Staat u. Volk im Werden, Reden in u. üb. Israel, 1960; Bei Gelegenheit, außeramtliche, gelöste, nebenstündl. Produkte, 1961; Vor d. Bücherwand, Skizzen zu Dichtern u. Dichtung, 1961; Bilder u. Gestalten, 1963; Erinnerungen 1905–33, 1963; Profile, Nachzeichnungen aus d. Gesch., 1964. - Postum: An u. üb. Juden, aus Schrr. u. Reden (1906–63) zusammengest. u. hrsg. v. H. Lamm, 1964; Geist d. Pol., ausgew. Reden, 1964; Die großen Reden, d. Staatsmann, 1965; dass., d. Humanist, 1965; Th. H. - Lulu v. Strauß u. Torney, e. Briefwechsel, 1965; Aufzeichnungen 1945–47, hrsg. u. eingel. v. E. Pikart, 1966; Tagebuchbriefe 1955-1963, e. Ausw. aus Briefen an Toni Stolper, hrsg. u. eingel. v. E. Pikart, 1970.

  • Literatur

    Begegnungen mit Th. H., hrsg. v. H. Bott u. H. Leins, 1955; H.-H. Welchert, Th. H., 1959; H. Proebst, H., e. Bildbiogr., 1959 (P); K. D. Bracher, Th. H. u. d. Wiederbegründung d. Demokratie in Dtld., 1965; H. Bott, Th. H. in s. Zeit, 1966. - Zu Ur-Groß-Ov Friedrich: K. Walter, in: Rhein-Neckar-Ztg., Nr. 94-99 v. 23.-29.4.1963.

  • Portraits

    Ölgem. v. A. Weisgerber, 1905, Abb. b. Proebst, s. L; K. Schaller-Härlin, 1924; O. Kokoschka, 1950, Abb. b. Proebst, s. L; H.-J. Kallmann, 1956; O. Kreibich, 1961; K. Reuter, 1963; - Büsten v. A. Amberg, 1906; Z. Szekessy; G. Marcks; D. Fahrner; J. W. Fehrle, 1963.

  • Autor

    Eberhard Pikart
  • Empfohlene Zitierweise

    Pikart, Eberhard, "Heuss, Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 52-56 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118550578.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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