Lebensdaten
1851 bis 1907
Geburtsort
Hadersleben (Nordschleswig)
Sterbeort
Rosenheim (Oberbayern)
Beruf/Funktion
Kulturphilosoph ; Schriftsteller
Konfession
lutherisch,katholisch
Normdaten
GND: 11872634X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Langbehn, Julius
  • Der Rembrandtdeutsche, Kulturkritiker, Schriftsteller
  • Deutscher, Ein
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Zitierweise

Langbehn, Julius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11872634X.html [14.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Jacob (1802–65), Dr. phil., Gymnasialkonrektor, verlor infolge d. dän.-dt. Konflikts s. Stelle u. zog 1852 nach Holstein, S d. Schulmeisters Martin in Rathjensdorf (Ostholstein) u. d. Margarete Dorothea Ratje;
    M Joh. Maria Magdalena Theresia (1823–83), T d. Andreas Johs. Boysen (1782–1850), Subrektor a. d. Domschule in Schleswig, 1831 Pastor in Starup, aus alter Pastorenfam., u. d. Anna Maria Magdalena Dewald.

  • Leben

    Trotz der Not, in die die Familie nach dem Tod des Vaters geraten war, konnte L. das Gymnasium in Kiel und seit 1869 die Universitäten Kiel und München besuchen. Das Studium der Philologie und der Naturwissenschaften unterbrach er 1870/71 wegen seiner Teilnahme am Krieg als Freiwilliger. Seit 1873 bestritt er zwei oberital. Wanderjahre als Kellner und Hauslehrer. Er studierte während dieser Zeit in Venedig, Verona und Florenz. In München wandte er sich dann der frühgriech. Archäologie zu, deren Studium er 1880 mit einer Dissertation über „Die Flügelgestalten der ältesten griech. Kunst“ abschloß. Es folgten neue Studien reisen nach Rom (mit einem Stipendium des Archäolog. Instituts), durch Deutschland und Dänemark sowie nach Hamburg, Frankfurt an der Oder, Berlin, Frankfurt am Main und schließlich Dresden, wo er sich seit 1885 aufhielt. Zeitungsaufsätze, Zuwendungen von Gönnern und seinem älteren Bruder halfen materiell weiter, geistige Förderung kam von befreundeten Malern und Kunstfreunden wie Karl Haider, Hans Thoma und Cornelius Gurlitt. In dieser Zeit vollzog sich eine entscheidende Wende: Die Abkehr von der „liberalen, voraussetzungslosen“ Zunft-Gelehrsamkeit und der Entschluß, dem deutschen Volke auf eigene Weise durch „praktische Philosophie“ zu dienen. Niedergeschlagen hat sich dieses nordisch-niederdeutsch und griech.-„heidnisch“ bestimmte Bemühen nach einer Hollandreise 1888 in dem anonym erschienenen Hauptwerk „Rembrandt als Erzieher. Von einem Deutschen“ (1890), das in zwei Jahren 40 Auflagen erlebte (851936). Enttäuscht darüber, daß die „Gründerzeit“ nach 1871 den erwarteten geistigen Aufschwung nicht brachte, sondern eine „materialistisch-mechanistische“ Scheinkultur heraufbeschwor, wollte L. unter Umgehung der „Gelehrten“ sich direkt an „Kopf und Herz“ der „Laien“ wenden: „Not tut den Deutschen not“; jetzt sei es geboten, die|vor allem in der Jugend schlummernden Kräfte des Schöpfertums, der Vornehmheit, des Edelsinns, der Aufrichtigkeit und des Charakters zu wecken. Verdeutlicht wurde diese erzieherische Absicht am Beispiel Rembrandts, des „Malers der Wahrheit und Natürlichkeit“. Mit diesem Maßstab werden dann zahlreiche Erscheinungen – etwa Preußentum, Monarchie, Republik, Nationalismus – und Gestalten der europ. Geschichte beurteilt, wie Goethe, Lessing, Mommsen, Winckelmann, Zola und Richard Wagner, dem beispielsweise vorgehalten wird, ihm fehle „jener Zug des Schlichten, Unscheinbaren, Bescheidenen, der einen Shakespeare so liebenswürdig und zugleich so groß machte“. 1892 folgte ein Werk, dessen Titel dem Autor als Beiname erhalten blieb, „Der Rembrandtdeutsche. Von einem Wahrheitsfreund“. Dem Durchbruch mit „Rembrandt als Erzieher“ folgten rasch Ereignisse, die eine zweite Wende einleiteten: Die 1891 geschlossene Freundschaft mit dem aus dem nordfries. Deezbüll stammenden jungen Maler Momme Nissen (1870–1943, s. ThB; Vollmer VI), der dem äußerlich Schutzlosen anderthalb Jahrzehnte lang „wie der Knappe dem Ritter“ folgte, dann die großdeutschem Mißbehagen über das Bismarck-Reich entsprungene Übersiedlung von Dresden in ein Landhaus am Wiener Wald (1892) und schließlich das günstige Echo, welches das Rembrandtbuch bei dem späteren Rottenburger Bischof Paul Wilhelm v. Keppler (Hist.-Polit. Blätter 1890/91) fand. Neue Reisen – Adria, Südfrankreich, Teneriffa, Baskenland, Oberrhein, Ostholstein, Lübeck, Hamburg – vertieften das Interesse für Mittelalter und Volkstum. Es bleibt ungeklärt, was L.s Hinwendung zum Katholizismus bestimmte: War es das Studium der Evangelien, war es die Beschäftigung mit bedeutenden Heiligen wie Franziskus, Dominikus, Bernhard von Clairvaux, Katharina von Siena, Birgitta von Schweden und Thomas von Kempen, war es seine literarische Begegnung mit der Mystik Heinrich Seuses oder mit Brentanos Aufzeichnungen über die westfäl. Seherin Anna Katharina Emmerick, oder waren es zwei selbstbezeugte Christus-Visionen in Dresden und Wien? Jedenfalls hat ihn, nachdem er die „Stufen Natur, Kunst, Volk, Kirche“ erklommen hatte, der Dominikanerpater Havekes 1900 zu Rotterdam in die kath. Kirche aufgenommen. Auf diesem Wege folgte ihm bald auch sein Gehilfe Nissen, der 1902 konvertierte, später Dominikanermönch und 1922 Priester wurde (Ordensname: Benedikt).

    Letzter fester Stützpunkt in L.s Odyssee war seit 1902 München. Von hier aus unternahm er Reisen nach Österreich, in die Schweiz, nach Berlin und Rom. Hier wollte er auch sein volkserzieherisches Lebenswerk vollenden. Während der niederdeutsche Impuls und das Rembrandtbuch „vorerst negativ“ eine deutsche Geistesreform nur hatten anbahnen sollen, dachte er nun an die Darstellung positiver Gegenideale zum deutschen Geistesverfall in Gestalt von Dürer und Mozart. Es häufte sich ein umfangreiches Material von Entwürfen, Aufzeichnungen, Notizen und auch lyrischen Bemühungen, das er seinem Erbwalter Nissen anvertraute. Ärzte rieten ihm zu einer Erholungsreise nach dem Süden. Unterwegs starb er in einem Rosenheimer Gasthof. Seinem Wunsche gemäß wurde er auf dem Dorffriedhof von Puch bei Fürstenfeldbruck neben der uralten Linde der Einsiedlerin Edigna beigesetzt. Der wesentliche Nachlaß erschien, von M. Nissen bisweilen recht eigenwillig zu Büchern geformt, postum: „Dürer als Führer“ (1928); „Der Geist des Ganzen“ (1930); „Langbehns Lieder“ (1931). L.s Seherpose, seine Eigenwilligkeit und seine persönliche Schroffheit erschweren eine Einordnung. Häufig wurde er als Anhänger Nietzsches betrachtet, dessen Geisteskrankheit er im Herbst 1889 durch eine Art Gesprächstherapie heilen wollte. Er selbst suchte sich allerdings von ihm abzugrenzen: „Nietzsche ist Autokrat, ich bin Aristokrat“. Ebenso wurde er mit Paul de Lagarde (Deutsche Schriften, 1878/81) in Zusammenhang gebracht und den Wegbereitern des Nationalsozialismus zugeordnet. Daß auch dies nicht ohne Einschränkung gelten kann, zeigt sich daran, daß die nationalsozialistische Weltanschauungsliteratur sich zwar auf Lagarde, kaum dagegen auf L. beruft. L.s Großdeutschtum ist eher katholisch-kulturkritisch als machtpolitisch motiviert. Trotzdem bleibt das Echo auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bemerkenswert. Seine Werke haben bis in die 30er Jahre hinein Höchstauflagen erlebt. L. wurde immerhin von Edmund Jörg, dem Herausgeber der „Historisch-Politischen Blätter“, von Politikern wie Bismarck und Theodor Heuss und von Historikern wie Th. Mommsen und J. Janssen beachtet. Bischof Keppler hat er 1902 zu dessen durchschlagender, gegen den damaligen Reformkatholizismus gerichteter Rede „Über wahre und falsche Reform“ sowie zu der berühmten Schrift „Mehr Freude“ angeregt, die 1909-22 in nahezu 200 000 Exemplaren erschienen ist. Deutliche Wirkungen lassen sich in der Worpsweder Künstlergruppe, im Schillerbund, in der aufkeimenden Volkshochschulbewegung, in der Jugendbewegung, im Dürerbund und in der Zeitschrift „Der Kunstwart“ nachweisen. In der Diskussion reichen die Urteile von „Heiliger“, „Gottsucher“ und „Christusdeutscher“ (Nissen) über „Eremit“, „Rufer in der Wüste“ (Keppler) und „Seher“ bis „Narr“, „Scharlatan“ und „Verführer“. Die „Nachwirkung“ wurde durch Nissens eigenwillige Herausgeber-Beflissenheit zunächst sehr stark gefördert. Besonders der Kulturkatholizismus der 20er Jahre, der aus Turm und Ghetto herauszukommen sich bemühte, glaubte sich durch Konvertiten wie L. und Nissen bestätigt. Doch langsam legte sich die Hochstimmung. 1940 veröffentlichte Hans Bürger-Prinz (mit A. Segelke, W, L, P) „Eine patho-psychologische Studie“ zum „Rembrandtdeutschen“. Echo und Auflagen wurden im Dritten Reich gedrosselt; aber auch nach 1945 wurden sie immer geringer. Die Ernüchterung – vor allem auch im kath. Bereich – wurde 1957 durch Oskar Köhlers Anmerkungen zu den „Irrungen einer Jugend“ und 1963 durch F. Sterns Kritik am Kulturpessimismus, die neben L. Lagarde und Moeller van den Bruck einbezog, offenkundig.

  • Werke

    Weitere W Niederdeutsches, Ein Btr. z. Völkerpsychol., 1886 (neu hrsg. 1926);
    Vierzig Lieder v. e. Deutschen, 1891;
    Dürer als Führer (Abh.), Die mittlere Linie (Aufsatz), in: Der Kunstwart, 1904/05;
    L., Briefe an Bischof Keppler, vorgelegt v. B. M. Nissen, 1937.

  • Literatur

    B. M. Nissen, Die rel. Entwicklung d. Rembrandtdeutschen, in: Jb. d. Verbandes d. Vereine kath. Akademiker z. Pflege d. kath. Welt-Anschauung, 1923, S. 55-73;
    ders., Der Rembrandtdeutsche J. L., 1926 (P), 33. Tsd. 1929, 38. Tds. 1937;
    O. Kunze, Der Kembrandtdeutsche in d. prot. Kritik, in: Allg. Rdsch. 24, 1927, S. 504 ff.;
    C. Gurlitt, L., d. Rembrandtdeutsche, 1927;
    H. Strobel, Der Begriff v. Kunst u. Erziehung b. J. L., 1940;
    W. Kerstiens, Gestalt u. Gedichte n. L., Diss. Münster 1941;
    O. K. (O. Köhler), Der Rembrandtdeutsche als Verführer u. d. Irrungen e. Jugend, in: Der christl. Sonntag 9, 1957, S. 133-36, 224;
    F. Stern, Kulturpessimismus als pol. Gefahr, 1963;
    BJ 13;
    Kosch, Lit.-Lex. (W, L);
    Lex. d. Päd. III, 1954, S. 165 f. - Zur Genealogie:
    Th. O. Achelis, in: Archiv f. Sippenforschung 6, 1929, S. 81-85.

  • Portraits

    Selbstbildnis, Abb. in: J. L., Der Geist d. Ganzen, 1930, S. 104;
    Gem. v. H. Thoma („Philosoph mit d. Ei“), Abb. in: Der Kunstwart, 1912, 2. März-H.;
    Zeichnung v. K. Haider, Abb. ebd. u. in: J. L., Der Geist d. Ganzen, 1930, Titelbild;
    Gem. v. Leibl, 1877, Abb. b. Nissen, 1926, s. L.

  • Autor/in

    Helmut Ibach
  • Empfohlene Zitierweise

    Ibach, Helmut, "Langbehn, Julius" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 544-546 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11872634X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA