Lebensdaten
1907 bis 1945
Geburtsort
Kreisau Kreis Schweidnitz (Schlesien)
Sterbeort
Berlin-Plötzensee
Beruf/Funktion
Jurist ; Widerstandskämpfer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118583395 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Moltke, Helmut J., Graf von
  • Moltke, Helmut James, Graf von
  • Moltke, Helmuth J., Graf von
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Zitierweise

Moltke, Helmuth James Graf von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118583395.html [10.12.2016].

CC0

Moltke, Helmuth James Graf

Jurist, Widerstandskämpfer, * 11.3.1907 Kreisau Kreis Schweidnitz (Schlesien), (hingerichtet) 23.1.1945 Berlin-Plötzensee.

  • Genealogie

    V Helmuth (1876–1939, Christian Science), Gutsbes., S d. Wilhelm (s. Gen. 2) u. d. Ella Gfn. v. Bethusy-Huc (1856–1924); M Dorothy (1884–1935) aus Kapstadt, T d. Sir James Rose Innes (Personaladel 1901, 1855-1942, anglikan.), Chief Justice of the Union of South Africa, u. d. Jessie Pringle (1860–1943); Ur-Gr-Ov Helmuth Gf. (s. 1); Gr-Ov Helmuth (s. 2); B Joachim Wolfgang (* 1909), Dr. phil., Museumsdir. in Bielefeld, Kunsthistoriker (s. Kürschner, Gel.-Kal. 1992), Wilhelm Viggo (1911–87, Veronica, * 1932, Konzertpianistin, T d. Dirigenten Eugen Jochum, 1902–87), Prof. f. Städteplanung an d. Harvard-Univ. in Cambridge (Massachusetts) (s. BHdE II); – Köln 1931 Freya (* 1911), Dr. iur., seit 1960 in d. USA (s. L), T d. Karl Deichmann (1866–1931), Bankier in Köln, u. d. Ada v. Schnitzler (* 1886); Ur-Gvv d. Ehefrau Wilhelm Ludwig Deichmann (1798–1876), Bankier in Köln (s. NDB III); 2 S.

  • Leben

    Gegen den Wunsch seines Vaters studierte M. in Breslau, Wien und Berlin Jura. In Berlin lernte er 1926 Hermann Schwarzwald, einen österr. Nationalökonomen, und dessen Frau kennen, die ihn wie einen Sohn aufnahmen und ihn mit einer Reihe interessanter Persönlichkeiten, u. a. Carl Zuckmayer, Egon Friedell, Bert Brecht und Helene Weigel, bekannt machten. M. traf in dieser Zeit mit zahlreichen ausländischen Journalisten zusammen, denen er die wirtschaftlichen Probleme des deutschen Ostens nahebrachte. Der damals 19jährige wirkte auf seine Umgebung still und verschlossen, fiel aber durch seine Fähigkeit auf, sich präzise auszudrücken und in Diskussionen eindeutige Standpunkte zu vertreten. Einen großen Einfluß übte in Breslau auf ihn der Kulturphilosoph Eugen Rosenstock-Huessy aus. Auf das soziale Elend im schles. Kohlenrevier Waldenburg aufmerksam geworden, gründete M. mit Rosenstock-Huessy die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft. In Diskussionsveranstaltungen und Arbeitslagern versuchte er, junge Menschen aus ganz verschiedenen sozialen Schichten mit bedeutenden Zeitgenossen zusammenzubringen. In vorbereitenden Gesprächen in Kreisau versammelte M. im September 1927 interessierte Persönlichkeiten um sich. Dabei wurde mit der schles. Jungmannschaft und mit Professoren der Univ. Breslau das weitere Vorgehen in den sog. Freizeiten abgesprochen. In einem Kuratorium für die Löwenberger Gesellschaft gelang es M., wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Gerhart Hauptmann, Paul Löbe, aber auch den Zentrumsabgeordneten von Waldenburg, Heinrich Brüning, mit dem er auch später in Verbindung blieb, zu interessieren. Der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise beendete die Tätigkeit des Löwenberger Arbeitskreises. Bei diesen intensiven Diskussionen hatte M. u. a. Persönlichkeiten wie Adolf Reichwein, Theodor Steltzer, Horst v. Einsiedel und Peter Graf Yorck v. Wartenburg kennengelernt, die er später für den Kreisauer Kreis ansprechen konnte. Politisch sympathisierte M., ein begeisterter Anhänger Stresemanns, mit der DVP. So, wie er den Klassengegensatz durch Diskussionen und gemeinsame Lager zu überwinden trachtete, stellte er gegen den Parteiengegensatz das Modell einer von den unteren Einheiten her aufgebauten Selbstverwaltung. Diese Ideen formulierte er 1929 in der amerikan. Zeitschrift „The Survey“, die diese zum 10. Jahrestag der Gründung der Weimarer Republik unter dem Obertitel „Das neue Deutschland“ herausbrachte. Im selben Jahr rief ihn sein Vater nach Kreisau, weil sich das Gut in einer schweren finanziellen Krise befand. Es gelang M., den Verkauf von Teilen des Gutes zu verhindern. 1942 war Kreisau schuldenfrei, doch hat die Sorge um die Erhaltung des Besitzes erhebliche Teile seiner Aktivitäten in Anspruch genommen.

    Nach seinem Assessorexamen (1929) fuhr er mit seiner Frau zu seinen Großeltern nach Südafrika. Dort erschloß sich ihm die angelsächsische Welt. Von seinem Großvater mit Empfehlungen versorgt, ging er nach London, wo er wichtige Verbindungen knüpfen konnte. 1934 kehrte er nach Deutschland zurück, wo die inzwischen fest etablierte NS-Herrschaft wie ein Schock auf ihn wirkte. Er war überzeugt, daß Hitler über kurz oder lang einen Krieg beginnen würde, den Deutschland nicht gewinnen konnte. Lange setzte er, wie viele Gegner des Dritten Reiches, seine Hoffnungen auf die Reichswehr. 1936/37 nahm er mehrfach an den Sitzungen des nach dem ehemaligen Justizminister Eugen Schiffer benannten oppositionellen Kreises teil, zu dem Persönlichkeiten wie der ehemalige Reichswehrminister Otto Geßler, Kuno Gf. Westarp und Theodor Heuss gehörten. Im Herbst 1938 war er in die Vorbereitungen zum Putsch genauer eingeweiht, der durch das Münchener Abkommen vereitelt wurde. Abgestoßen von den deutschen Verhältnissen, studierte er in diesen Jahren zeitweise in Oxford und legte 1938 in London juristische Examen ab, um Barrister zu werden. Seine Absicht, Deutschland endgültig zu verlassen, ließ sich aber nicht mehr verwirklichen.

    Bei Kriegsausbruch wurde M. als Spezialist für Völkerrecht in die Abteilung Ausland im OKW als Kriegsverwaltungsrat eingezogen. Dieses Amt war eine Verbindungsstelle zwischen Wehrmacht und Auswärtigem Amt. 1939 wurde die Abteilung Ausland in die von Admiral Canaris geleitete Abwehr eingegliedert und zur völkerrechtlichen Gruppe erweitert. M. kam damit in Verbindung zur Widerstandsgruppe in der Abwehr um Admiral Canaris und General Oster, zudem erfuhr er als Fachmann von allen Verletzungen des Völkerrechts durch Wehrmacht und SS bis hin zu den Greueln des Krieges in der Sowjetunion. Seine Versuche, Verfolgten zu helfen und Völkerrechtsverletzungen zu verhindern, waren von der Erkenntnis geleitet, daß das deutsche Volk mit der Zustimmung zu Hitler eine schwere moralische Schuld auf sich geladen hatte. Zusammen mit Peter Gf. Yorck v. Wartenburg knüpfte er Verbindungen zu Gegnern des Dritten Reiches, wobei ihm seine Fähigkeit, Menschen zu gewinnen und zu führen, zustatten kam. Aus diesen|Gesprächen entstand in den Jahren 1940-43 das, was die Gestapo später den „Kreisauer Kreis“ nannte.

    In kleineren Gruppen wurde darüber diskutiert, wie nach der beispiellosen moralischen Verrohung durch das Dritte Reich ein neues Deutschland aufgebaut werden könnte. Ziel des Kreisauer Kreises war nicht ein Staatsstreich (der über die Kräfte der Beteiligten gegangen wäre), sondern Überlegungen, wie nach dem Ende des Dritten Reiches der Wiederaufbau Deutschlands geschehen solle. So hatte der Kreisauer Kreis, dessen Motor M. und seine Frau wurden, zwar Verbindung zu den meisten anderen Widerstandsgruppen, unterschied sich aber durch seine auf die Zeit nach dem Sturz der NS-Diktatur ausgerichtete Zielsetzung erheblich von ihnen. M. lehnte z. B. ein Attentat auf Hitler ab. Die im Kreisauer Kreis erörterten Ideen waren insofern von M.s Vorstellungen geprägt, als sie eine von unten nach oben aufgebaute Selbstverwaltung anstrebten. So wollte M. z. B. keine großen Gewerkschaften, sondern Betriebsgruppen, was ihn in Gegensatz zu Wilhelm Leuschner brachte. Nach den Erfahrungen der Weimarer Republik lehnte M. auch die Wiedererrichtung einer auf Parteien aufbauenden parlamentarischen Republik ab. Nach dem von M. vertretenen Ideal der Selbstverwaltung sollte nur auf den untersten Ebenen eine allgemeine Wahl stattfinden, während die Landtage und der Reichstag nicht direkt gewählt, sondern von den Vertretern der unteren Gremien bestimmt werden sollten. Dieses Verfahren bezeichnete der zum Kreis gehörende Eugen Gerstenmaier im nachhinein als ein „nicht eben überzeugendes System, das Parteien und Parteibildungen verhindern sollte“. Das Reich sollte in etwa gleichgroße Länder gegliedert werden. In den meisten Fällen gelang es M., in langen Diskussionen eine Annäherung der Standpunkte zu erreichen.

    M.s großes Verdienst war die Gewinnung ganz unterschiedlich denkender und aus verschiedenen sozialen Schichten stammender Persönlichkeiten. Neben Adeligen wie Yorck, Einsiedel, v. d. Gablentz oder Fürst Fugger-Glött, standen Gewerkschafter wie Reichwein, Maaß, Mierendorff, kath. Theologen wie die Jesuiten Delp, Rösch, König und Gallo, die wiederum Verbindung zu den kath. Bischöfen Gf. Preysing (Berlin), Faulhaber (München) und Dietz (Fulda) knüpften, oder ev. Theologen wie Gerstenmaier mit Verbindung zu ev. Bischöfen wie dem württ. Landesbischof Wurm und Diplomaten wie Adam v. Trott zu Solz. M. und seine Frau organisierten in Kreisau drei große Treffen, zwei zu Pfingsten 1942 (22.-25. Mai) und 1943 (12.-14. Juni) und ein Herbsttreffen vom 16.-18. Oktober 1942, bei denen die künftige Form des Staatsaufbaus, der Ordnung der Wirtschaft und vor allem das Problem erörtert wurde, wie die Kriegsverbrecher, insbesondere die Richter, zur Rechenschaft zu ziehen wären, die sich in den Dienst des Unrechtsstaates gestellt hatten.

    Im Januar 1944 wurde M. verhaftet. Diese Maßnahme richtete sich nicht gegen seine Widerstandstätigkeit, von der die Gestapo nichts wußte, sondern gehörte zu den Maßnahmen des Sicherheitsdienstes (SD) gegen die Abwehr. M. wurde in das KZ Ravensbrück gebracht, wo er noch Arbeiten für sein Amt erledigen und seiner Sekretärin Briefe diktieren konnte. Er stand vor der Entlassung, als in den Verhören nach dem 20. Juli 1944 sein Name mehrfach genannt wurde. Am 10.1.1945 zum Tode verurteilt, wurde M. wenige Tage später in Plötzensee hingerichtet.

  • Werke

    Mehrere Aufsätze in: Zs. f. ausländ, öff. Recht u. Völkerrecht, 1935-41; Einer v. dt. Widerstand, Die letzten Briefe d. Gf. H. J. v. M., in: Neue Auslese 2, 1947, S. 1-17; Letzte Briefe aus d. Gefängnis Tegel, 91963; Völkerrecht im Dienst der Menschen, hrsg. u. eingel. v. G. van Roon, 1986 (L, P); Briefe an Freya 1939-1945, hrsg. v. B. Ruhm v. Oppen, 1988, 21991 (L, P). – Zu Freya: Briefe an Harald u. Dorothee Poelchau, mit Anm. v. B. Ruhm v. Oppen, in: Der Aquädukt 1763-1988, Ein Alm. aus d. Verlag C. H. Beck, 1988 (P).

  • Literatur

    G. van Roon, Neuordnung im Widerstand, Der Kreisauer Kreis innerhalb d. dt. Widerstandsbewegung, 1967; ders., Gf. M. als Völkerrechtler im OKW, in: VfZ 18, 1970, S. 12-61; ders., Der Kreisauer Kreis zw. Widerstand u. Umbruch, 1985; G. Webersinn, H. J. Gf. v. M., in: Schles. Lb. V, 1968, S. 269-82; M. Balfour u. J. Frisby, H. v. M., A Leader against Hitler, 1972 (dt., bearb. v. Freya v. Moltke, u. d. T.: H. J. Gf. v. M., 1907-1945, 1984); K. Finker, Gf. M. u. d. Kreisauer Kreis, 1978; E. Gerstenmaier, H. J. Gf. v. M., in: 20. Juli, Porträts d. Widerstandes, hrsg. v. R. Lill u. H. Oberreuter, 1984 (P); W. E. Winterhager, Der Kreisauer Kreis, Porträt e. Widerstandsgruppe, 1985 (L, P); W. Hubrich u. R. Wenzel (Hrsg.), Der Kreisauer Kreis, 1986; R. Bleistein (Hrsg.), Dossier: Kreisauer Kreis, Dokumente aus d. Widerstand gegen d. Nat.sozialismus, Aus d. Nachlaß v. Lothar König S. J., 1987; H.-H. Pukall, G. van Roon, M. Balfour, K. v. Dohnanyi u. I. Vermehren, H. J. Gf. v. M., Reden anläßl. d. 80. Geb.tages im Kaisersaal d. Hamburger Rathauses am 11.3.1987, 1987; A. v. Moltke, Die wirtschafts- u. gesellschaftspol. Vorstellungen d. Kreisauer Kreises innerhalb d. dt. Widerstandsbewegung, Diss. Köln 1989; H. Engel (Hrsg.), Dt. Widerstand, Demokratie heute, Kirche, Kreisauer Kreis, Ethik, Militär u. Gewerkschaften, 1992 (L). – Zur Fam.: Die Herkunft d. Mitgll. d. Kreisauer Kreises, Moltke Alm. I, 1984, S. 10-23 (P).

  • Autor

    Karl Otmar Freiherr von Aretin
  • Empfohlene Zitierweise

    Aretin, Karl Otmar Freiherr von, "Moltke, Helmuth James Graf von" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 18-21 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118583395.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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