Lebensdaten
1883 bis 1969
Geburtsort
Oldenburg (Oldenburg)
Sterbeort
Basel
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118557106 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jaspers, Karl

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Zitierweise

Jaspers, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118557106.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl Wilhelm (1850–1940), Amtshauptm. v. Butjadingen 1879–81, dann Bankdir. in O., S d. Carl Wilhelm (1817–86), Landwirt in Sanderbusch, dann Proprietär u. Ratsherr in Jever, u. d. Antoinette Christine Louise Drost;
    M Henriette (1862–1941), T d. Theodor Joh. Tantzen (1834–93), Bauer in Heering, oldenburg. Landtagsabgeordneter 1866-68 u. 1872-93, u. d. Anna Magdalena Lührs;
    Vt Richard Tantzen (1888–1966), oldenburg. Minister, Ornithologe, Vorsitzender d. Oldenburg. Ges. f. Fam.kde.;
    - Berlin 1910 Gertrud (1879–1974, isr.), T d. Kaufm. David Mayer in Prenzlau u. d. N. N. Gottschalk; Schwager Ernst Mayer (1883–1952), Dr. med., prakt. Arzt in Berlin; kinderlos.

  • Leben

    J. hat in verschiedenen autobiographischen Versuchen über die wichtigsten Stationen seines Lebens berichtet. Sein Weg zur Philosophie und der Gang seines Philosophierens sind durch die Entfaltung und Reflexion konkreter Situationen bestimmt. In Konsequenz zum Grundsinn seiner Philosophie, dem Menschen zur Selbstgegenwärtigkeit des eigenen Wesens zu verhelfen und ihm seine Unvertretbarkeit durch andere zum Bewußtsein zu bringen, hat J. Leben und Werk beispielhaft in Verbindung gebracht und über sein Werk als Zeugnis eines philosophischen Lebens autobiographisch Rechenschaft gegeben. Dabei beschönigt er nichts. Er wendet sich mit den Schilderungen seines Kampfes, den er mit sich und der Lebenswirklichkeit geführt hat (unter ihnen auch seine „Krankheitsgeschichte“), bewußt an die „Öffentlichkeit“. Da gerade in ihr das Versteckspiel des Verschleierns und der Maskierung getrieben werde, müsse vor aller Augen das Unbeachtete oder Verzeichnete aufgeklärt und aufgehellt werden. Existentiell Erlebtes und kritisch Gedachtes werden von ihm aufeinander eingependelt. Engagement in konkreten Situationen wird zum philosophischen Argument, Philosophie zur methodischen Reflexion über „inneres Handeln“.

    Schon als Kind macht J. an der Hand des von ihm grenzenlos verehrten Vaters angesichts des Meeres die Erfahrung anschaulicher Gegenwart des Unendlichen. Alles Festgewordene verliert seinen Halt, und doch versinkt nichts ins Bodenlose. Außer durch das Meer als Gleichnis von Freiheit und Transzendenz, in denen J. später der Grund der Dinge offenbar wird, wird der Achtjährige durch die Ebene der Marschen beeindruckt. Der offene Horizont der Landschaft und die Weite des Himmels machen ihm den Blick frei und lassen ihn zugleich die Bedeutung des eigenen Standorts und der jeweiligen Situation erkennen. Die Eltern, der Vater einzig der Autorität der Vernunft vertrauend und die Mutter von der Heiterkeit lebenskluger Liebe geprägt, vermitteln dem Kind das Gefühl der Geborgenheit und schenken ihm lebenslang die Gewißheit, daß nichts von all dem Schrecklichen in der Welt in den Grund des Lebens reicht. Als Schüler fühlt sich J. durch die militärisch geregelte Schul-Disziplin in die Opposition gedrängt, weigert sich, einer Schülerverbindung beizutreten und durchschaut die Wichtigtuerei philosophischen Philistertums als Unwahrhaftigkeit. Daß der liberal eingestellte Vater die gewaltsame Einigung Deutschlands unter Führung Preußens politisch ablehnt, schärft in dem Knaben den Sinn für Rolle und Rang der Freiheit.

    Erst nachdem J. 1901 auf väterlichen Wunsch mit dem Studium der Jurisprudenz in Freiburg beginnt, das er in München fortsetzt, stellt der Arzt Albert Fraenkel, der später durch die Strophanthintherapie berühmt geworden ist, bei dem dann zeitlebens hinfälligen J. ein schweres organisches Leiden (Bronchiektasen der Lunge und sekundäre Herzinsuffizienz) fest. Trotz geringer Lebenserwartung und trotz des Zwanges, den größten Teil seines Lebens in liegender Haltung zu verbringen, hat J. durch disziplinierte Einbeziehung der Krankheit in sein Leben, durch ständigen Kampf gegen ihre isolierende Wirkung, durch Freisetzung innerer Aktivitäten und durch geistige Auseinandersetzung mit dieser Grundsituation („Grenzsituation“) ein hohes Alter erreicht und ein ungewöhnlich umfangreiches Werk geschaffen (der unedierte wissenschaftliche Nachlaß umfaßt 25 000 Briefe und circa 35 000 handbeschriebene Blätter). Unter dem Bewußtsein seiner Krankheit und in der Erkenntnis, daß seine philosophischen Studien auf Naturwissenschaften gegründet werden müssen, beginnt er im Wintersemester 1902/03 in Berlin konzentriert mit dem Medizinstudium, setzt es 1903-06 in Göttingen und 1906-08 in Heidelberg fort, wo er dann das Staatsexamen ablegt. Krisenstimmungen, ausgelöst durch sein körperliches Ausnahmedasein und die Überlegenheit seines freien Geistes, treten erst zurück, nachdem J. 1910 die Schwester seines Freundes Ernst Mayer geheiratet hat. Bei ihr, die als „Nervenpflegerin“ tätig war, fand J. den nötigen Rückhalt in verständiger Zustimmung und Bejahung aus Liebe, zugleich seelische Wachheit und sorgfältige Wachsamkeit. In der „Kommunikation“ mit ihr und Ernst Mayer, „Freund in der Substanz der Philosophie“ und selbst Autor zweier philosophischer Werke, ohne den J.s|Hauptwerk nach J.s eigener Bekundung „nicht denkbar ist“, bewährten sich erstmals illusionslose Wahrhaftigkeit, undoktrinäre Aufrichtigkeit, kritische Offenheit, ungeschützte Redlichkeit, argumentierende Vernünftigkeit und rücksichtslose Sachlichkeit als Formen des Wahrheitswillens in der Verbundenheit liebenden Streits. Seit 1908 als Medizinalpraktikant an der Psychiatrischen Klinik in Heidelberg, arbeitet J. dort wissenschaftlich bis 1915.

    Der üblichen psychiatrischen Milde, Ausdruck einer gewissen Resignation vor den Geisteskrankheiten, begegnet J. durch ein aus systematischer Aufarbeitung der Literatur und methodologischer Forschung erwachsendes tieferes „Verstehen“. In den Veröffentlichungen aus der damaligen Zeit über den Eifersuchtswahn, über Methoden der Intelligenzprüfung und den Begriff der Demenz (1910), über Trugwahrnehmungen (1912), über Zusammenhänge zwischen Schicksal und Psychose bei der Schizophrenie (1913) wird bereits seine besondere Befähigung zur Methodologie deutlich, die aus ernster Beschäftigung mit der Philosophie erwächst und auf sie verweist (Gesammelte Schriften zur Psychopathologie, 1963). Nachdem J. als Ergebnis umfassender Studien eine „Allgemeine Psychopathologie“ (1913, 81965) veröffentlicht, die nicht dogmatisch Resultate herausstellt, sondern in Methoden einführt und die nicht durch theoretischen Systemzwang Ordnung herstellt, sondern durch methodologische Besinnung Überblick vermittelt und psychopathologisch zu denken lehrt, erfolgt der Durchbruch. Noch Jahre später betätigt J. sich durch Pathographien über Strindberg und van Gogh (1922, 31951) und über Nietzsche (1936, 31973) psychiatrisch.

    Um ein vertieftes Verständnis von Natur und Mensch zu gewinnen, beschäftigt sich J. zunehmend mit Philosophie und Philosophen. Aber stärker als Emil Lask, Heinrich Rickert und Edmund Husserl und ihre „Professorenphilosophie“ beeindruckt ihn Max Weber, dem er 1909 erstmals begegnet. Nach dessen Tod (1920) bekennt J. sich zu ihm als dem „leibhaftigen Philosophen unserer Zeit“ und bezeugt dessen universale Bildung, produktive Rationalität und personale Verläßlichkeit als Vorbild der Orientierung (Max Weber, 1932; Max Weber, Politiker, Forscher, Philosoph, 41958). J., 1913 für Psychologie in Heidelberg bei W. Windelband habilitiert (der sich als dafür unzuständig erklärte), beginnt eine Lehrtätigkeit, die immer stärker die psychologische Analyse philosophischer Grundeinstellungen, Weltbilder und Wertungen vorantreibt. Folgerichtig im Sinne seiner verstehenden Psychologie und orientierenden Methodologie rückt er in seinem zweiten Werk, einer „Psychologie der Weltanschauungen“ (1919, 61971), von vermeintlich zwingend allgemeingültigen Wahrheiten ab. Er entwirft vielmehr einen Organismus von Möglichkeiten, die der Vergewisserung eigener existentieller Entscheidungen dienen, aber die Freiheit des anderen nicht durch dogmatisch bindendes Wissen antasten. Auf der Suche nach dem, was „Philosophie“ angesichts der Wissenschaften heute noch sein kann, gerät J. in immer stärkeren Gegensatz zu Rickert, gegen dessen Widerstand er 1922 als Nachfolger Heinr. Maiers Ordinarius für Philosophie in Heidelberg wird. Unterstützung im Kampf mit der Professorenphilosophie und Freundschaft in der durch den Rickert-Kreis betriebenen Isolation findet J. bei Martin Heidegger, zugleich wegweisende Kritik an der philosophisch ungegründeten bisherigen psychologischen Betrachtungsweise.

    Konsequent beginnt J. in den 20er Jahren von vorn. Er durchdenkt vom Motiv ursprünglicher Philosophie aus, dem Durchbruch des Einzelnen durch das bloße Dasein zur Existenz, die Grundweisen der Existenz, die sich von der Transzendenz geschenkt weiß, und die Chiffern der Transzendenz, mögliche Formen der Beziehung von Existenz auf Transzendenz. Die Wissenschaft bürgt zwar für die Richtigkeit, nicht aber für die Wichtigkeit ihres Erkennens. Und Wissenschaftlichkeit ist zwar als Bedingung der Wahrhaftigkeit zugleich Bedingung der Vernünftigkeit, aber sie ist nicht Ursprung von Wahrheit. Weiteste Verbreitung findet 1931/32 die Quintessenz seiner inzwischen gereiften Philosophie, die im 1 000. Göschen-Bändchen unter dem Titel „Die geistige Situation der Zeit“ (1931, 121971) publiziert wird, bevor 1932 sein dreibändiges Hauptwerk erscheint, das er mit Bedacht und als Herausforderung „Philosophie“ betitelt (1932, 41973). Der Enthusiasmus des Forschers, dem wissenschaftliche Gewißheit unveräußerlich ist, kommt im 1. Band zum Ausdruck, zugleich die Erfahrung der Grenzen der Wissenschaft, durch die im 2. Band der Sinn für mögliche Existenz wieder geweckt und im 3. Band der Wille zur lebentragenden Philosophie im Blick auf Transzendenz und kritische Metaphysik wachgehalten wird. J. selbst nannte die „Philosophie“ sein liebstes Buch. Er zieht das Fazit seiner Erfahrungen in einer Formulierung, die zeigt, daß er sich zwar als Wissenschaftler verhält, der auf den Verstand pocht, aber als Philosoph sich nicht um die Vernunft bringen läßt, und daß er gnostizist. Scheinwissen gegenüber ebenso kritisch bleibt wie agnostizistischem Schein-Nichtwissen gegenüber. „Existenzphilosophie ist das alle Sachkunde nutzende, aber überschreitende Denken, durch das der Mensch er selbst werden möchte. Dieses Denken erkennt nicht Gegenstände, sondern erhellt und erwirkt in einem das Sein dessen, der sie denkt. In die Schwebe gebracht durch Überschreiten aller das Sein fixierenden Welterkenntnis (als philosophische Weltorientierung, 1. Bd.), appelliert es an seine Freiheit (als Existenzerhellung, 2. Bd.) und schafft den Raum eines unbedingten Tuns im Beschwören der Transzendenz (als Metaphysik, 3. Bd.) “. J. lehnt daher drei Auffassungsweisen ab: 1. den Wissenschaftstotalitarismus, der vermeint, alles, was ist, wissenschaftlich verfügbar machen zu können, 2. den Absolutismus jeder Philosophie, die glaubt, das, was ist, radikal begreifen zu können; und 3. den theologischen Dogmatismus, der sich am Umgreifenden des Seins der Transzendenz dadurch vergreift, daß er sie in Worte der Welt zu bannen sucht, die nicht mehr über sich hinausweisen. An den Grenzen des Wissens und des Machens und in den „Grenzsituationen“ von Schuld, Kampf, Tod scheitert der Mensch. Doch muß „scheitern“ nicht nur stranden und zerbrechen bedeuten, sondern kann die Einsicht in die Übermacht dessen auslösen, das dem Menschen seine Endlichkeit zum Bewußtsein bringt und ihn dadurch auf die Unendlichkeit des Umgreifenden ausrichtet.

    In der folgenreichen Periode 1933-45 ist J., selbst wenn ihn seine Aufrichtigkeit nach dem Krieg, als man sich wieder an ihm orientiert, zu dem Bekenntnis zwingt: „ich bin kein Held“, gegen den Strom geschwommen. Zwar durfte er noch bis 1938 veröffentlichen (Vernunft und Existenz, 1935, 51973; Nietzsche, 1936, 31973; Descartes und die Philosophie, 1937, 41966; Existenzphilosophie, 1938, 31964), wurde aber schon 1933 von der Universitätsverwaltung ausgeschlossen, 1937 gewaltsam in den Ruhestand (Wohnsitz Heidelberg) versetzt und ab 1943 mit Publikationsverbot ausdrücklich belegt. Für den Fall einer Verhaftung seiner jüd. Frau hatte J. Selbstmord mit Zyankali vorbereitet und letzte Anweisungen getroffen. J. hat in der Zeit des Nationalsozialismus zwar aus naheliegenden Gründen nicht am aktiven Widerstand teilgenommen, aber er hat redlich standgehalten und denkend widerstanden. 1946 bekennt er: „Daß wir leben, ist unsere Schuld“. Beim Wiederaufbau der Universität ist J. im Sinne seiner „Idee der Universität“ (1923, Neufassung 1946, 1961) maßgeblich tätig. Er gründet mit Dolf Sternberger als Forum der geistigen und moralischen Erneuerung die Zeitschrift „Die Wandlung“. In einer politischen Schrift „Die Schuldfrage“ (1946, wieder in: Hoffnung und Sorge, Schriften zur deutschen Politik 1945–65, 1965) übt er scharfe Kritik an der These von der Kollektivschuld der Deutschen, an deren Stelle er die politische Haftung setzt. Als J. Ansätze von Restauration und traditionalistischer Gesinnung wahrnimmt, wendet er seine Methode existentieller Erhellung auch gegenüber nationalen Tabus und auf dem politischen Feld an. Die These seiner Rede über „Unsere Zukunft und Goethe“ (1949) anläßlich der Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt im Jahr 1947, daß Goethe „wie eine Vertretung des Menschseins ist, ohne doch der Weg für uns zu werden, dem wir folgen können“, löst eine Welle von Verunglimpfungen aus, u. a. auch durch Ernst Robert Curtius. 1948 folgt J. einem Ruf an die Univ. Basel, was ihm sogar manche seiner Freunde als „Fahnenflucht“ verübelt haben. J. wollte nach Kräften der Ausarbeitung seines weitgesteckten Lebenswerkes dienen. So wie er seine letzte Vorlesung im Jahre 1937 mit den Worten endete: „Eine Vorlesung hört auf, das Philosophieren geht weiter“, bedeutet für ihn der Weggang von Heidelberg nach Basel „Ruhe und Freiheit und nichts als Philosophieren“.

    Nachdem J. 1947 noch in Deutschland den ersten Teil seiner auf vier Bände geplanten philosophischen Logik „Von der Wahrheit“ (21958) veröffentlicht hatte, begann er seine Tätigkeit in der Schweiz mit 5 Gastvorlesungen: „Der philosophische Glaube“ (1948, 51963). Der „philosophische Glaube“ vermag als philosophischer Glaube einerseits nicht und nie Bekenntnis zu werden und ist andererseits als philosophischer Glaube nicht der Gefahr eines Rückfalls in den Erkenntnis-Dogmatismus der vorkantischen Philosophie ausgesetzt. In den Basler Jahren, in denen er bis 1961 Vorlesungen hielt, publizierte er zahlreiche Werke: geschichtsphilosophische Erörterungen in „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“ (1949, 41963), Monographien über „Schelling“ (1955) und „Nikolaus Cusanus“ (1964/68), den 1. Band einer auf 3 Bände geplanten Weltgeschichte der Philosophie, „Die großen Philosophen“ (1957, 21959), eine religionsphilosophische Generalabrechnung in „Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung“ (1962, 21963)|und mehrere Bände, in denen seine zahlreichen Aufsätze und Vorträge vorgelegt wurden.

    Die letzten Jahre seines Lebens sind von einer außergewöhnlichen Intensität in der Auseinandersetzung mit politischen Problemen gekennzeichnet. Er bekennt sich zur Verpflichtung des Philosophen, als politischer Schriftsteller zu wirken, und er vertritt die These von der gegenseitigen Angewiesenheit von Philosophie und Politik im Hinblick auf die Bewährung der Philosophie und die Freiheit des Menschen. In solchem Sinne behandelte J. „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“ (1958, 51962), trug er zur Erhellung des deutschen Problems von „Freiheit und Wiedervereinigung“ (1960, wieder in: Hoffnung und Sorge, 1965) bei, erörterte er „Lebensfragen der deutschen Politik“ (1963), gab er seiner „Hoffnung und Sorge“ (1965) Ausdruck, stellte er schließlich die bange Frage „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ (1966) und replizierte er durch eine „Antwort“ (1967) auf die lautstarke Kritik an seinem politischen Engagement.

    Das achtbarste Wort über J. stammt von dem Archäologen Ludwig Curtius aus dem Jahre 1933: „Wenn ich nach den wenigen Menschen frage, die man das Gewissen Deutschlands nennen könnte, dann ist J. einer der ganz wenigen, ja vielleicht der einzige.“ J. selbst hat seine Biographie in den Satz zusammengefaßt: „Ich arbeite: ich tue sonst nichts.“ Er hat stets die Unvertretbarkeit des einzelnen Menschen verteidigt, und er appellierte an jeden Menschen um der Selbstverwirklichung möglicher Existenz willen. Indem er wieder ein Gespür für die Grunderfahrung des Menschen geweckt hat, daß der Mensch immer mehr ist, als er von sich weiß, hat er ihn offen gemacht für die Transzendenz, die ihn umgreift und ihm den Grund von allem offenbart. J. selbst hat gelebt als iatrós – philósophos – isótheos, als Arzt, als Philosoph und als dem Göttlichen Verbundener.|

  • Auszeichnungen

    Goethepreis d. Stadt Frankfurt a. M. (1947); Friedenspreis d. Dt. Buchhandels (1958); Erasmuspreis (1959); Friedensklasse d. Ordens Pour le Mérite (1964); Internat. Friedenspreis Lüttich (1965); zahlr. Ehrendoktorate u. Ehrenmitgliedschaften.

  • Werke

    Bibliogr. in: K. J., Werk u. Wirkung, hrsg. v. K. Piper, 1963 (P);
    Gesamtbibliogr. in Vorbereitung v. K. Kunert u. G. Gefken (Landesbibl. Oldenburg);
    K. J., Schicksal u. Wille, Autobiogr. Schr., hrsg. v. H. Saner, 1967, 21969 (mit Verweis auf weitere Schrr. autobiogr. Art);
    Rechenschaft u. Ausblick, Reden u. Aufsätze, 1951, 21958;
    Philos. u. Welt, Reden u. Aufsätze, 1958, 21963;
    Aneignung u. Polemik, Ges. Reden u. Aufsätze z. Gesch. d. Philos., hrsg. v. H. Saner, 1968;
    K. J., Provokationen, Gespräche u. Interviews, hrsg. v. dems., 1969;
    Chiffren d. Transzendenz (J.s letzte Vorlesung im SS 1961), hrsg. v. dems., 1970, 21972;
    H. Saner, Zu K. J.s Nachlaß, Ein vorläufiger Bericht (1969/71), in: K. J. in d. Diskussion, hrsg. v. dems., 1973;
    K. J. in Übers. 1961.

  • Literatur

    Gesamtbibliogr. in Vorbereitung v. K. Kunert u. G. Gefken;
    Philosophen d. 20. Jh., hrsg. v. P. A. Schilpp, 1957 (P);
    K. J. in Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten, dargest. v. H. Saner, 1970 (L, P); - Nekrologe:
    Gedenkfeier f. K. J. am 4.3.1969 in d. Martinskirche, Ansprachen geh. v. K. Rossmann, J. Hersch, L. Burckhardt, H.-J. Salmony, H. Arendt, H. Saner, unter Beifügung d. v. K. J. selbstverfaßten Nekr., 1969;
    H. Adler, Zum Hinscheid, v. K. J., in: Basler Nachr. v. 2.3.1969 (P);
    H.-J. Salmony, Abschied v. K. J., in: Nat.-Ztg. Basel v. 2.3.1969 (P);
    R. Wisser, Die Klarheit d. Sache, Zum Tode d. Philos. K. J., in: Publik v. 7.3.1969 (P);
    - R. Hochhuth, K. J. od. Die Lebensfreundlichkeit, in: Frankfurter Allg. Ztg. v. 20.2.1973;
    - Sprechplatten
    (u. a.): Wahrheit, Freiheit u. Friede, Aufnahme d. Rede in d. Frankfurter Paulskirche anläßl. d. Verleihung d. Friedenspreises d. Dt. Buchhandels 1958;
    Kants „Zum ewigen Frieden“, 1961; Rundfunk, Fernsehen (u. a.): Einführung in d. Philos., 12 Radiovorträge (Hess. Rundfunk), 1950, 15
    1973;
    Kleine Schule d. phil. Denkens, Vorlesungen, geh. im 1. Trimester d. Studienprogramms d. Bayer. Fernsehens (Herbst 1964), 1965, 41971;
    Porträtfilm (Norddt. Rundfunk, Regie: H. Reinhardt, 1966/67).

  • Autor/in

    Richard Wisser
  • Empfohlene Zitierweise

    Wisser, Richard, "Jaspers, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 362-365 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118557106.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA