Wolff, Helen (verheiratete)

Lebensdaten
1906 – 1994
Geburtsort
Vranska Banja (Serbien)
Sterbeort
Hanover (New Hampshire, USA)
Beruf/Funktion
Verlegerin
Konfession
katholisch
Namensvarianten

  • Mosel, Helene (geborene)
  • Wolff, Helen (verheiratete)
  • wolff, helen
  • Mosel, Helene (geborene)
  • mosel, helene

Vernetzte Angebote

Verknüpfungen

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Wolff, Helen (verheiratete), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142945.html#indexcontent [30.04.2026].

CC0

  • Wolff, Helen, geborene Helene Mosel

    | * 27.7.1906 Vranska Banja (Serbien), † 28.3.1994 Hanover (New Hampshire, USA), ⚰ Marbach/Neckar. (katholisch)

  • Genealogie

    V Ludwig (Louis) Mosel (1872–1950), aus Köln, Geschäftsmann in Serbien u. im Osman. Reich, etwa ab 1913 v. W.s M getrennt lebend in Konstantinopel u. Berlin, S d. Georg Carl (1841–1923), Kaufm. in|Camp/Rhein, u. d. Anna Katharina Welter (1841–1899), aus Köln;
    M Josephine (Josefa) (1875–1937, kath.), aus Fam. u. a. mit jüd. Vorfahren in Wien, T d. Heinrich Johann Fischhof (1847–1885), aus Wien, Bankbeamter, u. d. Maria Prikkel de Réthe (1849–1920), aus Bratislava;
    3 jüngere Geschw;
    London 1933 Kurt Wolff (s. 1);
    1 S Christian (* 1934), Dr. phil., Komp. (s. Gen. 1).

  • Biographie

    W. verbrachte ihre frühe Kindheit als zweites von vier überlebenden Kindern in Üsküb (heute Skopje, Nordmazedonien), damals Hauptstadt der osman. Provinz Kosovo. Nach dem ersten Balkankrieg floh die Mutter 1913 mit den Kindern nach Wien. Während des 1. Weltkriegs lebte W. in einem Mädchenpensionat in Berlin, dann in Bayern, wo sie bis 1923 als Externe und erste weibliche Schülerin das Landschulheim Schondorf besuchte.

    Nach dem Bankrott des Vaters arbeitete sie als Kindermädchen in Frankfurt/M. 1928 fand sie dank der in Schondorf geknüpften Beziehungen und ihres außergewöhnlichen Talents für Sprachen und Literaturen eine Anstellung im „Kurt Wolff Verlag“ in München. 1930 zog sie nach Paris und arbeitete erst in der dortigen Zweigstelle der „Pantheon Casa Editrice“, dann als Sekretärin in einer Zweigstelle des Völkerbunds, dem „Institut International de Coopération Intellectuelle“. Seit 1929 zunächst heimliche Lebensgefährtin Kurt Wolffs, plante sie – unter Pseudonym – eine schriftstellerische Karriere, die aber durch die nationalsozialistische Machtübernahme zunichte gemacht wurde.

    Noch vor der Reichstagswahl am 5.3.1933 verließ sie mit Kurt Wolff Berlin; sie heirateten in London und versuchten danach vergeblich, sich in der Schweiz niederzulassen.

    Ab Okt. 1933 lebten sie in der Nähe von Nizza, wo ihr Sohn Christian geboren wurde, den sie als franz. Staatsbürger eintragen ließen. 1935 kauften sie ein Anwesen bei Florenz das sie, wie schon das Haus in Nizza, als Gästehaus für Reisende aus Deutschland betrieben. 1938 gaben sie ihren dt. Paß für franz. Reisepapiere auf und zogen zurück nach Frankreich. In Paris arbeitete W. für die „Albatros Library“ sowie nach Kriegsbeginn, ohne Gehalt, für die Propagandaabteilung des franz. Informationsministeriums. Nur mit Mühe gelang es W. im Sommer 1940 nach kurzer Inhaftierung im Lager Gurs, sich mit der Familie wieder zu vereinigen. Im März 1941 emigrierte sie mit Mann und Kind mithilfe des Emergency Rescue Committees und Verpflichtungsgebern in die USA.

    W. gab nach ihrer Ankunft in New York Französischstunden und setzte ihre schriftstellerischen Versuche in engl. Sprache fort. Als Kurt Wolff Ende 1941 Finanzgeber fand und den kleinen Verlag „Pantheon Books“ gründete, wurde W. mit ihrem Sprach- und Organisationstalent Rückgrat und heimlicher Kopf des zunächst langsam wachsenden Unternehmens. Sie betreute die besonders einträgliche Jugendliteratur und die religiösen Bücher, schrieb den Großteil der engl. Texte und Korrespondenzen und prägte zunehmend auch den Anspruch des Verlags in Bezug auf das Programm. Hohe Qualität, eine universalistische Ausrichtung und Marktgängigkeit verbanden sich mit besonderer Vertrauenswürdigkeit, Zuverlässigkeit und Achtsamkeit im Umgang mit den Autoren. Auch wenn sie sich selbst konsequent im Hintergrund hielt und Kurt Wolff, ihrem traditionellen Geschlechterrollenverständnis entsprechend, immer den Vortritt ließ, waren die Akquise und der Erfolg des Welt-Bestsellers „Dr. Zhivago“ 1957/58 von Boris Pasternak gerade auch ihr Verdienst. Ende der 1950er Jahre wurden ihr Mann und sie durch durch eine Intrige aus ihrem Verlag gedrängt. Sie verließen New York im Mai 1959 und zogen in ein Hotel in Locarno (Schweiz), um näher bei ihren Autoren zu sein, ihre Lebenshaltungskosten zu reduzieren und Kurt Wolffs Gesundheit zu schonen.

    Im Sommer 1960 trennten sie sich endgültig von Pantheon Books.

    Wenige Monate später trat William Jovanovich, Präsident des Verlags „Harcourt Brace & World Inc.“, auf W. und Kurt Wolff zu mit dem Angebot eines eigenen Imprints unter dem Dach seines Verlags, das diese annahmen. Der Vertrag zwischen Jovanovich und den Wolffs galt für beide Ehepartner, aber auch für jeden allein und ermöglichte W., im Fall des Todes ihres Ehemannes das Verlagsprogramm allein weiterzuführen; das Imprint lautete „A Helen and Kurt Wolff Book“. In der Folge verließen fast alle Autorinnen und Autoren Pantheon und folgten den Wolffs zu Harcourt.

    Nach Kurt Wolffs Tod 1963 zog W. zurück nach New York und baute das Imprint zur wichtigsten Anlaufstelle für europ. Literatur in den Vereinigten Staaten auf. Die „Blechtrommel“ von Günter Grass (1927–2015) hatten Kurt Wolff und W. noch gemeinsam angeworben. Max Frisch (1911–1991), Uwe Johnson (1934–1984), Italo Calvino, Georges Simenon, Amos Oz, György Konrad, Umberto Eco und viele andere wurden erst durch W. in den USA bekannt gemacht; bei den Kontakten zu Autoren wie Johnson, Wystan Hugh Auden und Karl Jaspers (1883–1969) wurde ihr Hannah Arendt (1906–1975) Unterstützerin und Freundin.

    1982 zog W. sich nach Hanover (New Hampshire) zurück, um in der Nähe ihres Sohnes und ihrer Enkel zu leben. Weiterhin betreute sie ihre Autoren und überwachte einige Übersetzungen bis ins Detail, überließ das Tagesgeschäft jedoch der Übersetzerin und Lektorin Drenka Willen, die ihr in der Leitung des Imprints nachfolgte.

  • Auszeichnungen

    |Inter Nationes-Kulturpreis (1981);
    Goethe-Medaille (1985);
    Ehrenmitgl. d. American Ac. and Inst. of Arts and Letters (1985);
    Dr. h. c. (Mount Holyoke College 1985);
    Dr. h. c. (Dartmouth College 1986);
    Friedrich-Gundolf-Preis d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung (1994).

  • Werke

    |Ein Erlebnis in d. Wüste, in: Frankfurter Ztg. v. 3.1.1934, S. 9;
    Heimito v. Doderer, in: Books Abroad 42, 1968, S. 378 f.;
    Zur Buchmesse, Ausländ. Verl. schreiben f. d. SZ, Zw. Kettenläden u. Computern, Für anspruchsvolle dt. Lit. gibt es in d. USA nur e. kl. Leserschaft, in: SZ v. 13.10.1979, S. 16;
    H. W. im Gespräch mit Robert v. Berg, Dem Autor d.Treue halten, ebd. v. 30.5.1985, S. 15;
    Translator Extraordinary and Friend, Richard Winston, in: Translation Review, 8, 1982, H. 1, S. 7 f.;
    Gegenwärtige Erinnerungen, in: DU 10, 1992, S. 54 f. (P);
    Ich war f. ihn d. „alte Dame“, Ulrich Fries u. Holger Helbig sprachen mit H. W. über Uwe Johnson, in: Johnson-Jb. 2, 1995, S. 19–49;
    Hintergrund f. Liebe, Das Buch e.Sommers, hg. v. M. Detjen, 2020 (P);
    Korr.: Günter Grass, H. W., Briefe 1959–1994, hg. v. D. Hermes, 2003;
    H. W., Max Frisch, Briefwechsel 1984–1990, in: Sinn u. Form 1, 2012, S. 102–28;
    H. Arendt, Wie ich einmal ohne dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen, Briefwechsel mit d. Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil u. H. W., hg. v. I. Nordmann u. U. Ludz, 2017.

  • Literatur

    |H. Altenhein, „Liebste Frau Helene …“, H. W. scheidet aus d. verleger. Alltag, in: Börsenbl. f. d. Dt. Buchhandel 37, 1981, S. 3156 f.;
    H. Mitgang, Profiles, H. W., in: The New Yorker v. 2.8.1982, S. 41–73;
    R. E. Ziegfeldr, Exilautor/Exilverleger, Uwe Johnson u. H. W., in: D. G. Daviau u. L. M. Fischer (Hg.), Das Exilerlebnis, Verhh. d. 4. Symposiums über dt. u. österr. Exillit., 1982, S. 505–16;
    B. Basting, Lit. Lichtblick, Autoren wie Max Frisch, Uwe Johnson u. Günter Grass verdanken d. New Yorker Verl. H. W. ihre lit. Präsenz in den USA, in: Das Magazin, 9, 1994, S. 17–23 (P);
    E. Fahlke, „This smile, a hidden interest in a project“, Uwe Johnson u. seine amerik. Verl. H. W., in: Johnson-Jb. 2, 1995, S. 50–66;
    G. Grass, Nachruf auf H. W., vorgetragen in Leipzig am 30. April 1994, ebd., S. 13–18;
    C. Blattmann, „Welch e. Verlegerin! Wo hat es das jemals gegeben …“, H. W. als Vermittlerin europ. Kultur in Amerika, in: Leipziger Jb. z. Buchgesch. 9, 1999, S. 223–61;
    Ch. Stadelmayer Clemm, Erinnerungen an H. W., in: B. Weidle (Hg.), Kurt W., Ein Literat u. Gentleman, 2007, S. 192–97;
    M. Detjen, Kurt and H. W., in: Immigrant Entrepreneurship V, German-American Business Biographies, Dt. Hist. Inst. Washington DC, 2011 (P) (Internet);
    dies., Spiritual Companionship, Max Frisch u. H. W., in: Sinn u. Form 1, 2012, S. 91–101;
    dies., Privatheit u. Geschl. in d. Kulturverlagsgesch. d. 20. Jh. am Bsp. d. Verl.ehepaars Kurt u. H. W., in: Zentrum f. transdisziplinäre Geschlechterstud. (Hg.), Grenzziehungen v. „öffentlich“ u. „privat“ im neuen Blick auf d. Geschlechterverhältnisse, in: Bull. Texte 43, 2017, S. 182–94;
    dies., At my death, burn or throw away unread!“, z. Hintergrund d. Hintergrunds, in: H. W., Hintergrund f. Liebe, Das Buch e. Sommers, hg. v. ders., 2020, S. 119–215 (P);
    E. Ziegler, H. W. (1906–1994), d. Ideal-Verlegerin, in: dies., Buchfrauen, Frauen in d. Gesch. d. dt. Buchhandels, 2014, S. 129–35;
    Alexander Wolff, Endpapers, A Family Story of Books, War, Escape, and Home, 2021, dt. u. d. T. Das Land meiner Väter, Die dt.-amerik. Gesch. meines Großvaters Kurt Wolff, übers. v. M. Köpfer, 2021 (P).

  • Autor/in

    , Marion Detjen
  • Zitierweise

    Detjen, Marion, "Wolff, Helen, geborene Helene Mosel" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 430-432 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142945.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA