Lebensdaten
1872 – 1949
Geburtsort
Hohenheim bei Stuttgart
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Romanist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118770411 | OGND | VIAF: 7452809
Namensvarianten
  • Vossler, Karl Robert Heinrich
  • Vossler, Karl
  • Vossler, Karl Robert Heinrich
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Vossler, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118770411.html [22.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Otto v. V. (1831–1906, württ. Personaladel), aus Tübingen, 1860 Rentamtmann d. Herrschaft Plettenberg im Dienst d. G. Frhr. v. Cotta, 1865 Prof. d. Landwirtsch., 1884–96 Dir. d. Landwirtsch. Ak. H. (s. BJ XI, Tl.; E. Klein, Die akad. Lehrer d. Univ. Hohenheim 1818–1968, 1968; Biogr. Hdb. Pflanzen-|bau), S d. Christian v. V. (1786–1866, württ. Personaladel), aus Tuttlingen, Obertribunalrat in St., u. d. N. N. Schüle (1790–1867);
    M Anna (1846–1940), T d. Karl Faber, Kaufm. in St., u. d. Anna Bender;
    1) Rom 1900 Esterina (Esther) (1868–1922), T d. Domenico Gf. Gnoli (Ps. Dario Gaddi, Gina d’Arco, Giulio Orsini) (1838–1915 / 16), Lit.kritiker, Dichter, Kunsthist., 1880 Prof. f. ital. Lit. in Turin, 1881 Dir. d. Nat.bibl. in Rom (s. Poeti italiani del XX secolo, 1988), u. d. Giuseppina Angelini (1843–96), 2) München 1923 Emma (1887–1968, 1] Albert Heinrich Zeller, 1880–1918, aus Jerusalem), T d. Friedrich v. Thiersch (1852–1921), Architekt in M. (s. NDB 26), u. d. Auguste Eibler (1866–1948), aus Lindau, 2 S u. a. Otto (1902–87), o. Prof. f. Mittlere u. Neuere Gesch. in Leipzig u. Frankfurt/M., Mitgl. d. Sächs. Ak. d. Wiss. (o. 1942, korr. 1945, Sekr. d. phil.-hist. Kl. 1943–45), d. Frankfurter Hist. Komm. u. d. Dt. Gruppe d. P.E.N. (s. Biogr. Lex. Gesch. wiss.; HZ 247, 1988, S. 214–16), 1 T.

  • Biographie

    V. studierte seit 1891 / 92 Germanistik und Romanistik in Tübingen, Straßburg, Rom und Genf. 1897 wurde er in Heidelberg bei Max v. Waldberg (1858–1938) mit der germanist. Arbeit „Das dt. Madrigal, Geschichte seiner Entwicklung bis in die Mitte des XVIII. Jh.“ (gedr. 1898, Nachdr. 1972) zum Dr. phil. promoviert. Nach zweijähriger Assistentenzeit bei Fritz Neumann (1854–1934) in Heidelberg habilitierte er sich hier 1899 mit dem Thema „Poetische Theorien der ital. Frührenaissance“ (gedr. 1900) und wurde 1902 zum ao. Professor ernannt. 1909 wurde er als Ordinarius für Romanistik nach Würzburg berufen und wechselte 1911 nach München (Rektor 1926 / 27), wo er 1938 aus politischen Gründen vorzeitig emeritiert, aber 1946 kurzzeitig als Rektor in der Nachfolge des NS-belasteten Walter Wüst (1901–93) reaktiviert wurde.

    V. gehörte 1914 zu den Unterzeichnern des „Manifests der 93“, das die dt. Kriegsführung verteidigte, und nahm als Frontoffizier am 1. Weltkrieg teil. Die Niederlage 1918 und ihre Folgen bewirkten eine Abkühlung seiner positiven Einstellung zu Frankreich und Italien. In der Weimarer Republik engagierte sich V. als Antifaschist: Als Rektor in München sprach er sich gegen Nationalismus und Antisemitismus an den Hochschulen aus; 1932 unterschrieb er eine von Theodor Litt, Karl Jaspers u. a. eingebrachte Resolution, die Sanktionen gegen nationalsozialistische Störaktionen vorsah. Alfred Rosenberg hatte ihn bereits 1927 im „Völkischen Beobachter“ wegen seiner Kritik am Rassenhaß nationalsozialistischer Studenten angegriffen, was vermutlich der Grund für V.s vorzeitige Emeritierung war. In der NS-Zeit erwies sich V. Verfolgten und Emigranten gegenüber als loyaler Freund. Seine Anfang 1944 im Auftrag des Reichswissenschaftsministerium unternommene Vortragsreise durch Portugal und Spanien und seine Bereitschaft im Aug. 1944, die Leitung des Dt. Wissenschaftlichen Instituts in Madrid zu übernehmen, lassen sich als Zeichen seines Bedürfnisses deuten, NS-Deutschland wenigstens auf Zeit den Rücken zuzukehren.

    V. vertrat die Romanistik in ihrer ganzen Breite und war sowohl Sprachals auch Literaturwissenschaftler mit komparatistischen und philosophischen Interessen, obschon die meisten seiner Publikationen literaturgeschichtlich waren. Von bleibendem Wert sind seine in Fremdsprachen übersetzten und z. T. bis heute nachgedruckten Monographien und Aufsätze zu bedeutenden Dichtern der altprovenzal., ital. und franz. Literatur. Nach 1922 wandte sich V. verstärkt der span., seit einer Kubareise 1939 auch der lateinamerik. Literatur zu.

    Noch vor der Jahrhundertwende schloß V. Freundschaft mit dem ital. Philosophen Benedetto Croce, von der ein intensiver Briefwechsel zeugt. Auf Croces Spuren rechnete V. mit dem Positivismus der Junggrammatiker ab (Positivismus u. Idealismus in d. Sprachwiss., 1904). Im Gegensatz zu ihnen verstand er Sprache nicht mehr nur als Gefüge von Gesetzmäßigkeiten, sondern als Ausdruck des kreativen Geistes (Sprache als Schöpfung u. Entwicklung, 1905; Frankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprachentwicklung, 1913, ³1921, seit der 4. Aufl. 1929 u. d. T. Frankreichs Kultur u. Sprache; Geist u. Kultur in d. Sprache, 1925). V. publizierte zudem grundlegende Überlegungen zum Bildungsauftrag der Universität (1923) und lud Hugo v. Hofmannsthal 1927 zu einem Vortrag über „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ nach München ein, in dem dieser, auf V.s Ideen aufbauend, die verbindende Kraft von Sprache und Literatur für die Einheit des franz. Geisteslebens betonte.

    V., dessen letzte Lebensjahre von schwerer Krankheit überschattet wurden, galt schon zu Lebzeiten im In- und Ausland als einer der bedeutendsten Vertreter seiner Disziplin.

    Hugo Friedrich bezeichnete ihn als „weltmännisch, chevaleresk, witzig, souverän“; er habe, wie selten ein Gelehrter, „das schriftstellerische Geheimnis der Harmonie von Anschauung und Begriff“ beherrscht. V. verfügte über eine starke Ausstrahlung und scharte einen bedeutenden Schülerkreis um sich, zu dem so unterschiedliche Persönlichkeiten zählen wie Eugen Lerch, Victor Klemperer, Helmuth Hatzfeld, Hans Rheinfelder, Werner Krauss, Kurt Wais oder Hugo Friedrich. Die älteren Schüler widmeten ihm zu|seinem 50. Geburtstag 1922 eine Festschrift mit dem programmatischen Titel „Idealistische Neuphilologie“. Diese sollte sprachliche und literarische Phänomene nicht mehr unverbunden nebeneinander stehenlassen, sondern miteinander verknüpfen und geistesgeschichtlich erklären. – Ein nach V. benannter Preis wurde 1984–2002 jährlich alternierend mit dem Jean-Paul-Preis als Bayer. Literaturpreis vergeben, um, V.s Vermächtnis entsprechend, wissenschaftliche Leistungen von literarischem Rang zu ehren.

  • Auszeichnungen

    |o. Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1916) u. d. Ak. d. Wiss. zu Berlin (1949);
    korr. Mitgl. d. Ak. d. Wiss., Buenos Aires (1932), Wien u. Madrid (jeweils 1937);
    Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Kunst (1926);
    Komturkreuz d. span. Ordens Alfono X el Sabio (1944);
    Dr. h. c. (Dresden 1928, Halle 1949).

  • Werke

    Weitere W u. a. Die göttl. Komödie, übers. u. komm. v. K. V., 2 Bde., 1907 / 10, ²1925;
    Aus d. roman. Welt, 4 Bde., 1940–42;
    Luis de León, 1946;
    Briefwechsel Benedetto Croce – K. V., hg. u. übers. v. Otto Vossler, 1955;
    Die Roman. Welt, Ges. Aufss., Mit e. Vorw. v. H. Friedrich, 1965 (P);
    Bibliogr.: Th. Ostermann, Bibliogr. d. Schrr. K. V.s, 1897–1951, Mit e. Nachruf auf K. V., vorgel. v. H. Rheinfelder, 1951;
    Nachlaß: Bayer. Staatsbibl. München.

  • Literatur

    |U. Gumbrecht, Vom Leben u. Sterben d. gr. Romanisten, 2002, S. 24–48;
    F.-R. Hausmann, in: Württ. Biogrr. I, S. 288–90;
    ders., „Vom Strudel d. Ereignisse verschlungen“, Dt. Romanistik im „Dritten Reich“, 2008;
    B. Schlieben u. a. (Hg.), Gesch.bilder im George-Kr., Wege zur Wiss., 2004, S. 86–89, 250 u. 332;
    A. Guillemin, The Style of Linguistics, Aby Warburg, K. V., and Hermann Osthoff, in: Journ. of the Hist. of Ideas 69,4, 2008, S. 605–26;
    U. Maas, Verfolgung u. Auswanderung dt.sprach. Sprachforscher 1933–1945, Bd. 1, 2010, S. 840–48;
    A. M. Kalkhoff, Roman. Philol. im 19. u. frühen 20. Jh., 2010;
    K. Nonnenmacher, K. V. et la littérature française, in: W. Asholt u. D. Alexandre (Hg.), France – Allemagne, regards et objets croisés, 2011, S. 225–40;
    Drüll, Heidelberger Gel.lex. I;
    Lex. grammaticorum;
    Geist u. Gestalt, Erg.bd.;
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    Munzinger.

  • Porträts

    |Photogrr. (Univ.archiv Heidelberg, Bildarchiv);
    Bronzebüste v. H. Wimmer, 1936 (Köln, Mus. Ludwig);
    Photogr. v. Th. Hilsdorf e. Ölgem. v. V. als Rektor v. P. Hirsch, 1926 / 27 (Univ.archiv d. LMU) u. Replik dess. (Privatbes.), s. Die Herren d. Kette, Rektorenporträts an d. LMU, hg. v. M. Memmel u. G. Wimböck, 2011, S. 12, 21 u. 31.

  • Autor/in

    Frank-Rutger Hausmann
  • Zitierweise

    Hausmann, Frank-Rutger, "Vossler, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 134-136 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118770411.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA