Wiese, Benno von

Lebensdaten
1903 – 1987
Geburtsort
Frankfurt/Main
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Germanist ; Literarhistoriker ; Hochschullehrer ; Philologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118632590 | OGND | VIAF: 2484269
Namensvarianten

  • Wiese und Kaiserswaldau, Benno Georg Leopold von
  • Wiese, Benno von
  • Wiese und Kaiserswaldau, Benno Georg Leopold von
  • Kaiserswaldau, Benno von Wiese und
  • Kaiserswaldau, Benno von
  • Wiese, Benno v.
  • Wiese, B. von
  • Wiese und Kaiserswaldau, Benno von
  • Von Wiese, Benno
  • Von Wiese und Kaiserswaldau, Benno
  • Wiese und Kaiserswalden, Benno von
  • Wiese und Caiserswaldau, Benno Georg Leopold von
  • Caiserswaldau, Benno von Wiese und
  • Caiserswaldau, Benno von
  • Wiese und Caiserswaldau, Benno von
  • Von Wiese und Caiserswaldau, Benno
  • Wiese und Caiserswalden, Benno von

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Zitierweise

Wiese, Benno von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632590.html [11.01.2026].

CC0

  • Wiese, Benno Georg Leopold von

    | Germanist, * 25.9.1903 Frankfurt/Main, † 31.1.1987 München. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Leopold (s. 1);
    M Johanna (Hanna) v. Gersdorff;
    1931 Ilse v. Gavel (* 1907), aus schwed. Adelsfam. (?);
    1 S Peter v. W. (1932–2001), Schausp., Theaterregisseur, 1 T Christiane Kashin (* 1935), Lektorin, Schriftst., Übers. (s. Kosch, Lit.-Lex.³, Erg.bd. V).

  • Biographie

    W. wuchs in Köln und seit 1920 in Görlitz auf. Nach dem Abitur am dortigen Reform-Realgymnasium 1923 studierte er Soziologie, Literatur und Philosophie in Leipzig (1923/24, 1924/25), Wien (1924) und Heidelberg (1925–27), u. a. bei Alfred Weber (1868–1958), Friedrich Gundolf (1880–1931) und Karl Jaspers (1883–1969). 1927 wurde er bei Jaspers mit der Arbeit „Friedrich Schlegel, Ein Beitrag zur Geschichte der romantischen Konversionen“ (gedr. 1927) zum Dr. phil. promoviert. Anschließend verbrachte er ein Studienjahr als Stipendiat in Berlin und habilitierte sich 1929 bei Oskar Walzel (1864–1944) in Bonn mit einer unveröffentlichten Arbeit über J. G. Herder. 1932 wurde W. auf eine ao. Professur für Literaturgeschichte nach Erlangen berufen; 1943 wechselte er als o. Professor nach Münster (Dekan 1950/51). Seit 1957 lehrte er Neuere deutsche Sprache und Literatur in Bonn (em. 1970). Rufe nach Tübingen (1954) und Bloomington (Indiana, 1968) lehnte er ab. 1943 zur Wehrmacht einberufen, wurde er 1944 aufgrund des Führererlasses „Sonderelbe“ „uk“ gestellt.

    Der ursprünglich idealistisch und geistesgeschichtlich orientierte Literaturwissenschaftler W. bezog in der Anfangsphase des Nationalsozialismus nationalpatriotische und völkische Positionen (Mitgl. d. NSDAP u. d. Nat.sozialist. Lehrerbunds 1933, d. Nat.sozialist. Volkswohlfahrt 1934; Lektor d. Rosenbergschen Schrifttumskomm. 1936 oder 1938), mit denen er seine „Selbstgleichschaltung“ signalisierte und über die enge Freundschaften mit Richard Alewyn (1902–1979) und Hannah Arendt (1906–1975) zerbrachen. In „Die Dramen Schillers, Politik und Tragödie“ (1938) finden sich erstmals Einzelinterpretationen, deren strenge Werkorientierung aus der Entstehungszeit des Werks heraus sich der im Nationalsozialismus vorherrschenden ideologisch-determinierten Literaturwissenschaft zumindest formal entzog. Im Nachwort konzipierte W. eine Geschichtsdeutung vom tragischen Grundkonflikt der Deutschen, die er 1948 in „Die deutsche Tragödie von Lessing bis Hebbel“ (2 Bde., neubearb. Aufl. in 1 Bd., 1952, ⁸1973, Neuausg. 1983) weiter entfaltete.

    W. wurde 1948 in Münster als „Mitläufer ohne Vermögenssperre“, nach Einspruch 1950 als „unbelastet“ entnazifiziert. Werkimmanente Interpretation und tragische Geschichtsdeutung erlaubten es ihm, literaturwissenschaftliche Kontinuitäten und Qualitätsstandards über die NS-Zeit hinweg zu konstruieren und so auch sein eigenes Werk zu legitimieren.

    Mit dem Buch über „Die deutsche Tragödie (…)“, das lange Zeit ein Standardwerk für Hochschul- und Gymnasiallehrer war, sowie den Monographien „Eduard Mörike“ (1950, Neuaufl. 1979), „Friedrich Schiller“ (1959, ⁴1978) und „Karl Immermann, Sein Werk und sein Leben“ (1969) vollzog sich W.s Aufstieg zu einem der einflußreichsten Literaturwissenschaftler der Bundesrepublik. Einen Namen machte sich W. auch als Herausgeber umfangreicher Editionen und Aufsatzsammlungen zu allen damals favorisierten Genres des literarischen Kanons: Dazu gehörten u. a. renommierte Projekte wie die Weiterführung von Theodor Echtermeyers (1805-44) „Deutschen Gedichten“ (1954, ¹¹1968) und Bände mit Modellinterpretationen, die Einsatz in der universitären Lehre fanden (Die dt. Novelle v. Goethe bis Kafka, Interpretationen, Bd. 1: 1956, ¹⁰1971, Bd. 2: 1962, ⁴1965; Die dt. Lyrik, Form u. Gesch., Interpretationen, 1956, ³1959 u. ö.; Das dt. Drama, Vom Barock bis z. Gegenwart, Interpretationen, 2 Bde., 1958, ⁶1968). Aufgrund dieser Sammelwerke wird W. neben Wolfgang Kaiser (1906–1960) und Emil Staiger (1908–1980) oft als Vertreter der „Werkimmanenten Methode“ bezeichnet, die einen vermeintlich interesselosen Gegenpol zur Politisierung des Fachs während des Nationalsozialismus und dann seit den 1960er Jahren gebildet habe. Zutreffend ist, daß W. Bezüge zur Gegenwart des Interpreten aussparte, allerdings verband er die Werkanalyse stets mit geistesgeschichtlichen Untersuchungen.

    Als herausragender Vertreter der dt. Literaturwissenschaft wurde W. zu internationalen Gastprofessuren (Indiana Univ., Bloomington 1954, Princeton 1955, Minneapolis 1967) und Vorträgen eingeladen und mit prestigeträchtigen Herausgeberaufgaben (Schiller Nat.ausg., 1961–78; ZDP, seit 1961) betraut.

    Wissenschaftspolitisch wirkte er als Mitglied der Jury zur Verleihung des Rudolf Alexander Schröder-Preises (Bremen 1956–59), des Programmbeirats des Westdt. Rundfunks (1956–68) und als Mitarbeiter der Filmbewertungsstelle (Wiesbaden 1958–60). 1964 wurde W. zum Vorsitzenden des Germanistenverbands gewählt. In seine Amtszeit fällt die v. a. von Walther Killy (1917–1995), W.s Schüler Karl Otto Conrady (1929–2020) und Peter Demetz (* 1922) angestoßene, ausgedehnte und in überregionalen Zeitungen ausgetragene Auseinandersetzung der bundesdt. Germanistik mit ihrem NS-Erbe, an der sich W. mit seinen von Arendt scharf kritisierten „Bemerkungen zur ‚unbewältigten Vergangenheit‘“ (in: Die Zeit v. 25.12.1964, S. 9 f.) be|teiligte. Anlaß für W.s Beitrag war die Wahl von Hugo Moser (1909–1989) zum Rektor der Univ. Bonn, dessen NS-Vergangenheit Walter Boehlich (1921–2006) aufgedeckt hatte.

    Im Gegensatz zu Germanisten, die sich um eine generationenübergreifende Besinnung auf die Grundlagen des Fachs bemühten – u. a. Conrady sowie Alewyn, mit dem W. sich nach 1945 ausgesöhnt hatte –, betrachtete W. den Konflikt als persönliche Auseinandersetzung zwischen akademischen Lehrern und Schülern. Seine mangelnde Reflexionsbereitschaft und Personalisierung des Konflikts bestimmten auch den Münchner Germanistentag 1966, auf dem sich W. als Vorsitzender um eine gemeinsame, einigende Abschlußerklärung bemühte, während die Mehrheit der Germanisten eine intensive Aufarbeitung der Fachgeschichte forderte, die in der Folge auch an den Universitäten betrieben wurde.

    Die von W. als „Verrat“ empfundene Abkehr mancher Freunde und Schüler sowie eine wachsende Resignation gegenüber dem Zeitgeschehen bestimmten den Ton seiner Abschiedsvorlesung (1970) und seiner Autobiographie „Ich erzähle mein Leben“ (1982).

    W. lebte seit 1984 in München. Zu seinen Schülern zählen u. a. Heinz Hillmann (1938–2007), Norbert Oellers (* 1936) und Albrecht Schöne (* 1925).

  • Auszeichnungen

    |ausw. Mitgl. d. Erfurter Ak. Gemeinnütziger Wiss. (1933);
    Vors. d. Droste-Ges. (1948);
    Mitgl. d. AG f. Forsch. d. Landes NRW (1964–1987, seit 1970 Rhein.-Westfäl. Ak. d. Wiss.);
    – Gr. Nordrhein-Westfäl. Kulturpreis (1957);
    Dr. of Human Letters h. c. (Univ. Chicago 1967);
    Gr. BVK (1979).

  • Werke

    |Das Bild d. Krieges in d. dt. Lit. d. Gegenwart, in: Zs. f. dt. Bildung 6, 1930, S. 8–15;
    Volkstum u. Gesch. b. Herder, ebd. 10, 1934, S. 465–74;
    Pol. Dichtung Dtld.s, 1931, Das Humanitätsideal in d. dt. Klassik, in: German.-Roman. Mschr. 20, 1932, S. 321–33;
    Dichtung u. Volkstum, 1933;
    49 Thesen z. Neugestaltung dt. Hochschulen (mit F. R. Scheid), in: Volk im Werden 2, 1933, S. 13–21;
    Schillers Werke, 1936/37 (Hg.);
    Herder, Grundzüge seines Weltbildes, 1939;
    Hebbel, Werke, 9 Bde., 1941 (Hg.);
    Christian Friedrich Grabbe, 2 Bde., 1943 (Hg.);
    Dt. Dramaturgie vom Barock bis z. Klassik, 1956, ⁴1979 (Hg.);
    Der Mensch in d. Dichtung, 1958;
    Dtld. erzählt, Sechsundvierzig Erzz., 4 Bde., 1962–75 (Hg.);
    Zw. Utopie u. Wirklichkeit, Stud. z. dt. Lit., 1963;
    Der dt. Roman, Vom Barock bis z. Gegenwart, 2 Bde., 1963;
    Geistesgesch. oder Interpretation, Bemm. z. Lage d. zeitgenöss. dt. Lit.wiss., in: Die Wiss. v. dt. Sprache u. Dichtung, FS F. Maurer, hg. v. S. Gutenbrunner u. a., 1963, S. 239–61;
    Signaturen, Zu Heinrich Heine u. seinem Werk, 1976;
    Perspektiven, 2 Bde., 1978/79;
    Bibliogr. u. Verz. d. Nachlaßbestände: K.-D. Rossade, 2007, s. L.

  • Literatur

    |H. J. Schrimpf (Hg.), Lit. u. Ges., FS B. v. W., 1963 (W);
    P. Demetz, Kritiker auf dem Lehrstuhl, Eine Antwort an B. v. W., in: Sprache im techn. Za. 9/10, 1964, S. 825–28;
    V. J. Günther u. a. (Hg.), Unterss. z. Lit. als Gesch., FS B. v. W., 1973 (W);
    Stud. z. dt. Lit.gesch. u. Gattungspoetik, FS B. v. W. (ZDP Sonderh.), 1978 (W, P);
    K. Repgen u. a., In Memoriam B. v. W., Reden, 1987;
    K. O. Conrady, Miterlebte Germanistik, Ein Rückblick auf d. Zeit vor u. n. d. Münchner Germanistentag v. 1966, in: Diskussion Deutsch 100, 1988, S. 126–43;
    G. Lauer, in: Wiss.gesch. d. Germanistik in Porträts, hg. v. C. König u. a., 2000, S. 221–27;
    K. D. Rossade, „Dem Zeitgeist erlegen“, B. v. W. u. d. NS, 2007 (Briefe; W;
    Verz. d. Nachlaßbestände, d. Promotionen u. d. Vorlesungen);
    Erlanger Stadtlex.;
    Frankfurter Biogr.;
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    Internat. Germanistenlex. (W, L);
    Munzinger;
    zur Fam.: Gotha. Geneal. Tb. d. Uradeligen Häuser 11, 1910, S. 814;
    ebd. 24, 1923, S. 266.

  • Autor/in

    Klaus-Dieter Rossade
  • Zitierweise

    Rossade, Klaus-Dieter, "Wiese, Benno Georg Leopold von" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 98-100 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632590.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA