Lebensdaten
1870 – 1954
Geburtsort
Oerlinghausen (Kreis Lippe)
Sterbeort
Heidelberg
Beruf/Funktion
Frauenrechtlerin ; Politikerin ; Publizistin
Konfession
-
Namensvarianten
  • Schnitger, Marianne (geborene)
  • Weber, Marianne (verheiratete)
  • weber, marianne
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Zitierweise

Weber, Marianne (verheiratete), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz139266.html [29.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Eduard Schnitger (1844–1903), Dr. med., Arzt 1869 in O., 1873 in Lemgo, später in Lage/Werre, S d. Karl (1809–69), 1848 Red. d. „Lipp. Volksbl.“, 1836 Rektor d. Schule in Horn, 1836 Lehrer am Gymn. in Lemgo, 1868 Rektor dess., 1852 Prof., Vf. v. „Kleine Schulgeogr., Heimatskde. d. Fürstenthum’s Lippe“, 1869 (s. Die Rev. 1848 / 49 in Westfalen u. Lippe, hg. v. W. Reininghaus, 1999, bes. S. 117, 126 u. 131 f.), u. d. Friederike Dorothe Lindemann, erzog W. ab 1873;
    M Anna (1851–73), T d. Carl David Weber (1824–1907), aus Bielefeld, Textilfabr., Mitinh. d. Fa. Weber, Laer & Niemann in Bielefeld, Gründer d. Fa. Carl Weber in O. z. Herstellung v. Feinleinen, ließ ebd. d. Mariannenstift errichten (s. Gen. 2), u. d. Marianne Niemann (1831–89);
    Ur-Gvm Karl August Weber (1796–1872), Leinenhändler in Bielefeld (s. Gen. 2); Carl(o) Weber (1858–1923, Emilie Brassert, 1860–1949, Mitarb. d. Stadtverw. in Charlottenburg f. d. Armenwesen, gründete d. Charlottenburger Hauspflegever.), Fabr., leitete mit Bruno Möller (s. u.) d. väterl. Leinenweberei in O., Tante-v Florentine Schnitger (1840–1907), Lehrerin, Vorsteherin d. Höheren Töchterschule in Lemgo, Dechantin, Marie Schnitger (1850–1913), Lehrerin in London, dann an d. Höhe-|ren Töchterschule in Lemgo, Vf. d. Progr. z. Feier d. 25j. Bestehens dieser Schule, 1898, beide erzogen W. ab 1873, Tante-m Hertha Weber (1853–1934, Karl Möller, 1837–1918, Dr. phil., Bergbautechniker, Lederfabr., GKR, S d. Friedrich Wilhelm Möller, 1805–78, Industr., s. NDB 18), Alwine Weber (1855–1936, Bruno Müller, 1848–1913, Leinenfabr., mit Carl Weber u. seinen Söhnen Georg u. Richard Müller Leiter d. Leinenweberei Carl Weber & Co. in O., B d. Wilhelm Müller, s. u.), Eleonore (1861–1948, Wilhelm Müller, 1850–1915, Gen.major, B d. Bruno Müller, s. o.);
    jüngere Schw;
    Oerlinghausen 1893 Max Weber (s. 2);
    3 Adoptiv-S seit 1928 Albert W.-Schäfer (1905–73), Ing., Max W.-Schäfer (1908–98), Ing., Hermann W.-Schäfer (1911–29), 1 Adoptiv-T seit 1928 Clara W.-Schäfer, verh. Brandt (1902–89), alle seit 1922 unter W.s Vormundschaft (alle s. Gen. 2).

  • Biographie

    W. wuchs nach dem Tod der Mutter bei der Großmutter und den Tanten Florentine und Marie Schnitger in Lemgo auf. Nach dem Besuch der dortigen Töchterschule und der Höheren Töchterschule in Hannover ging sie 1891 zu Verwandten ihrer Mutter nach Berlin, wo sie Malunterricht, u. a. bei Marie Davids (1847–1905) nahm und sich in Max Weber, den ältesten Sohn des Hauses, verliebte. Nach der Heirat 1893 und dem Umzug nach Freiburg (Br.) 1894 erarbeitete sie sich durch Selbststudium und den Besuch von Vorlesungen Heinrich Rickerts (1863–1936) den Zugang zu Wissenschaft und höherer Bildung. Seit dem Umzug nach Heidelberg 1897, wo sie Vorlesungen bei Paul Hensel (1860–1930), Ernst Troeltsch (1865–1923), Emil Lask (1875–1915), Wilhelm Windelband (1848–1915) und ihrem Mann hörte, verstärkte sie ihr Engagement in der bürgerlichen Frauenbewegung, auch als Vorsitzende des von ihr hier 1897 mitgegründeten Vereins „Frauenbildung und Frauenstudium“ und seit 1900 als Vorstandsmitglied des „Bundes deutscher Frauenvereine“, dessen Vorsitz sie 1919–23 als Nachfolgerin Gertrud Bäumers (1873–1954) innehatte. 1898 begann W. auf Anregung Rickerts, eine Dissertation anzufertigen. Diese wurde – nach dem Beschluß der phil. Fakultät der Univ. Freiburg 1899, keine Frauen ohne Abitur zur Promotion zuzulassen – nicht angenommen, erschien aber unter dem Titel „Fichte’s Sozialismus und sein Verhältnis zur Marx’schen Doktrin“ in den „Volkswirtschaftlichen Abhandlungen der Badischen Hochschulen“ (1900, ²1925). In ihrem Hauptwerk „Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung“ (1907, Neudr. 1971, 1989) entfaltete W. eine methodisch reflektierte universalhistorische Sicht der rechtlichen Stellung der Frau, um das Eherecht des Bürgerlichen Gesetzbuchs als patriarchalisch erweisen und zugunsten vermögensrechtlicher Gleichberechtigung der Frauen, einvernehmlicher Ehescheidung ohne Schuldabwägung und Gütertrennung kritisieren zu können. Auch forderte sie die umfassende rechtliche Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern. Ein Recht auf Abtreibung lehnte sie jedoch ab, auch aus religiösen Gründen. In ihrem bildungsprotestantischen „Kulturfeminismus“ (M. R. Lepsius) verknüpfte sie liberale Ideen von autonomer Persönlichkeit und freier Eigenverantwortung mit konkreten Forderungen nach einem Recht auf Berufstätigkeit von Frauen, Zugang zur Universität und Gleichberechtigung in allen Bildungsinstitutionen. Zeitgenössische Programme freier Liebe verwarf sie in Idealisierung der Ehe als einer durch dauerhafte sexuelle Ausschließlichkeit geprägten partnerschaftlichen Liebesbeziehung. Auch kritisierte sie mutterrechtliche Vorstellungen. Wie ihr Mann trat die liberale Nationalistin 1918 in die Deutsche Demokratische Partei ein, für die sie 1919 ein Mandat für den Landtag der Republik Baden errang. In dessen konstituierender Sitzung hielt sie im Jan. 1919 als erste Frau überhaupt eine Rede. Als ihr Mann im Juni 1919 einem Ruf an die Univ. München folgte, legte sie ihr Mandat im Okt. 1919 nieder, um mit ihm in die bayer. Landeshauptstadt ziehen zu können.

    Nach dem Tod ihres Mannes erschloß W. dessen Nachlaß, bat Freunde und Kollegen um die Zusendung seiner Briefe, gab Sammelbände seiner Schriften, z. B. „Gesammelte politische Schriften“ (1921, ⁵2016) oder „Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre“ (1922, ⁷1988), und seine „Jugendbriefe“ (1936, japan. 1995) heraus, ordnete und edierte nachgelassene Manuskripte, insbesondere zu „Wirtschaft und Gesellschaft“ (1921 / 22), und schrieb das seine Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart hinein stark prägende „Lebensbild“ (1926, ³1984, engl. 1975, ital. 1995, span. 1995, 1998, portugies. 2003, russ. 2007, chines. 2014). Auch führte die nun religiös schwärmerische Sinnsucherin W., die einige Jahre im „Köngener Bund“ des Tübinger Indologen und Religionswissenschaftlers Jakob Wilhelm Hauer (1881–1962) vom „selbständigen Erleben Gottes“ jenseits aller kirchlichen Dogmatik fasziniert war, die einst mit ihrem Mann in der Ziegelhäuser Landstraße 17 begründete Tradition gebildeter Geselligkeit fort und versammelte liberale Professoren der Universität, darunter auch ihr Schwager Alfred Weber und der Neutestamentler Martin Dibelius (1883–1947) sowie jüngere Intellektuelle wie Arnold Bergstraesser (1896–1964), Karl Jaspers (1883–1969) |oder Golo Mann (1909–94), regelmäßig zu anspruchsvollen Vorträgen um sich.

  • Auszeichnungen

    |Dr. iur. h. c (Heidelberg 1922).

  • Werke

    W u. a. Beruf u. Ehe, Die Beteiligung d. Frau an d. Wiss., 2 Vortrr., 1906;
    Vom Typenwandel d. studierenden Frau, 1918;
    Frauenfragen u. Frauengedanken, Ges. Aufss., 1919;
    Die soz. Not d. weibl. Angestellten, 1928 (mit M. Hellersberg);
    Die Ideale d. Geschlechtergemeinschaft, 1929;
    Die Frauen u. d. Liebe, 1936;
    Erfülltes Leben, 1946;
    Lebenserinnerungen, 1948, Nachdr. 2004;
    Hg.: Max Weber, Ges. Aufss. z. Soz.- u. Wirtsch.gesch., 1924;
    Briefe: Wege e. Freundschaft, Briefwechsel Peter Wust, M. W. 1927–1939, hg. v. W. Th. Cleve, 1951;
    Frauen auf d. Flucht, aus d. Nachlaß v. Max u. M. W., hg. v. M. W.-Inst. Oerlinghausen, 2005.

  • Literatur

    L Nachrufe: E. Nowack, in: FAZ v. 15. oder 16. 3. 1954;
    M. Baum, in: Ruperto-Carola Mitt. 6, Nr. 13 / 14 v. 4. 6. 1954, S. 46 f.;
    – Der M. W.-Kreis, Festgabe f. Georg Poensgen, 1958 (Privatdruck);
    G. Roth, M. W. u. ihr Kr., Einl., in: M. W, Max Weber, Ein Lb., Mit e. Essay v. dems., 1989, S. IX–LXXI;
    ders., M. W. als lib. Nationalistin, in: Heidelberg 1945, hg. v. J. C. Heß u. a., 1996, S. 310–26;
    ders., Max Webers dt.-engl. Fam.gesch. 1800–1950 mit Briefen u. Dok., 2001;
    K. Hönig, Der Bund Dt. Frauenver. in d. Weimarer Rep. 1919–1932, 1995;
    F. W. Graf, Martin Dibelius über d. Zerstörung d. Bürgerlichkeit, in: Zs. f. neuere Theol.gesch. 4, 1997, S. 114–53;
    Th. Wobbe, M. W. (1870–1954), Ein anderes Labor d. Moderne, in: Frauen in d. Soziol., Neun Portraits, hg. v. C. Honegger u. Th. Wobbe, 1998, S. 153–77, 305–11 (Anm.), 356–62 (Bibliogr.);
    Ch. Krüger, Max u. M. W., Tag- u. Nachtansichten e. Ehe, 2001;
    B. Meurer (Hg.), M. W., Btrr. z. Werk u. Person, 2004;
    dies., M. W., Leben u. Werk, 2010 (W-Verz., L, P);
    dies., Max u. M. W. u. ihre Beziehung z. Oerlinghausen, 2013;
    E. Hanke, „Max Webers Schreibtisch ist nun mein Altar“, M. W. u. d. geistige Erbe ihres Mannes, in: K.-L. Ay u. K. Borchardt (Hg.), Das Faszinosum Max Weber, Die Gesch. seiner Geltung, 2006, S. 29–51, engl. in: Hist. of European Ideas 35, 2009, S. 349–59;
    G. Vieira da Mata, O ideal e sua forma, Casamento e condição feminina na sociologia de M. W., 2017;
    RGG⁴;
    Baden-Württ. Biogrr. II;
    DBE;
    HRG;
    Wedel, Autobiogrr. Frauen.

  • Porträts

    |Ölgem v. M. Davids, 1896 (Kurpfälz. Mus. d. Stadt Heidelberg).

  • Autor/in

    Friedrich Wilhelm Graf
  • Zitierweise

    Graf, Friedrich Wilhelm, "Weber, Marianne" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 477-479 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz139266.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA