Lebensdaten
1897 bis 1945
Geburtsort
Rheydt (Rheinland)
Sterbeort
Berlin (Selbstmord)
Beruf/Funktion
Propagandaminister ; NS-Politiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118540041 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Goebbels, Paul Joseph
  • Gebbel's, J.
  • Gebbelʹs, J.
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Zitierweise

Goebbels, Joseph, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118540041.html [26.09.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich (1867–1929), Handlungsgehilfe, Buchhalter, zuletzt Prokurist d. Dochtmanufaktur W. H. Lennartz in R., S d. Ackerers Conrad u. d. Gertrud Marg. Roßkamp; M Maria Cath. (1869–1953), T d. Schmieds Michael Oldenhausen in Waubach/Holland u. d. Joh. Maria Coervers; Severin b. Parchim 1931 Magda (1901–45), gesch. 1929 v. Günther Quandt ( 1954), Textilindustrieller, T d. Auguste Behrend (heiratet nach Scheidung d. jüd. Kaufm. Friedländer) (Magda wurde 1920 v. 1. Ehemann ihrer Mutter, Dipl.-Ing. Oskar Ritschel, adoptiert); 1 S, 5 T ( 1945); Stief-S Harald Quandt (* 1921), Industrieller.

  • Leben

    G. Vater brachte es in jahrzehntelanger fleißiger Arbeit vom Laufjungen zum Büroangestellten und schließlich zum Prokuristen G. ältere Brüder, Konrad und Hans, mußten mit der Sekundareife aus der Schule, aber für den begabten jüngsten Sohn Joseph wurde Pfennig um Pfennig gespart, um ihm das Abitur am Gymnasium Rheydt und die Aufstiegschancen eines Akademikers zu ermöglichen. Eine solchermaßen ehrgeizbesessene Jugendentwicklung war für die Charakterbildung von G. nicht minder richtunggebend als eine Fußerkrankung, die den Vierjährigen befiel, eine Operation erforderlich machte und eine lebenslängliche Gehbehinderung verursachte. Die psychologische Folge war ein durch übersteigerte Arroganz kompensierter Minderwertigkeitskomplex. Wahllos lesend, was ihm zufiel – mit Vorliebe, seit ihm das Schlagwort „Wissen ist Macht“ bewußt ward, ein altes Konversationslexikon –, galt G. bei den Mitschülern als „Streber“, war nicht sonderlich beliebt, brillierte jedoch in der Schule. Daß der „Krüppel“, im Gegensatz zu den meisten seiner Mitschüler, 1914 als Kriegsfreiwilliger abgelehnt wurde, wurmte ihn tief. Immerhin konnte er nun studieren, in den ersten 6 Semestern dank einem zinsfreien Darlehn von jeweils circa 180 Mark vom Kölner Albertus-Magnus-Verein. Bonn, Freiburg, Würzburg, München, Heidelberg – der häufige Wechsel der Universitäten bekundet die Ruhelosigkeit G. nicht minder als seine zwischen Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und anderen Disziplinen schwankenden Studienfächer. Er mußte sich sehr kümmerlich durchs Studium hungern, promovierte schließlich (1922) bei Max Freiherr von Waldberg in Heidelberg.

    G. hat den Literaturhistoriker Gundolf in Heidelberg ebenso verehrt wie einen jüdischen Rechtsanwalt in seiner Vaterstadt, mit dem er literarische Gespräche führte; oder wie die (halbjüdische) junge Dame, mit der er 4 Jahre lang verlobt war; mit ihrer sauberen Lehrerin-Handschrift kopierte sie die zahllosen Gedichte, Feuilletons, Essays, die immer wieder von Ullstein, Mosse und anderen „jüdischen“ Verlagen dem Autor zurückgeschickt wurden. In der solchermaßen wiederholt verletzten Autoreneitelkeit dieses gehemmten, sensiblen und maßlos ehrgeizigen Menschen lag eine Wurzel seines Antisemitismus, eine andere war krasser Opportunismus.

    Zunächst stand er der Politik sehr fern, fühlte sich durchaus als (verhinderter) Literat, wäre gern Dramaturg geworden oder Redakteur oder auch Bühnenregisseur. Er verfaßte ein Christusdrama und zahllose Gedichte, die nie gedruckt wurden; er schrieb die erstaunlich unreife und schwülstige (aber durch viele autobiographische Nuancen ungemein aufschlußreiche) Novelle „Michael“, die er erst viele Jahre später, als er schon prominenter Parteigenosse und Mitglied des Reichstags war, im Parteiverlag gedruckt sehen konnte. Noch der 27-28jährige, schon seit 3 oder 4 Jahren ein „Herr Doktor“, wußte nichts mit sich anzufangen, nahm jede Gelegenheit wahr, ein paar Mark zu verdienen, weigerte sich aber entschieden, über den Studienreferendar und -assessor den nächstliegenden Brotberuf anzusteuern. Er wollte sich nicht binden. Er fühlte sich zu Höherem berufen.

    Sein Schulfreund Fritz Prang vermittelte ihm die erste Bekanntschaft mit NSDAP-Broschüren. Durch ihn wurde G. Redakteur der „Völkischen Freiheit“ des Abgeordneten F. Wiegershaus, kam bald darauf mit verdoppeltem Monatsgehalt (200 Mark) in die Doppelstellung des Redakteurs für die ab Oktober 1925 von den Brüdern Straßer veröffentlichten „Nationalsozialistischen Briefe“ sowie eines Geschäftsführers der von Karl Kaufmann geführten Gauleitung der Partei in Elberfeld. Erst damals wurde G. von Kaufmann Hitler vorgestellt. Später, als Minister, verbreitete er die Legende erheblich früherer Parteizugehörigkeit.

    Der „Elberfelder Kreis“ vertrat in der Frühgeschichte der Partei die „sozialistische“ Komponente und stand in der zur Zeit akuten Frage des Volksentscheids über die Fürstenabfindung in Opposition zur Münchener Parteiführung. In der Hannoveraner Gauleiter-Tagung vom 24.1.1926 vertrat G. den Elberfelder Standpunkt für die Enteignung der Fürstenvermögen, aber 3 Wochen später, in der von Hitler einberufenen Bamberger Tagung, schwieg G.. Die Straßers nannten es „den Verrat von Bamberg“. (Seitdem bestand eine ständige Feindschaft zwischen den Brüdern Straßer und G.) Aus dem Elberfelder Tagebuch ist in geradezu peinlich ein- (und auf-) dringlicher Art ersichtlich, wie klug es Hitler verstand, den durch seine Redekunst so nützlichen neuen Mann mit dem nie versagenden Appell an seine Eitelkeit in das Münchener Lager, also an die Quelle der Macht zu ziehen. Schon vor Ende des Jahres bot Hitler ihm den fast hoffnungslos schwierigen Posten des Berliner Gauleiters an, und nun begann der steile Aufstieg G. in der Partei. Er begann mit brutal konsequenter Ausnützung der politischen Spannung durch „Klamauk“, durch organisierten Radau in kaltblütig gesteuerten „Saalschlachten“. G. blieb in seinen scheinbar maßlos gefühlsbetonten Tiraden eiskalt. „Der Mann hat kein Herz“, sagten Menschen, die ihm am nächsten standen. Passionierte Wirkungskraft war sein Metier, aber er meisterte sie durchaus bewußt und aus intellektuellem Kalkül. 1927 schuf er sich mit der (zunächst scheinbar hoffnungslos dilettantischen und unwirksamen) Zeitung „Der Angriff“ eine zusätzliche Plattform. 1928 war er einer der 12 NSDAP-Abgeordneten, die nach den Maiwahlen in den Reichstag zogen. G. machte durch den Zynismus von sich reden, mit dem er die Immunität und die Freifahrkarte als wesentliche Attribute seiner „Volksvertretung“ bezeichnete und keinen Zweifel darüber ließ, daß er nicht die Absicht habe, der Weimarer Republik zu dienen, sondern fest entschlossen sei, sie zu zerstören.

    Die Arbeitslosen der Wirtschaftskrise brachten der Partei so starken Zuwachs, daß nach den Wahlen von 1930 G. als einer von 107 NSDAP-Abgeordneten in den Reichstag zurückkam. Im gleichen Jahr gab es innerhalb der Partei die „Stennes-Krise“, in welcher G., opportunistisch wie eh und je, sich sorglich zurückhielt, bis die realen Machtverhältnisse geklärt waren.

    Durch seine im Dezember 1931 erfolgte Heirat mit Magda Quandt schuf sich G. den eleganten und gepflegten häuslichen Hintergrund, der sich in dem entscheidenden Jahr vor der Machtergreifung sehr nützlich für seine Parteikarriere auswirkte. In der großen Wohnung am Reichskanzlerplatz gab es während der Wahlkämpfe 1932 zahllose Zusammenkünfte der Parteiführung, um die jeweilige Verhandlungstaktik zu besprechen. G. Einfluß auf Hitler wuchs in dem Maße, in dem er seine unbedingte Gefolgschaftstreue bekundete; zudem fiel in jener Zeit fast pausenloser Wahlkämpfe G. auf Höchsttouren gesteigerter Propagandamaschinerie eine wichtige Funktion im Kampf der Partei um die Macht zu.

    Schon 6 Wochen nach der Machtergreifung der NSDAP bekam G. sein längst bis in Einzelheiten geplantes „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ (14.3.1933). Hitler bestand auf dem plumpen Titel. G. selbst hätte lieber das „Kulturelle“ betont gesehen. Immerhin, nunmehr mit fast unbegrenzten Staatsmitteln arbeitend und im Genuß des phantasievoll ausgenützten Rundfunkmonopols, konnte G. am 1. und 2. Mai,|vor und nach der Übernahme der Gewerkschaften in die „Arbeitsfront“, gewaltige Propaganda entfalten. Kurz vorher (durch den Judenboykott des 1. April) und bald darauf (durch die Bücherverbrennungen des 10. Mai) erregte er weltweiten Abscheu; dieser stets auf spektakuläre Wirkungen bedachte Mann pflegte in seiner Unkenntnis des Auslandes die internationale Wirkung seiner Maßnahmen völlig zu verkennen. Als am 30.6.1934 nicht nur Röhm und andere SA-Führer, sondern auch viele andere Mißliebige liquidiert wurden, war der in der Führungshierarchie unbeliebte G. in großer Gefahr, rettete sich aber, indem er in den entscheidenden Tagen in unmittelbarer Nähe der Machtquelle blieb und sich fast buchstäblich an Hitlers Rockschöße heftete; und als 2 Monate später Hindenburg starb, hatte G. Propaganda entscheidenden Anteil an der Etablierung des Führer-Mythos.

    Unterschiedlich war im Laufe der Jahre das Verhältnis zu den anderen Parteiführern, wie etwa durch die Tatsache dokumentiert wird, daß 1943/44 G. gegen den „Dreierrat“ (Bormann, Lammers, Keitel) dadurch zu opponieren trachtete, daß er Göring gewissermaßen aus der Versenkung holen und als Alliierten gewinnen wollte. Der Reichsmarschall war zu dieser Zeit wegen des Versagens der Luftwaffe bei Hitler in Ungnade, und als G. einsah, daß sein Rehabilitationsversuch zwecklos war, gab er ihn auf. Er wußte sehr wohl, daß seine Machtstellung einzig und allein in Hitlers Vertrauen wurzelte, das er durch unentwegte Überbetonung des „Führermythos“ zu erhalten trachtete. Bei fast allen seinen Kollegen in der obersten Parteiführung war G. schon seines anmaßenden Wesens wegen sehr unbeliebt, obschon er, wann immer es zweckmäßig schien, dem einen oder anderen gegenüber das jeweils erforderlich scheinende Quantum von Charme parat hatte. Besonders verhaßt war ihm Ribbentrop, mit dem er erbitterte Kompetenzkonflikte um die Auslandspropaganda hatte.

    Durch die Gründung der Reichskulturkammer, von Fachschaften und dergleichen gelang G. in wenigen Jahren die geplante völlige „Gleichschaltung“ aller meinungsbildenden und kulturellen Institutionen. Die fast uneingeschränkte Beherrschung von Presse, Film, Rundfunk versuchte er durch eine gleichermaßen verankerte Machtstellung auf fast allen kulturellen Gebieten zu ergänzen; auch das gelang ihm, abgesehen von gewissen Reservaten, die sich Göring im Berliner Staatstheater, Otto Dietrich in der Presse, Amann im Verlagswesen und Ribbentrop in der Auslandspropaganda vorbehielten.

    Im Kriege, besonders in den ersten Jahren zahlreicher Siegesmeldungen, hat G. neue Propagandamethoden geschaffen, wie etwa die „Sondermeldung“ im Rundfunk und gegen Ende des Krieges eine bis zur Hysterie dramatisierte Berichterstattung, die Wochenschau-Programme von fast Stundenlänge erforderte. Dazu schrieb er bis in die letzten Wochen des Krieges hinein keinen Propagandatrick scheuende Leitartikel in der von ihm gelenkten großen Wochenzeitung „Das Reich“ (seit Mai 1940). Kein Zweifel besteht an G. Verantwortung für die Exzesse des Regimes. Es gibt dafür mannigfache Zeugnisse; besonders überzeugend ist eine Debatte, die G. mit Göring führte, der am 12.11.1938 (also wenige Tage nach der „Kristallnacht“ 8./9.11.1938) zu einer Sitzung geladen hatte, die sich unter anderem auch mit dem sehr erheblichen Versicherungsschaden befaßte. Nach dem amtlichen Protokoll beantragte G. unter anderem, Juden die Benutzung der Eisenbahnen und anderer Transportmittel sowie den Besuch des Grunewalds und anderer Wälder und Parkanlagen vollends zu verbieten. Es ist ebenfalls dokumentarisch erwiesen – unter anderem durch seine eigenen Tagebucheintragungen –, daß G. über den Versuch der „Endlösung“, wie etwa die Massenvergasungen in Auschwitz, durchaus informiert war und daß diese Exzesse seinen Beifall hatten. Je mehr die Niederlage augenscheinlich wurde, um so mehr steigerte sich dieser nur auf Wirkung bedachte Nihilist in eine vollends größenwahnsinnige Götterdämmerung-Psychose, die ihm noch grandioser schien als die früheren Triumphe. Höllenqualen litt der ehrgeizige und der fehlerhaften Kriegsführung nur allzu klar bewußte Mann, als sein Einfluß auf Hitler, der 1938 durch seine Ehekrise (Lida Baarova) schon abgenommen hatte, in dem gleichen Maße schwand, in welchem dieser sich in sein Führerhauptquartier einkapselte und fast nur noch auf die „Bormann-Clique“ hörte. Erst am 20.7.1944 konnte G. wieder eine gewissermaßen weltgeschichtliche Rolle spielen. Durch H. W. Hagen gewann er den entscheidenden Einfluß auf den Kommandeur des Wachregiments in Berlin, Remer, und vereitelte somit den Putsch, dessen Gelingen wohl den Krieg um 9 Monate verkürzt hätte. In den nächsten Tagen bekam G. endlich die Vollmachten, um die er so lange vergeblich gekämpft hatte. Er wurde der unerbittliche strenge Zwingherr des „totalen“ Krieges, peitschte diese sinnlose Aufgabe mit unvorstellbarer Härte durch und fühlte sich selbst dabei gewiß zu einer geschichtlichen Größe|aufwachsen, die freilich nur propagandistischen, für ihn selbst also den gültigen Sinn hatte. Als er seine (nur allzu willige) Frau und die 6 Kinder in den „Führerbunker“ nahm, hoffte er durch gemeinsamen Opfertod auch seiner Kinder dem „Führermythos“ noch postum zu dienen. Es war die letzte schauerliche Geste eines Propagandisten, genau so sinnlos wie die Hekatomben gefolterter Menschheit, die dem gleichen irrsinnigen Zweck geopfert worden waren.

  • Werke

    u. a. Wilh. v. Schütz als Dramatiker, Ein Btr. z. Gesch. d. Dramas d. Romant. Schule, Diss. Heidelberg 1922; Michael, Ein dt. Schicksal in Tagebuchbll., 1929; Kampf um Berlin, 1934; Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, 1934; Das Eherne Herz, 1943 (Aufsätze u. Reden); Das Tagebuch v. J. G. 1925/26, hrsg. v. H. Heiber, 1960.

  • Literatur

    R. Semmler, G., the man next to Hitler, London 1947; W. v. Oven, Mit G. b. z. Ende, 2 Bde., Buenos Aires 1949 f.; H. Fraenkel u. R. Manvell, G., Eine Biogr., 1960; H. Heiber, J. G., 1962 (W, L, P).

  • Autor

    Heinrich Fraenkel
  • Empfohlene Zitierweise

    Fraenkel, Heinrich, "Goebbels, Joseph" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 500-503 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118540041.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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