Lebensdaten
1874 bis 1945
Geburtsort
Hildesheim
Sterbeort
Windischleuba bei Altenburg (Thüringen)
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118785273 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Münchhausen, Börries Freiherr von
  • Albrecht, H.
  • Münchhausen, Albrecht C. von
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Münchhausen, Börries Freiherr von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118785273.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Börries (1845–1931), auf Moringen, Oberdorf, Parensen, Apelern, Nienfeld, Remeringhausen (Niedersachsen) u. W., Dr. iur., sachsen-altenburg. Kammerherr, S d. Albrecht (1798–1880), auf Moringen usw., hann. Drost u. Landschaftsrat, u. d. Clementine Isidore v. Carlowitz (1815–48) aus Dresden;
    M Clementine (1849–1913), T d. Conon v. der Gabelentz (1807–74), auf Poschwitz, Sprachforscher, sachsen-altenburg. Staatsminister (s. NDB VI), u. d. Henriette v. Linsingen (1813–92);
    Windischleuba 1902 Anna (1871–1945), Wwe d. Heinrich Crusius (1860–99), auf Sahlis, Dr. phil., T d. Ludwig v. Breitenbuch, auf Brandenstein, sachsen-altenburg. Kammerherr u. Oberjägermeister, u. d. Elisabeth Freiin v. Ziegesar;
    1 S Börries (1904–34), Dr. phil., Dipl.-Landwirt.

  • Leben

    M. verbrachte seine Kindheit auf den elterlichen Gütern in Moringen bei Göttingen, Apelern bei Hannover und Windischleuba bei Altenburg. 1887 kam er auf die Klosterschule in Ilfeld, der Abschluß erfolgte im Lyzeum II in Hannover. 1895-99 widmete er sich dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaft in Heidelberg, München, Göttingen und Berlin; nach der Referendarprüfung in Celle 1899 wurde er in Leipzig mit einer Arbeit „Über die Pflicht zur Anzeige“ (1899) promoviert. Anschließend widmete er sich philosophischen und naturwissenschaftlichen Studien in Göttingen, wo er junge, literarisch begabte Leute um sich sammelte und eine Akademie gründete, deren Präsident er wurde. Ihr Interesse galt vorwiegend der Ballade. Seine literarischen Vorbilder sah M. vor allem in Moritz Gf. v. Strachwitz, aber auch| Gottfried August Bürger, Conrad Ferdinand Meyer, Theodor Fontane und Felix Dahn. 1900, 1901, 1905 und 1923 gab er die Göttinger Musenalmanache heraus. 1898 war sein erster Band „Gedichte“ erschienen. Mit den nachfolgenden Bänden „Juda“ (1900), „Balladen“ (1901), „Ritterliches Liederbuch“ (1903), „Das Herz im Harnisch“ (1911) verschaffte er um die Jahrhundertwende der Ballade, die er als das „schlummernde Königskind der deutschen Dichtung“ bezeichnete, wieder größere öffentliche Resonanz. Doch war er eher ihr Wiedererwecker als ihr Erneuerer. Als Schirmherr des Göttinger Balladenkreises förderte er das Talent einer Agnes Miegel und Lulu v. Strauß und Torney. Aufsehen erregte er, als er seine alttestamentarischen Balladen unter dem Titel „Juda“ herausgab, illustriert von seinem Freund Ephraim Moses Lilien. Die Bewunderung dieser Balladen durch Theodor Herzl, den Begründer des Zionismus, versetzte ihn in eine „tiefe Beschämung von Glück“. Während seiner Berliner Zeit 1897-99 kam er mit der jungen Literaturbewegung in Berührung, beschäftigte sich mit sozialdemokratischen Ideen, trat im jugendlichen Überschwang vorübergehend aus der Kirche aus und war im Begriff, seinen Adelstitel abzulegen. Doch dann erfolgte der Bruch mit dem „Berliner Literaturbetrieb“, mit dem „Kunstzigeunertum“, denn Tradition und Heimat erschienen ihm als verläßlichere Werte. Fortan kehrte er Deutschtum und Besinnung auf die Tradition als wesentliche Kriterien einer nationalen Literatur hervor. 1911 distanzierte er sich in einem Brief an den antisemitisch eingestellten Literaturprofessor Adolf Bartels von seinem „Juda“ und entwickelte Gedanken, wie die jüdische Kultur in Deutschland zurückgedrängt werden könne, indem er die Gründung eines Geheimbundes zur Befreiung vom Judentum empfahl. Während des 1. Weltkrieges nahm er als Rittmeister der Reserve im sächs. Garde-Reiter-Regiment am Feldzug im Osten teil, wurde aber wegen eines Nierenleidens nach Berlin, in eine militärische Stelle des Auswärtigen Amtes versetzt. Hier traf er auf Arthur Moeller van den Bruck, Hans Grimm, Waldemar Bonsels, Friedrich Gundolf.

    In den Jahren der Weimarer Republik versiegte sein lyrisches Schaffen, obwohl er durch den Vortrag seiner Gedichte, durch Neuauflagen und publizistische Arbeiten („Fröhliche Woche mit Freunden“, 1922; „Die Garbe“, 1933) weiterhin in der literarischen Öffentlichkeit stand. Er wurde zu einem erbitterten Gegner der modernen Literatur und Kunst, insbesondere des Expressionismus. Ausgehend von seiner nationalkonservativen Gesinnung, schuf er sich einen festen Freundeskreis, zu dem Hans Grimm, Erwin Guido Kolbenheyer, Wilhelm Schäfer, Hans Friedrich Blunck, Hanns Johst und Emil Strauß gehörten. Aus diesen Verbindungen entstand 1932 im Zusammenwirken mit seinem Vetter, Burghauptmann Hans v. der Gabelentz, der „Wartburgkreis“ mit seinen jährlichen Treffen auf der Wartburg und der Verleihung der silbernen Wartburgrose an die besten Vertreter der nationalen Dichtung. Die so gebildete Rosenritterschaft formierte er als Gegenpol zum „Berliner Literaturbetrieb“. Den Wartburgkreis gedachte er zu einer Deutschen Akademie mit Sitz auf der Wartburg auszubauen und als die eigentliche literarische Elite gegenüber der Dichtersektion der Preuß. Akademie der Künste in Berlin herauszustellen. Im November 1932 schickte er eine Denkschrift „Gedanken über eine deutsche Dichter-Akademie“ an den Reichskanzler Franz v. Papen, mit der er seine Vorstellungen über eine Dichterakademie und deren Mitgliedschaft mit Hilfe der Regierung durchsetzen wollte.

    Als im Mai 1933 die Nationalsozialisten die Dichtersektion der Preuß. Akademie der Künste gleichschalteten und ihre führenden Mitglieder hinausdrängten, besetzten im darauffolgenden Monat M. und seine Freunde aus dem Wartburgkreis die leeren Stühle. M. wollte jedoch die Akademie vor dem drohenden Einfluß von Joseph Goebbels bewahren, indem er eine Autonomie unter nationalkonservativem Vorzeichen anstrebte. Andererseits suchte er Vertreter der von ihm nicht als deutsch empfundenen Literatur aus der Akademie zu vertreiben, wobei er Gottfried Benn als Juden denunzierte. Als Wortführer einer Gruppierung innerhalb der Akademie, zu der Rudolf G. Binding, Grimm, Kolbenheyer, Schäfer und Strauß gehörten, bemühte er sich vergebens, seine Autonomie-Konzeption gegenüber Johst und Blunck durchzusetzen. Seine aristokratische Haltung und seine persönlichen Auffassungen über Literatur riefen den Unwillen der nationalsozialistischen Presse hervor, die ihn mehrfach öffentlich angriff. Im Februar 1939 unterwarf Joseph Goebbels alle Literaturtreffen seiner Genehmigungspflicht, was einer Liquidation des Wartburgkreises gleichkam. Trotz seiner eigenständigen nationalkonservativen Denkweise blieb M. der nationalsozialistischen Politik verhaftet. Um der durch Hitler erreichten großdeutschen Machtstellung willen war er bereit, „den Stacheldraht um die Garbe der geistigen Freiheit in Deutschland“|hinzunehmen. Gegen Ende des 2. Weltkrieges nahm sich M., dessen Frau bereits Anfang 1945 verstorben war, das Leben.|

  • Auszeichnungen

    Dr. phil. h. c. (Breslau 1924); Ehrenbürger v. Altenburg (Thüringen) u. Göttingen (1937).

  • Werke

    Weitere W. u. a. Hofball, Eine Ballade f. meine Jungens, 1913;
    Die Standarte, Balladen u. Lieder, 1916;
    M.-Beeren-Auslese, Eine Ausw. aus d. Gesamtwerk, 1920;
    Dt. Dichterhss.: B. Frhr. V. M., 1920 (P);
    Schloß in Wiesen, Balladen u. Lieder, 1921;
    Juda, Gesänge, 1922;
    Fröhl. Woche mit Freunden, 1922;
    Meister-Balladen, Ein Führer z. Freude, 1923;
    Drei Idyllen, 1924;
    Idyllen u. Lieder. 1928;
    Die Garbe, Ausgew. Aufsätze, 1933;
    Das dichter. Werk in zwei Bänden, Ausg. letzter Hand, 1950–53. – Hrsg.: Das Kgl. Sächs. Garde-Reiter-Rgt. v. 1880 bis 1918, 1926;
    Arbeiten z. Fam.gesch. d. Frhrn. v. Münchhausen, 2 Bde., 1933-37. – W-Verz.: Wilpert-Gühring. – Nach Recherchen v. M. gab es 1942 636 Vertonungen seiner Gedichte, u. a. v. Carl Orff.

  • Literatur

    A. Soergel, Dichtung u. Dichter d. Zeit, 1911;
    H. Langenbucher, Volkhafte Dichtung d. Zeit, 1941;
    Gesch. d. dt. Lit., Vom Ausgang d. 19. Jh. bis 1917, IX, 1974 (X);
    W. Mittenzwei, Der Untergang e. Ak. od. Die Mentalität des ewigen Deutschen, 1992;
    Rhdb. (P);
    Kosch., Lit.-Lex.3;
    Killy.

  • Portraits

    Bildnisbüste v. F. Hofer, 1918;
    Gem. als Domherr zu Wurzen v. C. Felixmüller, 1934/35 (Altenburg, Staatl. Lindenau-Mus.), Abb. b. Wilpert, Literatur in Bildern;
    Phot. in: GHdA Freiherrl. Häuser A VI, 1966, v. S. 345.

  • Autor/in

    Werner Mittenzwei
  • Empfohlene Zitierweise

    Mittenzwei, Werner, "Münchhausen, Börries Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 525-527 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118785273.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA