Würtz, Hans( seit 1907)
- Lebensdaten
- 1875 – 1958
- Geburtsort
- Heide (Holstein)
- Sterbeort
- Berlin
- Beruf/Funktion
- Pädagoge
- Konfession
- evangelisch
- Namensvarianten
-
- Würtz, Johannes Peter Heinrich
- Hansen, Johannes Peter Heinrich( bis 1907)
- Hansen, Hans
- Wilm, Hans( Pseudonym)
- Würtz, Hans( seit 1907)
- würtz, hans
- Würtz, Johannes Peter Heinrich
- Hansen, Johannes Peter Heinrich( bis 1907)
- hansen, johannes peter heinrich
- Hansen, Hans
- Wilm, Hans( Pseudonym)
- wilm, hans
- Würtz, Johannes Pether Heinrich
- Hansen, Johannes Pether Heinrich( bis 1907)
- hansen, johannes pether heinrich
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Würtz (bis 1907 Hansen), Johannes (Hans) Peter Heinrich (Pseudonym Hans Wilm)
| Pädagoge, * 18.5.1875 Heide (Holstein), † 13.7.1958 Berlin, ⚰ Berlin, Waldfriedhof Dahlem, 1992–2014 Ehrengrab der Stadt Berlin. (evangelisch)
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Genealogie
Außerehel. V →Johann Peter W. († 1880);
M →Johanna (Nanni) Hansen († 1875), Wwe d. N. N. Olfus;
Ov N. N., Kaufm. in Midlum (Insel Föhr), Mitinh. d. Handelsgeschäfts „Würtz &
Haberecht“, erzog W.;
11 Geschw;
– ⚭ 1) 1907 ⚮ 1928 Gertrud (Trude) Nielson, 2) 1928 →Rosalie (Rosa) (1882–1970, ⚭ 1] →Walter v. Molo, 1880–1958, Schriftst., s. NDB 18), T d. →Ludwig Richter (1855–1925), Architekt in Wien, 1913 Oberbaurat (s. Architektenlex. Wien), u. d. →Marie Antonia Streschnack (Stresnak, Strzesniak) (1858–1913);
1 S aus 1) →Harro (* 1911), 1966 Gründer u. Ver.vors. d. Stiftung Oskar-Helene-Heim, 2 T aus 1) Gerda (* 1908), Helga (* 1912). -
Biographie
Nach dem Tod der Eltern wuchs W. bei seinem Onkel in Midlum/Föhr auf. Gegen dessen Wunsch, in das Handelsgeschäft „Würtz & Haberecht“ einzutreten, absolvierte er im Anschluß an den Schulbesuch seit etwa 1889/90 eine Lehrerausbildung an der Präparandenanstalt in Apenrade (heute Abenraa, Dänemark) und war danach als Aushilfslehrer in Oevenum/Föhr tätig. Seit 1894 besuchte er die Lehrerseminare in Tondern (heute Tønder, Dänemark) und – nach der Entlassung aus disziplinarischen Gründen – in Eckernförde. 1899 erhielt er eine Anstellung als Volksschullehrer in Uk (Nordschleswig), bis zur Ablegung der zweiten Lehrerprüfung 1902 in Eckernförde auf Vorbehalt. 1904 wechselte er nach Altona, wo er im selben Jahr Obmann der Hamburg-Altonaer Gruppe der von →Wilhelm Schwaner (1863–1944) geleiteten „Volkserzieher“ (seit 1910 Bund dt. Volkserzieher) wurde, die sich für lebensreformerische Ziele und eine Verbesserung des Lehrerstandes engagierten. In dieser Zeit schloß er Freundschaften mit dem völkischen Publizisten →Willy Schlüter (1873–1935) und der Frauenrechtlerin →Anna Plothow (1853–1924).
Auf Vermittlung Plothows wechselte W. 1910 an die Knabenschule in Tegel und erhielt 1911 einen Ruf als Erziehungsdirektor an die 1907 von dem Orthopäden →Konrad Biesalski (1868–1930) gegründete „Berlin-Brandenburgische Krüppel-Heil- und Erziehungsanstalt“ in Berlin, für die er nach ihrer Umbenennung in „Oskar-Helene-Heim für Heilung und Erziehung gebrechlicher Kinder“ 1914 auch als Verwaltungsdirektor tätig war und die sich unter seiner Leitung zu einer international renommierten Institution der Behindertenpädagogik mit orthopädischer Klinik, „Krüppelheimschule“ und beruflichem Ausbildungsbereich entwickelte (2000 geschlossen). W. entfaltete eine rege Publikationstätigkeit, u. a. für die „Zeitschrift für Krüppelfürsorge“, deren Mitherausgeber er 1915–33 war, und engagierte sich in zahlreichen Vereinen, so als Mitglied des Exekutivkomitees der Internationalen „Krüppelfürsorge“ und Vorstandsmitglied der „Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge“. Er initiierte die Gründung von Zeitschriften und Buchreihen für Kinder und Jugendliche, u. a. 1912 die Monatsschrift „Welt und Wissen“ und 1928 die Zeitschrift „Waisenhilfe“, für die er als Herausgeber fungierte. Bis 1925 übernahm W. zudem Lehraufträge am Heilpädagogischen Seminar Berlin-Brandenburg.
Seit seinem Wechsel nach Berlin Mitglied der Freimaurerloge „Zur Lichten Höhe“, knüpfte W. nach 1918 enge Kontakte zu reformpädagogischen Kreisen um →Jens Nydahl (1883–1967), →Wilhelm Paulsen (1875–1943) und →Fritz Karsen (1885–1951) und trat der SPD bei. 1920 erschien unter Pseudonym sein Band „Wilhelm II. als Krüppel und Psychopath, Abrechnung mit der Entente und dem Monarchismus“, in dem er den dt. Kaiser wie auch die Siegermächte pathologisierte. In seinem Werk „Zerbrecht die Krücken, Krüppelprobleme der Menschheit, Schicksalsstiefkinder aller Zeiten und Völker in Wort und Bild“ (1932) erwähnte er →Joseph Goebbels (1897–1945) in einer Liste „berühmter Krüppel“ und bewahrte ein Porträt von ihm, auf dem dessen Fußbehinderung kenntlich war,|in der Schausammlung des Oskar-Helene-Heims auf. Ohnehin politisch verdächtig, wurde er im März 1933 nach seiner Weigerung, die Hakenkreuzflagge über dem Heim zu hissen, fristlos und ohne Pensionsansprüche entlassen. Auf Anraten von →Otto Wels (1873–1939) flüchtete er in die Tschechoslowakei, kehrte aber schon im Mai 1933 zurück und wurde nach einer Denunziation ehemaliger Mitarbeiter unter dem Vorwurf, Geld veruntreut zu haben, in Moabit inhaftiert. Anfang 1934 zu einem Jahr Gefängnishaft verurteilt, floh er erneut in die Tschechoslowakei und 1938 weiter nach Wien, wo er sein Buch „Weltgefahr, Weltbefreiung“ (1947) abschloß, in dem er mit dem Nationalsozialismus abrechnete, und an einem nicht veröffentlichten „Handbuch für nordische Mythologie“ arbeitete. 1946 kehrte W. nach Berlin zurück und kämpfte vergeblich um seine Wiedereinstellung im Oskar-Helene-Heim, um Pensionsansprüche geltend machen zu können. 1947 erfolgte die Aufhebung des 1934 gegen ihn verhängten Gerichtsurteils. Weiterhin für die Belange des Oskar-Helene-Heims engagiert (seit 1949 als Kurator), spielte W. für die künftige Entwicklung der Körperbehindertenpädagogik keine Rolle mehr.
W. gilt mit seiner Praxis und Theorie als Pionier einer Behindertenfürsorge in staatlicher Hand. In seiner Zeit als Leiter des Oskar-Helene Heims entwarf er ein reformpädagogisch fundiertes, überkonfessionelles Konzept der „Krüppelpädagogik“, das darauf zielte, „Willen“ und „Tüchtigkeit“ behinderter Menschen zu stärken und sie so an die „Kraftwerte der Gesunden“ anzugleichen. Die starke Konzentration auf die Eingliederung Behinderter in das Erwerbsleben wird heute allgemein ebenso kritisch gesehen wie W.s Sichtweise auf Behinderte als Menschen minderer Wertigkeit und Aussagen, die eine Nähe zur Eugenik erkennen lassen. Ebenfalls nicht mehr haltbar, aber in seiner Zeit sehr einflußreich war W.s Entwurf einer „Krüppelpsychologie“, in deren Rahmen er den Begriff „Krüppelseele“ in die Fachterminologie einführte (Das Seelenleben d. Krüppels, 1921) und die in der Annahme eines kausalen Zusammenhangs zwischen „gebrochener Bewegung und unausgeglichenem Seelenleben“ gründete.
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Auszeichnungen
|Förderzentrum H.-W.-Schule, Braunschweig.
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Werke
|Uwes Sendung, Ein dt. Erziehungsbuch mit bes. Berücksichtigung d. Krüppel, 1914;
Der Wille siegt, Ein päd.-kultureller Btr. z. Kriegskrüppelfürsorge, 1915, ³1916;
Das dt. Krüppelbilderbuch f. Jung u. Alt, 1916;
Sieghafte Lebenskämpfer, 1919;
Krüppel-Fürsorge u. Krüppel-Seelenkde., in: A. Dannemann (Hg.), Enzyklopäd. Hdb. d. Heilpäd., Bd. 1, 1934, Sp. 1484–1500;
– Bibliogr. u. Qu-Verz.: O. Musenberg, 2002 (s. L), S. 325–49;
– Nachlaß: Privatbes. -
Literatur
|E. Kliemke, in: Senator f. Jugend u. Sport (Hg.), FS z. 80. Geb.tag v. H. W., Dem Päd. der Lebensfreude, 1955, S. 1–16;
U. Wilken, Körperbehindertenpäd., in: S. Solarová (Hg.), Gesch. d. Sonderpäd., 1983, S. 212–59;
M. Memmert, „Krüppel“ als Ehrenbezeichnung, Die Krüppelpäd. d. H. W., dem, der mit d. Herzen dachte, in: ders. u. G. Memmert, Die Wirbelsäule in d. Anschauung, Spurensuche in Kunst, Gesch. u. Sprache, 1999, S. 239–46;
P. Fuchs, „Körperbehinderte“ zw. Selbstaufgabe u. Emanzipation, Selbsthilfe, Integration, Aussonderung, 2001;
O. Musenberg, Der Körperbehindertenpäd. H. W. (1875–1958), Eine krit. Würdigung d. psychol. u. päd. Konzeptes vor d. Hintergrund seiner Biogr., 2002 (W, L, P);
H. Weiß, in: M. Buchka u. a. (Hg.), Lb. bedeutender Heilpädagoginnen u. Heilpäd. d. 20. Jh., ²2002, S. 385–409 (P);
P. P. Osten, Die Modellanstalt, Über d. Aufbau e. „modernen Krüppelfürsorge“ 1905–1933, 2004 (P);
M. Berger, H. W., Sein Leben u. Wirken, in: heilpaedagogik.de, 2011, H. 4, S. 19–25 (P). -
Autor/in
Stefan Jordan -
Zitierweise
Jordan, Stefan, "Würtz (bis 1907 Hansen), Johannes (Hans) Peter Heinrich (Pseudonym Hans Wilm)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 525-526 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142979.html#ndbcontent