Lebensdaten
1905 bis 1981
Geburtsort
Mannheim
Sterbeort
London
Beruf/Funktion
Architekt ; NS-Politiker ; Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion
Konfession
evangelisch,gottgläubig/zeitweise
Normdaten
GND: 118615998 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Speer, Berthold Konrad Hermann Albert
  • Speer, Albert
  • Speer, Berthold Konrad Hermann Albert

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Zitierweise

Speer, Albert, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118615998.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Albert Friedrich (1863–1947), 1890 Architekt in M., seit 1918 in H. (s. ThB; Mannheim), S d. Berthold, Architekt in Dortmund;
    M Mathilde ( 1952), T d. Hermann Hommel (* 1847), Werkzeugfabr. in Mainz (s. Dt. Zeitgenossenlex., 1905), u. d. Mathilde Schaefer;
    2 B Hermann (* 1902), Ernst (1906–42/43 ⚔);
    Berlin 1928 Margarete (1905–87/88), T d. N. N. Weber, Schreinermeister in H.;
    4 S Albert (* 1934, ⚭ Ingmar Muhes, * 1933, Schausp., 1] Rolf Zeisberg, Jazzpianist, 2] Klaus Stapenhorst, Schausp., Filmproduzent, führte seit 1962 d. väterl. Fa. weiter, S d. Günther Stapenhorst, 1883–1976, Exportkaufm., Filmverleiher, emigrierte 1935 n. England, gründete 1949 in München d. Carlton-Film GmbH, Filmproduzent, s. CineGraph, u. d. Charlotte Gfn. v. Brockdorff, 1889–1960, 3] Wolfgang Staudte, 1906–84, Schausp., Regisseur, s. CineGraph, 4] Rolf Hädrich, 1931–2000, Filmregisseur, seit 1970 Leiter d. Abt. Fernsehspiel b. NDR, 1968 Goldene Kamera, 1969 u. 1974 Adolf-Grimme-Preis, s. Munzinger), Stadtplaner in Frankfurt/M., u. a. an d. Gestaltung d. Museumsufers u. d. Messe ebd. beteiligt, errichtete d. A.-S.-Stiftung f. Stadtplanung u. Städtebau, 2003 Goetheplakette d. Stadt Frankfurt/M. (s. Munzinger), Friedrich (* 1937), Arnold (bis 1945 Adolf) (* 1940), Ernst (* 1942), 2 T Hilde (* 1936, ⚭ Ulf Schramm, 1933–99, Dr. med. et. phil., Prof. f. Neuere dt. Lit. an d. FU Berlin, s. Kürschner, Gel.-Kal. 1996), Erziehungswiss., Soziol., Abg. u. Vizepräs. d. Berliner Abg.hauses (Alternative Liste), gründete d. Stiftung „Zurückgeben“ f. Opfer d. NS-Regimes, d. 2004 d. Moses-Mendelssohn-Preis erhielt, Margret (* 1938, ⚭ Hans Jörg Nissen, * 1935, Vorderasiat. Archäol., 1965–67 Referent d. Dt. Archäol. Inst. in Bagdad, 1967–71 Ass.prof. in Chicago, seit 1971 o. Prof. f. Vorderasiat. Altertumskunde an d. FU Berlin, s. Kürschner, Gel.-Kal. 2009), Archäol., Photogr., Ausst. u. Mus.mitarb. in Berlin, Publ. (s. L).

  • Leben

    S. studierte nach dem Abitur 1923 an der Oberrealschule Heidelberg zunächst in Karlsruhe und München, seit 1925 an der TH Berlin Architektur bei Heinrich Tessenow (1876–1950), von dem er einen mit kargen Mitteln arbeitenden, die vertikalen Linien betonenden monumentalen Baustil übernahm. Nach der Diplomprüfung 1927 wurde er Tessenows Assistent. S., der eine den großbürgerlichen Vorstellungen seines Elternhauses entsprechende eigene berufliche Existenz begründen wollte, führte seit 1931 ein Architekturbüro in Mannheim und nahm seit 1932 auch Aufträge von der NSDAP an, die ihm Karl Hanke (1903–45), Gauorganisationsleiter der Gauleitung Berlin und persönlicher Adjutant des Reichspropagandaleiters J. Goebbels, vermittelte. Diese stellten geringe Ansprüche an sein architektonisches Können, gaben ihm aber die Gelegenheit, sein Organisationstalent unter Beweis zu stellen und sich bekannt zu machen. S., seit 1.3.1931 Mitglied der NSDAP, bewunderte Hitler, den er bei einem Redeauftritt im Dez. 1930 erstmals erlebt hatte. Den braunen Granden empfahl sich S. durch eine geschickte Gestaltung der Kulissen für Massenveranstaltungen der NSDAP. So entwarf er|seit 1933 die Bauten und die Fahnen- und Scheinwerferinszenierungen für die Maifeier der NSDAP und die Nürnberger Reichsparteitage. Besonders Hitler und Goebbels fanden Gefallen an dieser Choreographie, die der nationalistischen Propaganda eine ins Grandiose gesteigerte Fassade gab. Hitler, beeindruckt durch S.s organisatorisches Geschick und Durchsetzungsvermögen, begriff diesen als Künstler, dem es gelungen war, ein Lebensziel zu verwirklichen, an dem er selbst gescheitert war. Bald gehörte S. zur engsten Entourage des „Führers“ und nutzte die Möglichkeit, Macht zu akkumulieren, die seinen fehlenden Rückhalt in der NSDAP mehr als kompensierte. Die persönliche Beziehung zu Hitler wurde zum Motor der Karriere S.s im „Dritten Reich“. 1933 wurde S. in Anerkennung seiner wichtigen Rolle als Propagandachoreograph zum „Amtsleiter der NSDAP für die künstlerische Gestaltung von Großveranstaltungen“ berufen, seit 1934 leitete er das Amt „Schönheit der Arbeit“ in der „Dt. Arbeitsfront“. Hitler, der nach seiner Ernennung zum Reichskanzler den Umbau Berlins als Ausdruck der Machtambitionen der NS-Diktatur plante, ernannte S. nach dem Tod seines bevorzugten Architekten Paul Ludwig Troost (1878–1934) zum „Beauftragten für die Umgestaltung Berlins“, 1937 zum „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ (im Rang e. Staatssekretärs). Die überlieferten Pläne und Bauskizzen für den Ausbau Berlins zur Welthauptstadt „Germania“, die Hitler und S. gemeinsam konzipierten, sind monströs, in mancher Hinsicht spiegeln sie den totalitären Baustil der Zeit. Nur wenige der Gebäude S.s sind erhalten, darunter einige Bauten für die Reichsparteitage in Nürnberg. Die Neue Reichskanzlei, die S. seit 1937 errichtete, ist gänzlich zerstört. Von S.s Aktivitäten als Organisator des Straßenbaus des Großdt. Reiches ist die Linienführung einiger Autobahnstrecken, die S. der Landschaft harmonisch einzufügen versuchte, übriggeblieben.

    An den Verbrechen des Regimes wirkte S. aktiv mit, und zwar bei der Vertreibung der Juden aus Berlin und bei der Ausbeutung von Zwangsarbeitern, z. B. bei der Raketenfertigung in unterirdischen Fabriken. Er hörte Himmlers berüchtigte Rede auf der Gauleitertagung in Posen am 3.10.1943, in der dieser die Praxis der Massenvernichtung offenlegte. Zu einer Figur der Zeitgeschichte wurde S. in seiner Rolle als Leiter der dt. Rüstungsproduktion im 2. Weltkrieg. Als im Febr. 1942 der Minister für Bewaffnung und Munition, Fritz Todt (1891–1942), bei einem Flugzeugabsturz starb, ernannte Hitler S. kurz entschlossen zu dessen Nachfolger. Dieser verstand es, gestützt auf Hitlers Autorität, mit der Ausdehnung des Krieges auch seine Kompetenzen auszuweiten. Er organisierte die Rüstungsproduktion unter Einbeziehung der Industriellen höchst effizient und machte sein Ministerium, das seit Ende 1942 „Ministerium für Rüstungs- und Kriegsproduktion“ hieß, zum Planungs- und Lenkungszentrum der Rüstungsendfertigung im dt. Machtbereich. Er konnte die Produktion selbst unter den Bedingungen des alliierten Bombenkrieges 1943/44 noch erheblich steigern und trug damit zur Verlängerung des Krieges bei. S. hat sich auf diese Erfolge viel zugute gehalten, und nach dem Krieg sprach man in Anspielung auf das „Wirtschaftswunder“ Ludwig Erhardts vom „Dt. Rüstungswunder“. Am Ende des Krieges durchkreuzte S. Hitlers Politik der verbrannten Erde und machte die sog. „Nero-Befehle“ Hitlers in vielen Fällen unwirksam. Spät übernahm S. damit eine Verantwortung, die über den Horizont seiner unmittelbaren Aufgaben bzw. der Aufträge des Diktators hinausreichte. In der „Regierung“ Dönitz fungierte S. noch als Geschäftsführender Reichswirtschafts- und Produktionsminister.

    Am 23.5.1945 durch brit. Truppen verhaftet, wurde S., der sich zu einer Mitschuld bekannte, 1946 durch das Internationale Militärtribunal in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig befunden und zu einer 20jährigen Haftstrafe verurteilt, die er bis 1966 im internationalen Militärgefängnis in Berlin-Spandau verbüßte. In der Haft verfaßte er seine Memoiren. Deren Dreh- und Angelpunkt ist die persönliche Beziehung zwischen S. und Hitler; sie zeigen, in welchem Umfang S. von dem Diktator psychisch abhängig war – in seinem „Bann“ stand, wie er selbst formulierte. Da von anderen Führungsgestalten des „Dritten Reiches“ keine Memoiren vorliegen, kommt den Speer-Erinnerungen und seinen „Spandauer Tagebüchern“, die die Memoiren fortsetzten und ergänzten, eine erhebliche Bedeutung als Quelle zu.

    Nach der Haftentlassung versuchte S. einen Neuanfang als Architekt, womit er aber weitgehend scheiterte. Einen Anschluß an moderne Tendenzen der Architektur hatte er nicht gesucht, zum Bauhaus und zu Repräsentanten der Moderne, wie Mies van der Rohe und Le Corbusier stand er in Distanz.

  • Auszeichnungen

    Leiter d. Bundes dt. Architekten (1934); Reichskultursenator (1935); Prof.titel (1937); Grand Prix u. Goldmedaille d. Weltausst. Paris (1937); Goldenes Parteiabzeichen d. NSDAP (1938); preuß. Staatsrat (1938).

  • Werke

    W Bauten u;Projekte u. a.: Reichsparteitagsgelände, Nürnberg, 1934–39 (z. T. ausgeführt); Dt. Pavillon auf d. Weltausst., Paris, 1937; Dt. Stadion, Nürnberg, 1939 (Projekt/Modell); Gr. Halle (Germania-Planung), (Projekt/Modell);
    W-Verz. u. Abb.: L. Krier, A. S., Architecture 1932–1942, 1985; K. Arndt, G. F. Koch u. L. O. Larsson, A. S., Architektur, Arbb. 1933–1942, 1978, Nachdr. 1995; Mythos Germania, Schatten u. Spuren d. Reichshauptstadt, Ausst.kat d. Berliner Unterwelten e. V., 2008;
    Schrr.: Baukunst im Dt. Reich (bis Jan. 1941 Mithg.); Dt. Technik (Hg.);
    – Erinnerungen, 1969; Spandauer Tagebücher, 1975; Technik u. Macht, hg. v. A. Reif, 1979; Der Sklavenstaat, Meine Auseinandersetzungen mit d. SS, 1981; Die Kransberg-Protokolle 1945, Seine ersten Aussagen u. Aufzeichnungen (Juni-Sept.), hg. v. U. Schlie, 2003.

  • Literatur

    u. a. Matthias Schmidt, A. S., Das Ende e. Mythos, 1982, 22005;
    J. Dülffer, in: Die Braune Elite, hg. v. R. Smelser u. R. Zitelmann, 31994, S. 258–72;
    K.-D. Henke, Die amerik. Besetzung Dtlds., 1995, S. 422, 426;
    C. Dipper, Der S.-Legende zweiter T., in: Neue pol. Lit. 41, 1996, Nr. 2, S. 193–96;
    H. J. Reichhardt u. W. Schäche, Von Berlin nach Germania, Über d. Zerstörung d. „Reichshauptstadt“ durch A. S.s Neugestaltungsplanungen, 1998;
    Rolf-Dieter Müller, A. S. u. d. Rüstungspol. im Totalen Krieg, in: Das Dt. Reich u. d. Zweite Weltkrieg, hg. v. Mil.geschichtl. Forsch.amt, V/2: Organisation u. Mobilisierung d. dt Machtbereichs, hg. v. B. R. Kroener, R.-D. Müller u. H. Umbreit, 1999, S. 275–776;
    ders., S.s Rüstungspol. im totalen Krieg, in: Mil.geschichtl. Zs. 59, 2000, Nr. 2, S. 343–87;
    J. Fest, S., Eine Biogr., 1999;
    ders., Die unbeantwortbaren Fragen, Notizen über Gespräche mit A. S. zw. Ende 1966 u. 1981, 2005;
    D. Chenaux-Repond, Die Zeit d. erfolgreichen Durchschnittsmenschen, A. S., „Alles was ich weiß“, Aus unbek. Geheimdienstprotokollen v. Sommer 1945, in: Schweizer Mhh. 80, 2000, Nr. 6, S. 42–44;
    S. Willems, Der entsiedelte Jude, A. S.s Wohnungsmarktpol. f. d. Berliner Hauptstadtbau, 2002;
    P. Reichel, „Onkel Hitler u. Fam. S.“, die NS-Führung privat, in: Aus Pol. u. Zeitgesch. 44, 2005, S. 15–23;
    Margret Nissen, Sind Sie d. Tochter S.?, Unter Mitarb. v. M. Knapp u. S. Seifert, 2005;
    D. Arnold, Neue Reichskanzlei u. „Führerbunker“, 2005;
    H. Breloer, S. u. Er, Hitlers Architekt u. Rüstungsmin., 2005;
    ders., Die Akte S., Spuren e. Kriegsverbrechers, 2006;
    J. Fried, Erinnerung im Kreuzverhör, Kollektives Gedächtnis, A. S. u. d. Erkenntnis erinnerter Vergangenheit, in: D. Hein u. a. (Hg.), Historie u. Leben, FS f. Lothar Gall z. 70. Geb.tag, 2006, S. 327–58;
    J. Scherner u. J. Streb, Das Ende e. Mythos? A. S. u. d. so gen. Rüstungswunder, in: VSWG 93, 2006, Nr. 2, S. 172–97;
    R. Hachtmann, Wiss.management im „Dritten Reich“, 2007;
    ThB;
    Lilla, MdR.

  • Autor/in

    Ludolf Herbst
  • Empfohlene Zitierweise

    Herbst, Ludolf, "Speer, Albert" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 644-646 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118615998.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA