• Genealogie

    V Heinrich (1859–1943), Bauer in H., S d. Johann (1823–94) u. d. Johanne Lütge (1825–84);
    M Martha (1873-um 1955), T d. Johann Loges (1834–1918) u. d. Sophie Pape (1841–1918);
    Salder (Braunschweig) 1934 Käthe (1906–95) aus Wanne-Eickel, T d. Otto Wolpers (1876–1947) u. d. Johanne Kuhrmeier (1883–1944);
    3 S, 2 T.

  • Leben

    O. studierte 1928-31 Jura und Volkswirtschaft in Leipzig und Göttingen. Nach dem 1. juristischen Staatsexamen 1931 machte er|sich ein Jahr lang in Italien mit der Organisation des faschistischen Staates vertraut. Die Referendarausbildung brach er ab, um im Okt. 1933 Assistent von Jens Jessen am Institut für Weltwirtschaft in Kiel zu werden; im April 1935 wurde er Abteilungsleiter am Institut für angewandte Wirtschaftswissenschaften der Handelshochschule Berlin. Seit 1925 war O. Mitglied der NSDAP, seit 1926 der SS und bereits vor 1933 Kreisleiter in Northeim. 1936 trat er als Leiter der Hauptabteilung II/23 in das SD (Sicherheitsdienst)-Hauptamt der SS ein, in der die von den regionalen Dienststellen des Sicherheitsdienstes und ihren V-Leuten eingehenden Berichte über die Lage der Wirtschaft gesammelt und ausgewertet wurden. Schon 1937 wurde er unmittelbar unter dem Amtschef Reinhard Heydrich Leiter des gesamten Inland-Nachrichtendienstes des SD. Seine regelmäßigen Berichte über die Volksstimmung im allgemeinen und aus den „Lebensgebieten“ Verwaltung und Recht, Kultur und Propaganda, Volkstum und Volksgesundheit sowie Wirtschaft sollten die Machthaber über die Stimmung im Volk informieren. Seit Herbst 1939 – nun Chef des Amtes III im Reichssicherheitshauptamt – legte er diese „Meldungen aus dem Reich“ bis zu zweimal wöchentlich vor, bis er im Sommer 1944 die regelmäßige Berichterstattung einstellen mußte, weil sie als Zeichen von Defaitismus galten.

    In den Berichten kam zum Ausdruck, daß O. schon früh ein entschiedener Gegner der durch die Kriegsvorbereitungen bedingten staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft war. Er warf der Zentralverwaltungswirtschaft vor, den Menschen der Wirtschaft unterzuordnen, und sah darin einen Widerspruch zur angestrebten Volksgemeinschaft; insbesondere trat er für die Förderung des Mittelstands ein. Das veranlaßte ihn, neben seiner Funktion im SD seit Juni 1938 als Geschäftsführer, seit Nov. 1939 als Hauptgeschäftsführer der Reichsgruppe Handel, der Zwangsvereinigung aller Unternehmen des Groß-, Außen- und Einzelhandels, tätig zu werden. Mit Unterstützung Heinrich Himmlers und Franz Haylers (* 1900) bekämpfte O., seit Nov. 1943 Vertreter des Staatssekretärs, seit Jan. 1944 Ministerialdirektor im Reichswirtschaftsministerium, die von Albert Speer betriebene Verstärkung der Wirtschaftslenkung, die die Großindustrie begünstigte. Hayler machte O. zu seinem Vertreter und übertrug ihm die Leitung der für allgemeine Wirtschaftspolitik, Bewirtschaftung und Versorgung der Bevölkerung zuständigen Hauptabteilung und zugleich aller Grundsatzreferate der Abteilungen für Außenhandel, Finanzwirtschaft und Bergbau. In dieser Funktion propagierte O. immer wieder „eine freie Wirtschaft“ und plante diese für die Nachkriegszeit, wobei ihm auch Überlegungen von Ludwig Erhard vorlagen. Gleichzeitig setzte er seine Karriere im SD fort; im Nov. 1944 wurde er SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei. Noch nach dem Zusammenbruch hoffte er, die Arbeit des SD als eine Art Meinungsforschung fortsetzen zu können, wurde jedoch mit der Regierung Dönitz verhaftet.

    O. war von Juni 1941 bis Juni 1942 als Führer der Einsatzgruppe D der Sicherheitspolizei und des SD verantwortlich, daß ca. 90 000 Männer, Frauen und Kinder als Juden oder „Kommunisten“ in der Ukraine und auf der Krim ermordet wurden. Am 3.1.1946 berichtete er vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg offen und mit Einzelheiten über die Massenmorde seiner Einsatzgruppe durch Erschießungen und in Gaswagen. In dem von Sept. 1947 bis April 1948 vor einem US-Militärgericht in Nürnberg gegen ihn und andere Angehörige von Einsatzgruppen geführten Verfahren berief er sich auf höheren Befehl und militärische Notwendigkeit und betonte zugleich, daß er den „Kulturbolschewismus“ und wirtschaftlichen Kollektivismus der NS-Führung bekämpft habe. Am 10.4.1948 wurde er zum Tode verurteilt und drei Jahre später in Landsberg hingerichtet.

  • Werke

    Der dt. Binnenhandel, in: Die Verw.ak. III, 1941;
    Staat u. Wirtsch., in: Die Dt. Volkswirtsch. 13, 1944, S. 544 (auch in: Dt. Allg. Ztg. Nr. 117 v. 8.8.1944);
    Der Sinn d. Wirtsch., in: Textil-Ztg. Nr. 74 v. 27.7.1944;
    Denkschr. v. Mai 1945, in: Meldungen aus d. Reich (Auswahled.), 1965, S. 533-39 (vollst. Ed. d. Meldungen, 17 Bde., 1984).

  • Literatur

    L. Herbst, Der Totale Krieg u. d. Ordnung d. Wirtsch., 1982;
    H. Sowade, in: Die braune Elite I, hg. v. R. Smelser u. R. Zittelmann, 1989 (L, P);
    G, Aly u. S. Heim, Vordenker d. Vernichtung, 1991;
    R. Wistrich, Wer war wer im Dritten Reich?, 1983 (P).|

  • Nachlaß

    Nachlaß im Bes. der Fam., unvollst. Personalunterlagen im BA Berlin, Aussage vor d. Internat. Mil.tribunal in: Der Prozeß gegen d. Hauptkriegsverbrecher IV, S. 344-93; Protokolle, Beweismittel u. Urteil aus d. Nürnberger Prozeß u. a. im BA Koblenz, Auszüge in: Trials of War Criminals IV: The Einsatzgruppen Case.

  • Autor/in

    Heinz Boberach
  • Empfohlene Zitierweise

    Boberach, Heinz, "Ohlendorf, Otto" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 485 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd122830105.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA