Lebensdaten
1885 bis 1953
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Dramaturg ; Regisseur ; Essyist ; Übersetzer
Konfession
-
Normdaten
GND: 118768395 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Europäensis (Pseudonym)
  • Parolles (Pseudonym)
  • Viertel, Berthold
  • mehr

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Viertel, Berthold, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118768395.html [14.07.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Schlomo (1860–1932), aus Tarnów (Galizien), Möbelhändler in W.;
    M Anna Klausner (1861–1932, 1] N. N. Kressel), aus Tarnów, Bes. e. Schirmgeschäfts in W.;
    Schw Helene (1890–1984, Wilhelm Emanuel [Bruckner-]Karplus, 1885–1959, Übers., Gesangslehrer in London), Paula (* 1897);
    1) 1912 1918 Grete Rouszicka (Margaretha Ruzicka), Chemikerin, Schausp., 2) 1918 1948 Salomea Sara (Mea, Salomé, Salka) (1889–1978), Schausp., Drehbuchautorin (s. W, L), T d. Joseph Steuermann, Dr. iur., RA, bis 1919 Bgm. d. Bez.hptm.schaft Sambor (Galizien), u. d. Auguste (Gittel, Rebeka, Rifka) Amster ( 1953), 3) 1949 Elisabeth (1900–94, 1] um 1926–32 Siegfried Bernfeld, 1892–1953, Reformpäd., Psychoanalytiker, emigrierte 1934 über Frankr. in d. USA, s. BHdE II), Schausp., emigrierte 1938 in d. USA (s. BHdE II; Kosch, Theater-Lex.; Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft), T d. Felix Neumann (1862–1953), Fabr. in W., u. d. Anna Lichtblau (1874–1940), beide emigrierten 1938 über Großbritannien in d. USA; 3 S aus 2) Hans (John) (1919–70?), Autor, Doz. in d. USA, Peter (1920–2007, 1] Virginia Schulberg geb. Ray, 2] Deborah Kerr, eigtl. Deborah Jane KerrTrimmer, 1921–2007, Schausp., s. Munzinger), Schriftst., Drehbuchautor in d. Schweiz u. in Spanien (s. Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft), Thomas (1925–2007), Soz.arb., zuletzt in Lynnwood (Washington, USA); Schwager Eduard (Edward) Steuermann (1892–1964), Pianist, Komp. (s. NDB 25), Zygmunt Steuermann (1899–1941/43), Fußballspieler in d. poln. Nat.mannschaft.

  • Leben

    Nach dem Besuch des Gymnasiums Maria Hilf in Wien studierte V. 1904–10 Philosophie und Germanistik an der dortigen Universität, blieb aber ohne Abschluß. Seit 1905 veröffentlichte er Gedichte, Prosa und Rezensionen u. a. für die Zeitschriften „März“, „Sturm“, „Der Strom“, „Simplicissimus“ und „Die Schaubühne“. Bereits als Jugendlicher mit Peter Altenberg, Alfred Polgar, Albert Ehrenstein und Karl Kraus bekannt, wurde V. besonders von letzterem gefördert: Seit 1910 erschienen Texte von V. in der „Fackel“ und noch 1923/24 finanzierte Kraus V.s Ensemble „Die Truppe“ in Berlin. Seit 1911 arbeitete V. als Dramaturg und Regisseur an der von ihm mitbegründeten Wiener Freien Volksbühne, seit 1914 als Redakteur für Literatur und Theater beim „Prager Tagblatt“. Nach Kriegsdienst 1914–18 war er erneut als Mitarbeiter verschiedener Zeitschriften tätig. V. begrüßte die revolutionären Ereignisse der Jahre 1918/19, etwa die Gründung des tschechoslowak. Staates oder die Ausrufung der Republik in München, deren Führer Kurt Eisner, Gustav Landauer, Ernst Toller und Alfred Wolfenstein zu seinem Bekanntenkreis zählten. 1918 an das Schauspielhaus in Dresden berufen, dem er als Regisseur bis 1922 verbunden blieb, trug V. als Mitglied des kollektiven Leitungsgremiums zu dessen Umgestaltung in ein Staatstheater bei. Er setzte sich für die expressionistische Dramatik ein und brachte Stücke von Friedrich Wolf, Georg Kaiser und Walter Hasenclever.

    1922 inszenierte V. in Berlin für Moriz Seelers „Junge Bühne“ den „Vatermord“ von Arnolt Bronnen und führte Regie am Dt. Theater von Max Reinhardt. Seiner Idealvorstellung von einem einheitlichen Ensemble, die er in Stanislawskijs „Moskauer Künstlertheater“ verwirklicht sah, sollte die von ihm 1923 gegründete, genossenschaftlich organisierte Gruppe „Die Truppe“ entsprechen; zu ihr gehörten Schauspieler wie Rudolf Forster, Fritz Kortner, Johanna Hofer, Lothar Müthel und Ernst Josef Aufricht. V. verantwortete Uraufführungen von Georg Kaiser (Nebeneinander, 1923), Robert Musil (Vinzenz oder d. Freundin bedeutender Männer, 1923), Frank Wedekind (Der Liebestrank, 1924) und Karl Kraus (Traumtheater/Traumstück, 1924); das „Politische Theater“ eines Erwin Piscator lehnte er als zu einseitig und ideologisch ab. Nach dem finanziellen Scheitern der „Truppe“ 1924 gastierte V. an verschiedenen Bühnen, besonders am Schauspielhaus Düsseldorf.

    Auch als Filmregisseur reüssierte V., 1923 adaptierte er Henrik Ibsens „Nora“ in zwei Fassungen – mit und ohne Happy-End. Besonders mit „Die Abenteuer eines Zehnmarkscheins (K 13513)“, nach einem Drehbuch von Béla Balázs, beschritt er, so zeitgenösssische und heutige Kritiker, einen neuen filmischen Weg: mit einem Querschnitt durch Zeit und Raum des Großstadtmenschen, der Straße als zentralem Spiel- und Zufallsort sowie einem von Melodramatischem weitgehend freien Realismus. Noch bevor er 1928 in die USA übersiedelte, hatte er 1927 zusammen mit Carl Mayer nach der literarischen Vorlage von Hermann Bang das Drehbuch zu| Friedrich Wilhelm Murnaus Film „Four Devils“ verfaßt. In das diversifizierte Produktionssystem Hollywoods fügte sich V. jedoch nur widerwillig ein; er führte bei acht Filmen Regie, kehrte dann aber, desillusioniert vom Film- und Theaterbetrieb der USA, 1932 nach Europa zurück.

    Der Machtantritt der Nationalsozialisten zwang ihn 1933 zur Emigration. Über Wien, Prag und|Paris führte die Flucht zunächst in die USA, wo seine Familie in Santa Monica geblieben war, dann wechselte er zwischen Amerika und Großbritannien, wo er 1934–36 für die „Gaumont British Ltd.“ die Dramen „Little Friend“ (1934) und „The Passing of the Third Floor Back“ (1935) sowie das Biopic „Rhodes of Africa“ (1936) drehte. 1935 hielt sich V. auch in Wien und Paris auf, 1936 wurde ihm die brit. Arbeitserlaubnis entzogen; 1936 und 1937 wieder weitgehend in Santa Monica lebend, erwog er Projekte, die sich aus finanziellen Gründen nicht realisieren ließen. Für kurze Zeit in London, war er Mitarbeiter der „Neuen Weltbühne“ und Mitbegründer des „Freien Dt. Kulturbundes“; im Mai 1939 kehrte er in die USA zurück. Der Versuch, am Broadway als Regisseur Fuß zu fassen, mißlang. Der Kulturbetrieb in den USA blieb ihm fremd, stand seinem geistigen Begriff von Theater und Film diametral entgegen. 1944 fungierte er u. a. mit Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Alfred Döblin und Lion Feuchtwanger als Mitgründer des von Wieland Herzfelde initiierten „Aurora-Verlags“, dessen Ziel es war, exilierten dt.sprachigen Autoren in den USA eine publizistische Heimat zu schaffen.

    Im Okt. 1947 kehrte V. nach London zurück und erhielt eine Stelle in der dt. Abteilung der BBC; seit 1948 führte er wieder Theaterregie, zunächst am Zürcher Schauspielhaus, 1949 in Ost-Berlin, später auch im Westteil der Stadt, und 1949–53 als Gastregisseur am Wiener Burgtheater. Nach eigener Aussage fand er den Ton an den Bühnen in Deutschland und Österreich verändert, der „Reichskanzleistil“, ein sprachlicher Gestus ohne Differenzierung und Zwischentöne, entsprach nicht seinem Empfinden. Ein Schwerpunkt seiner Inszenierungen lag zuletzt auf der jungen amerik. Dramatik, besonders Tennessee Williams und Arthur Miller, deren Stücke er auch übersetzte.

  • Auszeichnungen

    A B.-V.-Gasse, Wien (1959).

  • Werke

    Weitere W u. a. Gedichte: Die Spur, 1913;
    Die Bahn, 1921;
    Fürchte dich nicht! Neue Gedichte, 1941;
    Der Lebenslauf, 1946, dt. Erstausg. 1947;
    Schrr.: Karl Kraus, Ein Charakter u. d. Zeit, 1921;
    Karl Kraus z. fünfzigsten Geb.tag, 1924;
    Die schöne Seele, Komödie, 1925;
    Das Gnadenbrot, Erzz., 1927;
    Der Weg n. Hause, Bühnenms., o. J.; – postum: Dichtungen u. Dok., Gedichte, Prosa, Autobiogr. Fragmente, 1956; Schrr. z. Theater, 1970; B. V., Ausg. v. B. Jentzsch, Poesiealbum 61, 1972; Studienausg. in 4 Bdn., hg. v. K. Kaiser, 1989 ff.: 1. Die Überwindung des Übermenschen, Exilschrr., 1989, 2. Kindheit e. Cherub, Autobiogrr. Fragmente, 1991, 3. Das graue Tuch, 1994; – Überss.: Die Bacchantinnen d. Euripides, 1925; T. Williams, Die Glasmenagerie, o. J.; ders., Camino Real, 1954; ders., Endstation Sehnsucht, 1954; ders., Die sizilian. Rose (Die tätowierte Rose), o. J.; ders., Der steinerne Engel (Sommer u. Rauch), 1961; A. Miller, Alle meine Söhne, o. J.; – zu Salka: The Kindness of Strangers, 1969, dt. u. d. T. Das unbelehrbare Herz, 1970 (Autobiogr.).

  • Literatur

    L B. V., Zur 80. Wiederkehr seines Geb.tags, 1965; F. Pfäfflin (Red.), B. V., 1885–1953, Eine Dok., 1969; ders., B. V. im amerik. Exil, Marbacher Mag., 9, 1978; J. Mayerhöfer (Hg.), B. V., Regisseur u. Dichter, 1885–1953, 1975; S. Bolbecher u. K. Kaiser, V.s Welt, Der Regisseur, Lyriker, Essayist B. V., 1988; I. Jansen, B. V., Leben u. künstler. Arbeit im Exil, 1992; S. Bolbecher (Hg.), Traum v. d. Realität, B. V., 1998;
    B. V. z. Hundertzwanzigsten Geb.tag, Signum Sonderh., 2005;
    Munzinger;
    BHdE II;
    Hist. Lex. Wien;
    Österr. Personenlex. (P);
    Personenlex. Österr. (P);
    Killy;
    Kosch, Theater-Lex.;
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    Heuer;
    Theaterlex. d. Schweiz;
    Teilnachlaß: DLA Marbach; – zu Salka: S. Fliedner-Lorenzen, Marta Feuchtwanger, Nelly Mann, S. V., drei Schriftstellerehefrauen im Exil 1933–1945, Diss. Bonn 2003 (Qu, L); K. Prager, „Ich bin nicht gone Hollywood!“, S. V., Ein Leben in Theater u. Film, 2007 (L, P); Th. Blubacher, Paradies in schwerer Zeit, Künstler u. Denker im Exil in Pacific Palisades, 2011 (Qu, L
    , P);
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    Wedel, Autobiogrr. Frauen.

  • Portraits

    P Ölgem. v. Edith Kramer, 1942 (im Kunsthandel, 2008)

  • Autor/in

    Wolfgang Jacobsen
  • Empfohlene Zitierweise

    Jacobsen, Wolfgang, "Viertel, Berthold" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 798-799 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118768395.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA