Lebensdaten
1867 bis 1953
Geburtsort
Hamburg
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Soziologe ; Ethnologe ; Sozialpsychologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118804472 | OGND | VIAF: 68999368
Namensvarianten
  • Vierkandt, Alfred F.
  • Vierkandt, Alfred Ferdinand
  • Vierkandt, Alfred
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Zitierweise

Vierkandt, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118804472.html [19.04.2021].

CC0

  • Genealogie

    V Ferdinand, aus Hutmacherfam., d. v. Dänemark n. H. zuwanderte, Kaufm. in H.;
    M Amalia Dürfeld, aus Bäckerfam., d. aus Ostpreußen n. H. zuwanderte;
    1) 1905 Bert(h)a (1864–1917, 1] N. N. Holberg), T d. Wilhelm Dobert (1828–92), Landger.dir. in B., u. d. Marianne Louise Friedenthal (1824–65), 2) 1926 Martha Elster ( 1] 1895–1926 Hans Friedenthal, 1870–1942 Freitod, Physiol., Anthropol., Prof. an d. Univ. Berlin, Gründer d. Inst. f. Menschheitskde. in B. (s. Pogg. VI, VII a; BLÄ; Wi. 1935; NDB V*), T e. Pastors;
    1 T Viola (1906–n. 2006, s. Südkurier v. 26. 6. 2006), Lehrerin in B.;
    N Eberhard Holberg.

  • Leben

    V. wuchs in Braunschweig auf, wo er unter schwierigen materiellen Bedingungen lebte und das Abitur ablegte. 1885–90 studierte er Mathematik, Physik, Geographie, Psychologie und Philosophie an der Univ. Leipzig, v. a. bei dem Geographen Friedrich Ratzel (1844–1904) und dem Psychologen Wilhelm Wundt (1832–1920), und wurde 1892 mit der Arbeit „Allgemeines und Specielles über gleitende und rollende Bewegung“ zum Dr. phil. promoviert. 1890–1900 als Gymnasiallehrer in Braunschweig tätig, habilitierte sich V. daneben 1894 an der TH Braunschweig für Geographie (Die Volksdichte im westl. CentralAfrika, 1895). 1900 erfolgte die Umhabilitation für Völkerkunde und angrenzende Probleme der Völkerkunde in Berlin, wo er seitdem als Privatdozent lehrte. 1913–21 war V. apl. Professor für Soziologie, 1921–25 Extraordinarius, seit 1925 bis zu seiner Emeritierung 1934 hatte er ein persönliches Ordinariat für Soziologie an der Univ. Berlin inne. V. gehörte 1909 zu den Gründern der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“ und war maßgeblich am Ausbau des Berliner Volkshochschulwesens beteiligt. 1934 erhielt V. Vorlesungsverbot. Er nahm seine Lehrtätigkeit 1946 an der Univ. Berlin wieder auf. Seit 1945 wirkte V. als Vorsitzender der Kant-Gesellschaft.

    V.s soziologisches Werk gehört zu der „formalen“, „reinen“ Soziologie, wie sie vor 1933 v. a. in Deutschland u. a. von Georg Simmel (1858–1918) und Leopold v. Wiese (1876– 1969) entwickelt wurde. V.s kulturwissenschaftlicher Ansatz betonte zwar den überindividuellen Charakter gesellschaftlicher Tatsachen, lehnte jedoch eine Auffassung von Gesellschaft als einem eigenständigen Wesen ab und bevorzugte eine Perspektive, nach der Gesellschaft unterschiedliche Formen von Wechselwirkung und Vergesellschaftung beinhaltet. Nach V. werde die Eigenart der Sozialverhältnisse durch Gegenseitigkeit und Resonanz beim Mitmenschen gekennzeichnet, diese Gegenseitigkeit könne selbst durch Machteinwirkung nicht dauerhaft aufgehoben werden, da sie mit einem Anerkennungsverhältnis verknüpft sei. Unter dem Oberbegriff „Sozialverhältnis“ und in Anlehnung an Ferdinand Tönnies (1855–1936) unterschied V. zwischen „Gemeinschaft“, „gemeinschaftsnahen“ und „-fernen“ Verhältnissen, wobei im Mittelpunkt seiner „Gesellschaftslehre“ (1923, 2 1928) die Gruppe stand. Er betrachtete die zeitgenössische Kultur u. a. als geprägt von Rationalismus, Kapitalismus, Machtmißbrauch und Normenzerfall und sah die Zukunft in eher gemeinschaftlich-genossenschaftlichen Formen des Zusammenlebens.

    Die bleibende historische Bedeutung V.s liegt u. a. in seiner Herausgeberschaft des „Handwörterbuch der Soziologie“ (1931, Neudr. 1959, Gekürzte Stud.ausg. mit e. Vorwort v. R. König u. e. Einl. v. P. Hochstim, 1982), das den Stand der Entwicklung der Soziologie in Deutschland vor Beginn der NS-Herrschaft dokumentiert. Durch seine Mitwirkung bei der Gründung der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“ und in deren Vorstand (1909/10), seine Publikationen zu soziologisch-ethnologischen Themen und seine akademische Lehre auf dem Gebiet einer philosophisch geprägten Soziologie machte sich V. um die institutionelle Etablierung der Soziologie im dt.sprachigen Raum zu Beginn des 20. Jh. verdient. Jedoch läßt sich keine anhaltende Wirkung in der nationalen oder internationalen Soziologie verzeichnen, auch deswegen, weil es ihm nicht gelang, eine Schülerschaft herauszubilden.

  • Auszeichnungen

    A Dr. iur. h. c. (Würzburg 1932); Mitgl. d. Berliner Ges. f. Anthropol., Ethnol. u. Kulturgesch.

  • Werke

    Weitere W Naturvölker u. Kulturvölker, 1896;
    Die Stetigkeit im Kulturwandel, 1908;
    Allg. Vfg.- u. Verw.gesch., 1911 (mit L. Wenger u. a.);
    Machtverhältnisse u. Machtmoral, 1916;
    Staat u. Ges. in d. Gegenwart, 1916;
    Der Dualismus im modernen Weltbild, 1923, 21923;
    Der geistig-sittl. Gehalt d. neueren Naturrechtes, 1927;
    Fam., Volk u. Staat in ihren gesellschaftl. Lebensvorgängen, Eine Einf. in d. Ges.lehre, 1936;
    Kleine Ges.lehre, 1949.

  • Literatur

    L G. Eisermann, A. V., Persönlichkeit u. Werk, Einl. zu: ders. (Hg.), Gegenwartsprobleme d. Soziol., A. V. z. 80. Geb.tag, 1949, S. 7–12 (W-Verz., P);
    Ziegenfuß (Selbstdarst.);
    M. Mierendorff, in: Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol. 2, H. 2, 1949/50, S. 251–62;
    W. Bernsdorf, in: Internat. Soziologenlex., S. 594–601;
    G. Eisermann, in: Bedeutende Soziologen, 1968, S. 72–92;
    D. Käsler, Soziolog. Abenteuer, Earle Edward Eubank besucht europ. Soziologen im Sommer 1934, 1985, S. 68–74;
    H. Wollmann, Soziol. zw. Ks.reich, Weimarer Rep. u. NSRegime, in: H.-E. Tenorth (Hg.), Gesch. d. Univ. Unter d. Linden, Bd. 5: Transformation ihrer Wissensordnung, 2010, S. 257–74;
    Wi. 1935;
    Biogr. Hdb.|SBZ/DDR;
    Killy;
    LThK3; Personenlex. Sexualforschung.

  • Portraits

    P Photogr. (BA, Bilddatenbank)

  • Autor/in

    Dirk Kaesler
  • Empfohlene Zitierweise

    Kaesler, Dirk, "Vierkandt, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 797-798 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118804472.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA