Lebensdaten
1880 bis 1942
Geburtsort
Klagenfurt
Sterbeort
Genf
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
katholisch,evangelisch
Normdaten
GND: 118585916 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Moúzil, Rómpert
  • Mowzil, Robert
  • Mowzil, Ṙobert
  • mehr

Verknüpfungen

Visualisieren

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Musil, Robert, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118585916.html [01.10.2016].

CC0

Musil, Robert

Schriftsteller, * 6.11.1880 Klagenfurt, 15.4.1942 Genf. (katholisch, seit 1910/11 evangelisch)

  • Genealogie

    V Alfred (s. 1); M Hermine Bergauer, Wien 1911 Martha (1874–1949, isr., seit 1898 kath., seit 1910/11 ev., 1] 1898 1911 Enrico Marcovaldi, 1874–1944), T d. Benno Heimann (1836–74), Bankier in Berlin, u. d. Franziska Friederike Meyer (1844–93) 1 Stief-S, 1 Stief-T Annina ( Otto Rosenthal, * 1898, Biochemiker, s. BHdE II); Verwandter Alois (s. 3).

  • Leben

    Die Atmosphäre im Elternhaus war geprägt von aufgeklärten, an den Naturwissenschaften orientierten Vorstellungen und einer ausgesprochenen Glaubenslosigkeit. M. war ein glänzender Schüler, erkrankte aber während seiner Steyrer Schuljahre zweimal schwer an einer „Nerven- und Gehirnkrankheit“, die ihn wochenlang ans Krankenbett fesselte und vielleicht die späteren Arbeitshemmungen und neurologischen Störungen (Halluzinationen) verursachte. Um sein 10./11. Lebensjahr kam es zu schweren präpubertären Auseinandersetzungen mit der Mutter, die zu dem Entschluß führten, M. 1892 in eine Kadettenanstalt zu schicken. So besuchte M. die Militärrealschule in Eisenstadt (Burgenland) und Mährisch-Weißkirchen (Hranice). Der Unterricht war ganz auf die künftige Offizierslaufbahn zugeschnitten, so daß sich M. später, da er die alten Sprachen nicht erlernt hatte, unter den Gymnasiasten als Halbbarbar vorkam. In Mährisch-Weißkirchen wurde er Zeuge grausamer Machtspiele, die seine Mitschüler Boyneburg und Reiting mit ihren Opfern Hoinkes und Fabini spielten. „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ sind wohl ein ziemlich getreues Zeugnis jener Vorgänge. Die Ausbildung zum Artillerieoffizier an der Wiener Militärakademie brach M. schon nach einem Vierteljahr im Dezember 1897 ab und wechselte an die TH Brünn über. Die Ausbildung zum Maschinenbauer war gründlich und vielseitig, sie umfaßte auch Geodäsie, Hoch-, Straßen- und Eisenbahn-, Brücken- und Wasserbau sowie Chemie. Bei der zweiten Staatsprüfung bestätigte ein vierköpfiges Professorenkollegium (darunter der eigene Vater) M. am 18.7.1901, „sehr befähigt“ zu sein. Zwei Monate vorher hatte M. dem Verlag Cotta das „Manuscript eines Buches moderner Richtung“ zur Einsicht angeboten. Es sollte den Titel „Paraphrasen“ tragen und ihn „im Sterben der Seele“ retten. Diese Texte, von denen sich wegen der Ablehnung durch Cotta nur wenige erhalten haben, waren Resultat seiner Lektüre Nietzsches, Emersons, Maeterlincks, Altenbergs (und regionaler Vorbilder wie Schaukal), aber auch einer großen Liebe zu der Münchener Klavierlehrerin Valerie Hilpert, die er im September 1900 in Schladming (Steiermark) kennengelernt hatte. Er hat die kurze, offenbar platonische Beziehung zu dieser acht Jahre älteren Frau später im „Mann ohne Eigenschaften“ als die „vergessene, überaus wichtige Geschichte mit der Gattin eines Majors“ beschrieben. Sein mystisches Versinken in der Natur rings um den Wallfahrtsort Filzmoos im Salzburger Land verlegte er dabei auf eine südliche Insel. Das von der entfernten Geliebten ausgelöste „ozeanische Gefühl“ (Freud), das M. im Herbst 1900 erstmals erfuhr, war wohl seine wichtigste Jugenderfahrung. Der Alltag freilich verschüttete es auf lange Zeit. Nach der Ingenieursprüfung hatte M. in Brünn sein Einjährigen-Freiwilligen-Jahr zu absolvieren, samt dem üblichen Stumpfsinn des Waffendienstes mit Casino-Gesprächen und Bordell-Besuchen. Damals infizierte er sich mit der – seinerzeit noch kaum therapierbaren – Syphilis, mit der er aller Wahrscheinlichkeit nach auch seine damalige Geliebte Herma Dietz ansteckte; sie starb im November 1907 an dieser Krankheit, nachdem sie ihm 1902 nach Stuttgart und 1903 nach Berlin gefolgt war.

    1902/03 fungierte M. als Volontär-Assistent an der Materialprüfungsanstalt in Stuttgart bei dem Professor des Maschinenbauwesens Carl v. Bach. Ein sehr eifriger Materialprüfer war M. indes nicht. Er wollte Philosophie studieren, mußte zu diesem Zweck das Abitur nachholen, „drückte“ sich deshalb vor seiner Arbeit, lernte die alten Sprachen nach und begann, „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ niederzuschreiben. Als er sich zum Wintersemester 1903/04 an der Univ. Berlin für die Fächer Philosophie, Psychologie, Mathematik und Physik einschrieb, dürfte das Manuskript schon fortgeschritten gewesen sein. Daß sein erstes gedrucktes Werk erst Ende 1906 erschien, lag an verschiedenen Ursachen: am Studium, am Nachholen der Reifeprüfung (Juni 1904) sowie an der Schwierigkeit, einen Verlag zu finden. Dies gelang schließlich mit Hilfe Alfred Kerrs, der dem Buch mit einer glänzenden Kritik im Berliner „Tag“ zum Durchbruch verhalf. Das Werk, von den zeitgenössischen Pädagogen und Psychologen als Milieustudie über jugendliche Homosexualität und pubertäre Identitätsstörung gelesen, gewann im nachhinein geradezu prophetische Qualitäten: Es beschrieb|anhand der „Klassendiktatoren“ von Mährisch-Weißkirchen die Diktatoren des Jahrhunderts – Hitler, Stalin, Mussolini – in nucleo.

    Die Promotion über Ernst Mach Ende Februar 1908 hätte M. an der TH München und an der Univ. Graz eine akademische Karriere eröffnet. Er entschied sich indes für die „Liebe zu künstlerischer Literatur“ (Brief an A. Meinong vom 18.1.1909). Seit dem Frühjahr 1908 arbeitete er an der Novelle „Das verzauberte Haus“, aus der „Die Versuchung der stillen Veronika“ hervorging, und an der „Vollendung der Liebe“, Texten, die zusammen den Band „Vereinigungen“ (1911) bilden. Den Stoff dafür lieferte das bewegte erotische Vorleben Marthas, seiner späteren Frau, die er im Sommer 1906 kennengelernt hatte. In seinem zweiten Buch verarbeitete M. Anregungen aus den Hysterie-Studien Freuds und Breuers, z. B. das jugendliche Trauma, wollte aber die kausale Methode der Psychoanalyse nicht einfach übernehmen. Er stellte dem Begriff der traumatischen Ursache den des Motivs gegenüber, das dem Reich der Freiheit angehören und von Bedeutung zu Bedeutung führen sollte. Ihm schwebte offenbar die Versöhnung von Notwendigkeit und Freiheit, von Psychoanalyse und Transzendentalphilosophie vor. Von der literarischen Kritik wurden die Texte nicht verstanden, selbst von Alfred Kerr und Franz Blei nicht. Bis auf enthusiastische Rezensionen von Ernst Blaß und Alfred Wolfenstein waren die Kritiken fast durchweg negativ. Eine schriftstellerische Laufbahn ließ sich auf den „Vereinigungen“ anscheinend nicht gründen. So mußte sich M. – nicht zuletzt im Hinblick auf die geplante Heirat – 1911 bereitfinden, an der TH Wien eine Stelle als Bibliothekar anzutreten. Er haßte diesen Beruf, floh in essayistische Arbeiten für Bleis „Losen Vogel“, in Entwürfe zu seinem Drama „Die Schwärmer“ und in eine psychosomatische Erkrankung, die ihm im Sommer 1913 einen halbjährigen Erholungsurlaub in Italien verschaffte. Gesundet, schied er aus dem österr. Staatsdienst aus und schloß mit S. Fischer in Berlin einen Vertrag als Redakteur der „Neuen Rundschau“. Er sollte die junge Generation an den Verlag heranführen.

    Der Ausbruch des 1. Weltkriegs machte all dem schon nach wenigen Monaten wieder ein Ende. M. gehörte zu denen, die den Krieg begrüßten und sofort ins Feld rückten. Er wurde als österr. Reserveoffizier in Südtirol und an der ital.-serb. Front stationiert. Von Juli 1916 bis April 1917 gab er in Bozen das Propagandablatt „Soldaten-Zeitung“, seit März 1918 in Wien ein ähnliches Blatt namens „Heimat“ heraus, Organe, für die er zahlreiche anonyme Artikel schrieb. Der unmittelbare literarische Ertrag jener Jahre war jedoch gering: Er schrieb einige Gedichte, bosselte an seinem Drama „Die Schwärmer“ und sammelte Material für seine Novellen „Grigia“ und „Die Portugiesin“. Im nachhinein erschienen ihm die Kriegsjahre als „fünfjährige Sklaverei“. Ein Großteil seiner geistigen Anstrengung in der Folgezeit galt der Ergründung des Phänomens Krieg – in den Essays der 20er Jahre nicht anders als in dem großen Roman, den er nach seinem Drama „Die Schwärmer“ in Angriff nahm. Dieses Stück, in rund zehnjähriger Arbeit entstanden, wurzelte noch in der Vorkriegszeit, privat in den Irrungen und Wirrungen Marthas aus der Zeit vor ihrer Ehe mit M., moralischpolitisch in der Auffassung, daß schon zwei „neue Menschen“, dem „Schöpfungszustand“ verschworen, eine neue Menschheit bildeten. Auch in der literarischen Technik knüpfte das Drama bei der M.schen Vorkriegsprosa an: Beim Prinzip der kleinsten, maximal belasteten Schritte, des unmerklichen, chromatischen Übergangs, das auch an den für psychologische Experimente entwickelten M.schen Farbkreisel erinnert. Kritiker und Dramaturgen hielten „Die Schwärmer“ für bühnenfremd, für ein Lesedrama, politisch Engagierte für ein Residuum des bürgerlich-individualistischen Dramas. So kam es erst 1929 an einer Berliner Experimentierbühne unter Paul Gordon und Jo Lherman zur Premiere des – notwendigerweise stark gekürzten – Stücks. Sie erntete M.s heftigen Protest und Alfred Kerrs milden Beifall; zu Lebzeiten des Autors wurde das Drama nicht mehr aufgeführt. Ein Regisseur wie Hans Neuenfels bezeichnet das Werk allerdings später als „eines der wichtigsten Dramen des 20. Jh., wenn nicht das wichtigste, das die deutschsprachige Literatur bislang besitzt.“

    Etwas erfolgreicher war M.s Posse „Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer“, die er vor allem als Bahnbrecher für die „Schwärmer“ gedacht hatte. Er wollte den Regisseuren, Schauspielern, Kritikern und dem Publikum beweisen, daß er ein mit allen Wassern gewaschener Theatermensch sei, etwas von dramatischen Effekten verstehe und die Leute zu unterhalten wisse. Immerhin kam es zu zwei Inszenierungen durch Berthold Viertel (Berliner Lustspielhaus, Dezember 1923) und Rudolf Beer (Deutsches Volkstheater Wien, August 1924). Heute begreift man das Stück als Präludium zu Musils großem Roman. Die Hauptfigur Vinzenz gilt als Vorläufer des|„Mannes ohne Eigenschaften“. Dieser Roman, dessen erster Band in rund zehnjähriger Arbeit seine endgültige Gestalt erhielt, hatte zahlreiche Vorstufen: „Der Spion“, „Der Erlöser“, „Die Zwillingsschwester“, Titel, die auf wechselnde Intentionen deuten. M. ging es von Anfang an darum, das letzte Jahr vor dem 1. Weltkrieg und den Zusammenbruch der europ. Kultur zu beschreiben. Eine geniale Erfindung war der Plot: die Parallelaktion. M. läßt das siebzigjährige Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs und das dreißigjährige Kaiser Wilhelms II. ins Jahr 1918 fallen, woraus sich ein Wettlauf der Patrioten in beiden Lagern entwickelt. Dies bietet dem Autor Gelegenheit, Vertreter der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten und Ideologien auftreten zu lassen: den Grafen Leinsdorf, der Feudalismus und Sozialismus verbinden möchte, den Industriellen Paul Arnheim (alias Walther Rathenau), der „Kohlenpreis und Seele“ vereinigt, die Salonlöwin Diotima, die Gattin des Sektionschefs Tuzzi, den General Stumm v. Bordwehr, die Chansonette Leona, die nymphomane Juristengattin Bonadea, den jüd. Bankdirektor Fischel, der in seinem Haus ausgerechnet völkischantisemitische Spinner wie Hans Sepp verkehren läßt, den Sexualmörder Moosbrugger, dessen Schwester im kranken Geiste Clarisse, den verkrachten Universalkünstler Walter sowie den „Mann ohne Eigenschaften“, Ulrich. „Er ist begabt, willenskräftig, vorurteilslos, mutig, ausdauernd, draufgängerisch, besonnen – … er mag alle diese Eigenschaften haben. Denn er hat sie doch nicht! Sie haben das aus ihm gemacht, was er ist, und seinen Weg bestimmt, und sie gehören doch nicht zu ihm… In wundervoller Schärfe… sah er… alle von seiner Zeit begünstigten Fähigkeiten und Eigenschaften in sich, aber die Möglichkeit ihrer Anwendung war ihm abhandengekommen.“ M. war nach Publikation des Buches überrascht festzustellen, daß es sich dabei offenbar nicht nur um ein individuelles Problem seines Helden handelte, sondern daß er „einen Zeittypus getroffen“ hatte. („Natürlich sind die Männer mit Eigenschaften manchmal auch etwas darüber erstaunt, daß sie keine haben sollen.“) Es ging also um eine Ich-Schwäche, die oft genug mit Handlungsschwäche verbunden war. Um dieser allumfassenden, zur Passivität führenden Ambivalenz zu entrinnen, läßt Ulrich sich zum Sekretär der Wiener Parallelaktion ernennen, um ihr schließlich einen utopischen Vorschlag zu machen: Die Errichtung eines Generalsekretariats der Genauigkeit und der Seele, ohne das seines Erachtens alle anderen Fragen nicht zu lösen sind.

    Als der 1. Band im Winter 1930 erschien, war die Kritik geradezu überwältigt. Er erhielt rund 200 Rezensionen, deren Tenor fast einhellig der war: „Unter den europ. Romanen der bedeutendste, oder: Kein zweiter deutscher Roman erreicht diese Höhe“ (Brief an Johannes v. Allesch v. 15.3.1931). An M.s verzweifelter wirtschaftlicher Lage änderte solches Lob indessen nicht viel. Die Vorschüsse, die der Rowohlt-Verlag rund ein halbes Dutzend Jahre gezahlt hatte, waren aufgezehrt. Für die Fortsetzung des Romans war nahezu kein Geld aufzutreiben. Zwar zahlte die Schiller-Stiftung M. 1928 einmal 800 RM, zwar sagte die Preuß. Akademie der Künste, die ihn wohlweislich in ihre Sektion für Dichtkunst nicht aufgenommen hatte – angeblich war M. zu intelligent für einen wahren Dichter -, ihm am Tag von Hitlers Machtantritt 1000 RM zu, aber die wichtigste Institution, die Berliner Musil-Gesellschaft, die sich 1932 gebildet und ca. 8000 RM gesammelt hatte, löste sich bald wieder auf, da ihre Mitglieder in erster Linie reiche und kunstsinnige Juden waren, die bald emigrieren mußten. M., der im Herbst 1931 Wien verlassen hatte und vorübergehend nach Berlin übersiedelt war, weil dort die Spannungen des Geisteslebens deutlicher spürbar seien, sah seine jüd. Frau Martha durch die Rassenpolitik der Nazis gleichfalls gefährdet, kehrte im Mai 1933, elf Tage nach der Bücherverbrennung, Deutschland den Rücken und fuhr nach Wien zurück (Mai 1933). In seinem Gepäck hatte er den Fortsetzungsband II/1, der im Winter 1932 erschienen war, aber mit einem Kapitel (Nr. 38) endete, das noch nicht einmal ein organischer Zwischenabschluß war und das Publikum in völliger Ungewißheit über den Fortgang der Handlung ließ. Dieser von den ökonomischen Notwendigkeiten erzwungene Band II/1 schildert die Begegnung Ulrichs mit seiner lange verschollenen Schwester Agathe. Sie sollte nach den Plänen des Autors die äußerlichen Beziehungen seines Helden zu den Leonas und Bonadeas beenden und ihm gestatten, zu einem Mann mit Eigenschaften zu werden, sich zu akzeptieren, ja zu lieben, denn Agathe sollte die Verkörperung seiner Selbstliebe, seiner Philautia sein. Auf der sog. „Reise ins Paradies“ zu einer südlichen Küste am Mittelmeer sollte es zum Inzest zwischen den Geschwistern kommen. Das Scheitern ihrer Liebe nach wenigen Tagen und die Rückkehr in den Wiener Alltag sollte der Mobilisierung vom August 1914 unmittelbar vorausgehen, so daß private und allgemeine Katastrophe Hand in Hand gegangen wären. Aber selbst|für Leser mit divinatorischen Fähigkeiten war dies nicht zu ahnen.

    In den knapp fünf Jahren, die M. in Wien bis zu seiner Emigration blieben, schrieb er, materiell gestützt von einem in Wien gegründeten Musil-Fonds, 20 weitere Kapitel, die, als Hitler im März 1938 in Österreich einmarschierte, gerade gesetzt waren, aber ebenfalls noch weit von der Peripetie des Romans, vom Inzest der Geschwister, entfernt blieben. M.s neuer Verleger, Gottfried Bermann Fischer, emigrierte sofort, Martha war von den Nürnberger Rassegesetzen bedroht, desgleichen nicht wenige der Wiener Freunde und Förderer. So war es eine Frage von wenigen Monaten, bis M. und Martha ebenfalls emigrierten. Über Italien ging es am 2.9.1938 nach Zürich, wo 1936, im Humanitas-Verlag, M.s „Nachlaß zu Lebzeiten“ erschienen war, eine Sammlung seiner zuvor verstreut veröffentlichten kurzen Texte, unter ihnen das berühmte „Fliegenpapier“ und die Erzählung „Die Amsel“.

    Da sich kein Verlag fand, der sich um eine Fortsetzung des „Mannes ohne Eigenschaften“ gekümmert hätte, nutzte M. die ihm verbleibende Zeit, um die Wiener Druckfahnenkapitel umzuarbeiten, sie gefälliger und verständlicher zu machen. So strebte er danach, aus den essayistischen Abrissen der Gefühlspsychologie dialogisch-erzählende Texte zu machen. Obwohl er – gegen alle gesundheitlichen Indizien (Schlaganfall 1936, lebensgefährliche Hypertonie) – glaubte, bis zum 80. Lebensjahr arbeitsfähig zu bleiben, zweifelte er mitunter daran, ob er den Roman in der geplanten Form würde abschließen können. Er dachte daran, die stockende Handlung abzubrechen und sie von Ulrich selbst in einem „Nachwort/Schlußwort“ „epilogisieren“ zu lassen. Das hätte ihm erlaubt, die Zeitlücke zwischen dem Ausbruch des 1. und des 2. Weltkriegs zu schließen und eventuell auch noch ein in Arbeit befindliches Aphorismenbuch („Rapial“) mit dem Roman zu vereinigen. Dann wieder machte er sich, finanziell unterstützt von Pfarrer Robert Lejeune, der American Guild for Cultural Freedom und anderen Hilfsorganisationen erneut an seine Sisyphusarbeit, tat so, als ließen sich die alten Konzepte doch noch realisieren, und hielt sich, ganz dem von ihm propagierten Möglichkeitssinn entsprechend, alle Optionen offen. Die Gärten Genfs, in das er wegen der Nähe zu Frankreich Anfang Juli 1939 übersiedelt war, verliehen den Gartenkapiteln, an denen er zuletzt arbeitete, so den „Atemzügen eines Sommertags“, jene innige Verbindung von Sinnlichkeit und Reflexion, die als „taghelle Mystik“ in die Geistesgeschichte des 20. Jh. einging. An seinem letzten Lebenstag vollendete M. besagtes Kapitel, dessen Natureingang zum Schönsten gehört, was er schrieb, und alles, auch das Schicksal Ulrichs und Agathes, in der Schwebe ließ wie jener „geräuschlose Strom glanzlosen Blütenschnees“: „der Atem, der ihn trug, war so sanft, daß sich kein Blatt regte. Kein Schatten fiel davon auf das Grün des Rasens, aber dieses schien sich von innen zu verdunkeln wie ein Auge… Frühling und Herbst, Sprache und Schweigen der Natur, auch Lebens- und Todeszauber mischten sich in dem Bild; die Herzen schienen stillzustehen, aus der Brust genommen zu sein, sich dem schweigenden Zug durch die Luft anzuschließen.“ Als Martha M. an diesem Tag, ihrem 31. Hochzeitstag, den Gatten zum Essen rufen wollte, fand sie ihn tot im Badezimmer. An M.s Beerdigung nahmen acht Personen teil, Pfarrer Lejeune hielt die Totenrede und bezahlte die Kosten; die Leiche wurde eingeäschert, die Asche später von Martha nach Familienbrauch verstreut. Zu Beginn der 30er Jahre hatte M. in Berlin geklagt, jetzt sei er nicht berühmt, aber nach seinem Tode werde er es sein. Er sollte recht behalten. Martha suchte mit ihrem Nachlaßband von 1943, das Gedächtnis der vom Krieg verstörten Zeitgenossen für den „Mann ohne Eigenschaften“ wachzuhalten, und was ihr unter den herrschenden Umständen nur zum Teil gelang, erreichte Adolf Frisé mit seiner Ausgabe von 1952. Er leitete eine Renaissance M.s ein, die bis zum heutigen Tage anhält. Seine Werke sind in alle Weltsprachen übersetzt, und viele bedeutende Schriftsteller der Folgezeit bekennen sich als seine Leser oder Bewunderer, von Guido Morselli bis Milan Kundera, von Christa Wolf bis Peter Handke, von Elias Canetti bis Kenzaburo Oe.

  • Werke

    Tagebücher, hrsg. v. A. Frisé, 1976, 21983; Ges. Werke, hrsg. v. dems., I, Der Mann ohne Eigenschaften, II, Prosa u. Stücke, Kleine Prosa, Aphorismen, Autobiographisches, Essays u. Reden, Kritik, 1978; Briefe 1901-1942, hrsg. v. dems., 1981; Briefe, Nachlese, hrsg. v. dems., 1994; R. M., Der literar. Nachlaß, hrsg. v. F. Aspetsberger, K. Eibl u. A. Frisé, 1992.

  • Literatur

    R. M., Leben, Werk, Wirkung, hrsg. v. K. Dinklage, 1960; R. M. in Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten, dargest. v. W. Berghahn, 1965; K. Corino, R. M., Leben u. Werk in Bildern u. Texten, 1988, 21992. – Einzelunterss.: R. Lejeune, R. M., 1942; E. Kaiser u. E. Wilkins, R. M., Eine Einf. in d. Werk, 1962; G. Jäßl, Mathematik u. Mystik in R. M.s Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, 1963; W. Bausinger, Stud. zu e. hist.-krit. Ausg. v. R. M.s Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, 1964; G.|Baumann, R. M., Zur Erkenntnis d. Dichtung, 1965; D. Kühn, Analogie u. Variation, 1965; R. v. Heydebrand, Die Reflexionen Ulrichs in R. M.s Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, 1966; dies., R. M., 1982; W. Rasch, Über R. M.s Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, 1967; E. Albertsen, Ratio u. „Mystik“ im Werk R. M.s, 1968; C. Hönig, Die Dialektik v. Ironie u. Utopie u. ihre Entwicklung in R. M.s Reflexionen, 1970; K. Corino, R. M., – Th. Mann, Ein Dialog, 1971; ders., R. M.s „Vereinigungen“, Stud. z. e. hist.-krit. Ausg., 1974; A. Reniers-Servranckx, R. M., Konstanz u. Entwicklung v. Themen, Motiven u. Strukturen in d. Dichtungen, 1972; M.-L. Roth, R. M., Ethik u. Ästhetik, 1972; dies., R. M., L'homme au double regard, 1987; D. Goltschnigg, Myst. Tradition im Roman R. M.s, Martin Bubers „Ekstatische Konfessionen“ im „Mann ohne Eigenschaften“, 1974; J. C. Thöming, Zur Rezeption v. M.- u. Goethe-Texten, 1974; J. Schmidt, Ohne Eigenschaften, Eine Erl. zu M.s Grundbegriff, 1975; R. Schneider, Die problematisierte Wirklichkeit, Leben u. Werk R. M.s, 1975; W. Frier, Die Sprache d. Emotionalität in d. „Verwirrungen d. Zöglings Törleß“ v. R. M., 1976; S. Mulot, Der junge M., Seine Beziehung zu Lit. u. Kunst d. Jh.wende, 1977; K. Eibl, R. M., „Drei Frauen“, Text, Materialien, Kommentar, 1978; H. Arntzen, M.-Kommentar, 2 Bde., 1980 u. 1982; A. Frisé, Plädoyer f. R. M., 1980, 21987; P. Henninger, Der Buchstabe u. d. Geist, Unbewußte Determinierung im Schreiben R. M.s, 1980; D. S. Luft, R. M. and the Crisis of European Culture 1880-1942, 1980; H. Hickman, R. M. and the Culture of Vienna, 1984; S. Howald, Ästhetizismus u. ästhet. Ideologiekritik, 1984; R. Willemsen, Das Existenzrecht d. Dichtung, Zur Rekonstruktion e. systemat. Lit.theorie im Werke R. M.s, 1984; E. Heftrich, M., Eine Einf., 1986; M. Mae, Motivation u. Liebe, Zum Strukturprinzip d. Vereinigung b. R. M., 1988; G. Meisel, Liebe im Za. d. Wiss. vom Menschen: Das Prosawerk R. M.s, 1991; B. Cetti Marinoni, Essayist. Drama, Die Entstehung v. R. M.s Stück „Die Schwärmer“, 1992; ÖBL; NÖB 21, S. 57-65 (P); Kosch, Lit.-Lex.3; KLL; Killy; DLB 81, 124.

  • Autor

    Karl Corino
  • Empfohlene Zitierweise

    Corino, Karl, "Musil, Robert" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 632-636 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118585916.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Artikel noch nicht erschlossen.