Lebensdaten
823 bis 877
Geburtsort
Frankfurt/Main
Sterbeort
Avrieux (Savoyen)
Beruf/Funktion
Kaiser ; König der Westfranken
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118640119 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Karl II.
  • Karl II. der Kahle
  • Carolus <Calvus>
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Zitierweise

Karl der Kahle, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118640119.html [28.09.2016].

CC0

Karl II. der Kahle

westfränkischer König und Kaiser, * 13.6.823 Frankfurt/Main, 6.10.877 Avrieux (Savoyen), Nantua, dann Saint-Denis.

  • Genealogie

    V Kaiser Ludwig d. Fromme ( 840); M Judith ( 843, s. NDB X), T d. Gf. Welf; Halb-B Kaiser Lothar I. ( 855), Kg. Pippin I. ( 838), Kg. Ludwig d. Deutsche ( 876); Schw Gisela (* 819/22, zuletzt erw. 874, ca. 836 Eberhard, dux v. Friaul, 866); - 1) Quierzy 13.12.842 Irmintrud (ca. 830–869), T d. Gf. Odo v. Orléans, 2) Aachen 22.1.870 Richildis ( 910/14), T d. Gf. Biwin ( 862), Schw d. Gf. Boso ( 887); 4 S, 4 T aus 1), u. a. Kg. Ludwig d. Stammler (840–79), Karl d. Kind (847/48-66), Karlmann ( 876) Abt, Judith (ca. 844- n. 870, 1] 856 Kg. Aethelwulf v. Wessex, 858, 2] 858 Kg. Aethelbald v. Wessex, 860, 3] 862 Gf. Balduin I. v. Flandern, 879); 4 S (früh †), 1 T aus 2) Rothild (ca. 871–928/29, ca. 890 Gf. Rotger (897 v. Maine], vor 31.10.900); E Karl III. ( 929), westfränk. Kg. (s. NDB XI).

  • Leben

    Im Jahre 817 hatte Ludwig der Fromme seinen ältesten Sohn Lothar I. zum Mitkaiser und Nachfolger, Pippin und Ludwig den Deutschen zu Unterkönigen in Aquitanien und Bayern bestimmt; diese im Geiste der Reichseinheit und in Abwandlung des überkommenen Teilungsrechtes schon mehr herrschaftlich als genossenschaftlich geprägte Ordinatio imperii war als endgültige Regelung gedacht und schloß weitere Teilungen ausdrücklich aus. Die Geburt des 4. Kaisersohnes, der den großväterlichen Namen „Karl“ erhielt, durchkreuzte diese Konzeption, denn die Kaiserin Judith erstrebte auch für K. einen Anteil an der Reichsherrschaft und hatte dabei das traditionelle Rechtsdenken auf ihrer Seite. Sie setzte ihre Hoffnungen zunächst auf Lothar I., den sie zum Taufpaten und Schützer des um nahezu 30 Jahre jüngeren K. gewann, und wurde zum Mittelpunkt einer Hof- und Adelspartei, die das Programm von 817 überspielen wollte. Ihr Erfolg wurde sichtbar, als der Kaiser 829 seinen jüngsten Sohn zwar nicht mit einem eigenen regnum, aber mit einem aus alemannischen und burgundischen Ländern gebildeten Dukat ausstattete. Um die gleiche Zeit wurde der Reichenauer Gelehrte Walahfrid Strabo mit der Erziehung K. betraut, der in der Tat, soweit sich da urteilen läßt, in seiner Karolingergeneration das lebhafteste Bildungsinteresse entwickelte.

    Was 829 zugunsten K. entschieden wurde, bedeutete einen politischen Kurswechsel des Kaiserhofes und wurde der Anstoß zu dem hin und her wogenden Prinzipien- und Machtkampf der Jahre 830-35, der das Reich aufs schwerste erschütterte. Zu einer aktiven Teilnahme noch nicht imstande, war K. unter dem Schutz des Kaiserpaares trotzdem eine wichtige Figur in den rasch wechselnden Konstellationen. In einer Erbteilung, die Ludwig der Fromme (nach vorherrschender Forschungsmeinung) Anfang 831 verfügte, wurde K. Anteil in den Mosel- und Rhoneraum hinein erweitert. Doch stieß der Kaiser bereits 832 diese Entscheidung um und sprach, nach einem Feldzug gegen Pippin I., Aquitanien K. zu. Aber keine dieser Regelungen nahm Gestalt an. Im Jahre 833 kam K. mit dem Vater in die Gefangenschaft Lothars I. und wurde zeitweilig nach Prüm in Gewahrsam gegeben. Auch nach der Wiedereinsetzung Ludwigs des Frommen (Anfang 834) blieb die Frage einer Ausstattung K. zunächst in der|Schwebe. Das Ziel war – offensichtlich unter dem Einfluß Judiths – immer noch ein Einvernehmen mit Lothar I., der sich aber gegen alle Aussöhnungsbemühungen des Hofes sperrte. Ohne Verständigung mit ihm bestimmte Ludwig 837 weite Länder im Raum zwischen Rhein, Seine und Nordküste (also ganz andere Gebiete als vorher) zum Anteil K. Ludwig der Deutsche, mit dem Vater wieder überworfen, sollte auf Bayern beschränkt bleiben. Im September 838 folgte in der Pfalz Quierzy die Schwertleite und Königskrönung des nunmehr als volljährig geltenden K. Als aber Pippin I. von Aquitanien 838 starb, schien der Weg frei: Ludwig der Fromme schob den aquitanischen Erbanspruch seines Enkels Pippin II. beiseite, entbot Lothar I. zu einer Reichsversammlung nach Worms und verkündete dort (Mai-Juni 839) eine Teilung des Gesamtreiches außer Bayern nur zwischen Lothar I. und K., dem die westlichen Länder bis zu einer Linie von der Maas zum Genfer See zufallen sollten. Gegen diese Entscheidung aber setzten sich sowohl Ludwig von Bayern wie ein Teil des aquitanischen Adels zur Wehr, der Pippin II. zum König ausrief. Mit K. im Gefolge zog der Kaiser noch im gleichen Jahre zu Felde, nahm in der Nähe von Clermont für sich und K. die Huldigung der ihm ergebenen Aquitanier entgegen und schickte K. mit Judith zu längerem Aufenthalt nach Poitiers voraus. Daß Aquitanien, wie bereits 832 vorgesehen, den Kern von K. Reichsteil bilden sollte, war klar bekundet.

    Als Ludwig der Fromme am 20.6.840 gestorben war, schob Lothar I. jedoch die Abmachung vom Vorjahr beiseite u. beanspruchte alle Kaiserrechte aus der Ordinatio von 817. Zwischen Lothar und Pippin II. eingekeilt, geriet K. in Bedrängnis, wußte sich aber zu behaupten und schloß im Frühjahr 841 – in einer von selbst gegebenen Umkehrung der bisherigen Fronten – ein Bündnis mit Ludwig dem Deutschen. Am 25.6.841 unterlag Lothar, dem sich Pippin II. angeschlossen hatte, in der blutigen Bruderschlacht von Fontenoy bei Auxerre, die den tief bedrückten Zeitgenossen wie ein Gottesurteil, wie ein Sieg des Teilungsrechtes über die Einheitsidee erschien. K. und Ludwig mit ihren Vasallen erneuerten ihr Bündnis durch die Straßburger Eide vom 14.2.842, die, im volkssprachlichen Wortlaut überliefert, als ältestes Denkmal französischer und eines der ältesten deutscher Sprache mit Recht berühmt sind, den Historiker freilich nicht schon zu einer politisch-nationalen Interpretation verleiten dürfen. Lothar gab endlich auf, zumal die Großen aller Reichsländer zum Frieden drängten. Die 3 Brüder trafen sich im Juni 842 auf einer Saône-Insel bei Mâcon, im November in Diedenhofen und einigten sich auf einen langen Waffenstillstand zur Vorbereitung einer möglichst gleichmäßigen Dreiteilung von außen nach innen, das heißt auf der Basis von Italien, Bayern und Aquitanien als Reichsteilen Lothars, Ludwigs und K. Im August 843 kam dann der Vertrag von Verdun zustande, der den Westen bis zur ungefähren Linie der Flüsse Schelde, Maas, Saône, Rhône K. zusprach, während Lothar I. ein Mittelreich bis zum Rhein und zur Nordsee, Ludwig der Deutsche den Osten erhielt, freilich mit einer weiten Ausbuchtung um Mainz.

    Der Vertrag von Verdun zog nur Binnengrenzen dynastischer Zuständigkeitsbereiche innerhalb des regnum Francorum, das der Idee nach als Einheit fortbestand, jetzt freilich unter einer karolingischen Samtherrschaft, die dem Kaiser nur noch einen Ehrenvorrang beließ. Als endgültig und unabänderlich wurde diese Ordnung noch keineswegs empfunden: ob eine föderative Einheit sich behaupten, ob eine andere Aufgliederung Platz greifen oder ob umgekehrt die Reichsteile sich zu Teilreichen verselbständigen würden – das war eine offene Frage, auch und gerade für den Herrschaftsbereich K. Die 3 Brüder trafen sich 844 in Diedenhofen, 847 und 851 in Meerssen zu feierlichen Beschlüssen und Mahnungen über gemeinsames Handeln, die freilich nicht viel fruchteten. In wiederholten Zweiertreffen – so K. mit Lothar I. 849, 852, 853, 854, mit Ludwig 849 – gingen Mißtrauen und Ausgleichsbemühungen ineinander über. Trotz wechselnder Spannungen hielt jedoch im 1. Jahrzehnt ein leidlicher Friede vor, aber mit der gegenseitigen Hilfe war es nicht weit her, jeder blieb auf sich selbst gestellt.

    Die dem erst 20jährigen K. zugefallenen gallischen Länder waren wirtschaftlich, kulturell und politisch im ganzen weiter entwickelt als etwa der germanische Osten. K. vermochte daher mit der Kontinuität von Hofkapelle, Hofschule und Kanzlei, Hoftagen und Synoden, Kapitulariengesetzgebung und Herrscherrepräsentation mehr an hochkarolingischem Herrschaftsstil fortzusetzen als bei seinen Brüdern erkennbar ist. Wir kennen über 350 echte Urkunden K. im Wortlaut, von etwa 70 weiteren haben sich Spuren erhalten; ferner sind 29 Kapitularien und 28 Briefe auf uns gekommen. Als K. Erzkapläne begegnen der Bischof Ebroin von Poitiers ( 854) und der Abt Hilduin von Saint Germain-des-Prés ( 860), als seine Erzkanzler der Abt Ludwig von Saint Denis (Enkel Karls des Großen,| 867), dann der Abt Gauzlin von Jumièges ( 886 als Bischof von Paris). Erst recht zeugt die dem Westkönig dargebrachte Widmung zahlreicher Schriften teils gelehrten, teils literarischen Charakters vom besonderen geistigen Rang seines Hofes, wo, neben anderen Gelehrten, schon seit circa 845 der Ire Johannes Scotus ( circa 877) eine Heimstatt fand, als Übersetzer griechischer Väter und als spekulativer Theologe die bedeutendste Gestalt seines Jahrhunderts. Auch politisch konnte sich K. auf Kirchenmänner stützen; insbesondere der EB Hinkmar von Reims präfiguriert bereits den geistlichen Staatsmann des Hochmittelalters. Seine wiederholten Konflikte sowohl mit seinen Untergebenen wie mit Rom sind von hoher grundsätzlicher Bedeutung, berühren die Biographie K. jedoch nur am Rande.

    Von einem „Westfränkischen Reich“ K. kann freilich nur in historischer Rückschau gesprochen werden; eine Selbstbezeichnung dieser Art, etwa im Stil der Kanzlei, gab es nicht. Politisch-militärisch war K. Herrschaftsbereich ein sehr labiles Gebilde, dessen relativ hoher innerer Entwicklungsstand in manchem der Königsgewalt sogar abträglich war. Den fränkisch-neustrischen Norden verband keineswegs ein besonderes Gemeinsamkeitsbewußtsein mit Aquitaniern und Burgundern oder gar mit Basken und Bretonen, die oft genug vielmehr in offener Feindschaft verharrten. Die weiten Küsten mit den zahlreichen Flußeinfahrten, die Städte und Klöster, auch des Binnenlandes bis Tours, Orléans und Paris, waren seit 841 und dann wieder seit 850 – weit mehr als im Mittel- und im Ostreich – schlimmsten Heimsuchungen durch die dänischen Wikinger (Normannen) ausgesetzt, deren man sich lange Zeit kaum zu erwehren wußte; immer häufiger wurde der Abzug durch empfindliche Zahlungen erkauft – so 845 vor Paris erstmals von K. selber, der das Gesetz des Handelns nicht an sich zu ziehen vermochte und die improvisierte Gegenwehr den regionalen Gewalten überlassen mußte. Dies wiederum verstärkte die im Westreich ohnehin weit gediehene Gewichtsverlagerung zum Adel hin, die Feudalisierung der Ämter mit der Tendenz zur Erblichkeit, ja die Ausbildung von Mittelgewalten, die sich – freilich noch fluktuierend – von Flandern bis Septimanien zu formieren begannen.

    Der ziemlich stetige Fluß von K. Urkunden und Kapitularien darf also für die erste Zeit seiner Regierung nicht täuschen; die Königsgewalt, vor der Aufgabe einer Friedenssicherung nach innen und außen versagend, mußte mit dem Adel paktieren und hatte größte Mühe, sich zur Geltung zubringen. Am ehesten vermochte sich K. zunächst in der neustrischen Francia nördlich der Loire zu behaupten, die ihm schon 837/39 zugesprochen worden war. In Coulaines bei Le Mans hielt er Ende 843 einen Hoftag und vereinbarte in einem (als Kapitular verkündeten) „Vertrag“ mit den geistlichen und weltlichen Großen die gegenseitige Respektierung der honores. Die im Vergleich zu den Zeiten Karls des Großen längst verstärkte Mitsprache der Aristokratie, einem schwachen König abgerungen, hat dem Westreich in der Folge schwere Erschütterungen eingebracht, hat auf weite Sicht aber zu einer gewissen Konsolidierung, zur Entwicklung eines nicht ausschließlich vom dynastischen Willen bestimmten politischen Bewußtseins beigetragen.

    Das politische Eigenbewußtsein des Sonderreiches, das K. Kernland sein sollte, lehnte sich freilich vorerst gegen ihn auf. In Aquitanien behauptete sich, mit starkem Rückhalt beim einheimischen Adel, der im Vertrag von 843 von seinen Oheimen übergangene Pippin II. K. Feldzug gegen den Neffen endete am 14.6.844 mit einer Niederlage. K. wußte sich keinen anderen Rat, als im Mai 845 zu Fleury an der Loire in einem förmlichen Friedensvertrag fast ganz Aquitanien Pippin zu überlassen. Schon 844 war unterdes der Bretonenfürst Nominoë nach Neustrien eingedrungen. Auch von ihm wurde K. am 22.11.845 bei Ballon (unweit Le Mans) geschlagen, auch mit ihm schloß er 846 Frieden. Trotz einer nominell weiterhin anerkannten Lehnshoheit K. über Aquitanien und Bretagne war die territoriale Ordnung von Verdun auf breiter Front durchbrochen.

    Darauf aber folgte ein Umschwung. Da Pippin erst recht nicht zu nachhaltiger Normannenabwehr imstande war, ging ein großer Teil des aquitanischen Adels schließlich zu K. über, ohne darum jedoch auch der Entscheidung von 843 formell beizutreten. Man schuf einen von Verdun unabhängigen Rechtstitel, indem K. 848 in Orléans von „fast allen“ weltlichen und geistlichen Großen Aquitaniens gewählt und vom EB Wenilo von Sens gesalbt und gekrönt wurde. Damit traten, in mindestens theoretischer Rivalität zum reinen dynastischen Erbrecht, Königswahl und geistliche Königsweihe in die westfränkisch-französische Geschichte ein, denn die Geltung der sakralen Königsautorität wurde alsbald über Aquitanien hinaus auf K. Herrschaft überhaupt bezogen. Auch der politische Erfolg blieb jetzt nicht aus: der größte Teil des|aquitanischen Adels huldigte K. 849 in Limoges, die Stadt Toulouse kapitulierte; Pippin, dessen Anhang dahinschmolz, wurde 852 an K. ausgeliefert und nach Soissons in Klosterhaft gegeben. Die Bretagne dagegen entglitt K. immer mehr. Nominoë verselbständigte sein Land sowohl politisch wie kirchlich, indem er eine Kirchenprovinz Dol errichtete und sich, wohl 850, zum König krönen ließ. Er starb zwar 851 auf einem Feldzug nach Neustrien, aber sein Sohn Erispoë schlug das Heer K. am 22.8.851 und erzielte in einem Frieden zu Angers, gegen eine nominelle Huldigung, die Anerkennung seiner Königswürde und die Abtretung der Grenzmark um Rennes und Nantes. Im Herbst 852 raffte sich K., diesmal sogar vom Kaiser Lothar persönlich unterstützt, zur Belagerung eines Normannenstützpunktes an der Seine auf, wagte aber keinen Kampf und erkaufte Anfang 853 wieder den Abzug. Die Überfälle der Wikinger, die sich in den Mündungsgebieten von Gironde, Loire und Seine festgesetzt hatten, erreichten neue Höhepunkte, die westfränkische Abwehr versagte immer noch.

    An diesem Unheil fand der mißgestimmte Selbständigkeitswille der Aquitanier neue Nahrung. Sie gingen 853 nicht den mit K. verbündeten Lothar I., sondern den Ostkg. Ludwig den Deutschen um Hilfe an. Dieser entsandte seinen 2. Sohn, Ludwig den Jüngeren, der Anfang 854 bis in die Nähe von Limoges vordrang. Damit war die Friedenseinung von 843 zum ersten Male offen gebrochen, aber der ostfränkische Prinz scheiterte an den gleichen – der Ordnung von 843 widerstrebenden – Kräften, die ihn gerufen hatten: Pippin II. entkam, vielleicht mit K. verzweifeltem Einverständnis, aus Soissons, die aquitanischen Anhänger fielen ihm wieder zu; von K. bedrängt, mußte Ludwig noch 854 wieder abziehen. Mit den Mitteln dynastischer Personalpolitik suchte K. weiteren Gefährdungen der Randländer vorzubeugen. Er erneuerte das seit 838 erloschene aquitanische Unterkönigtum und ließ seinen etwa 8jährigen 2. Sohn Karl „das Kind“ im Oktober 855 zu Limoges salben und krönen (durch wen, ist unbekannt), womit zugleich die sakrale Königswürde auch der nächsten Generation gesichert werden sollte. Ferner traf er sich 856 mit dem Bretonenherzog Erispoë, verlobte seinen 10jährigen ältesten Sohn Ludwig („den Stammler“) mit dessen Tochter und bestellte ihn zum Unterkönig im neustrischen Grenzraum. (Seinem 3. Sohn Karlmann dagegen hatte er keine politische Aufgabe zugedacht, sondern ihn 854 dem geistlichen Stande übergeben; seit 860 war er Abt mehrerer Klöster.)

    Eine Befriedung Westfrankens nach innen und außen war mit alledem aber keineswegs erzielt. Der Kaiser Lothar I. war am 29.9.855 gestorben; sein Mittelreich war geteilt worden: in Italien folgte ihm als Kaiser der älteste Sohn Ludwig II., der jüngere Sohn Lothar II. dagegen in den Ländern nördlich der Alpen, die nach ihm später Lotharingien-Lothringen benannt wurden. Dies warf bald neue Probleme auf und beraubte K. des Rückhalts an einer gewiß nicht energischen, aber doch auf Ausgleich bedachten Kaisergewalt, wenn er sich auch am 1.3.857 in Sankt Quentin mit dem jüngeren Lothar verbünden konnte. Unterdes hielt sich Pippin II. unbezwungen in Aquitanien, stieg die Normannenflut weiter an, während die Absicherung gegen die Bretonen verlorenging, da Erispoë 857 ermordet wurde und sein Nachfolger Salomon Ludwig den Stammler aus seinem eben errichteten neustrischen Unterkönigreich vertrieb. Die Mißstimmung der westfränkischen Großen gegen K. griff von Aquitanien auf Francien und Burgund über. Ihr Appell ging wiederum an Ludwig den Deutschen als den ältesten und stärksten, der Idee nach für das Gesamtreich mitverantwortlichen Karolingerkönig. Er war mit K. offen verfeindet und erhob 856 Pippins II. jüngeren Bruder Karl zum Erzbischof von Mainz, kam aber, selber durch Slawenkämpfe gebunden, der Aufforderung der Gegner K. vorerst nicht nach. Im Sommer 858 jedoch wurde Ludwig erneut um Hilfe gegen die „Tyrannei“ K. angegangen. Er sah jetzt die Möglichkeit vor sich, das Teilungswerk von 843 umzustürzen, und stieß von Worms aus tief ins Westreich vor. Bei Brienne an der Aube stand am 12.11.858 die militärische Entscheidung bevor, aber angesichts des allgemeinen Abfalls wagte K. keinen Kampf und wich nach Burgund aus. Ludwig trat formell die Herrschaft in Westfranken an, nahm Residenz in der Pfalz Attigny, wo er sich mit Lothar II. traf, und entbot die westfränkischen Bischöfe auf den 25.11. nach Reims. Aber während der Erzbischof Wenilo von Sens sich ihm anschloß, hielt ihm Hinkmar als Sprecher der Provinzen Reims und Rouen in einem feierlichen Absageschreiben den Griff nach K. Reich als schweres Unrecht vor. Diese von einem großen Teil des weltlichen Adels abstechende Loyalität des westfränkischen Episkopats zu K. ist ein bedeutsames Symptom für das im Wechsel der Generationen sich wandelnde politische Bewußtsein, das sich weniger am Gesamtreich als am Teilkönig zu orientieren begann. Sehr bald setzte im übrigen, unter Führung der westlichen Welfen, in der gesamten Aristokratie ein Umschwung zugunsten K. ein.|Ludwig, auf keinen Kampf mehr gerüstet, mußte am 15.1.859 einen eiligen Rückzug antreten.

    Lothar II. suchte K. bereits am 12.2.859 (im Arcis-le-Ponsart bei Reims?) auf und leitete eine Vermittlung ein, bei der Hinkmar von Reims, im Zusammenwirken mit dem westfränkischen und dem lotharingischen Episkopat, als führende Persönlichkeit hervortrat. In Anwesenheit K. und Lothars tagten Synoden in Metz (28.5.859) und in Savonnières bei Toul (14.6.859); es folgte im Juli 859 eine Begegnung K. mit Ludwig dem Deutschen. Ludwig hatte sich mit dem Fehlschlag seines zur Unrechtstat erklärten westfränkischen Unternehmens abgefunden, beharrte aber darauf, daß K. keine Sanktionen gegen die westfränkischen Großen ergreife, die auf Ludwigs Seite getreten waren; es war ein Konflikt um die noch rein persönlich bezogene Vasallen- und Herrentreue, noch keineswegs ein Problem „nationaler“ Gesinnungsloyalität. Erst nach hartnäckigen Verhandlungen einigte man sich Anfang Juni 860 im Frieden von Koblenz, der von Ludwig und K. wie 842 in beiden Sprachen beschworen wurde. Damit war die Ordnung von 843 wiederhergestellt, war ein weiterer Schritt getan auf dem Wege vom fränkischen Gesamtreich zu verselbständigten Teilreichen.

    K. Regierung trat nunmehr in eine Phase relativer Konsolidierung ein. Die aquitanische Gefahr war beschworen: Pippin II, wiederum von allen Karolingern preisgegeben, verharrte in aussichtslosem Widerstände, zuletzt im Bunde mit den Normannen, bis er 864 erneut in Gefangenschaft geriet und nach Senlis in Haft gegeben wurde. Ein Auflehnungsversuch Karls des Kindes 862 blieb eine belanglose Episode. Auch im Nordwesten setzte eine gewisse Beruhigung ein. K. vermochte 862 den Seineraum von den Normannen zu befreien und schloß 863 in Entrammes bei Le Mans einen leidlichen Frieden mit dem Bretonenherzog Salomon. Graf Robert der Tapfere ( 866, Stammvater der Kapetinger) übernahm im Loireraum die Führung des Abwehrkampfes, der fränkische Widerstand versteifte sich, die Normannen wandten sich seit 865/67 allmählich von Westfranken ab. Nur an der unteren Loire behaupteten sie weiterhin einen Stützpunkt, zu dessen Bekämpfung K. 868 einen Bund mit Salomon von der Bretagne einging. Auch im Innern kam die königliche Amtsgewalt zu sichtbarer Geltung. K. hielt 862, 864 und 869 in Pîtres an der unteren Seine Reichsversammlungen ab und verkündete Kapitularien zur Sicherung von Recht und Frieden. Nicht minder blieb er, unter dem Einfluß Hinkmars von Reims, auf die Sakralisierung der Königswürde bedacht. Bereits 856 war seine Tochter Judith bei ihrer Vermählung in der Pfalz Verberie bei Senlis zur Königin von England gesalbt und gekrönt worden. Eine Königsweihe seiner Söhne erschien K. wohl nicht angezeigt, dagegen veranlaßte er 866 in Soissons eine geistliche Krönung seiner Gemahlin Irmintrud. Nachdem Karl das Kind 866 gestorben war, ließ K. 867 Ludwig den Stammler als aquitanischen Unterkönig folgen.

    Nicht mehr auf stete Defensive eingeengt, begann K. eine nach Osten gerichtete innerfränkische Politik zu entfalten. Nicht anders als in West- und Ostfranken hing die politische Zukunft des Mittelreiches von dynastischer Kontinuität ab. Der Kaiser Ludwig II. hatte 2 Töchter, aber keinen Sohn; Lothar II. lebte in kinderloser Ehe mit Theutberga und versuchte alles, um sich von ihr zu trennen und seine voraufgegangene Friedelehe mit Waldrada, von der er einen Sohn Hugo hatte, zu legitimieren. Der daraus entstehende Konflikt überschattete die 860er Jahre und zog wegen des sowohl moralischen wie politischen Aspektes weiteste Kreise. Noch im Jahre des Koblenzer Friedens ging darüber K. Freundschaft mit Lothar II. zu Ende. Nachdem Lothar 860 in Aachen eine zweimalige Synodalsentenz gegen Theutberga erwirkt hatte, übte Hinkmar in einer zornigen Denkschrift (De divortio Lotharii) scharfe Kritik an diesem Verfahren, während Theutberga nach Westfranken flüchtete und an den Papst Nikolaus I. appellierte. Auf einem großen Treffen der 3 Könige und vieler Bischöfe in Savonnières erhob K. am 3.11.862 im Einvernehmen mit Ludwig dem Deutschen und dem Papst die formelle Forderung, daß Lothar sich einem gesamtfränkischen Konzil stelle, das dann freilich nicht zustande kam. K. nahm Theutberga in seinen Schutz und wies ihr 864 das Kloster Avenay bei Reims zu. Er traf sich im Februar 865 in Tusey bei Toul mit Ludwig zu einer drohenden Vermahnung an Lothar, wahrscheinlich auch schon zu Erwägungen über eine künftige Teilung Lotharingiens. Lothar verstand sich zwar noch im gleichen Jahre zur Wiederaufnahme Theutbergas, so daß die Frage der Erbfolge wieder offen war, ließ aber von seinen Bemühungen um Waldrada und Hugo nicht ab. Dabei scheint ihm 866 eine gewisse Annäherung an K. gelungen zu sein, der sich um eben diese Zeit wegen der Bestellung des Reimser Klerikers Wulfhad zum Erzbischof von Bourges mit Hinkmar überworfen hatte. Lothar suchte zweimal, in Ortivineas (unbekannt) und Attigny, K. auf und trat ihm die reiche|Abtei Sankt Vaast in Arras ab. Es blieb jedoch bei der von selbst gegebenen Interessenpolitik: schon 867 (868?) vereinbarten Ludwig und K. eine künftige Teilung der Länder „ihrer Neffen“.

    Am 8.8.869 trat mit dem plötzlichen Tode Lothars II. der Erbfall ein. K. nutzte die Gunst der Stunde, um sich über das Anrecht des Kaisers Ludwig II. (für den der Papst Hadrian II. eintrat) und selbst über die Teilungsabsprache mit Ludwig dem Deutschen (der krank in Regensburg lag) durch raschen Zugriff auf Lothars Reich hinwegzusetzen, und ließ sich am 9.9.869 in der Karolingerstadt Metz von Hinkmar krönen. In seinem Dienst begegnet seither Boso, ein Neffe Theutbergas, dessen Schwester Richildis K. 2. Gemahlin wurde. K. blieb vorerst in Lotharingien, fand jedoch keineswegs allgemeine Anerkennung und ließ es dann auf eine Machtprobe mit Ludwig dem Deutschen nicht ankommen, sondern verstand sich im August 870 in Meerssen zu einer Aufteilung ungefähr nach der Maas-Saône-Linie. Den Widerstand des Grafen Gerhard von Vienne vermochte K. noch 870 zu brechen; ah seiner Stelle setzte er Boso ein. Die Ordnung von 843 war somit nördlich der Alpen durch eine Zweiteilung abgelöst worden, Ost- und Westfranken waren nunmehr Grenznachbarn.

    In den folgenden Jahren setzte sich die relative Konsolidierung Westfrankens fort. K. bestellte 872 Boso und andere südgallische Magnaten zu Beratern seines Sohnes Ludwig in Aquitanien, er befreite 873 Angers von den Normannen und hatte seit dem Tode Salomons (874) an der Bretonengrenze Ruhe. Getrübt waren die Jahre seit 870 freilich durch wiederholte Aufstände des seiner Abteien entsetzten Königssohnes Karlmann; er wurde schließlich 873 zur Strafe geblendet, entkam aber aus der Haft in Corbie nach Ostfranken und starb 876 in Echternach. K. Rivalität mit dem Ostkönig entzündete sich unterdes von neuem an der herannahenden Entscheidung über das Mittelreich südlich der Alpen, das heißt über die doppelte Nachfolge des söhnelosen Ludwig II. im italischen Teilreich und im Kaisertum. Ludwig der Deutsche strebte eine Lösung im dynastischen Stil karolingischer Samtherrschaft an und erwirkte vom Kaiser (872 u. 874) eine Designation seines ältesten Sohnes Karlmann von Bayern zum Nachfolger im italischen Teilreich, mit dem das Kaisertum weiter verbunden bleiben sollte. K. dagegen nutzte die römische Kaiserwürde als politischen Angelpunkt, indem er sich sowohl von Hadrian II. wie von Johann VIII. die Nachfolge im Kaisertum zusagen ließ. Somit standen sich nach dem Tode Ludwigs II. (12.8.875) zwei Anwärter auf die Kaiserkrone gegenüber – eine neuartige Situation, die dem Papst Wahl und Entscheidung in die Hand gab. K. sicherte sich wiederum durch rasches Handeln den Vorsprung: er eilte nach Italien, überspielte seinen Neffen Karlmann durch einen Waffenstillstand und empfing an Weihnachten 875 – auf den Tag 75 Jahre nach Karl dem Großen – in Rom von Johann VIII. die Kaiserkrone; der römischen Kirche erneuerte und erweiterte er seinerseits die alten Kaiserpacta. Dieses Ereignis wirkte traditionsbildend, da die Krönung durch den Papst seither für die Kaiserwürde konstitutiv blieb.

    Für K. war es der Auftakt zu einer neuen großfränkischen Politik, die nunmehr durch seine Initiative die Ordnung des Vertrages von Verdun umstoßen sollte. Der Erfolg blieb ihm zunächst treu. Eine italische Reichsversammlung in der alten Hauptstadt Pavia akklamierte ihn im Februar 876 als protector und defensor, was einer Ausrufung zum italischen König gleichkam. Als seinen dux und missus in Italien bestellte er Graf Boso von Vienne, der sich alsbald mit Ludwigs II. Tochter Irmingard vermählte. Den Höhepunkt der neuen Kaiserherrlichkeit bildete im Sommer 876 eine Reichsversammlung in Ponthion, auf der die Großen de Francia, Burgundia, Aquitania, Septimania, Neustria ac Provincia – deren Gesamtheit erst „Westfranken“ ausmachte – den Entscheidungen von Rom und Pavia beitraten, was freilich nicht bedeutete, daß der sehr gewagte Griff nach Italien von vornherein auf breite Zustimmung gestoßen wäre; die Mißbilligung durch Hinkmar ist offenkundig. Überdies machte auch Ludwig der Deutsche Ansprüche auf Italien geltend, aber er starb am 28.8.876, und jetzt sah K. gar die Gelegenheit gekommen, durch die Gewinnung des lotharischen Gesamterbes und der linksrheinischen Gebiete Ostfrankens (um Mainz) seine Überlegenheit zu einer gesamtfränkischen Vormachtstellung auszubauen. Zum dritten Male rasch handelnd, stieß er über Aachen nach Köln vor.

    Aber ein jäher Wechsel des Glücks ließ die großfränkische Politik des Kaisers westfränkischer Linie scheitern. Am 8.10.876 wurde K. bei Andernach von Ludwig dem Jüngeren entscheidend geschlagen und mußte fluchtartig weichen. Zugleich beschwor ihn der von Sarazenen und italischen Nachbarn bedrängte Papst, seiner kaiserlichen Schutzpflicht in Italien zu genügen. Das neue Unternehmen, dem die westfränk. Großen durchwegs sehr widerstrebten, bedurfte vielseitiger Vorbereitungen, angefangen mit einer großen Zahlung an die wieder im Seine-Raum heerenden Normannen. Auf einer Reichsversammlung in Quierzy verkündete K. am 14.6.877 ein Kapitular mit Bestimmungen für die Zeit seiner Abwesenheit; eine rechtsgeschichtlich berühmte Stelle handelt dabei von der bedingten Erblichkeit der Amtslehen. Johann VIII. ließ am 1.8.877 auf einer Synode in Ravenna die Übertragung des Kaisertums an K. bestätigen, reiste ihm bis Vercelli entgegen und nahm mit ihm Aufenthalt in Pavia. Aber auf die Nachricht hin, daß Karlmann von Bayern mit Heeresmacht heranrückte, wichen sie nach Tortona aus, wo der Papst die Kaiserin Richildis weihte. Da die westfränkischen Großen, voran des Kaisers Schwager Boso, weitere Hilfe verweigerten, blieb K. nichts übrig, als den Papst nach Rom zu entlassen und Italien preiszugeben. Auf der fluchtartigen Rückkehr starb er in einem Alpendorf.

    Es ist in genetischer Rückschau berechtigt, K. als den ersten König von Frankreich zu betrachten, denn seine lange und mindestens im Zeitraum 860-75 keineswegs erfolglose Regierung hat die disparaten Westländer an eine gewisse politische Gemeinsamkeit gewöhnt, die zwar erst sehr locker war, sich aber nicht mehr aufgelöst hat. Freilich dürfen, trotz der zweisprachigen Eide von 842 und 860, in dieses 9. Jahrhundert keine nationalen Mentalitäten und Gegensätze projiziert werden: was 858 geschah, war kein „deutscher Angriff auf Frankreich“, der Vorstoß K. von 876 bedeutet keinen „Beginn französischer Rheinpolitik“, es waren im wesentlichen innerdynastische Machtkämpfe in einer Welt, die sich weiterhin als gesamtfränkisch verstand und es im lateinisch geprägten geistigen Leben – nicht zum wenigsten im Umkreise K. – auch tatsächlich geblieben war. Der politische Rahmen war dagegen in einer Auflockerung begriffen, die primär durch die dynastischen Rivalitäten, durch Lebensschicksale und Leistungen der Karolingerfürsten bedingt war, auf deren Verlauf aber auch der sich allmählich akzentuierende Wille der Adelsgruppen einwirkte. Mitten in diesem fluktuierenden, unabgeklärten Werdeprozeß, der zur Entstehung Frankreichs und Deutschlands geführt hat, ist K. eine Gestalt von zeitweilig zentraler Bedeutung. Er hat eine Rückkehr zu großfränkischer Politik angesteuert – sein Fehlschlag am Rhein und in Italien hat sich als eine entscheidende Wende auf dem Wege zur deutschen Geschichte ausgewirkt.

  • Literatur

    ADB 15; Wattenbach-Levison (L); Ann. de Saint-Bertin, ed. F. Grat u. a., 1964; Recueil des actes de Charles le Chauve, ed. G. Tessier, 3 Bde., 1943-55; MG Capit. II, S. 152 ff. passim; MG Epp. VI, VII enthalten e. Anzahl v. Briefen (darunter d. Päpste) an K. - E. Dümmler, Gesch. d. Ostfränk. Reiches, 3 Bde., 21887 f.; J. Calmette, La diplomatie carolingienne du traité de Verdun à la mort de Charles le Chauve 843-77, 1901; F. Lot u. L. Halphen, Le règne de Charles le Chauve I: 840-51, 1910; F. Lot u. F. L. Ganshof, Les destinées de l'Empire en Occident, 1941, S. 508-26, 536-58; P. Zumthor, Charles le Chauve, 1957; K.-U. Jäschke, in: Rhein. Vj.bll. 34, 1970, S. 208-18 (üb. d. Beinamen); J. Fleckenstein, Die Hofkapelle d. dt. Könige I, 1959, S. 142-51; P. E. Schramm, Der König v. Frankreich, 21960, S. 9-51; ders., Herrschaftszeichen u. Staatssymbolik III, 1956, S. 694-707; ders., Kaiser, Könige u. Päpste II, 1968, S. 119-39, IV, 1, 1970, S. 113-22; N. Gussone u. N. Staubach, Zu Motivkreis u. Sinngehalt d. Cathedra Petri [v. K. gestiftet], in: Frühma. Stud. 9, 1975; G. Eiten, Das Unterkönigtum im Reiche d. Merovinger u. Karolinger, 1907, S. 133-39 u. ö.; W. Vogel, Die Normannen u. d. Fränk. Reich, 1906, S. 80 ff. u. ö.; P. Classen, Die Verträge v. Verdun u. v. Coulaines 843, in: HZ 196, 1963, S. 1-35; W. Schlesinger, Zur Erhebung K. d. K. zum König v. Lothringen 869 in Metz, in: Landschaft u. Gesch., Festschr. f. F. Petri, 1970, S. 454-75; -s. a. L z. Karl d. Gr. u. Karolinger.

  • Portraits

    Miniatur, 870 (München, Bayer. Staatsbibl., Cod. aureus v. St. Emmeram), Abb. in: Propyläen Weltgesch. III, 1932, n. S. 132.

  • Autor

    Theodor Schieffer
  • Empfohlene Zitierweise

    Schieffer, Theodor, "Karl der Kahle" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 175-181 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118640119.html#ndbcontent

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Karl II., der Kahle

  • Leben

    Karl II., der Kahle, König der Westfranken, römischer Kaiser, geb. am 13. Juni 823 in Frankfurt a/M., am 6. October 877, Sohn Kaiser Ludwig des Frommen und der Welfin Judith. Judiths Streben, K. trotz der Verfügung ihres Gemahls über das Reich zu Gunsten der Söhne erster Ehe|Herrschaft über möglichst viel Land und Leute zu verschaffen, trug wesentlich zum Verfall des Frankenreichs bei. Verschleuderte Kron- und Kirchengüter sollten dem Knaben Freunde schaffen. Seinetwegen förderte Judith die steigende Macht des übermüthigen und herrschsüchtigen Bernhard von Septimanien, was ihr die schlimmste Nachrede zuzog. Gleichzeitig mit Bernhards Erhebung zum Kämmerer im August 829, erhielt K. die mütterliche Heimath, Alemannien mit Churwalchen und burgundischen Gebieten, wahrscheinlich in der romanischen Schweiz, als Herzogthum. Obwol Lothar, schon Mitregent des Vaters, die Verleihung im Voraus genehmigt hatte, wurde sie 830 ein Hauptgrund zur Empörung der drei älteren Söhne gegen Ludwig. Durch eine Reaction des germanischen Elements wieder hergestellt, verlieh der Kaiser im Oktober 832 seinem Lieblinge zu Jouac auf Pippins Kosten das Königreich Aquitanien, hoffte es wol noch durch Verständigung mit Lothar, die Judith immer wieder betrieb, zu erweitern. Aber nach Ludwigs und Karls Gefangennahme auf dem Lügenfelde am 30. Juni 833 fielen Karls Gebiete an seine Stiefbrüder. Von Soissons ins Kloster Prüm in strengen Gewahrsam gebracht, scheint K. dann zu St. Denis die Gefangenschaft des Vaters getheilt zu haben. Der durch Lothars Uebermuth herbeigeführte Umschwung befreite sie Anfang 834. Während in der nächsten Zeit Alemannien der Kern eines bis Rheims, Mâcon und ans Mittelmeer sich erstreckenden Reiches für K. bilden sollte, wurden ihm gegen Ende 837 auf dem Reichstag zu Aachen mit Zustimmung Pippins und Ludwigs des Deutschen, deren Interesse besser entsprechend, die Länder von Friesland über Mastricht, Toul, Auxerre, Sens, Melun, Chartres, Paris bis zum Kanal und zur Nordsee verliehen, nach dem Ausdruck eines Zeitgenossen der beste Theil des Reiches. Die Großen desselben huldigten dem Knaben. Mitte September zu Quierzy an der Oise wehrhaft gemacht, erhielt er das Herzogthum Maine und die Küstenlande zwischen Loire und Seine und nahm dort persönlich die Huldigung entgegen. Nach Pippins Tod am 13. December wurde K. auf dem Reichstage zu Worms im Juni 839 Aquitanien übertragen, aber erst 864 brachte er Pippins gleichnamigen Sohn für immer in seine Gewalt. Gemäß einer von Judith mit Lothar getroffenen Verständigung sollten Maas, Saone, Rhone bis zum Genfer See die Ostgrenze von Karls Reich bilden, nur Baiern Ludwig dem Deutschen bleiben, aber Lothar hoffte nach dem Tode Ludwigs des Frommen, mit Hülfe Pippins II. auch Gebiete Karls an sich reißen zu können. Nur durch den im Frühjahr 840 zu Attigny geschlossenen, 842 durch die berühmten Eide zu Straßburg bekräftigten Bund mit seinem Stiefbruder Ludwig und durch die Ergebenheit weniger Treuer, wie des Geschichtschreibers Nithard, errang K. den Sieg bei Fontenoy und im Vertrag von Verdun im ersten Drittel des August 843 den Besitz des Westfrankenreichs, d. h. des größten Theiles von Frankreich mit der spanischen Mark. Die als vielhundertjährige Grenze des deutschen Reiches (seit 879) zu berücksichtigende Ostgrenze lief von der unteren Schelde oberhalb Cambray den Kohlenwald entlang, dann östlich bis in die Nähe der Maas, die Argonnen entlang, erreichte dann die Saone und damit das spätere Reich Burgund. Bei Châlon gehörte noch ein kleines Gebiet auf dem rechten Saoneufer zum Westfrankenreich, dann wandte sich dessen Ostgrenze südlich Mâcon den Auvergne, Velay und Gévandan begrenzenden Gebirgen zu und zog nördlich von Nimes rhoneabwärts bis zur westlichen Mündung. Selbst durch eine besondere Krönung für Aquitanien (848) zu Limoges, dann dessen Verleihung an seine Söhne, zunächst 855 den jüngeren Sohn Karl, konnte der Vertreter der noch lange halbgermanischen Karolinger die ganz überwiegend romanischen Aquitanier nicht an sich fesseln, die größten Theils keltischen Bretonen waren thatsächlich unabhängig, zeitweise Herren der an die Bretagne grenzenden Gebiete, 863—74 sogar des Landes zwischen Mayenne und Sarthe. Beide unterstützten häufig die Raubzüge der Normannen von den Flußmündungen aus, während Sarazenen die Länder am Mittelmeer heimsuchten, da sich der Heerbann trotz der namentlich 864 auf dem Reichstag zu Pistres unweit Pont de l'Arche gemachten Versuche nicht wieder beleben ließ. K., schon vom Zeitgenossen Hucbald von S. Amand in einem Gedicht zum Preise der Kahlen als calvus bezeichnet, war unter seinen wechselvollen Geschicken ein schwankender, launenhafter Charakter geworden. Von der Mutter hatte er reiche Gaben und geistige Interessen geerbt. Walafried Strabo war sein Lehrer, ein Scotus Erigena zierte seine Hofschule —, aber auch Hang und Geschick zur Intrigue. Gleich dem Vater gab er sich bald dem Einfluß der durch Hinkmar, Erzbischof von Rheims, thatkräftig geführten Geistlichkeit, bald dem von Frauen und Günstlingen hin. Lange kämpften die Verwandten Irmintruds, der Nichte des mächtigen Grafen Adalhard, mit der sich K. am 13. December 842 zu Quierzy vermählt hatte, mit den Brüdern seiner kurz darauf gestorbenen Mutter, Graf Konrad von Paris und Auxerre, und Rudolf, Laienabt von S. Riquier und Jumièges bei Rouen, Graf eines Gaues an der Küste, um den höchsten Einfluß auf die Geschicke des Reiches. Wie seinem Vater, fehlte es K. an Entschlossenheit in der Gefahr, er zeigte bald schmähliche Schwäche, bald willkürliche Härte. Der dringende Wunsch der meisten vielfach in mehreren karolingischen Reichen begüterten weltlichen und geistlichen Großen war ein durch gemeinsame Versammlungen der Fürsten und Großen, sogenannte Frankentage, befestigtes Bündniß gegen äußere und innere Feinde, aber es fehlte meist an dem nothwendigen Vertrauen zwischen den karolingischen Herrschern und blieb daher fast immer bei gemeinsamen Drohungen und Mahnungen. Hatte auf dem Frankentag zu Meersen bei Mastricht 847 Ludwig den Vermittler zwischen Kaiser Lothar und Karl gespielt, so glaubte er wenige Jahre später, daß K. die Bedingungen ihres Bündnisses nicht halte, und sandte 854 den Aquitaniern auf ihren Wunsch seinen gleichnamigen Sohn als König, der freilich nach geringen Erfolgen heimkehrte, gewann dann Ende 858 fast ohne Schwertstreich einen großen Theil des westfränkischen Reiches. Unter solchen Verhältnissen entwickelte sich im Westfrankenreich noch rascher als in den übrigen die Macht der Lehensträger, als welche sich bald auch alle Beamten der karolingischen Staatsordnung ansahen. K. war es, der auf jenem Frankentag ausfprach, jeder Freie solle ihn oder einen seiner Getreuen zum Lehnsherrn wählen und sei, außer bei allgemeinem Aufgebot gegen einen Einfall, mit seinem Herrn zu ziehen verpflichtet. Die durch den Verfall des Heerbanns steigende Abhängigkeit von dem Aufgebot der Lehnsmannen zwang zu immer umfassenderer Verschleuderung der Krongüter und machte es unmöglich, die auf dem Frankentag zu Juditz bei Diedenhofen 844 mit einigen Beschränkungen versprochene Beseitigung der Laienäbte und der Verleihung von Kirchengütern an Laien durchzuführen. In seiner Besorgniß vor Ludwig, gegen den Kaiser Lothar und seinen gleichnamigen Sohn sich als unzuverlässige Verbündete erwiesen, schloß K. am 11. October 856 mit den gegen ihn Verschworenen zu Chartres einen förmlichen Frieden. Sie durften sich verbinden und widersetzen, wenn er sie in ihren Gütern und Rechten bedrohte. Seinen Anhängern schwor K. am 1. März 857 zu S. Quentin, er wolle die Treue und Hülfe seiner Vassallen verdienen. Die Haltung Hinkmars und seiner Suffragane, die frühe Entlassung des deutschen Heeres und die Rückkehr der Söhne Konrads von Paris, Graf Konrad und Abt Hugo von S. Germain in Auxerre, zur Sache Karls zwangen Ludwig im Januar 859 zur Räumung des Westfrankenreiches. K. verband sich mit Lothar II. und dessen Bruder Karl von Provence, erkannte auf der aus den drei Reichen beschickten Synode von Savonnières bei Toul im Juni im Urtheil der Bischöfe Gottes Stimme und|gestand ihnen das Absetzungsrecht zu. Trotz dieser Demüthigung mußte er Ludwigs Anhängern im Frieden zu Coblenz am 7. Juni 860 volle Amnestie, Rückgabe aller nicht von Karl geschenkten Allodien zugestehen und versprechen, hinsichtlich ihrer Lehen Ludwigs Vermittelung anzunehmen. Einzelnen Empörern gewährte er noch mehr. Die dem Emporkömmling Robert dem Tapferen, Sohn des eingewanderten Sachsen Witichin und Stammvater der Capetinger zugestandenen Gebiete bildeten, nach Roberts Fall bei Brisserthe unweit Angers im Herbst 866 meist dem Abt Hugo verliehen, größtentheils die Grundlage der schon Karls Enkel, Karl dem Einfältigen, verderblichen capetingischen Macht. Judiths Gier nach immer weiteren Gebieten für ihren Sohn, war auf Karl vererbt, so wenig er das eigene Reich gegen äußere Feinde und Empörung zu schützen vermochte. Er hatte noch bei Lebzeiten des eben erst verbündeten Karl von Provence im Herbst 861 dessen Reich zu erobern gesucht. Dann nutzte er die Verstoßung Thietberga's durch Lothar II. und dessen von der Kirche verworfene Ehe mit Waldrada zu großen Gebietserwerbungen aus. Nach einigen Versuchen zur Verständigung mit Ludwig dem Deutschen über eine Theilung des fränkischen Mittelreichs bemächtigte er sich, als Lothar 869 gestorben war, während einer Krankheit Ludwig des Deutschen sofort seines Reiches und ließ sich zu Metz am 9. September krönen. Nicht das Eintreten Papst Hadrians II. für den allein noch lebenden Sohn Kaiser Lothars, Kaiser Ludwig II., sondern der theilweise Abfall der Bewohner Lothringen's, wie man den nördlichen Theil jener Gebiete bald zu nennen begann und das Bewußtsein der ostfränkischen Ueberlegenheit bewogen K. schließlich, am 8. August 870 in den Theilungsvertrag zu Meersen zu willigen. Derselbe ist trotz nur neunjährigen Bestandes merkwürdig, weil die Grenzlinie im wesentlichen der deutsch-französischen Sprachgrenze entsprach. Die Maas bis Lüttich hinauf, die Ourthe bis zur Quelle mit Ausschluß der Grafschaft Condroz, die Mosel von unterhalb Remich bis oberhalb Toul, ausschließlich der Gegend von Diedenhofen und Metz, die Westgrenze des Gaues Bassigny an der Marne, die obere Saone, der Gau Waraschken und der Neufchateler und untere Genfersee wurden die Grenze gegen das Ostfrankenreich, Vienne der südlichste Grenzgau gegen das italienische Ludwigs II. Vienne fiel nach tapferem Widerstand am Ende des Jahres. Karls Söhne, Ludwig der Stammler, dem 856 Neustrien, d. h. das Land zwischen Seine und Loire, als Königreich bestimmt worden war, und Karl von Aquitanien hatten sich Anfang 862 empört, sich aber bald unterwerfen müssen. Als Karl nach längerem Siechthum 866 gestorben war, sandte der Vater Ludwig 867 als dessen Nachfolger nach Aquitanien und ließ ihn 870 zu Rheims, nachdem er eine wider Karls Willen heimgeführte Gattin verstoßen und eine dessen Wunsch entsprechende Ehe geschlossen hatte, als künftigen Westfrankenkönig anerkennen. Ein anderer Sohn Karlmann sollte gleich seinem 865 gestorbenen Bruder Lothar in reichen Abteien Ersatz für den versagten Antheil am Reich finden. Durchaus ungeistlich gerichtet, empörte er sich im Herbste 870, ohne mehr als eine Steigerung des unausrottbaren Raubwesens zu erreichen. Papst Hadrian, der schon früher für den unter Hinkmars Leitung abgesetzten Bischof Rothad von Soissons eingetreten war, nahm sich auch eines anderen Rheimser Suffragans, Hinkmars gleichnamigen Neffen, Bischof von Laon, an, der Anfang 871 die Theilnahme an der Excommunication Karlmanns verweigerte, ebenso des Prinzen selbst. K. hatte mehrfach die von Hinkmar eifrig vertretenen Rechte der gallikanischen Kirche der Kurie preisgegeben und hatte mit seinem Klerus die Prädestinationslehre des Sachsen Gottschalk unterdrückt. Aber die jetzigen päpstlichen Ansprüche ließ er 872 entschieden zurückweisen. Karlmann hatte sich unterwerfen müssen, wurde 873 des geistlichen Charakters entkleidet und geblendet. Er entkam aus dem Kloster Corbie zu Ludwig dem Deutschen. Denn statt an Befestigung der durch die kriegerische Tüchtigkeit Robert des Tapferen und des Abtes Hugo, durch Hinkmars klugen Rath in mancher Beziehung gebesserten inneren Zustände zu arbeiten, lockte K. die Normannen durch schmähliche Tributzahlungen zu immer häufigeren Einfällen. Der geringe Ertrag der hohen Normannensteuern beweist die Machtlosigkeit der Krone und die Erschöpfung des Landes; die dem königlichen Ansehen gefährlichen, 864 auf dem Reichstag zu Pistres vergeblich verbotenen Burgen mehrten sich rasch, denn nur Befestigungen boten noch Sicherheit. Auch hinsichtlich der Erbschaft des söhnelosen Ludwig II. betrieb K. die Verständigung mit seinem Stiefbruder nicht ernstlich. Alle Einsichtigen, auch Hinkmar, der eifrige Förderer der Pläne auf Lothringen, erkannten das Thörichte der unersättlichen, nur mit Hülfe Papst Johanns VIII. zu befriedigenden Ländergier. Nur Boso, aus einem lothringischen Geschlecht, dessen Schwester Richilde K. unmittelbar nach Irmintruds Tod, im Herbst 869 geheirathet hatte, den er zum Grafen von Vienne und Hauptrathgeber Ludwig des Stammlers im aquitanischen Königreich gemacht, und der die königliche Gunst voll Habgier und Bestechlichkeit mißbrauchte, unterstützte seine italienische Politik. K. eilte auf die Kunde vom Tode Ludwig II. über die Alpen, urkundete schon am 25. Septbr. 875 als König von Italien. Karl von Schwaben, nachmals Kaiser Karl III., war zu unfähig, dem Oheim Italien erfolgreich streitig zu machen. Dessen thatkräftigen Bruder Karlmann von Baiern bewog K. durch trügerische Anerbietungen zum Waffenstillstand, und konnte am Weihnachtsfest aus Johanns VIII. Händen in S. Peter die Kaiserkrone empfangen. Indessen aber rückte Ludwig der Deutsche fast ohne Widerstand ins westfränkische Reich ein. Aehnlich, wie einst 858, versicherte er, nun Alles verbessern und gutmachen zu wollen, was K. an Ungerechtigkeiten verschuldet oder zugelassen und der Kirche und ihren Dienern Schutz und gebührende Ehre gewähren zu wollen. Während viele Große, auch Bischöfe, dem Ostfrankenkönig zufielen, hielt Hinkmar trotz seiner Verstimmung über K. den Kahlen, der durch Anerkennung des Erzbischofs Ansegis von Sens als apostolischen Vicar für Gallien und Germanien die Rechte von Rheims und der westfränkischen Kirche opferte, die meisten Suffragane bei der Treue gegen K. fest. Ludwig, der nur größere Rücksicht auf seine Ansprüche an die Erbschaft Kaiser Ludwigs erzwingen wollte, zog sich schon im Januar 876 zurück. Sein Tod am 28. August war ein neuer Glücksfall für K., stachelte ihn aber nur zu dem Versuche an, Lothringen wieder zu gewinnen, vielleicht sogar die Gaue von Speier, Worms und Mainz zu erobern. Aber er wurde am 8. October bei Andernach von Ludwig dem Jüngeren, der seinem Vater in Franken und Sachsen gefolgt war, entscheidend geschlagen. Durch die Widonen von Spoleto und andere Feinde hart bedrängt rief der Papst seinen Kaiser immer aufs neue zu Hülfe. K. kaufte 877 wieder die Normannen durch einen für die Kräfte der Westfranken sehr schweren Tribut ab und machte den widerwilligen Großen auf dem Reichstag zu Quierzy im Juni große Zugeständnisse. Dieselben sind vielfach als allgemeine Anerkennung der Erblichkeit der Lehen aufgefaßt worden, diese wurde jedoch nur bedingt und theilweise zugestanden. Wenn ein an Karls Römerzug betheiligter Graf einen kleinen Sohn hinterlassen, sollte Ludwig der Stammler, als Vertreter des Kaisers, ihm das Grafenamt anvertrauen, das Gleiche hinsichtlich aller kaiserlichen Vassallen beobachtet werden. Bischöfe, Aebte, Grafen und sonstige Getreue sollen ihren Vassallen gegenüber ebenso verfahren. Auch Getreue, die nach Karls Tode aus Liebe zu Gott oder um für sein Seelenheil zu beten, der Welt entsagen, sollen ihre Lehen einem Sohne oder Verwandten übertragen dürfen. Immerhin standen diese Bestimmungen in schroffem Widerspruch zu seinem Verfahren nach|dem Tode Robert des Tapfern und des um K. hochverdienten Grafen Ramnulf von Poitou gegen deren Söhne, wo er keinen Anspruch auf Erblichkeit der Lehen anerkannt hatte. Kaum war K. mit geringer Mannschaft über die Alpen gezogen, so brachte ihn der Anmarsch Karlmanns von Baiern in harte Bedrängniß und er vernahm die Schreckenskunde, daß sein noch vor kurzem zum Statthalter Italiens ernannter Schwager Boso, der neustrische Markgraf Abt Hugo und die beiden Markgrafen Bernhard von Auvergne und von Gothien, sich empört hätten. Schon im Vorjahr schwer krank, wurde K. fiebernd über den Montcenis geschafft und starb zu Brios, einem Weiler des Arcthales in den Armen Richildens. Wegen der rasch eintretenden Verwesung wurden seine Ueberreste im nahen Kloster Nantua, erst nach einiger Zeit, wie es K. gewünscht, im Kloster S. Denis beigesetzt. K. hinterließ trotz seiner großen Begabung und der ihm oft zu Theil gewordenen Gunst des Glückes dem einzigen überlebenden Sohn Ludwig dem Stammler das Westfrankenreich im Aufruhr und den Krieg mit den ostfränkischen Stammesvettern. Die Volksfreiheit war großentheils geschwunden, der Wohlstand zerrüttet, ein großer Theil des Reiches die Beute nordischer Barbaren.

    • Literatur

      Voss, De Carolo calv. Diss., Halae 1844. Von Darstellungen der Zeit namentlich Jahrbücher des fränkischen Reiches unter Ludwig dem Frommen von Simson, Jahrbücher der deutschen Geschichte, Lpzg. 1876. Geschichte des ostfränkischen Reiches von Dümmler, Berlin 1862 u. 1865. Geschichte des französischen Königthums unter den ersten Capetingern von v. Kalckstein. v. Noorden, Hinkmar, Erzbischof von Rheims, Bonn 1863.

  • Autor

    v. Kalckstein.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kalckstein, Ludwig Friedrich Karl von, "Karl der Kahle" in: Allgemeine Deutsche Biographie 15 (1882), S. 152-157 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118640119.html#adbcontent

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