Lebensdaten
1915 – 2015
Geburtsort
Bestwig (Hochsauerlandkreis, Südwestfalen)
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Kunsthistorikerin ; Hochschullehrerin
Konfession
römisch-katholisch
Normdaten
GND: 118801139 | OGND | VIAF: 73857780
Namensvarianten
  • Mütherich, Florentine
  • Mütherich, Florentine
  • Mütherich, F.
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Zitierweise

Mütherich, Florentine, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118801139.html [29.06.2022].

CC0

  • Kritische Würdigung

    Florentine Mütherich war als Kennerin der frühmittelalterlichen Buchmalerei und Schatzkunst eine international geschätzte Autorität, von deren Expertise Bibliotheken, Museen und Kunsthandel profitierten. Ihr Lebenswerk bildet die Edition illuminierter Handschriften aus karolingischer und ottonischer Zeit, die sie in Kommentarbänden zu Faksimile-Ausgaben sowie im achtbändigen Corpuswerk der Karolingischen Miniaturen erschloss.

    Lebensdaten

    Geboren am 26. Januar 1915 in Bestwig (Hochsauerlandkreis, Südwestfalen)
    Gestorben am 12. Juni 2015 in München
    Grabstätte Friedhof Velmede in Velmede (Gem. Bestwig, Hochsauerlandkreis)
    Konfession römisch-katholisch
    Florentine Mütherich, ZIKG (InC)
    Florentine Mütherich, ZIKG (InC)
  • Tabellarischer Lebenslauf

    *1915-01-26 - Bestwig (Hochsauerlandkreis, Südwestfalen)

    - Februar 1935 - Arnsberg

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Oberlyzeum

    1935 - 1940 - Bonn; Königsberg (Preußen, heute Kaliningrad, Russland); Berlin

    Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte

    17.12.1940 - Berlin

    Promotion (Dr. phil.)

    1941 - 1945

    Inventarisierung von Bau- und Kunstdenkmalen der Mark Brandenburg

    1949 - 1954 - München

    Stipendiatin

    Zentralinstitut für Kunstgeschichte

    1954 - 1980 - München

    Wissenschaftliche Mitarbeiterin

    Zentralinstitut für Kunstgeschichte

    1969 - München

    Honorarprofessorin

    Universität

    1967 - 1982 - New York City; Cambridge (Massachusetts, USA)

    mehrfache Aufenthalte; Gastprofessorin

    Columbia University; Harvard University

    2015-06-12 - München
  • Genealogie

    Vater Franz Mütherich 1887–1915 aus Enkhausen bei Meschede; Eisenbahner; starb in einem Lazarett an der Ostfront in Galizien
    Großvater väterlicherseits Joseph Mütherich 1854–nach 1920 Landwirt in Enkhausen
    Großmutter väterlicherseits Maria Anna Mütherich, geb. Schröger 1861–1920 aus Wenholthausen
    Stiefvater Wilhelm Brunert 1894–1969 Eisenbahner, Oberzugführer, seit 4.8.1920 verh. mit Elisabeth Mütherich, geb. Bornemann
    Mutter Elisabeth Mütherich, geb. Bornemann, verh. Brunert 1891–1953 aus Wenholthausen; in 2. Ehe seit 4.8.1920 verh. mit Wilhelm Brunert
    Großvater mütterlicherseits Anton Bornemann 1848–1926 Landwirt in Wenholthausen
    Großmutter mütterlicherseits Theresia Bornemann, geb. Flaßhaar 1850–1901
    Halbbruder Anton Brunert 1921–1995
    Halbbruder Wilhelm Brunert 1922–2004
    Halbschwester Theresia Brunert 1923–2017
    Nichte Maria-Elisabeth Brunert geb. 1956 Dr. phil.; Historikerin
    Nichte Gunild Brunert geb. 1962 Dr. theol.; Lehrerin
    Kinder keine
  • Biographische Darstellung

    In Bestwig, einem Eisenbahnerdorf an der oberen Ruhr, aufgewachsen, besuchte Mütherich bis zum Abitur im Februar 1935 das Oberlyzeum in Arnsberg und begann im selben Jahr – nach mehrwöchigem Arbeitsdienst – Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte in Bonn zu studieren. Mit der Emeritierung von Paul Clemen (1866–1947) wechselte sie 1936 nach Königsberg, um mit dem sogenannten Ostsemester die Voraussetzungen für einen Studienplatz in Berlin zu schaffen. Hier studierte Mütherich ab dem Wintersemester 1936/37 Kunstgeschichte bei Wilhelm Pinder (1878–1947) und klassische Archäologie bei Gerhart Rodenwaldt (1886–1945). Mit einer Dissertation zur Ornamentik der rheinischen Goldschmiedekunst in der Stauferzeit, deren Thema der Kölner Kunsthistoriker Hermann Schnitzler (1905–1976) vermittelt hatte, wurde sie 1940 bei Pinder zum Dr. phil. promoviert, hielt jedoch Distanz zu dessen völkisch-nationalistischen Positionen.

    Während der Kriegsjahre, 1941–1945, folgte eine Anstellung im Bereich der Denkmalpflege zur Inventarisation von Bau- und Kunstdenkmalen in der Mark Brandenburg. 1948 ging Mütherich zur Erfassung mittelalterlicher Handschriften an die Gräflich Schönbornsche Bibliothek nach Schloss Pommersfelden, 1949 mit einem Forschungsstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen an das neu gegründete Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, wo sie 1954 als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt wurde. Tatkräftig unterstützte sie den Gründungsdirektor Ludwig Heinrich Heydenreich (1903–1978) und trug dazu bei, das Zentralinstitut zu einem Begriff in der internationalen Wissenschaft zu machen. Bis 1970 übernahm sie dort neben Verwaltungsaufgaben die Redaktion der seit 1948 erscheinenden „Kunstchronik“, die sie in kurzer Zeit mit großer Energie zu einem international angesehenen Rezensions- und Berichtsorgan des Fachs formte.

    In diese Zeit fiel die Zusammenarbeit mit dem Göttinger Historiker Percy Ernst Schramm (1894–1970), aus der 1962 mit dem ersten Band der „Denkmale der deutschen Könige und Kaiser“ eine viel beachtete Publikation hervorging, die zum Standardwerk wurde und 1981 eine ergänzte Neuauflage erlebte. Gleichzeitig intensivierte Mütherich die Zusammenarbeit mit Wilhelm Koehler (1884–1959), der 1930 mit „Die Schule von Tours“ (2 Bde., Nachdr. 1963) eine richtungweisende Studie über die Handschriften aus der Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger vorgelegt hatte und 1954 – nach Krieg und Exil – das Corpuswerk der „Karolingischen Miniaturen“ wieder in Angriff genommen hatte. Nach dessen plötzlichem Tod 1959 übernahm Mütherich die Fortsetzung dieses Editionsprojekts zur mittelalterlichen Buchmalerei mit seinen umfassenden paläographischen, kodikologischen und textkritischen Untersuchungen. Die Arbeit an den „Karolingischen Miniaturen“ sollte zu ihrem Lebenswerk werden und kam 2013 mit einem Nachtragsband zu den in sieben Bänden vorgelegten Schulen und Gruppen zu einem vorläufigen Abschluss.

    Zunächst aber folgte die Mitwirkung an der großangelegten Europaratsausstellung „Karl der Große“ in Aachen 1965, zu deren Begleitpublikation sie den Beitrag über die Buchmalerei am karolingischen Hof beisteuerte. Dies trug ihr 1966 einen Lehrauftrag an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ein, wo sie 1969 Honorarprofessorin wurde und bis 1980 kontinuierlich lehrte. 1966 und 1971 folgten Forschungsaufenthalte am Institute for Advanced Study in Princeton, 1967 zudem der Ruf auf eine Gastprofessur an der Columbia University in New York, an die sie in Abständen bis 1982 zurückkehrte. Auch die Harvard University in Cambridge (Massachusetts) und das All Souls College in Oxford konnten sie 1975 bzw. 1983 für jeweils ein Semester gewinnen.

    Im Zentrum von Mütherichs Forschungen stand die Erschließung illuminierter Handschriften aus karolingischer, ottonischer und romanischer Zeit, wovon nicht zuletzt die Kommentarbände zu wichtigen Faksimile-Ausgaben Zeugnis geben: 1968 der Stuttgarter Bilderpsalter, 1972 das Metzer Sakramentar-Fragment, 1978 das Evangeliar Ottos III., 1989 der Leidener Arat, 1993 die Bibel Karls des Kahlen (823–877) aus St. Paul vor den Mauern in Rom. In methodischer Hinsicht blieb der breite interdisziplinäre Zugang charakteristisch, der mit dem Corpuswerk der „Karolingischen Miniaturen“ vorgegeben war. Die Einbindung textkritischer und paläographischer Analysen begründete eine langjährige intensive Zusammenarbeit mit bedeutenden Gelehrten wie Bonifatius Fischer OSB (1915–1997) und Bernhard Bischoff (1906–1991). Hinzu kamen wegweisende Beiträge zur Schatzkunst des frühen Mittelalters, allen voran die Einordnung des Elfenbeinschmucks am Thron Karls des Kahlen, der so genannten Cathedra Petri in der vatikanischen Petersbasilika, zu deren Bergung aus Berninis Umhüllung Mütherich 1968 beigezogen wurde. Mit großer Disziplin blieb sie bis zuletzt aktiv, die Publikationsliste reicht bis in die letzten Lebensjahre. Wenige Monate nach einer akademischen Feier zu ihrem 100. Geburtstag erlag sie einem Lungenleiden.

    Zeitlebens in intensivem wissenschaftlichem und freundschaftlichen Austausch, stand sie in besonderem Kontakt v. a. mit Ernst Kitzinger (1912–2003), Grete Brabender (1896–1995), Francis Wormald (1904–1972) und dessen Frau Honoria, Kurt Weitzmann (1904–1993) und dessen Frau Josepha (1904–2000), Carl Nordenfalk (1907–1992), Hermann Fillitz (geb. 1924), Joachim E. Gaehde und vielen anderen. Die umfangreiche Korrespondenz bedarf noch der Erschließung.

    Zu ihren Schülerinnen und Schülern gehören u. a. Ulrike Bauer-Eberhardt, Katharina Bierbrauer, Hans-Caspar Graf von Bothmer (geb. 1942), Jolanda Drexler, Thorsten Droste (1950–2011), Matthias Exner (1957–2020), Petra Simon (geb. 1948), Gude Suckale-Redlefsen (geb. 1944), Andreas Weiner (geb. 1957) und Ursula Wolf (geb. 1949).

  • Ehrungen, Auszeichnungen und Mitgliedschaften

    1975 Korrespondierendes Mitglied der Medieval Academy von America
    1991 Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
    1993 Bayerischer Verdienstorden
    • Quellen

      Nachlass:

      Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München (Teilnachlass).

      Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin (Teilnachlass).

      Privatbesitz, Maria-Elisabeth Brunert, Bonn (Teilnachlass).

    • Werke

      Monografien und Herausgeberschaften:

      Die Ornamentik der rheinischen Goldschmiedekunst in der Stauferzeit, 1941. (Diss. phil.)

      Florentine Mütherich/Percy Ernst Schramm, Florentine Denkmale der deutschen Könige und Kaiser, Bd. 1: Ein Beitrag zur Herrschergeschichte von Karl dem Großen bis Friedrich II. 768–1250, 1962, 2. erg. Aufl. 1981.

      Florentine Mütherich/Wilhelm Koehler, Die karolingischen Miniaturen, Bd. 4: Die Hofschule Kaiser Lothars. Einzelhandschriften aus Lotharingien, 1971.

      Florentine Mütherich/Joachim E. Gaehde, Karolingische Buchmalerei, 1976, engl. 1977.

      Florentine Mütherich/Wilhelm Koehler, Die karolingischen Miniaturen, Bd. 5: Die Hofschule Karls des Kahlen, 1982.

      Percy Ernst Schramm, Die deutschen Kaiser und Könige in Bildern ihrer Zeit. 751-1190. Neuaufl. hg. v. Florentine Mütherich, 1983.

      Florentine Mütherich/Wilhelm Koehler, Die karolingischen Miniaturen, Bd. 6: Die Schule von Reims, 2 Teile, 1994–1999.

      Florentine Mütherich/Wilhelm Koehler, Die karolingischen Miniaturen, Bd. 7: Die frankosächsische Schule, 2009.

      Florentine Mütherich/Wilhelm Koehler, Die karolingischen Miniaturen, Bd. 8: Nachträge – Gesamtregister, 2013.

      Faksimile-Ausgaben:

      Der Stuttgarter Bilderpsalter. Bibl. fol. 23. Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart, Bd. 2, 1968.

      Sakramentar von Metz. Fragment. Manuscrit latin 1141. Bibliothèque Nationale, Paris, Bd. 2, 1972.

      Das Evangeliar Ottos III. Clm 4453 der Bayerischen Staatsbibliothek München. Begleitband der Faksimileausgabe, 1978.

      Aratea. 2. Kommentar zum Aratus des Germanicus Ms. Voss. Lat. Q. 79. Bibliotheek der Rijksuniversiteit Leiden, 1989.

      La Bibbia di San Paolo Fuori le Mura. 2. Commentario storico paleografico artistico critico, 1993.

      Studies in Carolingian Manuscript Illumination, 2004. (Aufsatzsammlung)

      Aufsätze und Artikel:

      Die Buchmalerei am Hofe Karls des Großen, in: Wolfgang Braunfels/Hermann Schnitzler (Hg.), Karl der Große. Lebenswerk und Nachleben, 3. Karolingische Kunst, 1965, S. 9–53.

      Der Elfenbeinschmuck des Thrones, in: La Cattedra lignea di S. Pietro in Vaticano, 1971, S. 253–273.

      Peinture, in: Louis Grodecki/Florentine Mütherich/Jean Taralon/Francis Wormald, Le siècle de l’an mil, 1973, S. 85–225 (dt. u. d. T. Die Zeit der Ottonen und Salier, 1973; zudem Übersetzungen ins Englische, Italienische, Spanische und Japanische).

      Art. „Köhler, Wilhelm“, in: Neue Deutsche Biographie 12 (1980), S. 301 f. (Onlineressource)

      Geographische und ethnographische Darstellungen in der Buchmalerei des frühen Mittelalters, in: Popoli e paesi nella cultura altomedievale, 1983, S. 709–750.

      Bibliografie:

      Schriften zur Kunst des frühen und hohen Mittelalters. Bibliographie Florentine Mütherich zum 26. Januar 1995, hg. v. Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, 1995, 22005.

    • Literatur

      Iris Lauterbach (Red.), Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte, 1997. (P)

      Sebastian Preuss, Ein Leben mit dem Frankenkönig, in: Weltkunst 89 (2014), S. 32 f.

      Willibald Sauerländer, Hüterin der Miniaturen, Die unbeirrbare Kunsthistorikerin Florentine Mütherich feiert ihren hundertsten Geburtstag, in: Süddeutsche Zeitung v. 26.1.2015, S. 11. (P)

      Maria-Elisabeth Brunert, Zum Gedenken an die Kunsthistorikerin Florentine Mütherich aus Bestwig (1915–2015), in: An Ruhr, Valme und Elpe. Heimatkundliche Beiträge aus den Dörfern der Gemeinde Bestwig 11 (2016), S. 85–114. (P)

      Festschrift:

      Katharina Bierbrauer/Peter K. Klein/Willibald Sauerländer (Hg.), Studien zur mittelalterlichen Kunst 800-1250. Festschrift für Florentine Mütherich zum 70. Geburtstag, 1985 (mit einem Vorwort v. Willibald Sauerländer; Schriftenverzeichnis S. 263 f.). (P)

      Nachrufe:

      Fabrizio Crivello, Florentine Mütherich, in: Rivista di storia della miniatura 19 (2015), S. 180 f.

      François Avril, Florentine Mütherich (1915–2015), in: Francia. Forschungen zur Westeuropäischen Geschichte 43 (2016), S. 453–455. (Onlineressource)

      David Ganz, Beatrice Kitzinger und Lawrence Nees, Florentine Mütherich, in: Speculum. A Journal of Medieval Studies 91 (2016), S. 905–907.

    • Online-Ressourcen

      Lee Sorensen, Art. „Mütherich, Florentine“, in: Dictionary of Art Historians.

      Vernetzte Angebote der Deutschen Biographie.

    • Porträts

      Fotografie v. Monika Hoefler (geb. 1977), 2014, Abbildung in: Süddeutsche Zeitung v. 26.1.2015, S. 11.

  • Autor/in

    Exner, Matthias
  • Zitierweise

    Exner, Matthias, „Mütherich, Florentine“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.03.2022, zuletzt geändert am 23.05.2022, URL: https://www.deutsche-biographie.de/118801139.html#dbocontent.

    CC-BY-NC-SA