Lebensdaten
um 880 bis 927 oder 928
Beruf/Funktion
fränkischer König und Kaiser ; König von Burgund
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 100952496 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Ludwig III.
  • Ludwig
  • Ludwig III. der Blinde
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Zitierweise

Ludwig der Blinde, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100952496.html [19.06.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Boso v. Vienne ( 887), seit 879 Kg. v. Niederburgund;
    M Irmingard ( n. 909), T Kaiser Ludwigs II. ( 875, s. NDB 15);
    Ov Richard v. Autun ( 921), Hzg. v. Burgund;
    Tante-v Richilde ( Kaiser Karl d. Kahle, 877, s. NDB XI); mindestens 2 Schw N. N. (wahrsch. Halb-Schw aus unbek. 1. Ehe Bosos), 878 verlobt mit Kg. Karlmann II. v. Westfranken ( 884), Angilberga ( n. 917, Mgf. Wilh. v. Aquitanien, 918);
    - 1) ca. 900 Anna ( oder vor 914), T Kaiser Leons VI. v Byzanz ( 912), später viell. 2. Gem. Kaiser Berengars I., 2) vor 915 Adelheid, wohl kaum T Kg. Rudolfs I. v. Hochburgund ( 911/12);
    1 S aus 1) Karl Konstantin ( 962?), Gf. v. Vienne, 1 S aus 1) oder 2) Rudolf (erw. nur 929), wohl regierungsunfähig.

  • Leben

    Mit L. verbindet sich an der Wende vom 9. zum 10. Jh. im zerfallenden fränk. Reich der erstaunliche, wenngleich über bescheidene|Anfänge nie hinausgekommene und wohl auch von vornherein aussichtslose Versuch, die sich im Kaisertum verkörpernde monarchische Einheit des Regnum Francorum noch einmal zu wahren.

    L. war der Sohn eines der führenden Vertreter der karoling. „Reichsaristokratie“, des mächtigen Grafen Boso von Vienne, der sich nach dem Tod des mit ihm verschwägerten Kaisers Karl d. Kahlen (877), unter dem er eine vizekönigliche Stellung in Italien und in der Provence eingenommen hatte, von dessen Sohn Ludwig d. Stammler lossagte und sich als erster Nichtkarolinger im Okt. 879 durch den Episkopat und mehrere Große des Rhône-Saône-Raumes zum König erheben ließ – eine Würde, die er auch gegen den geschlossenen Widerstand aller regierenden Karolinger bis zu seinem Tod im Januar 887 zäh behauptete. Zu den Stationen von Bosos Aufstieg zählte neben der Förderung durch Kaiser Karl d. Kahlen und Papst Johannes VIII., der sich ihm im Sept. 878 in Troyes auf ungewöhnliche Weise, nämlich durch Adoption, verbunden hatte (was kaum als Designation zum Kaiser aufzufassen ist), auch seine schon 876 mit der Tochter Kaiser Ludwigs II., Irmingard, geschlossene Ehe, aus der um 880 L. hervorging, der nach seinem kaiserlichen Großvater benannt wurde.

    Nach dem Tod Bosos wandte sich L.s Mutter – in Abkehr von der Politik Bosos – Kaiser Karl III. zu, den sie Ende Mai 887 in Kirchen bei Lörrach in Begleitung ihres etwa sechs jährigen Sohnes aufsuchte. Unsere Kenntnis von den dortigen Ereignissen ist lückenhaft, die Deutung der wenigen Quellenzeugnisse umstritten. Offensichtlich erreichte Irmin gard, daß Karl III. ihren Sohn als Enkel Kaiser Ludwigs II. in das karoling. Königshaus aufnahm und so die königliche Würde des Knaben anerkannte – die Voraussetzung da für, daß L. als legitimer Karolinger zu einem späteren Zeitpunkt auch über ein eigenes Regnum würde herrschen können. Irmingard und L. wiederum mußten formell auf die Usurpation Bosos verzichten und Karl als Herrscher der Rhôneländer huldigen. Die Frage nach der rechtlichen Form, in der der Kompromiß von Kirchen vollzogen wurde - in lehnsrechtlichen Formen oder (und?) in der Rechtsform der Adoption -, ist umstritten und angesichts der Quellenlage auch kaum verbindlich zu entscheiden. Unbewiesen ist die Annahme, Karl III. habe damals vorgehabt, L. zum Gesamterben im Reich einzusetzen. Falls solche Überlegungen in Kirchen wirklich eine Rolle gespielt haben sollten, wurden sie jedenfalls schon wenige Monate später durch den Sturz des kranken Kaisers hinfällig.

    Auch nach dem Sturz Karls III. und der Erhebung Arnulfs im Herbst 887 änderte Irmingard nicht ihre legitimistische Haltung. Arnulf übernahm als Rechtsnachfolger Karls III. den Schutz des jungen L., dem mittlerweile in dem Welfen Rudolf I. in unmittelbarer Nachbarschaft ein neuer Konkurrent erwachsen war (Königswahl Jan. 888), und bestätigte 889 seinerseits ausdrücklich L.s Anrecht auf ein eigenes Regnum. Arnulf gab auch als neuer Oberlehnsherr L.s seine Zustimmung, als im Aug. 890 die provenzalischen Großen – unter Führung der Geistlichkeit – in Anbetracht der Normannen- und Sarazenengefahr dem königslosen Zustand in ihren Ländern ein Ende setzen wollten und auf Empfehlung Papst Stephans V. – in ausdrücklicher Berufung auf Karl III. und Arnulf – L. zum König erhoben (Weihe Ende August in Valence).

    Ein vielleicht damals am Hof L.s oder auch im Umkreis des EB Fulko von Reims ( 900) entstandenes, der Gattung der Visionsliteratur zugehörendes literarisches Propagandaschreiben hochpolitischen Inhalts, die sog. Visio Karoli, nach deren legendenhaftem Bericht L. von Karl III. die Nachfolge im Gesamtreich übertragen wurde, illustriert die Gedankenwelt der L. stützenden Kreise, die nach dem Tode Arnulfs (Dez. 899), als aus Italien Boten erschienen, die L. dorthin einluden, ihre Chance gekommen sahen. Im Herbst 900 zog L. nach Oberitalien, wo er aus dem Erbe seiner Großmutter, der Kaiserin Angilberga, wohl immer noch reichen Familienbesitz besaß, vertrieb kampflos Berengar I., der 888 dort zum König gewählt worden war, 899 im Kampf gegen die Ungarn aber eine schwere Niederlage erlitten hatte, und ließ sich Anfang Oktober in Pavia von zahlreichen Großen, allen voran dem mächtigen Mgf. Adalbert von Tuszien, als neuem Herrscher des Regnum Italiae huldigen. Gestützt auf die Macht Adalberts zog L. Anfang 901 nach Rom, wo ihn Papst Benedikt IV. Mitte Februar zum Kaiser weihte.

    Zu dem offensichtlich von langer Hand vorbereiteten Versuch L.s und der hinter ihm stehenden Kreise (neben dem Papsttum ist in Italien vor allem noch die Partei des 894 verstorbenen Kaisers Wido und seines 898 verstorbenen Sohnes Lambert mit der einflußreichen Kaiserin Ageltrude an ihrer Spitze zu nennen), das karoling. Kaisertum|noch einmal zu erneuern, gehört auch das überraschende, von beiden Vertragspartnern mit großen Erwartungen behaftete Ehebündnis mit Byzanz: Noch während seines ersten Italienaufenthalts muß L. die Tochter Kaiser Leons VI., Anna, die damals etwa zwölf Jahre alt war, geheiratet haben. Aus dieser Ehe ist mit großer Wahrscheinlichkeit bald nach 901 Karl Konstantin hervorgegangen, dessen auffälliger Doppelname bereits den weit überzogenen Rahmen der damaligen Pläne verrät.

    Trotz der erfolgreichen Anfänge hat L. die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen können. Schon im Frühjahr 902 gelang es Berengar, den mittlerweile wieder ziemlich isolierten L. aus Italien zu vertreiben. Ähnlich wie einst sein Großvater, Kaiser Ludwig II. 871 gegenüber Fürst Adelchis von Benevent, mußte auch L. einen Eid leisten, nie wieder nach Italien zu kommen. Zwar konnte er im Jahre 905 noch einmal für wenige Monate mit Unterstützung italischer Großer nach Italien zurückkehren, seinen Sitz für kurze Zeit sogar in Verona, dem Vorort Berengars, einnehmen, doch gelang es Berengar, den unvorsichtigen L. ergreifen und blenden zu lassen. Damit hatte die politische Laufbahn L.s, der noch im gleichen Jahr in die Provence zurückkehrte, ein abruptes Ende gefunden.

    In der Provence führte der praktisch regierungsunfähige L., den schon Flodoard von Reims um die Mitte des 10. Jh. „den Blinden“ (Orbus) nennt, in der Folgezeit nur noch ein Schattendasein. In seinem Namen übernahm bald der mit ihm verwandte Mgf. Hugo von Vienne, der sich 926 selbst zum König von Italien wählen ließ, die Regierungszügel. Im Jan. 915 begegnet Adelheid, die zweite Gemahlin L.s, als Intervenientin in einer seiner Urkunden, in denen L. stets den Kaisertitel weitergeführt hat. Am 25.12.927 ist er zum letzten Mal bezeugt. Im Sommer des folgenden Jahres muß er, unbeachtet von den Chronisten, gestorben sein. Sein Sohn Karl Konstantin ist Zeit seines Lebens Graf von Vienne geblieben ( um 962). Das Reich seines Vaters Boso wurde schon in den 40er Jahren dem welf. Königreich von Hochburgund einverleibt.

    L. ist frühzeitig gescheitert, seine Persönlichkeit bleibt daher unbestimmt, seiner Politik fehlt die Geschlossenheit. In den von ihm nach der Kaiserkrönung in Italien ausgestellten Urkunden suchen wir vergeblich Reformansätze. Das vielleicht zukunftsträchtige provenzalische Erbe seines Vaters hat er letzten Endes verspielt; mit der Rückwendung zur Reichseinheitsidee ließ sich um 900 die Krise des karoling. Herrschaftsverbandes nicht mehr meistern; das auf die Kirche gestützte Kaisertum hatte sogar im lokalen Rahmen seinen Glanz verloren. Mit dem Scheitern seiner Politik steht L. aber auch am Anfang jener Entwicklung, die schließlich zur Angliederung Burgunds an das ostfränk.-deutsche Reich führte.

  • Literatur

    ADB 19;
    Wattenbach-Levison-Löwe, bes. S. 527 f. (z. Visio Karoli);
    Visio Karoli, hrsg. v. G. Waitz, X, S. 458, hrsg. v. L. Deschamps, Mémoires de la Société des Antiquaires de la Morinie 5, 1841, S. 185-90, hrsg. v. F. Lot, Chronique de l'abbaye de Saint-Riquier, 1894, S. 144-48;
    Liutprand v. Cremona, Antapodosis, hrsg. v. J. Becker, MGH SS rer. Germ., 1915, S. 1-158;
    Brief d. Patr. Nikolaos Mystikos, Migne PG 111, Sp. 197 ff., Nr. 32;
    Necr. s. Andreae Taurinensis, hrsg. v. C. Cipolla, = Fonti per la storia d'Italia 31, S. 340; d. burgund. Urkk. (43 Stück), hrsg. v.
    R. Poupardin, Recueil des actes des rois de Provence (855–928) (Chartes et diplômes relatifs à l'histoire de France), 1920; d. 21 ital. Urkk. hrsg.
    L. Schiaparelli, = Fonti per la storia d'Italia 37, 1910;
    MG Capit. II, S. 376 f., Nr. 289;
    Lib. memorialis v. Remiremont, MG Libri mem. 1, Textbd., S. 4. -
    E. Dümmler, Gesta Berengarii imperatoris, 1871;
    R. Poupardin, Le royaume de Provence sous les Carolingiens (855–933?), 1901;
    L. Schiaparelli, I diplomi di Lodovico III, in: Bull. Ist. Stor. Ital. 29, 1908, S. 105-207;
    L. M. Hartmann, Gesch. Italiens im MA III, 2, 1911;
    F. Seemann, Boso v. Niederburgund, 1911;
    C. W. Previté Orton, Charles Constantine of Vienne, in: Engl. Hist. Review 29, 1914, S. 703-06;
    ders., Italy and Provence, ebd. 32, 1917, S. 335-47;
    A. Hofmeister, Dtld. u. Burgund im früheren MA, 1914, bes. S. 30-42;
    G. Bäseler, Die Kaiserkrönungen in Rom u. d. Römer, 1918, S. 29-31;
    M. Chaume, Les origines du duché de Bourgogne I, 1925;
    G. Fasoli, I re d'Italia, 1949, S. 59-73;
    C. G. Mor, L'età feudale I, 1952, S. 56-62;
    F. Sielaff, Der ostfränk. Hof, Berengar v. Friaul u. Ludwig v. Niederburgund, in: Festschr. A. Hofmeister, 1955, S. 275-82;
    W. Mohr, Boso v. Vienne u. d. Nachfolgefrage nach d. Tode Karls d. Kahlen u. Ludwigs d. Stammlers, in: Archivum Latinitatis Medii Aevi 26, 1956, S. 141-65;
    L. Boehm, Rechtsformen u. Rechtstitel d. burgund. Königserhebungen im 9. Jh., in: HJb. 80, 1961, S. 1-57, wieder in: Königswahl u. Thronfolge in fränk.-karoling. Zeit, hrsg. v. E. Hlawitschka, 1975, S. 325-98, bes. S. 381 ff.;
    dies., Gesch. Burgunds, 21979, S. 98-104;
    W. Ohnsorge, Abendland u. Byzanz, 1963, S. 228-34;
    ders., Konstantinopel u. d. Okzident, 1966, S. 171-75;
    E. Ewig, Kaiser Lothars Urenkel, Ludwig v. Vienne, d. präsumtive Nachf. Kaiser Karls III., in: Das erste J.tausend I, 21963, S. 336-43 (= ders., Spätantikes u. fränk. Gallien I, 1976, S. 578-85);
    R. Hiestand, Byzanz u. d. Regnum Italicum im 10. Jh., 1964, S. 83-107;
    H. Keller, Zum Sturz Karls III., in: DA 22, 1966, S. 333-84, bes. S. 360, 379-84;
    E. Hlawitschka, Lotharingien u. d.|Reich an d. Schwelle d. dt. Gesch., 1968, bes. S. 33-36, 93-106, 241-49;
    ders., Adoptionen im ma. Königshaus, in: Festschr. H. Helbig, 1976, S. 1-32;
    ders., Die verwandtschaftl. Verbindungen zw. d. hochburgund. u. d. nd.burgund. Königshaus, in: Grundwiss. u. Gesch., Festschr. f. P. Acht, 1976, S. 28-57;
    H. Löwe, Von Cassiodor zu Dante, 1973, S. 144 f.;
    R.-H. Bautier, Aux origines du royaume de Provence. De la sédition avortée de Boson à la royauté légitime de Louis, in: Provence historique 23, 1973, S. 41-68;
    U. Penndorf, Das Problem d. „Reichseinheitsidee“ nach d. Teilung v. Verdun (843), 1974, S. 122-40;
    J.-P. Poly, La Provence et la société féodale (879-1166), 1976;
    J. Fried, Boso v. Vienne od. Ludwig d. Stammler? Der Kaiserkandidat Johanns VIII, in: DA 32, 1976, S. 193-208.

  • Autor/in

    Herbert Zielinski
  • Empfohlene Zitierweise

    Zielinski, Herbert, "Ludwig der Blinde" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 331-34 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100952496.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Ludwig III., römischer Kaiser, empfing diesen Namen von seinem mütterlichen Großvater, denn er war der Sohn Irmingards, der Tochter Kaiser Ludwigs II. und des Grafen Boso von Vienne. Sein Vater, einer der mächtigsten fränkischen Familien angehörig, gefördert durch seine Verschwägerung mit König Karl dem Kahlen und durch die Gunst des Papstes Johanns VIII., trachtete, von ungemessenem Ehrgeize beseelt, eine Zeit lang nach der Herrschaft in Oberitalien, begnügte sich aber, da diese doch den Nachkommen Ludwigs des Deutschen verblieb, damit. Mitte October 879 zu Mantaille bei Vienne, sich zum Könige|von Burgund, d. h. der Provence und der Rhonelande wählen und zu Lyon krönen zu lassen. So wurde aus dem Reiche Karls des Großen eines der reichsten und gesegnetsten Lande losgerissen — es umfaßte nicht weniger als 7 Erzbisthümer —, in mehrfachen Kämpfen behauptet und für die weitere Zerstückelung des Ganzen dadurch der Weg gewiesen. Als der Stifter des neuen Königreichs bereits am 11. Januar 887 das Zeitliche gesegnet hatte, begab sich seine Wittwe Irmingard mit ihrem unmündigen Sohne L. im Mai zu ihrem Vetter, dem Kaiser Karl III., nach Kirchen am Oberrheine. Dieser empfing die Huldigung des kleinen L. und nahm ihn an Kindesstatt an, ohne jedoch bei seiner eigenen Ohnmacht etwas weiteres zu seinen Gunsten zu unternehmen. Während 888 nach dem Sturze Karls zu St. Maurice in den Alpen der Welfe Rudolf ein neues hochburgundisches Reich stiftete, befand sich die Provence in einem Zustande wildester Verwirrung, indem einerseits die heimischen Großen das Land durch ihre Fehden zerrissen, andererseits von Norden her die Normannen, von der Küste zu Garde-Freynet aus eine Räubercolonie der spanischen Sarazenen Jammer und Elend verbreiteten. Nachdem Irmingard schon 889 von dem Könige Arnolf für ihren Sohn die Uebertragung des väterlichen Reichs erwirkt und auch Papst Stephan die Bischöfe zu seiner Wahl ermahnt hatte, erfolgte diese durch die Großen zu Valence im J. 890. Die Mutter und der Oheim, Herzog Richard von Burgund, sollten dem jungen, von dem Erzbischof Aurelian erzogenen König zur Seite stehen, dessen Reich ungefähr jenem Gebiete entsprach, das einst Lothars I. früh verstorbener Sohn Karl (855—63) beherrscht hatte. Die freundlichen Beziehungen zu Arnolf dauerten fort, der, um an L. ein Gegengewicht gegen Rudolf zu gewinnen, demselben 894 mehrere von diesem besetzte Städte mit ihren Gauen, freilich nur dem Namen nach, abtrat. Die Unsicherheit, welche zuerst die Erkrankung, dann der frühe Tod Arnolfs in den Verhältnissen Italiens hervorrief, das er ohnehin niemals in feste Abhängigkeit gebracht hatte, erweckte in Ludwigs Brust die kühne Hoffnung, das Erbtheil seiner Mutter zu gewinnen und seinem schwachen burgundischen Königthume durch die Kaiserkrone einen stärkeren Rückhalt zu geben. Im Herbste 900 zog er über die Alpen und wurde zu Pavia in einer stattlichen Versammlung der italienischen Großen, unter denen besonders der Markgraf Adalbert von Tuscien hervorragte, am 12. October zum Könige gewählt. Von hier drang er, wir wissen nicht, ob mit oder ohne Kampf, sogar bis Rom vor und empfing um die Mitte Februar 901 aus der Hand des Papstes Benedict IV. die Kaiserkrone. So wurden die stolzesten Träume seiner ehrgeizigen Mutter verwirklicht und ein Ziel erreicht, das seinem Vater vergeblich vorgeschwebt hatte. Die reichen italienischen Besitzungen jener kamen ihm hierbei zu statten und bis in den Sommer 902 konnte er sich daher in Oberitalien behaupten. Der Wankelmuth der Großen des Landes aber gestattete seinem mehr zurückgedrängten als besiegten Nebenbuhler, dem Könige Berengar (von Friaul, Bd. II. S. 357) seine Macht von neuem zu sammeln und L. so in die Enge zu treiben, daß dieser gegen freien Abzug das eidliche Versprechen leistete, den Boden Italiens nicht wieder zu betreten. Schon nach drei Jahren aber vermochte L. den erneuten Lockungen seiner alten Anhänger, zu denen sich auch Adalbert von Tuscien abermals gesellt hatte, nicht mehr zu widerstehen. Er zog bis nach Lucca, wo er Adalbert und seine ränkesüchtige Gemahlin Berta gegen sich gereizt haben soll, und unterwarf die ganze Lombardei, selbst Verona, den eigentlichen Sitz Berengars, wohin dessen früherer Erzkanzler, Bischof Adalhard, ihn eingeladen hatte. Als er hier sorglos den größten Theil seiner Leute entließ, benutzte Berengar diesen Augenblick, um, von baierischen Mannschaften und den Bewohnern von Verona unterstützt, den Kaiser bei nächtlicher Weile zu überfallen. Auf dem|heutigen Castelle in der Peterskirche, worin er sich verborgen hatte, wurde L. sein Gefangener (21. Juli 905) und, wenn Berengar ihm auch das Leben zugesichert hatte, so machte er ihn dafür doch mit einer in jener Zeit nicht seltenen Grausamkeit als Meineidigen durch Beraubung des Augenlichts unschädlich. Als ein hülfloser Mann kehrte L. "der Blinde", gegen den sich auch der Markgraf Adalbert von Ivrea erhob, in sein ererbtes Reich zurück, wo er zwar den königlichen, ja sogar den kaiserlichen Titel fortführte, die Herrschaft aber gänzlich anderen überlassen mußte. Vorzüglich war es bald der Herzog und Markgraf Hugo von Vienne, der Sohn der Markgräfin Berta aus einer früheren Ehe, welcher in seinem Namen regierte und sogar 926 überdies noch zum Könige von Italien gewählt wurde. Erst im September 928 endete L. sein unglückliches Leben: sein älterer Sohn Karl Constantin, den ihm seine Gemahlin Adelheid, vielleicht eine Tochter König Rudolfs I. von Burgund, geboren hatte, erscheint nur als Graf von Vienne. König Hugo behauptete die Macht in der Provence so ausschließlich, daß er 933 dieses Gebiet sogar an Rudolf II. abtrat und dadurch eine Vereinigung der gesammten burgundischen Lande unter der Herrschaft der Welfen herbeiführte.

    Gingins-la-Sarra, Mémoires pour servir à l'histoire de Provence et, de Bourgogne-Jurane (Archiv für Schweizer. Geschichte, VIII, Zürich 1851). Dümmler, Geschichte des Ostfränkischen Reiches, II. Derselbe, Gesta Berengarii imperatoris, Halle 1871. Urkunden Ludwigs in den Forschungen zur deutschen Geschichte, IX u. X.

  • Autor/in

    E. Dümmler.
  • Empfohlene Zitierweise

    Dümmler, Ernst, "Ludwig der Blinde" in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884), S. 455-457 unter Ludwig III. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100952496.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA