Lebensdaten
778 bis 840
Geburtsort
Chasseneuil bei Poitiers
Sterbeort
auf einer Rheininsel bei Ingelheim
Beruf/Funktion
Kaiser
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118640658 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Ludwig I.
  • Ludwig I. der Fromme
  • Ludwig
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Zitierweise

Ludwig der Fromme, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118640658.html [26.07.2016].

CC0

Ludwig der Fromme

fränkischer Kaiser, * Sommer 778 Chasseneuil bei Poitiers, 20.6.840 auf einer Rheininsel bei Ingelheim, Metz, Arnulfskloster.

  • Genealogie

    Vgl. d. Stammtafel S. 310. Ludwig - V Kaiser Karl d. Gr. ( 814, s. NDB XI); M Hildegard ( 783), T d. fränk. Gf. Gerold ( 799, s. NDB VI) u. d. Imma aus alemann. Herzogsgeschl.; B Kg. Karl d. J. ( 811, s. NDB XI), Pippin (777–810), Unterkg. in Italien; Halb-B Drogo ( 855), Bischof v. Metz (s. NDB IV), Hugo ( 844), Abt v. St. Quentin, Theuderich ( n. 818); - 1) ca. 793 N. N. (viell. 2 Friedelehen), 2) 794 Hermingardis (Irmingard) ( 818), T d. fränk. Gf. Ingram, 3) 819 (wohl Febr. Aachen) Judith ( 843, s. NDB X), T d. fränk.-alemann. Gf. Welf; 1 S, 1 T aus 1) Arnulf (ca. 794-n. 841), Gf. v. Sens, Alpais (Elpheid) (ca. 793–852 od. später, ca. 806 Gf. Bego [ 816], Äbtissin v. Saint-Pierre-le-Bas in Reims), 3 S, 2 T aus 2) u. a. Kaiser Lothar I. ( 855, s. NDB 15), Pippin (ca. 797–838), Kg. Ludwig d. Deutsche ( 876, s. NDB 15), 1 S, 1 T aus 3) Kaiser Karl d. Kahle ( 877, s. NDB XI), Gisela (819/22-874 od. später, ca. 836 Mgf. Eberhard v. Friaul [ 866]).

  • Leben

    L. und sein Zwillingsbruder Lothar (früh verstorben) erhielten als erste Karolingersprossen, freilich erst der dritten Königsgeneration, in „Ansippung“ an die abgelöste alte Dynastie, merowing. Namen (Chlodwig und Chlothar). L. wurde am Ostertage (15.4.) 781 in Rom, zusammen mit seinem Bruder Pippin, von Hadrian I. zum König gesalbt und gekrönt. Es ist die erste klar bezeugte, nicht nur erschließbare Krönung im Karolingerhause. Als vom Vater bestellter Unterkönig verbrachte L. seine Jugend in Aquitanien (wie Pippin in Italien). Daß er eine geistlichliterarische Erziehung genoß, findet sich zwar nur andeutungsweise bezeugt, ist aber aus seinem späteren religiös-kirchlichen Eifer mit Sicherheit zu erschließen. In roman. Umwelt aufgewachsen, beherrschte er das Lateinische völlig, verstand aber auch das Griechische, während er der volkssprachlich-fränk. Tradition weniger Interesse entgegenbrachte als sein Vater.

    Bis zur Wehrhaftmachung (791 in Regensburg) blieb L. unter beauftragter vormundschaftlicher Regierung. Er hielt eigene Reichsversammlungen ab (789 in Mourgoudou b. Albi; 790, 795, 801 in Toulouse; 814 in Doué b. Tours) und urkundete 794, 807, 808 als rex Aquitaniae bzw. als rex Aquitanorum. Neben dem Grenzgrafen Wilhelm von Toulouse ( 812 als Mönch in seiner Gründung Gellone) nahm L., allmählich in selbständiger Führung, an den Abwehr- und Sicherungskämpfen gegen Basken und Araber beiderseits der Pyrenäen teil (Einnahme von Barcelona 801, von Tortosa 811, Strafzug nach Pamplona 813), doch wurde er oft auch zu Reichsversammlungen und Heereszügen des Vaters und des Bruders Pippin entboten (785 Paderborn, 790 Worms, 791 Ingelheim-Regensburg-Awarenkrieg, 792/93 Italien, 793 Salz, 798 Sachsenkrieg, 797 Herstal, 799 Aachen-Friemersheim-Sachsenzug, 800 Tours, 804 Sachsenzug, 805/06 Diedenhofen, 809 Aachen). In der Divisio von 806 sprach ihm Karl d. Gr. über Wasconien und Aquitanien hinaus das gesamte südliche Gallien zu, aber der Tod der älteren Brüder (810/11) machte diese Regelung hinfällig. Karl d. Gr., inzwischen von Byzanz als Kaiser anerkannt, krönte nach oström.-byzantin. Stil am 11.9.813 in Aachen den nunmehr alleinigen Nachfolger L. zum Mitkaiser.

    Karl starb am 28.1.814; am 27. Februar traf L. in Aachen ein. Als Repräsentant einer stärker verchristlichten Generation, der in Aquitanien die Klöster gefördert und angeblich einmal erwogen hatte, selber Mönch zu werden, übernahm er ein in seinen gewaltigen Dimensionen machtpolitisch saturiertes, von außen vorerst nicht mehr gefährdetes, in der inneren, d. h. auch kirchlichen Ausformung dagegen unfertiges Reich. Die Lebensgeschichte L.s fällt von nun an größtenteils mit der Reichsgeschichte zusammen, in der das individuell-biographische Element im ganzen nur mit ungleicher Deutlichkeit sichtbar wird.

    Von persönlichen Initiativen „außenpolitischer“ Art kann bei L. nicht ernstlich die Rede sein. Durch den feierlichen Empfang einer noch an Karl abgeordneten griech. Gesandtschaft (1.8.814 in Aachen) sanktionierte der neue Kaiser den Ausgleich mit Byzanz. Darin war offensichtlich der Verzicht auf den Römernamen im Kaisertitel vereinbart worden: L. und seine fränk.-deutschen Nachfolger nannten sich bis ins späte 10. Jh. nur Imperator augustus, ohne Attribut. Auch die Umschrift des Bullensiegels Renovatio Roman-[orum] imp[erii] entfiel und wurde durch die Formel Renovatio regni Franc[orum] ersetzt. Griechische Abgesandte sind an L.s Hof noch wiederholt, aber eher beiläufig (817, 824, 826, 827, 833, 839) bezeugt. Im übrigen blieb es unter ihm durchweg bei einer im ganzen defensiven Grenzpolitik. L. nahm 814 die Lehnshuldigung des dän. Thronprätendenten Harald entgegen, hob ihn 826 in Mainz aus der Taufe und sandte Ansgar zur Missionierung des Nordens aus; Harald vermochte sich jedoch in seinem Lande nicht durchzusetzen. An der Elbelinie und besonders im Südosten kam es mit den angrenzenden Slawen wiederholt zu Kämpfen, die ihre Wellen zeitweise bis zu den Bulgaren schlugen, aber|diese Geschehnisse gehören, ebenso wie die Auseinandersetzungen in Italien (Benevent und Venedig), nicht zur Biographie L.s, der in solchen Zusammenhängen zwar gelegentlich Gesandtschaften empfing – insbesondere 826 in Ingelheim –, in aller Regel aber diese Aufgaben den Unterkönigen und Grenzgrafen überließ. Er selber zog 818 und 824 gegen die Bretonen zu Felde, offenbar ohne nachhaltigen Erfolg. Sichtlich kein Heerführer von Rang, griff er auch in Wasconien und Spanien, wo es immer wieder brodelte, nicht persönlich ein.

    In der „Innenpolitik“, in der Regierung des Reiches und der Kirche, steht dagegen, mindestens für den Anfang, der persönliche Wille und Beitrag L.s außer Zweifel. Hier setzte der Generationswechsel von 814 neue Energien zur Festigung und Mehrung des überkommenen Erbes frei. Persönlich zur Strenge, ja zum Mißtrauen geneigt, verwies L. seine Schwestern vom Hof in ihre Klöster und entließ auch die Brüder Adalhard und Wala, seine bisher sehr einflußreichen Seitenverwandten. Auf die Sicherung der Randländer bedacht, entbot er seinen Neffen Bernhard, den Sohn Pippins und italischen Unterkönig, zur Huldigung. Zugleich bestellte er – schon 814 – seine eigenen Söhne Lothar und Pippin zu Unterkönigen in Bayern und Aquitanien. Oberster Hofkaplan blieb der EB Hildebald von Köln; nach dessen Tod (818) folgte der Abt Hilduin von Saint-Denis. Aus Aquitanien brachte L. seinen Kanzler Helisachar an den Hof, ebenso seinen Jugendfreund Ebbo, den er 816 zum Erzbischof von Reims erhob. Als einflußreicher Berater begegnet bald auch der Graf Matfrid von Orléans.

    Der neue Schwung der kaiserlichen Regierung wird von Anfang an in einer ausgiebigen Beurkundungstätigkeit sichtbar. Die insgesamt nahezu 500 Diplome L.s, ausgefertigt unter der Leitung der Kanzler Helisachar (814–19), Fridugis (819–32), Theoto (832–34) und Hugo (834–40, – 844, Halbbruder L.s, Abt von Saint-Quentin), stellen mit ihrer ausgereiften diplomatischen Kursive und der geschliffenen Latinität ihrer Textformulare, so in der Verbindung des Immunitätsprivilegs mit dem Königsschutz, den mustergebenden Höhepunkt frühmittelalterlicher Kanzleigeschichte dar. Überhaupt stehen die ersten Jahre für Reich und Kirche im Zeichen gesetzgeberisch-programmatischer Normung und Fixierung durch regelmäßige Reichsversammlungen, durch eine stattliche Zahl von gewandt formulierten Kapitularien, in der Tradition Karls d. Gr. und zugleich über ihn hinaus. Mit der Konstituierung der Bistümer Hildesheim und Halberstadt und des Missionserzbistums Hamburg sowie der Klöster Corvey und Herford vollendete L. die Basis der sächsischen Kirchenorganisation. Aus Aquitanien berief er den Mönchsreformer Benedikt von Aniane zum Abt der Neugründung Inden (Kornelimünster) und betraute ihn mit der Aufsicht über die Reichsklöster insgesamt, die, wie sich besonders an den Kaiserdiplomen ablesen läßt, mit den Hochstiften zu einer gefestigten, an den Herrscher gebundenen Reichskirche zusammenzuwachsen begannen. Auf einer großen Aachener Synode wurden 816 für die Mönchs- und Nonnenklöster eine neu formulierte, von jeder Mischobservanz gereinigte Benediktregel, für die Kanonikerstifte (und analog für die Kanonissen) eine – freilich nur mittelbar an Chrodegang von Metz orientierte – Institutio unter L.s Autorität als verbindliche Normen verkündet. Es folgten 817-19 weitere Bestimmungen für Bischofskirchen und Klöster (Wahlrecht, Reichslasten, Einkünfteregelung, Sicherung und Beaufsichtigung der Eigenkirchen). Rasche Erfolge dieser Vorschriften sind nicht erkennbar, um so bedeutender aber wurde die prägende Fernwirkung der Statuten von 816 im 10. und 11. Jh.

    Auch die geltende Oberhoheit über Rom wurde neu formuliert. Als der Papst Leo III. 815 eigenmächtig eine Verschwörung blutig unterdrückte, ordnete L. eine Untersuchung durch Kg. Bernhard an, ließ sich aber durch päpstliche Gesandte beruhigen. Bei der durch Leos Tod 816 eintretenden ersten Vakanz unter dem neuen Kaisertum griff man weder in Rom noch in Aachen auf das seit der Mitte des 8. Jh. faktisch erloschene kaiserliche Bestätigungsrecht zurück, aber der neue Papst Stephan IV. (816–17) ließ die Römer einen Treueid auf den Kaiser schwören und begab sich zu L. nach Reims. Eine segnende Festkrönung mit einer angeblichen Konstantinskrone (Okt. 816) brachte den röm. Ursprung des Kaisertums in Erinnerung. Als mittelbares Ergebnis der Reimser Verhandlungen stellt sich das Pactum Hludovicianum von 817 für den nächsten Papst Paschalis I. (817–24) dar, das – nach dem Verlust des Kaiserprivilegs für Stephan IV. – erste und für spätere Zeiten mustergebend ausformulierte Kaiserprivileg für die röm. Kirche. Es bestätigte mit dem Territorium und der internen Autonomie des Kirchenstaates auch die Freiheit der Papstwahl, die erst nach der Weihe dem Kaiser anzuzeigen war.

    Der Wille zur Konsolidierung gewachsener Ordnung gipfelte in einer großzügigen politischen Neuregelung, die, sichtlich von L.s geistlichen Beratern konzipiert, im Juli 817 auf einer Aachener Reichsversammlung verkündet wurde. Die bisher nur faktisch – zuletzt durch die Todesfälle von 810/11 – zustande gekommene Einheit des Gesamtreiches im Zeichen des Kaisertums wurde zum durchdachten Prinzip erhoben. Dem entspricht es, daß seit 814 in den Urkunden hinter dem Kaisertitel auch der Bezug auf Franken und Langobarden verschwunden ist, ungeachtet der erwähnten Bullenumschrift. Dieses Programm wurzelte geistig im christlichen Universalismus, wie ihn mit publizistischer Verve vor allem EB Agobard von Lyon verfocht, es entsprach aber auch, angesichts der über viele Länder verbreiteten Rechte, Ämter und Güter, den sehr konkreten Wünschen der Kirchen und weitverzweigter Adelsgruppen. Lothar wurde (wie L. selber 813) zum Mitkaiser gekrönt und zum Nachfolger bestimmt, während Pippin und Ludwig (der Deutsche) als Unterkönige in Aquitanien und Bayern eingesetzt wurden. Diese Ordinatio imperii untersagte über L.s Tod hinaus weitere Teilungen und gab der nach Sinn und Tradition genossenschaftlichen Teilung eine herrschaftliche Wendung: Die Teilkönige sollten in allem, was über ihre interne Autonomie hinausging, dem Kaiser untergeordnet bleiben. Dieses theologisch fundierte, imperial formulierte Programm war eine kühne Konzeption, geradezu eine verfrühte Reichs- und Staatsidee, die dem Rechtsdenken des Zeitalters weit vorauseilte. Ob und in welchem Ausmaße sie sich in der dynastischaristokratischen Welt auch würde durchsetzen lassen, war die Frage, die L.s weitere Regierungszeit überschattete. Die Widerstände blieben nicht aus, treten für uns aber nur vordergründig, namentlich im Kaiserhause selber, in helles Licht, während die offenbar wechselnden Gruppierungen im Adel oft undeutlich bleiben. Das Persönlichkeitsbild L.s verliert dabei sehr an Festigkeit und wird immer mehr durch die Unausgeglichenheit seines Charakters bestimmt.

    Der ersten Krisen wurde er aber Herr. Der in der Ordinatio übergangene Bernhard von Italien ließ sich zu einer Empörung hinreißen, die jedoch rasch zusammenbrach. Er starb an der Blendung, die L. – statt des Todesurteils der nächsten Aachener Reichsversammlung (April 818) – über ihn verhängte (17.4.818). Erneut mißtrauisch geworden, zwang L. seine jungen Halbbrüder, Karls d. Gr. nicht vollbürtige Söhne Drogo, Hugo und Theuderich, zum Eintritt in den geistlichen Stand und entsetzte den Bischof Theodulf von Orléans seines Amtes. Die Bemühungen um kirchliche Reformen und politische Konsolidierung gingen jedoch weiter, wenn auch seit dem Tode Benedikts von Aniane (821) sichtlich mit geringerer Energie. – Auf den Reichsversammlungen von 821 (im Mai zu Nimwegen, im Oktober zu Diedenhofen) wurde die Ordinatio von 817 beschworen. Ein Ausgleich mit den bisher ausgeschalteten und bekämpften Gruppen zielte auf eine erneute Sammlung der Kräfte. In Diedenhofen wurden die Teilnehmer an der Verschwörung Bernhards begnadigt, ebenso Adalhard, dessen Bruder Wala gleichfalls an den Hof zurückkehrte. Zu Attigny versöhnte sich L. im August 822 auch mit seinen Halbbrüdern; Drogo wurde Erzbischof in der Karolingerstadt Metz. Zugleich sanktionierte L. sein Friedenswerk durch eine öffentliche Buße für alles Unrecht, das er insbesondere den Seinen angetan hatte; mit einem Bekenntnis ihrer Pflichtvergessenheit folgten die Bischöfe seinem Beispiel. Die neuen Ratgeber, unter denen neben Adalhard ( 826) und Wala der Erzkaplan Hilduin hervortrat, blieben bei alledem auf eine nachhaltige Festigung der Reichsautorität bedacht. Begleitet und beraten von Wala, begab sich Lothar 822 nach Italien. Er wurde von Paschalis I. nach Rom eingeladen und am Osterfeste 823 gekrönt; es war abermals eine bloße Festkrönung, aber zum ersten Mal seit 800 wieder eine Krönung in Rom, wo der Zweitkaiser sogleich wieder eine unmittelbare Gerichtsgewalt in Anspruch nahm. Nach des Paschalis Tod erwirkte Wala die Erhebung des frankenfreundlichen Aristokraten Eugen II. (824–27), und bei einem abermaligen Aufenthalt in Rom verkündete Lothar 824 die Constitutio Romana über eine Reorganisation des Kirchenstaates, der jetzt im Auftrage des Kaisers einer steten Kontrolle unterworfen, also über die bisherige Praxis hinaus ins Reich einbezogen wurde, zumal der gewählte Papst vor der Weihe dem Vertreter des Kaisers einen Treueid leisten sollte. Lothar kehrte 825 an den Kaiserhof zurück und wurde, auch formell im Titel der Urkunden, Mitregent L.s, dessen wahrscheinlich im August 825 in Aachen erlassene Admonitio ad omnes regni ordines erneut von lebendigem Reformwillen zeugte. – Aus den Kontakten mit Byzanz und Rom ergab sich die Notwendigkeit, nochmals den Bilderstreit zu erörtern; dies geschah 825 auf einer Synode in Paris, blieb aber ein bloßer Nachhall ohne Bedeutung.

    Das erste Jahrzehnt von L.s Regierung darf nach alledem als Höhepunkt der fränk.-karoling. Reichsgeschichte gewertet werden. Die|vielseitige Breitenwirkung der karoling. Bildungsreform relativierte gewiß die bis dahin dominierende Stellung des Kaiserhofes im geistigen Leben, aber seine Schriftkultur, sein hoher Rang und seine ansehnliche Bibliothek bestanden fort und erneuerten sich gar in der Folgezeit; auch L. wurden Verse, theologische Schriften und kostbare Codices gewidmet; nach vorwiegender, jedoch umstrittener Forschungsmeinung war er der Auftraggeber des altsächs. Heliand. Die politische Stabilität geriet dagegen ins Wanken. Es steigerten sich die Unruhen an den Grenzen, im Süden die Übergriffe der Sarazenen, vom Norden her die Vorstöße der Normannen (seit 834 Jahr für Jahr), an deren Abwehr L. nach wie vor keinen Anteil hatte. Die gefährlichen Erschütterungen bahnten sich aber im Innern an. In Reich und Kirche, denen es an einem organisatorischen Unterbau fehlte, lag weiterhin vieles im argen. Angesichts dieser Aufgaben wurden die kaiserliche Autorität, L.s Energie und Führungswille unverkennbar schwächer. Die Passivität des Kaisers hatte zur Folge, daß der hohe Klerus den Kampf um das steckengebliebene Reformwerk stärker als bisher aus eigener Initiative aufnahm und sich seiner Autonomie, ja seines geistigen Führungsanspruches bewußt wurde. Zugleich regten sich in L.s Umgebung, am Hof und im Adel, Widerstände gegen das politische Programm der Ordinatio von 817. Personell zeichnen sich diese rivalisierenden Gruppen weiterhin nicht deutlich ab, doch tritt als zentrale Gestalt allmählich die neue Kaiserin Judith in den Vordergrund, die ehrgeizige Mutter des 823 geborenen vierten Kaisersohnes Karl (des Kahlen). Für ihn gewann sie Lothar als Taufpaten und, 829, den Gelehrten und Dichter Walahfrid Strabo als Erzieher, für ihn erstrebte sie aber auch einen Anteil an der Reichsherrschaft. Das entsprach dem am Teilungsprinzip orientierten überkommenen Rechtsdenken, lief jedoch dem Nachfolgegesetz von 817 zuwider.

    Zwar verteidigte der Gf. Bernhard von Barcelona, der Sohn Wilhelms von Toulouse, 827 erfolgreich seine fränk. Bastion in Spanien, im übrigen aber verliefen die Grenzkämpfe dieses Jahres sehr unglücklich. Die Grafen Hugo von Tours und Matfrid von Orléans, aber auch Mgf. Balderich von Friaul wurden Anfang 828 ihrer Ämter enthoben. Mit den immer lebhafter beklagten Mißständen in Reich und Kirche befaßten sich im Winter 828/29 eine Aachener Versammlung, dann Anfang 829 vier Synoden in Mainz, Lyon, Paris und Toulouse. Hier wurden Reformprogramme sehr grundsätzlicher Art entwickelt, die über die Bemühungen des letzten Jahrzehnts hinaus im Geiste der (schon spätantiken) Lehre von den beiden Gewalten – auctoritas sacrata pontificum et regalis potestas – auf eine Auflockerung des Staatskirchentums, ja auf eine Art von geistlicher „Normenkontrolle“ des öffentlichen Lebens zielten. L. aber und die Seinen erwiesen sich nicht – jedenfalls nicht mehr – willens und imstande, auch ihrerseits solche Wege zu beschreiten; naiver Machtwille überwucherte die hochfliegenden, im politischen Bereich freilich auch unrealistischen Reformideen – eben daraus ergab sich die schwere Krise der nächsten Jahre.

    Auf die in einer relatio des Episkopats formulierten Reformwünsche ging L. nicht ein. Dagegen übertrug er im Aug. 829 auf einer Wormser Reichsversammlung seinem jüngsten Sohn Karl Alemannien mit Rätien, dem Elsaß und einem Teil Burgunds. Ob dieser Bereich als künftiges regnum im vollen Rechtssinne gedacht war, steht dahin, aber dem Geist der Ordinatio von 817 widersprach diese Regelung sehr, sie bezeichnete einen Sieg Judiths und einen völligen Kurswechsel des Kaiserhofes. Die Verfechter der Reichseinheit waren beiseite geschoben; Lothar, in den Urkunden nicht mehr als Mitregent genannt, wurde nach Italien entlassen; neue Männer, voran der zum Kämmerer berufene Bernhard von Barcelona, herrschten am Hof. Der Kampf um das Programm von 817 wurde ein Kampf um die Macht am Hofe. Die Initiative lag jedoch vorerst nicht bei den älteren Kaisersöhnen. Wala (seit 826 als Nachfolger seines Bruders Adalhard Abt von Corbie), der Erzkaplan Hilduin, der frühere Kanzler Helisachar erscheinen als Anführer einer Gruppe, die durch eine loyale Palastrevolution gegen den Kaiser selber die erstrebte Reichsordnung sichern wollte, sich dabei freilich im Kampf gegen die Gruppe um Judith und Bernhard mit Hugo, Matfrid und anderen Magnaten traf, deren Motive kaum über persönliche Feindschaft hinausreichten. Die Vorbereitungen zu einem auf Frühjahr 830 anberaumten Bretonenfeldzug schlugen in einen großen Aufstand um, dem L. keinen Widerstand entgegenzusetzen wagte. Bernhard floh nach Barcelona, Judith wurde nach Poitiers ins Radegundiskloster verwiesen. Unter der Leitung des aus Italien zurückgekehrten Mitkaisers Lothar tagte im Mai 830 zu Compiègne eine Reichsversammlung, die sich – soweit erkennbar – formal mit der Wiederherstellung des vorherigen Rechtszustandes begnügte: Lothar erscheint jedenfalls wieder als Zweitkaiser in den|Diplomen, in Wirklichkeit aber trat er als Alleinherrscher auf, beschränkte L. auf eine nominelle Rolle und wollte ihn gar zum Eintritt in den Mönchsstand bewegen. Ohne daß wir die Hintergründe im einzelnen durchschauen, gewann L. in kürzester Frist wieder das Übergewicht. Er ließ den jüngeren Söhnen Pippin und Ludwig eine Vergrößerung ihrer Reichsteile anbieten und konnte sich auf der nächsten Reichsversammlung, im Okt. 830 zu Nimwegen, wieder durchsetzen. Lothar leistete einen neuen Treueid, Judith 1 kehrte zurück, die Anführer des Aufstandes wurden vom Hofe verwiesen und dann im Febr. 831 in Aachen abgeurteilt: Wala und Hilduin, nicht mehr Erzkaplan, wurden verbannt; Lothar, nicht mehr Mitregent, mußte nach Italien zurückkehren. Auf dieser Aachener Versammlung wurde wahrscheinlich eine neue Erbteilung verkündet, die Lothar auf Italien beschränkte und im übrigen, wohl im Rückgriff auf die Divisio von 806, Pippins und Ludwigs Anteile weit ins Reichsinnere, Karls. Gebiet um den Mosel- und Rhoneraum erweiterte. Der Aufstand von 830 hatte also nicht zur Sicherung der Ordinatio, sondern zur Preisgabe der Reichseinheit geführt; Judith schien gesiegt zu haben.

    Statt einer Beruhigung kam es bald, bei erneut schwindender Führungskraft L.s und wechselnden Gruppierungen, zu neuen Gegensätzen, die sich, wiederum im einzelnen schwer durchschaubar, für uns nur noch als erbitterter Machtkampf in Dynastie und Hochadel darstellen. Daß die großzügige Ausstattung des jungen Karl die älteren Brüder sehr verstimmt hatte, steht außer Zweifel. Offenbar durch Judiths Bemühen, Lothar auf die Seite ihres Sohnes zu ziehen, kam es jedoch zunächst zu einer halben Aussöhnung: Auf einer Reichsversammlung in Ingelheim empfing L. im Mai 831 Lothar und amnestierte die meisten seiner Anhänger, darunter Hilduin, nicht jedoch Wala. Aber die Spannungen zu den anderen Söhnen bestanden fort. Pippin blieb im Okt. 831 einer Diedenhofener Reichsversammlung fern und verließ gegen Jahresende im Unfrieden den Hof, Ludwig von Bayern empörte sich Anfang 832. Dieser Widerstände wurde der Kaiser jedoch Herr. Er beließ dem jüngeren Ludwig Bayern, verwies Pippin dagegen nach Trier und sprach Aquitanien Karl zu. Die Erbteilung vom Vorjahre war damit schon umgestoßen, ja L. erwog nunmehr eine Teilung des Gesamtreiches (außer Bayern) nur zwischen Lothar und Karl.

    Statt dessen aber flammte Anfang 833 der schwelende Konflikt zu äußerster Heftigkeit auf, da Pippin und der jüngere Ludwig sich jetzt mit ihrem Bruder Lothar verbündeten, in gemeinsamem Widerstande, aber kaum mit klarem gemeinsamem Ziel. Für Lothar war es ein Kampf um seine Rechte aus der Reichsordnung von 817. Um für dieses ja auch religiös konzipierte Programm und überhaupt für die Friedenswahrung mit seiner geistl. Autorität einzutreten, fand sich Papst Gregor IV. (827–44) bereit, Lothar in die Francia zu begleiten. Wala dagegen trat nach den Erfahrungen von 830 nur widerstrebend neben Ebbo von Reims auf Lothars Seite. Wortführer des Aufstandes wurde Agobard von Lyon, während Drogo von Metz mit anderen Bischöfen ebenso entschieden zu L. hielt. So kam es unvermittelt zu einer Konfrontation von kaiserlichem, reichsbischöflichem und päpstlichem Anspruch. Der von L.s Bischöfen als frater angeredete und an seinen Treueid gemahnte Papst berief sich, ebenso wie Agobard, auf den religiösen Vorrang der priesterlichen, insbesondere päpstlichen Gewalt. Über diesen Prinzipienkampf aber ging der Machtkampf hinweg. Während sich die Heere bei Kolmar gegenüberlagen und L. mit dem Papst über einen Ausgleich verhandelte, wußten die Gegner am 24.6.833 seine Anhänger auf ihre Seite zu ziehen, so daß L. sich sechs Tage später gefangen geben mußte. Diese formlose Preisgabe L.s durch seine Getreuen auf dem Rotfelde, das später „Lügenfeld“ genannt wurde, bedeutete im Rechtsdenken der Zeit seine Absetzung. Ebenso formlos ging die Herrschaft an Lothar über, der den kaiserlichen Urkundentitel L.s annahm, aber seinen eigentlichen Anspruch nicht aufrechtzuerhalten vermochte. Seinen Brüdern Pippin und Ludwig, die ihm vielleicht ein Treueversprechen leisteten, räumte er ausgedehnte Länder zu sofortiger selbständiger Herrschaft ein. Karl blieb von dieser Teilung ausgeschlossen, aber auch von der Ordinatio war nur ein schwacher Abglanz übriggeblieben. Gregor IV. sah seine Autorität mißbraucht und kehrte enttäuscht nach Rom zurück.

    Lothar und seine Parteigänger zeigten sich zum äußersten entschlossen, um die labile neue Herrschaft zu stabilisieren. Karl wurde nach Prüm, Judith nach Tortosa, L. in das Medarduskloster nach Soissons verbracht. Von den Erzbischöfen Ebbo und Agobard beraten, wenn nicht gar getrieben, wollte Lothar den Sturz L.s kirchlich sanktioniert und unwiderruflich gemacht wissen. Das Idoneitätsprinzip, die Auffassung vom Herrschertum als einem von Gott verliehenen Amt in der ecclesia, wurde zu einer Waffe|gegen den Kaiser. Im Okt. 833 erklärten die in Compiègne versammelten Bischöfe, L. habe sein Amt – ministerium sibi commissum – schlecht verwaltet und mahnten ihn zur Kirchenbuße. In Saint-Médard zu Soissons folgte eine feierliche Zeremonie, bei der Ebbo von Reims als Ankläger auftrat. Der gestürzte Kaiser bekannte sich ob vielfacher Schuld, insbesondere der Gewalttaten gegen seine Anverwandten und der Verstöße gegen die Reichsordnung, der Herrschaft unwürdig, legte die Waffen ab und nahm als Exkommunizierter das Büßergewand. Seine Thronfähigkeit sollte damit erloschen sein, ja die Kaiser- und Königswürde schien, kaum zwanzig Jahre nach L.s Thronbesteigung, in eine tödliche Krise geraten.

    Lothar und seine Ratgeber hatten jedoch den Bogen überspannt. Der Abt Hrabanus Maurus von Fulda protestierte gegen die Entthronung des alten Kaisers, den Lothar als Gefangenen mit nach Aachen führte und dem abermals der Klostereintritt nahegelegt wurde. In kürzester Zeit kehrten sich die Fronten wieder um. Durch die harte Behandlung des Vaters, anscheinend aber auch durch den Versuch, die politisch-territoriale Position der Brüder wieder zu beschneiden, brachte Lothar zunächst Ludwig von Bayern, dann auch Pippin von Aquitanien gegen sich auf. Er wich nach Saint-Denis aus, ließ dort aber den Vater und den (inzwischen auch an den Hof geholten) Halbbruder Karl zurück und zog am 28.2.834 fluchtartig nach Burgund ab. Schon am 1.3., einem Sonntag, wurde L. dann in Saint-Denis wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen und als Kaiser anerkannt. Pippin und Ludwig fanden sich bei ihm ein, auch Judith wurde befreit. Der jetzt unausweichlich gewordene, mit grausamer Gewalt ausgetragene offene Kampf schien in eine neue Katastrophe L.s einzumünden, denn an der Bretonengrenze wurde sein Heer geschlagen (der Kanzler Theoto fiel), und Lothar eroberte vom Süden her die Stadt Chalon. Auf die letzte Machtprobe mit den überlegenen Kräften des Vaters ließ er es aber schließlich doch nicht ankommen. So konnte L. im Spätsommer oder Herbst 834 bei Blois die Unterwerfung Lothars entgegennehmen. Er beließ ihm Italien, gebot ihm aber, dieses Land nicht eigenmächtig zu verlassen; mit zahlreichen Getreuen, darunter Wala ( 836) und Agobard, kehrte Lothar über die Alpen zurück. Ohne die letzte Teilung anzuerkennen, duldete L., daß Pippin ein nach Norden erweitertes Aquitanien, Ludwig anscheinend die rechtsrheinischen Länder behielt. Mit einer Reichsversammlung in Diedenhofen, einer feierlichen Restitution des Kaisers im Dom der Karolingerstadt Metz (28.2.835) und der Resignation Ebbos als Erzbischof von Reims gingen die fünfjährigen Wirren zu Ende.

    Das Amt des obersten Hofkaplans hatte L. anscheinend schon 830 dem nicht sicher bestimmbaren Abt Fulko anvertraut (bezeugt 833), ihn aber wohl gleich 834, spätestens 836 durch seinen in Treue bewährten Halbbruder EB Drogo ersetzt. Die Leitung der Kanzleigeschäfte ging 834 an seinen anderen Halbbruder, den Abt Hugo, über. Am Hofe war damit wieder Stetigkeit eingekehrt, nicht aber im Reich, für dessen Küstenländer sich die Normannen- und Sarazenengefahr von Jahr zu Jahr steigerte. Trotz einer neuen Aachener Reformsynode von 836 fanden auch die kirchlichen Dinge nicht zu wirklicher Konsolidierung. Vor allem aber blieb die Ausstattung des jüngsten Kaisersohnes Karl eine offene Frage. Ohne Verständigung mit Lothar, der sich gegen die Aussöhnungsbemühungen des Hofes sperrte, bestimmte L. 837 in Aachen weite Länder im Raum zwischen Rhein, Seine und Nordküste als – wohl künftigen – Anteil Karls, den er 838 in Quierzy endlich wehrhaft machen und zum König krönen konnte. Der jüngere Ludwig, der sich erneut auflehnte, wurde wieder auf Bayern beschränkt. Als dann aber Pippin I. von Aquitanien am 13.12.838 starb, war die Bahn frei für die von Judith offensichtlich längst erstrebte Lösung. L. überging den Erbanspruch Pippins II, empfing Lothar zu formeller Aussöhnung auf einer Reichsversammlung in Worms (Juni 839), setzte u. a. auch Agobard wieder in sein Erzbistum ein ( 840) und ordnete eine Teilung des Gesamtreiches außer Bayern nur zwischen Lothar und Karl an. Italien und die Länder östlich einer Linie von der Maas zum Genfer See sollten an Lothar, der Westen an Karl fallen. Dieser Entscheidung aber widersetzten sich sowohl Ludwig von Bayern wie eine bedeutende Gruppe des aquitanischen Adels, der Pippin II. zum König ausrief. L. zog nun selber zu Felde, 839 nach Aquitanien, 840 gegen Ludwig. In dieser wirren Situation starb L., nachdem er vom Krankenlager aus den Zweitkaiser Lothar durch Zusendung der Reichsinsignien zum Nachfolger designiert hatte. Sein Bruder Drogo setzte ihn im alten Hauskloster der Karolinger bei.

    Einem Herrschernamen das Attribut pius (oder piissimus) beizulegen, gehörte allgemein zur rhetorisch geprägten Topik der Literatur, der Urkunden und der Münzen. Dieses Epitheton begegnet im 9. Jh. und noch darüber hinaus bei L., bei Ludwig dem Deutschen und selbst bei Ludwig dem Kinde. Abgesehen von einem isolierten Zeugnis bei Notker von St. Gallen (Hludovicus agnomine pii, 887) hat sich diese Bezeichnung als individueller Beiname L.s erst im 10. und 11. Jh. eingebürgert. Sie ist auch in der Wissenschaft fester Sprachgebrauch geworden und entbehrt nicht der Berechtigung, denn persönliche Frömmigkeit und Aufgeschlossenheit für Wesen und Anliegen der Kirche treten bei L. ausgeprägt und vertieft zutage. An der schillernden Duplizität der französischen Titel Louis le Pieux und Louis le Débonnaire ist freilich abzulesen, daß dem Beinamen auch eine negative Note im Sinne der Schwäche, der Nachgiebigkeit gegenüber geistlichem Machtanspruch eignen kann. Der unverkennbare Kontrast zu Karl d. Gr., dessen Format L. sicherlich nicht hatte, eine isolierte, unnuancierte Blickrichtung auf die Szenen von 822 und 833, unreflektiert nationalliberale. Wertungskategorien der Geschichtsschreibung haben solche Vorstellungen zu einem Klischee verdichtet, das die älteren Darstellungen und Handbücher beherrscht, in jüngeren Studien aber differenzierend aufgelok-kert worden ist. In L.s Regierung begegnen sich Kulmination und Wende des fränk.-karoling. Zeitalters, aber daß diese Jahrzehnte schlechthin eine Periode des Verfalls gewesen seien, behauptet niemand mehr. In der Kirchenpolitik vor allem der Anfangszeit, aber auch im Willen zur organisatorischen Straffung des Reiches ließ L. es, bei allem Verdienst seiner Berater, nicht an eigener Energie fehlen; das geistige Leben, die sog. Karoling. Renaissance, fand unter ihm zu gesteigerter Entfaltung, der politischen Konzeption einer einheitlichen Reichsstruktur eignet fraglos ein großer Zug. Als sich dann freilich die Probleme türmten, wußte L., jetzt anders beraten und wechselnd beeinflußt, seine anfängliche Energie nicht mehr zu behaupten. Es liegt zwar vordergründig nahe, wäre jedoch unhistorisch, in des Kaisers persönlichem Versagen die primäre Erklärung für diese Wende sehen zu wollen. Die entscheidenden Gründe waren objektiver Art. Das Programm von 817 war eine theoretische, von den Zeitgenossen auch geistig kaum erfaßte Konstruktion geblieben, der es an den wirtschaftlichen und verkehrstechnischen, administrativen und militärischen Voraussetzungen fehlte. Der Weg zu einer innerdynastischen Aufgliederung des Riesenreiches erscheint im historischen Rückblick als ein strukturbedingter Sachzwang, dem auch ein Karl d. Gr. schwerlich Einhalt geboten hätte. So ist L. als eine zentrale Gestalt des noch gemeinsamen german.-roman. Europa zu sehen, eines Zeitalters, das zur gemeinsamen Basis deutscher und franz. Geschichte gehört – L. wird als erster in der langen Reihe franz. Könige dieses Namens gezählt -, das aber in manchen Bezügen, so in der Kloster- und Kirchenreform, in der neuartigen Polarität von Herrschertum, Adel und Episkopat wie auch in der sich anbahnenden staatlichen Pluralität schon spezifische hochmittelalterliche Probleme, teilweise sogar normgebend, vorweggenommen hat.

  • Literatur

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  • Autor

    Theodor Schieffer
  • Empfohlene Zitierweise

    Schieffer, Theodor, "Ludwig der Fromme" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 311-318 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118640658.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Ludwig I. der Fromme.

  • Leben

    Ludwig I. der Fromme, fränkischer König und römischer Kaiser, 814—40. — Als Karl der Große im J. 778 n. Chr. von seinem Feldzuge nach Spanien zurückkehrte, fand er in der Wiege ein Zwillingspaar, welches ihm seine Gemahlin, die Königin Hildegard, in Chasseneuil am Clain geboren hatte. Der eine dieser Knaben, Lothar, starb schon als kleines Kind (wie es scheint, am 8. Februar 779); der andere, L., wurde, kaum drei Jahre alt, Ostern 781 zu Rom vom Papste Hadrian I. zum König von Aquitanien gesalbt und gekrönt. Bald darauf sandte Karl den Knaben in das ihm bestimmte Reich; als Leiter und Erzieher gab er ihm einen Großen, Namens Arnold, außerdem auch noch andere Männer bei. Bis Orleans soll L. noch in der Wiege gebracht worden sein; hier legte man dem Kleinen Waffen an, setzte ihn auf ein Roß und führte ihn so nach Aquitanien. Schon Ludwigs Regierung in Aquitanien war eine schwache. Zunächst nutzten die Großen seine Unerfahrenheit aus, um die Krongüter an sich zu reißen, sodaß Karl ihm Gehülfen schicken mußte, um dieselben wieder einzubringen. Wichtig war die Begründung einer spanischen Mark zwischen den Pyrenäen und dem Ebro. An den freilich vielfach erfolglosen Heerfahrten in diese Gegend betheiligte L. sich auch persönlich öfters. Er zog gegen Huesca, Lerida, Barcelona, Tortosa. Zur Belagerung von Barcelona im J. 801 berief man ihn erst, als der Fall der Stadt sicher war; Tortosa ergab sich endlich 811. — Im J. 794 oder 95 vermählte man L. mit Irmingard, welche aus einem vornehmen Geschlecht des Haspengaues stammte; ihr Vater, Graf Ingram, war ein Neffe des Bischofs Chrodegang von Metz. — Oefters berief Karl den jungen König auch zu sich, meist zur Theilnahme an Feldzügen im Osten. Im Sommer 785 erschien der Knabe auf seinen Befehl in baskischer Tracht auf der Reichsversammlung in Paderborn. Im J. 790 traf L. mit seinem Heeresgefolge auf dem Tage zu Worms ein. Im folgenden Jahr (791) wurde er in Regensburg wehrhaft gemacht und schloß sich dem Vater auf der großen Heerfahrt gegen die Avaren an, der ihn jedoch vom Wiener Walde aus zur Königin Fastrada nach Regensburg zurückschickte. Später erhielt L. den Befehl, seinen Bruder Pippin, den König von Italien, bei einem Feldzuge gegen den Fürsten Grimoald von Benevent zu unterstützen und zog demgemäß über den Mont Cenis|nach Italien. Weihnachten 792 war er in Ravenna, dann fiel er, mit seinem Bruder vereinigt, in Benevent ein; indessen hatten ihre Truppen unter einer schweren Hungersnoth zu leiden und der Feldzug scheint im Ganzen resultatlos geblieben zu sein. An den Heerfahrten nach Sachsen nahm L. in den J. 796. 799 und 804 Theil, kam in dem letzten Jahre jedoch zu spät, um das Ende des Krieges mit herbeiführen zu helfen.

    Als Karl, dem alten fränkischen Herkommen gemäß, an welchem auch die Annahme der römischen Kaiserwürde vorläufig nichts änderte, im Februar 806 die künftige Theilung des Reichs unter seine drei Söhne von der Hildegard festsetzte, wurde L. Aquitanien nebst Wasconien, Septimamen und der Provence, sowie der größte Theil von Burgund zugesprochen. Diesem Reichstheilungsgesetze wurde jedoch dadurch der Boden entzogen, daß Ludwigs ältere Brüder Karl und Pippin (dieser am 8. Juli 810, jener am 4. December 811) vor dem Vater starben. Karl mußte sich daher, obschon er die Unzulänglichkeit Ludwigs, der stets mehr kirchliche Frömmigkeit und Demuth als Tüchtigkeit gezeigt, nicht verkannt haben kann, dazu entschließen, diesem als seinem einzigen noch übrigen ehelichen Sohne die Nachfolge im Gesammtreich zu übertragen. Nur Italien wurde einem Sohne oder Bastard Pippins, Bernhard, als abhängiges Unterkönigreich übertragen. Am 11. September 813 erfolgte zu Aachen Ludwigs Krönung als Mitkaiser und Nachfolger des Vaters.

    Nach dem Tode Karls des Großen (28. Januar 814) vollzog sich der Thronwechsel im wesentlichen ruhig. Man fürchtete zwar Gefahren und Wirren, aber sie traten kaum ein. Die meiste Besorgniß hegte man vor einem Verwandten des neuen Kaisers, dem Grafen Wala, der sich jedoch beeilte, Ludwig zu huldigen. Dennoch sah Wala sich bald veranlaßt, sich in das Kloster Corbie an der Somme, welches bisher sein älterer Bruder, Abt Adalhard, geleitet, zurückzuziehen. Adalhard selbst, der die Verwaltung Italiens für den jungen Bernhard geführt hatte und sich bei Karls Tode gerade zu Verhandlungen mit dem Papste in Rom befand, wurde seiner Würden und Güter beraubt und nach dem Kloster auf der Insel Hermoutier (Noirmoutier, südlich von der Mündung der Loire) verbannt. Auch über einen dritten Bruder und selbst über eine Schwester dieser Männer wurde ein ähnliches Schicksal verhängt. Der Hof zu Aachen, an dem allerdings ein sehr freies, ja unsittliches Treiben eingerissen war, wurde gesäubert, seine Schwestern verwies der Kaiser in Klöster. Dagegen ließ L. seine jungen Halbbrüder, natürliche Söhne Karls, welche dieser ihm besonders ans Herz gelegt hatte, bei sich erziehen und machte sie zu seinen Tischgenossen. Vorwiegenden Einfluß auf den Kaiser behaupteten zunächst Männer, die ihm schon in Aquitanien nahe gestanden hatten. Die Leitung der Reichskanzlei übernahm Helisachar, ein Mann von dem lebhaftesten wissenschaftlichen Interesse, der bereits in Aquitanien Kanzler Ludwigs gewesen war. Bezeichnender war, daß der kirchlich und selbst mönchisch gesinnte Kaiser dem Abt Benedict (Witiza) von Aniane, welcher das Klosterwesen in Aquitanien reformirt hatte, um ihn in seiner Nähe zu haben, unweit von Aachen das Kloster Inden (später Cornelimünster) erbaute. Für die Reform der Klöster und Kirchen bewahrte er, wie die unter ihm erlassenen Capitularien zeigen, das lebhafteste Interesse.

    Hatte L. die Kaiserwürde anfangs nur aus den Händen seines Vaters erhalten, so ließ er sich im October 816 noch durch den Papst Stephan IV. zu Reims salben und krönen. Schon im nächsten Jahre ging er, obwol noch im rüstigsten Alter stehend, an die Regelung der Nachfolge. Möglicherweise wurde er dazu mitveranlaßt durch einen Unfall, welcher ihm am Gründonnerstage (9. April) des J. 817 zustieß, wo die Gallerie, welche die Aachener Marienkirche mit der Pfalz verband, unter ihm und seinem Gefolge einstürzte. Das Reichstheilungs- und|Hausgesetz, welches auf dem großen Reichstage zu Aachen im Juli 817 erlassen wurde, trug in wesentlichen Beziehungen einen anderen Charakter, als die früheren fränkischen Reichstheilungen und auch noch diejenige Karls des Großen vom J. 806 gehabt hatten. Zwar wurden den beiden nachgeborenen Söhnen des Kaisers, Pippin und Ludwig (dem Deutschen), Theile des Reichs bestimmt, jenem Aquitanien und Wasconien etc., diesem Baiern nebst den sich im Osten daran schließenden Gebieten: aber sie sollten in diesen Ländern nur unter der Oberhoheit ihres älteren Bruders Lothar herrschen, der zugleich zum Mitkaiser des Vaters erhoben wurde. Die Einheit des Gesammtreichs, die Oberherrschaft des erstgeborenen Bruders und künftigen Kaisers wurde in den Vordergrund gestellt, allem Anschein nach hauptsächlich deshalb, weil man dies dem kirchlichen Interesse entsprechend fand. Ostern 823 ist Lothar dann noch in Rom durch den Papst Paschalis I. zum Kaiser gekrönt, im J. 825 ihm in der That die Mitregentschaft eingeräumt worden.

    Bald nach dem Erlaß des erwähnten Reichstheilungs- und Hausgesetzes erfuhr der Kaiser, daß sein Neffe, der König Bernhard von Italien, im Aufstande gegen ihn begriffen sei. Der Zweck dieses Unternehmens, zu welchem sich der junge König von seinen Rathgebern hatte bestimmen lassen, war nicht etwa nur, das italienische Unterkönigreich unabhängig zu machen, sondern den Kaiser nebst seinen Söhnen zu entthronen und Bernhard an seine Stelle zu setzen. Die Verschwörung war über die Grenzen Italiens hinaus verzweigt; außer den Bischöfen von Mailand und Cremona war auch der als Dichter berühmte Bischof Theodulf von Orleans in sie verwickelt oder wurde wenigstens als mitschuldig angesehen. Indessen wurde der Kaiser durch einige ihm getreue Große Italiens von der drohenden Gefahr rechtzeitig benachrichtigt und die Empörung in sehr kurzer Frist unterdrückt. Eine starke Heeresmacht war alsbald versammelt und, während der Kaiser nach Chalon an der Saone aufbrach, gelang es einer vorausgesandten Schaar, die wichtigsten Alpenpässe zu besetzen. Da sich Bernhards Reihen überdies durch Abfall mehr und mehr lichteten, streckte er die Waffen und wurde als Gefangener nach Chalon gebracht, wo er dem Oheim zu Füßen fiel. Im nächsten Jahre wurde zu Aachen über die Rebellen Gericht gehalten und Bernhard nebst den übrigen vornehmlich schuldigen Großen zum Tode verurtheilt. L. milderte zwar die Strafe seines Neffen in Blendung, jedoch starb Bernhard schon ein paar Tage nach der grausamen Procedur (im April 818). Die in die Verschwörung verstrickten Bischöfe und Aebte wurden mit dem Verlust ihrer Bisthümer und Klöster und dem Exil bestraft. In seinem einmal aufgeschreckten Mißtrauen nöthigte L. auch seine Halbbrüder Drogo, Hugo und Theoderich, in den geistlichen Stand zu treten, woraus ihm insofern unverdiente gute Früchte erwuchsen, als Drogo und Hugo später besonders treue Stützen seiner Regierung, jener sein Erzkapellan, dieser sein Kanzler wurde. Nach dem durch Bernhards Untergang erledigten Italien sandte er im Jahre 822 seinen ältesten Sohn Lothar.

    Wie man auch über die erwähnten Handlungen des Kaisers denke, ob man sie als hart und grausam verurtheilen mag oder nicht, unklug erscheint es jedenfalls, daß der schwache und frömmelnde Regent sich in seiner Gewissensangst dazu bestimmen ließ, sie nachträglich zu verleugnen. Nicht genug, daß er im J. 821 die ehemaligen Unterthanen Bernhards, welche wegen Theilnahme an seiner Empörung mit dem Exil und der Confiscation ihrer Güter bestraft worden waren, amnestirte, den Abt Adalhard aus der Verbannung zurückberief und wieder in Corbie einsetzte, vollzog er 822 zu Attigny eine öffentliche Kirchenbuße für alles Geschehene. Man könnte vermuthen, daß dieser Umschwung mit der Veränderung seiner nächsten Umgebung zusammenhing. Seine Gemahlin Irmingard war im October 1818 gestorben, der Abt Benedict im Februar 821; Helisachar hatte sich im Herbst 819 von der Leitung der Kanzlei zurückgezogen, wenn auch ohne das Vertrauen und die Gunst des Kaisers zu verlieren; als Erzkapellan war der Erzbischof Hildibald von Köln durch den Abt Hilduin von St. Denis ersetzt worden.

    Schon im nächsten Jahre nach dem Tode seiner Gemahlin Irmingard (819) vermählte L. sich zum zweiten Mal mit der schönen und geistreichen, aber auch ränkevollen Welfin Judith (XIV, S. 655), welche ihn vollkommen beherrschte. Daß sie ihm, außer einer Tochter Namens Gisla (welche später den Markgrafen Eberhard von Friaul heirathete), am 13. Juni 823 zu Frankfurt a./M. auch noch einen Sohn gebar, jenen Karl, der nachmals den Beinamen "der Kahle" erhalten hat, ward Anlaß zu fortwährenden Kriegen der Söhne gegen den Vater. Das erwähnte Reichstheilungs- und Hausgesetz vom J. 817 hatte bereits, ohne Rücksicht auf die Möglichkeit eines solchen Falles, über die Zukunft des Reichs verfügt, während Judiths ganzes Bestreben dahin ging, ihrem Sohne einen möglichst großen Antheil an demselben zu verschaffen. Allerdings stand es in einer gewissen Analogie mit der Tendenz des Gesetzes von 817, daß man eine Stütze für Karl an dem ältesten seiner Stiefbrüder, Lothar, zu gewinnen suchte. Lothar wurde sein Taufpathe und verpflichtete sich eidlich, er wolle darin willigen, daß Karl einen Theil des Reichs erhielte und ihn im Besitze desselben schützen. Bereits im J. 829 wurde Karl auf einem Reichstage zu Worms ein solcher Antheil zugesprochen: Alamannien nebst dem Elsaß, Churrhätien und ein Theil von Burgund. Aber Lothars Sinn hatte sich jetzt geändert. Zwei früher mächtige Große, die Grafen Matfried von Orleans und Hugo von Tours, von denen der letztere Lothars Schwiegervater war, waren wegen eines schimpflich mißlungenen Zuges nach der spanischen Mark, welche sie ruhig von den Sarazenen verwüsten ließen, abgesetzt worden und arbeiteten jetzt der Kaiserin mit allen Kräften entgegen. Um Lothar, obwol er immerhin keinen offenen Widerspruch gegen das Geschehene gewagt hatte, für seine Sinnesänderung zu strafen, entzog man ihm die Mitregentschaft und schickte ihn wieder nach Italien. Indessen glaubte die Kaiserin ihre kühne Politik nur durchführen zu können, wenn sie ihrem schwachen Gemahl einen kräftigen Mann an die Seite stellte. Das erschien um so nothwendiger, als das Ansehen und der Wohlstand des Reichs namentlich in den letzten Jahren durch Unfälle nach außen, Hungersnöthe und Seuchen, den Hader der Factionen am Hof, die Habsucht der Beamten, die Verweltlichung der Geistlichkeit mehr und mehr gesunken war. Die Wahl fiel auf den mit dem Königshause verwandten Grafen Bernhard von Barcelona, einen Sohn des berühmten, namentlich auch von der Poesie verherrlichten Grafen Wilhelm von Toulouse. Bernhard wurde als Kämmerer an den Hof berufen und ihm zugleich die Obhut über den jungen Karl übertragen. Er erfüllte jedoch die auf ihn gesetzten Erwartungen durchaus nicht, sondern sein rücksichtsloses, gewaltsames und leichtfertiges Auftreten führte nur dazu, daß nun die ganze fränkische Aristokratie mit der größten Erbitterung gegen ihn und die Kaiserin, mit der man ihn sogar eines ehebrecherischen Verhältnisses zieh, erfüllt wurde.

    Wahrscheinlich um die wachsende Unzufriedenheit nach außen hin abzuleiten, wurde beschlossen, einen Kriegszug nach der Bretagne zu unternehmen, nach welcher L. schon früher zweimal (818 und 824) gezogen war und in der sich fast ununterbrochen vereinzelte Unruhen regten. Am Gründonnerstag 830 sollte sich die Heerversammlung in Rennes vereinigen. Aber der Umstand, daß man das Heer, noch dazu in der Fastenzeit, aufbot, beschleunigte und erleichterte nur den Ausbruch der Empörung. Die erbitterten Großen beriefen das auf dem Marsche nach der Bretagne begriffene Heer nach Paris und richteten|an den König Pippin von Aquitanien, sowie an Lothar, nach Italien, die Aufforderung, mit ihrer Macht zu ihnen zu stoßen. Man wollte vor allem Bernhard, Judith, Karl und ihren Anhang beseitigen, dann aber auch den Kaiser selbst entthronen, um Lothar an seine Stelle zu setzen. Der leichtfertige König Pippin ließ sich leicht überreden. Er brach mit ansehnlicher Heeresmacht nach Norden auf und rückte über Orleans nach Verberie an der Oife, während der Kaiser den Rebellen nach Compiegne entgegenzog. Bernhard rettete sich durch Flucht nach Barcelona. Die Kaiserin wurde in ein Kloster in Poitiers gesperrt. Es waren die ersten, vordem im Rathe Kaiser Ludwigs einflußreichsten Großen des Reichs, welche jetzt seinen Sohn Pippin umgaben: der Erzkapellan Abt Hilduin von St. Denis, Helisachar, die ehemaligen Grafen Matfried von Orleans und Hugo von Tours u. a. Sie ließen ihrem Hasse weiter die Zügel schießen, indem sie auch Judiths Brüder nach Aquitanien ins Kloster schickten. Als Lothar in Compiegne eintraf, fand daselbst eine Reichsversammlung statt, auf welcher das Geschehene von ihm bestätigt wurde. Im übrigen vermied Lothar es jedoch, die äußeren Rücksichten gegen den Vater zu verletzen und begnügte sich nominell damit, wieder seine Rechte als Mitregent in Anspruch zu nehmen. Indessen nahmen die Maßregeln gegen die Anhänger Judiths und Bernhards ihren Fortgang; ein Bruder des letzteren, Heribert, wurde geblendet und nach Italien in Gewahrsam geschickt. Auch hatte man L. nur den leeren Schein der Herrschaft gelassen; Lothar behielt ihn und Karl fortwährend unter seiner Obhut, beinahe wie Gefangene. So verging der Sommer. Unterdessen bereitete sich aber eine Reaction zu Gunsten des alten Kaisers vor, da der eingetretene Umschwung eher als eine weitere Verschlechterung denn als eine Verbesserung der Lage empfunden wurde und hierzu ein ziemlich verbreitetes Gefühl der Reue und Scham über die dem Kaiser gebrochene Treue kam. Vorzügliche Dienste leistete dem Kaiser ein Mönch Namens Guntbald, dem es, wie es heißt, gelang, auch seine Söhne Pippin und Ludwig für seine Sache zu gewinnen. Die Gegner wünschten die nächste allgemeine Reichsversammlung nach dem Westen zu berufen, wo der Schwerpunkt ihrer Macht war, während es in Ludwigs Interesse lag, daß dieselbe auch von den Sachsen und den anderen überrheinischen Stämmen, deren Sympathien vorwiegend auf seiner Seite waren, beschickt würde. In der That wurde es durchgesetzt, daß die Versammlung in Nimwegen stattfand, und hier erlangte L. (im October 830) seine Macht wieder. Auf einer Reichsversammlung zu Aachen im Februar 831 erfolgte die Bestrafung der Schuldigen, jedoch ließ der Kaiser dabei eine gewisse Milde walten und die meisten wurden bald wieder begnadigt. Lothar wurde auf Italien beschränkt; nach der herrschenden Ansicht ist damals ein neues Reichstheilungsgesetz Ludwigs erlassen worden, in welchem von Lothar gar nicht die Rede ist, dagegen die Reiche Pippins, Ludwigs und Karls mit Vergrößerungen bedacht werden. Indessen steht der Zeitpunkt, in welchem dies ohnehin zu einigen Bedenken Anlaß gebende Actenstück erlassen ist, nicht völlig fest. Judith, welche ihr Gemahl aus dem Kloster in Poitiers nach Aachen hatte holen lassen, reinigte sich von den ihr zur Last gelegten Verbrechen durch einen Eid und trat mit Genehmigung des Papstes und der Bischöfe wieder in ihre Rechte als Gattin und Kaiserin ein. Aber kaum eine Pause — und sogleich entbrannte der Kamps des Hofes gegen Judiths Stiefsöhne. Pippin sollte seines aquitanischen Königreichs zu Gunsten Karls beraubt werden. Schon waren die Vorbereitungen dazu getroffen, als die Kunde kam, daß Pippins Bruder Ludwig sich im offenen Aufstande befinde. Derselbe hoffte seine Herrschaft über den ganzen rechtsrheinischen Theil des Reichs auszudehnen und fiel zunächst in Alamannien, das Reich seines Stiefbruders Karl, ein. Unter diesen Umständen sah der Kaiser sich genöthigt,|die Heerversammlung statt nach Orleans schleunigst nach Mainz zu berufen und dann den Rhein zu überschreiten. Da die große Mehrzahl der rechtsrheinischen Franken und der Sachsen dem Kaiser treu blieb, so gab der Sohn es auf, den überlegenen Streitkräften des Vaters Widerstand zu leisten, entwich nach Baiern und unterwarf sich dem Kaiser, der ihm sein Reich ließ, auf dem Lechfelde bei Augsburg. Hierauf wurde das verschobene Unternehmen gegen Pippin ins Werk gesetzt. Pippin wurde mit seiner Familie vorläufig nach Trier verwiesen, Aquitanien an Karl verliehen. Allein es gelang Pippin, auf der Reise zu entkommen und das Unternehmen gegen ihn endigte mit einem recht kläglichen Rückzuge.

    Schon in diesen Ereignissen zeigt sich das im allgemeinen auch künftig festgehaltene Programm der Kaiserin: Theilung des Reichs zwischen Lothar und Karl, dem auch Aquitanien auf Kosten Pippins und seiner Familie zufallen sollte; Beschränkung des jüngeren Ludwig auf Baiern. Das nächste Jahr (833) sollte jedoch für den Kaiser noch verhängnißvoller werden als das Jahr 830. Kaum nach Aachen zurückgekehrt, empfing L. die erschütternde Kunde, daß sich alle drei älteren Söhne wider ihn vereinigt hätten. Lothar brachte auch den Papst Gregor IV. über die Alpen mit, welcher angeblich die Wiederherstellung der Eintracht in der kaiserlichen Familie und des Reichsgesetzes von 817 herbeiführen sollte. Der Kaiser brach nach Worms auf, wohin er nicht nur das Heer, sondern auch die hohe Geistlichkeit berief. Auch erhoben sich die um ihn geschaarten Bischöfe, obwol der Papst sie zu sich beschieden hatte, zu einer würdigen und kühnen Entgegnung an denselben. Aber als L. im Juni seinen Söhnen nach dem Elfaß entgegenzog, erfolgte der berüchtigte Verrath auf dem Gefilde bei Colmar, welches seitdem das "Lügenfeld" hieß. Fast von Allen verlassen, mußte der Kaiser sich endlich seinen Söhnen ergeben, welche seine Gattin abermals von ihm trennten und nach Tortona in Oberitalien in Gefangenschaft bringen ließen. Die Herrschaft ging schon jetzt auf Lothar über, der das Reich mit seinen Brüdern theilte; der jüngere Ludwig (der "Deutsche") begründete nun ein ostfräntisches, fast alle deutschen Stämme umfassendes Reich. Den entthronten Vater gab Lothar im Kloster St. Medard bei Soissons in Haft, während er den jungen Karl nach dem Kloster Prüm schickte. Anfangs October hielt er sodann eine große Reichsversammlung zu Compiegne. Um dem alten Kaiser die Rückkehr auf den Thron unmöglich zu machen, wurde derselbe genöthigt, in St. Medard öffentlich die Sünden und Fehler, welche er als Regent begangen, zu bekennen und Kirchenbuße zu thun, seine Waffen ab- und das Büßerkleid anzulegen, zugleich auch excommunicirt. Hierauf wurde er zuerst in St. Medard in noch strengerer Haft gehalten, dann der größeren Sicherheit wegen von Lothar nach Compiegne und weiterhin nach Aachen gebracht. Man setzte ihm in unbarmherziger Weise zu, um ihn zum Eintritt in den Mönchsstand zu bewegen, allein in seiner passiven Standhaftigkeit weigerte sich L., ein derartiges Gelübde abzulegen, bevor ihm seine Freiheit zurückgegeben sei. Auch trat wiederum eine Reaction zu Gunsten des hartgeprüften Fürsten ein, die fortwährend an Boden gewann. Besonders war der jüngere Ludwig, der ostfränkische König, unermüdlich in dieser Richtung thätig, nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, Lothar zu einer milderen Behandlung des Vaters zu veranlassen. Verwandte Bestrebungen regten sich in verschiedenen Gebieten des Reichs und es gelang auch, den König Pippin von Aquitanien zu gewinnen. Als Pippin und Ludwig sich mit ihren Heeren in Bewegung setzten, verließ Lothar im Januar 834 Aachen, indem er den Vater mit sich nahm. Er wandte sich nach dem Westen, wo, wie schon berührt, der eigentliche Sitz seines Anhangs war, und zwar zunächst nach Paris, wohin er seine Getreuen entboten|hatte. Der Umstand, daß infolge fortwährender Regengüsse die Flüsse stark angeschwollen waren, hinderte die Bewegungen der Anhänger des Kaisers. Pippin mußte an der Seine Halt machen, die Grafen Warin und Bernhard mit ihren burgundischen Schaaren an der Marne. Verhandlungen, welche man mit Lothar anknüpfte, schien dieser hinziehen zu wollen. Als er jedoch erfuhr, daß auch sein Bruder Ludwig mit großer Macht anrücke und sich zugleich der Unwille der Bevölkerung gegen ihn in bedrohlicher Weise kundgab, entwich er Ende Februar mit seinem Anhange aus Paris und wandte sich nach Vienne. Den Vater und Karl ließ er diesmal in St. Denis zurück, und schon am Tage darauf (1. März 834) wurde L. unter dem Jubel des Volks durch die Bischöfe feierlich wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen und mit den Waffen und königlichen Gewändern bekleidet. In den Urkunden gab L. der Wiederherstellung seiner Macht demüthigen Ausdruck, indem er sich fortan "Kaiser durch die wiederkehrende Gnade Gottes" (divina repropitiante clementia) nannte. Den beiden Söhnen, welche sich jetzt um ihn so große Verdienste erworben hatten, Pippin und Ludwig, gestand er alsbald eine Erweiterung ihrer Reiche zu. Dem letzteren ließ der Kaiser ohne Widerspruch das ganze ostfränkische Reich, d. h. die Herrschaft nicht nur in Baiern, sondern auch in Sachsen, Thüringen, Ostfranken, Alamannien und dem Elsaß, während Pippin damals die Grafschaft Anjou erhalten zu haben scheint. Auch die Kaiserin Judith, deren Leben von den Feinden schwer bedroht war, ward durch getreue italienische Große aus ihrer Haft in Tortona befreit und nach Aachen gebracht.

    Der Kaiser hatte eine allgemeine Amnestie für das Vergangene ankündigen und Lothar zur Versöhnung auffordern lassen, aber dieser wollte nichts davon hören. Es kam jetzt also darauf an, ihn und seine Partei zu bezwingen. Seine vornehmsten Anhänger, die Grafen Lambert und Matfried, behaupteten sich in Neustrien, an der bretonischen Grenze. Eine starke Streitmacht, welche unter Führung des Grafen Odo von Orleans wider dieselben ins Feld zog, erlitt, trotz ihrer numerischen Ueberlegenheit, eine blutige Niederlage. Von den Siegern, welche sich gleichwol in einer kritischen Lage befanden, um schleunige Hülfe gebeten, rückte Lothar ihnen entgegen und nöthigte unterwegs Chalon an der Saone zur Unterwerfung; die Stadt wurde von seinen Truppen geplündert und in Brand gesteckt, ihre Vertheidiger zum Theil grausam bestraft, zwei Grafen enthauptet und die Nonne Gerberga, eine Schwester des ehemaligen Kämmerers Bernhard, in einem Weinfaß in der Saone ertränkt. Dagegen raffte sich Kaiser L. erst spät auf, um den Gegnern entgegenzutreten. Auf Mitte August 834 berief er das Heer nach Langres und brach von dort nebst seinem Sohne Ludwig und dessen überrheinischen Schaaren zur Verfolgung Lothars auf. Dieser, der sich mit Lambert und Matfried vereinigt hatte, hoffte auf ein neues Lügenfeld und zog dem Vater entgegen. Allein seine Erwartungen sollten ihn diesmal täuschen. Nach mehrtägigen fruchtlosen Verhandlungen trat er in einer Nacht den Rückzug an, aber der alte Kaiser rückte ihm nach und erreichte ihn in der Nähe von Blois. Da der Kaiser überdies noch durch Pippin und dessen Heer eine wesentliche Verstärkung erhielt, so mußte Lothar sich unterwerfen. Indessen war es nicht eine Versöhnung, sondern vielmehr eine Auseinandersetzung, was aus den Verhandlungen hervorging. Es wurde bestimmt, daß Lothar nach Italien zurückkehren und durchaus auf dies Unterkönigreich beschränkt bleiben sollte. Auch seinen Anhängern wurde freigestellt, ihm dahin zu folgen, wobei sie jedoch die Güter, Lehen und Würden, die sie diesseits der Alpen besaßen, aufgeben mußten. So zog damals die Blüte der fränkischen Aristokratie mit Lothar nach Italien. Auch der Abt Wala von Corbie, der dann Lothars|vornehmster Rathgeber wurde, und mehrere Erzbischöfe und Bischöfe dieser Partei begaben sich dorthin.

    So schloß diese Hauptkatastrophe in der unglücklichen Regierung Ludwigs, während welcher auch äußere Feinde die das fränkische Reich zerfleischenden Wirren ausgebeutet hatten. Eine dänische Flotte suchte im J. 834 Friesland heim und verwüstete Duurstede, einen der wichtigsten Handelsplätze des Reichs. Man sollte diese furchtbaren Feinde nur zu oft wiedersehen. — Im Februar des folgenden Jahres (835) trat eine mit einem Reichstage verbundene große Synode zu Diedenhofen zusammen, auf welcher die Wiederherstellung des Kaisers nochmals feierlich anerkannt wurde. Am Sonntag Estomihi (28. Februar) begab man sich nach Metz, woselbst in der Stephanskathedrale die Wiedereinsetzung des Kaisers öffentlich verkündigt und er von den Bischöfen mit der Krone geschmückt wurde. Außerdem ereilte jetzt die Rache einen Mann, welcher, ein unfrei Geborener, von L. große Wohlthaten empfangen hatte, aber gleichwohl gewissermaßen als der Haupturheber seiner Excommunication und Absetzung betrachtet wurde. Es war der Erzbischof Ebo von Reims, der die Kirchenbuße des Kaisers in dem zu seiner Erzdiöcese gehörigen St. Medard geleitet hatte. Er wurde nunmehr zu Diedenhofen genöthigt, sich seines Amtes für unwürdig zu erklären und abgesetzt. — Die folgenden Ereignisse empfangen ihre Signatur hauptsächlich dadurch, daß die Kaiserin Judith auf ihren alten Plan zurückkam, an Lothar eine Stütze für ihren Sohn Karl zu gewinnen. Der Erfolg der Verhandlungen mit demselben war ein schwankender. Im J. 836 erklärte er sich durch eine Gesandtschaft, an deren Spitze Wala stand, bereit, am väterlichen Hofe zu erscheinen. Als der Kaiser ihn jedoch im September in Worms erwartete, wurde er durch die Botschaft enttäuscht, daß Lothar schwer krank darniederliege und daher nicht kommen könne. Wala, der jetzt für die Versöhnung war, starb bald darauf, wie denn überhaupt die hervorragenden fränkischen Großen, welche Lothar nach Italien gefolgt waren, in diesen Jahren dem dortigen Klima zum Opfer fielen. Eine neue Gesandtschaft des Kaisers an Lothar, die sich auch auf die Rückgabe der in Italien gelegenen Güter fränkischer Kirchen etc. bezog, hatte keinen guten Erfolg, so daß der Kaiser 837 eine Romfahrt vorbereitete, um als Verbündeter des Papstes die Besitzungen der römischen Kirche, welche gleichfalls der Habsucht der lotharianischen Großen ausgesetzt waren, vor denselben zu schützen. Allein er gab diese Heerfahrt wieder auf, schon weil es dringender schien, das Reich gegen die nun schon gewohnheitsmäßigen Angriffe der nordischen Piraten zu vertheidigen.

    Indessen sah man Ludwigs Herrschaft wieder als so weit befestigt an, daß man es wagte, dem jungen Karl abermals einen Theil des Reichs zuzusprechen. Dies geschah auf einem Reichstage zu Aachen im Anfange des nächsten Winters, wo ihm ansehnliche und besonders fruchtbare Provinzen zuerkannt wurden. Pippin und der jüngere Ludwig gaben ihre Einwilligung dazu; der letztere war sogar persönlich zugegen, aber dennoch scheint ihn dieser Vorgang mit ernsten Besorgnissen erfüllt zu haben. Er nahm keinen Anstand, mit Lothar in Verbindung zu treten, mit welchem er im März 838 eine Zusammenkunft bei Trient hatte. Dieselbe führte allerdings zu keinem Resultat, aber die Kunde von diesem Vorgange konnte nicht verfehlen, am Hofe zu Aachen große Aufregung hervorzurufen und den alten Kaiser gegen Ludwig zu erbittern. Vielleicht hatte man auch ohnehin an ihn gewollt. Zur Rechenschaft gezogen, rechtfertigte sich Ludwig der Deutsche zwar durch einen Eid, aber auf dem Reichstage zu Nimwegen im Juni 838 wurden ihm die ausgedehnten Länder, welche er 833 in Besitz genommen und die der Vater ihm bisher belassen hatte, entzogen. Dagegen wurde Karl, welcher sein 15. Lebensjahr zurückgelegt, im September|zu Quierzy wehrhaft gemacht und erhielt nun auch die Herrschaft in einem Theile Neustriens (Maine und der Küstenlandschaft zwischen der unteren Loire und Seine). Man suchte jetzt an Pippin von Aquitanien eine Stütze für ihn zu finden, dieser starb indessen schon im December dieses Jahres.

    Die letzten Kämpfe und Bemühungen des Kaisers galten der Ueberwältigung Ludwigs des Deutschen, welcher seine volle Macht östlich vom Rhein zu behaupten suchte: ferner der Aussöhnung zwischen Lothar und Karl, zwischen denen das Reich mit Ausnahme Baierns getheilt werden sollte, und der Einsetzung Karls in Aquitanien, wo man Pippins Söhne von der Succession auszuschließen strebte. Der Kaiser hatte beschlossen, seinen Aufenthalt zunächst in Frankfurt a./M. zu nehmen, aber hier kam ihm Ludwig (Ende November 838) zuvor, besetzte diesen Ort und suchte den Vater am Uebergang über den Rhein zu verhindern. Nach wiederholten vergeblichen Versuchen gelang es jedoch dem Kaiser, welcher das Heer nach Mainz berufen hatte, im Januar 839 über den Strom zu setzen, und am anderen Ufer konnte er auch die Sachsen aufnehmen, welche Graf Adalbert von Metz, ein persönlicher Feind des jüngeren Ludwig, ihm zuführte. Da Ludwig der Deutsche sich überdies von seinen thüringischen, ostfränkischen und alamannischen Anhängern verlassen sah, gab er den Widerstand ebenso schnell auf wie einst im J. 832 und entwich nach Baiern. — Die Ausgleichung mit Lothar endlich herbeizuführen, schien der Kaiserin und ihren Anhängern um so dringender geboten, als sich die baldige Auflösung des Kaisers voraussehen ließ; denn er war nicht nur in den Anfang des Greisenalters getreten, sondern seine Kraft auch durch alle Noth und allen Kummer, den er erlitten, untergraben. Auch ging Lothar diesmal auf die ihm gemachten Vorschläge ein. Auf dem Tage zu Worms (Juni 839) erfolgte seine Aussöhnung mit dem Vater und die Theilung des ganzen Reichs — abgesehen von Baiern, welches Ludwig dem Deutschen gelassen wurde — zwischen ihm und Karl. Die westliche Hälfte sollte danach an den letzteren, die östliche, mit Italien zusammenhängende an Lothar fallen. Die Grenze bildete der Lauf der Maas und weiter südlich eine Linie längs der Saone und Rhone bis zum Genfer See. Hierauf galt es, Karl in Aquitanien, welches ihm mithin ebenfalls zugesprochen war, im Gegensatz gegen Pippin II., den ältesten Sohn des verstorbenen Pippin, wirklich zur Herrschaft zu verhelfen. Die Stimmung der Großen des Landes war getheilt. Es gab eine Partei für Karl, an deren Spitze der Bischof Ebroin von Poitiers stand und zu der sogar die eigenen Schwestermänner Pippins II. gehörten; aber die rührigere und, wie es scheint, stärkere Partei hielt an dem letzteren fest. Von Chalon an der Saone aus, wo sich Anfang September 839 das Heer versammelte, drang der Kaiser, von Judith und Karl begleitet, in Aquitanien ein. Die ihm und Karl ergebenen Aquitanier erschienen, um zu huldigen, während die Gegner sich namentlich in den Felsenburgen der Auvergne zu behaupten suchten und das kaiserliche Heer durch Streifzüge belästigten. Noch verhängnißvoller war, daß dasselbe durch Krankheit decimirt wurde. Der Kaiser entließ es vor dem Eintritt des Winters und zog sich nach Poitiers zurück, wohin er die Gemahlin und Karl schon früher vorausgeschickt hatte.

    Von Poitiers aus versuchte der Kaiser im Winter (839—40) die Verhältnisse Aquitaniens in seinem Sinne zu ordnen. Indessen als die Fastenzeit nahte, empfing er die Nachricht, daß sein Sohn Ludwig sich abermals empört habe; derselbe war in Alamannien eingedrungen und weiter nach Frankfurt gezogen. Die Aufregung, in welche diese Kunde den Kaiser versetzte, soll seine ohnehin zerrüttete Gesundheit noch mehr geschädigt haben, aber trotz seiner Krankheit,|trotz der Fastenzeit und obwol es bisher keineswegs gelungen war, Karls Stellung in Aquitanien zu befestigen, rüstete er sich ungesäumt zum Kriege. Er sandte seinen Bruder Drogo und den Grafen Adalbert voraus, um das linke Rheinufer zu decken. Dann folgte er, die Kaiserin und Karl mit einer Heeresabtheilung in Poitiers zurücklassend, selbst, obwol bei seinen körperlichen Beschwerden mühselig genug. Ostern beging er in Aachen. Nach diesem Feste überschritt er den Rhein und rückte nach Thüringen vor, wo der jüngere Ludwig stand. Abermals unfähig, dem Vater zu widerstehen und über die Grenzen des Reichs gedrängt, sah dieser sich genöthigt, von den Slaven, in deren Gebiet er entwichen war, die Rückkehr nach Baiern zu erkaufen. Aber auf der Rückkehr von diesem Feldzuge erkrankte der alte Kaiser in Salz an der fränkischen Saale, wo er sich im Mai 840 aufhielt, heftiger. Er ließ sich zunächst nach Frankfurt, dann nach einer Rheininsel bei Ingelheim bringen. Hier starb er, fern von seinen Nächsten, am 20. Juni 840, nachdem er noch die Uebersendung der Reichsinsignien an Lothar angeordnet hatte. Seine Leiche ließ sein Halbbruder, der Bischof Drogo von Metz, der ihm auch am Sterbebette der treueste Beistand gewesen war, nach der alten Grabstätte der Familie im St. Arnulfstloster zu Metz bringen, wo auch Ludwigs Mutter, die Königin Hildegard, ruhte.

    Der höchst unglückliche und traurige Verlauf dieser Regierung bereitete die Auflösung des fränkischen Reichs vor, welche freilich gewiß auch sonst eingetreten wäre. Es war keineswegs ein zufälliges oder unverdientes Unglück, vielmehr läßt sich deutlich erkennen, wie eng dasselbe mit der persönlichen Schwäche des Herrschers zusammenhing. Indessen wäre es unrichtig, sich L. lediglich als einen frömmelnden Betbruder vorzustellen. Die Natur hatte ihn mit einem kräftigen Körper und starken sinnlichen Trieben ausgestattet, wie er denn außer seinen legitimen auch uneheliche Kinder besaß: einen Sohn Namens Arnulf, welchen er mit der Grafschaft Sens belehnte, und eine Tochter, Elpheid oder Alpais, die er mit seinem Vertrauten, dem Grafen Bego, vermählte. Er war ferner immerhin ein rüstiger Kämpfer und sogar ein leidenschaftlicher Jäger.

    Für die Charakteristik des Kaisers sind besonders wichtig seine beiden Biographien von dem Chorbischof Thegan von Trier und dem sogen. Astronomus, die ihn freilich beide zu verherrlichen suchen. Sie sind, neben den Reichsannalen, die Hauptquellen für seine Geschichte, der Astronomus außerdem fast die einzige für seine Regierung in Aquitanien. Dazu kommen das erste Buch des Nithard, das Epos des Ermoldus Nigellus, eines von dem Kaiser nach Straßburg verbannten Günstlings seines Sohnes Pippin von Aquitanien etc.

    • Literatur

      Mühlbacher, Die Regesten des Kaiserreichs unter den Karolingern, 2. u. 3. Lfg., Innsbruck 1881. 1883. — Funck, Ludwig der Fromme. Frankf. a. M. 1832. — Himly, Wala et Louis le Débonnaire, Paris 1849. — Simson, Jahrbücher des fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen, 2 Bde., Leipzig 1874—76. — Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reichs, I. Berlin 1862. — Foß, Ludwig der Fromme vor seiner Thronbesteigung. Gründung der spanischen Mark (Progr. des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums in Berlin. 1858).

  • Autor

    B. Simson.
  • Empfohlene Zitierweise

    Simson, Bernhard von, "Ludwig der Fromme" in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884), S. 397-406 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118640658.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA