Lebensdaten
erwähnt 864, gestorben 917
Sterbeort
Ootmarsum (Provinz Overijsel)
Beruf/Funktion
Bischof von Utrecht
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118597574 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Radbod
  • Radbod, von Utrecht
  • Radbodus, Episcopus
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Zitierweise

Radbod, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118597574.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus vornehmer fränk. Fam. mit Sitz in „Lomochanum“ b. Namur; Eltern unbekannt;
    Om Gunther ( 30.6. nach 871), 850-63 Ebf. v. Köln (s. NDB VII); Verwandte Radbod ( 719), fries. Kg. (s. NDB 21), u. d. „Hilduine“.

  • Leben

    Zunächst an der Kölner Domschule erzogen, fand R. nach der Absetzung seines Onkels, Ebf. Gunthers, Zugang zu dem wegen seines hohen Bildungsstandes berühmten Hof Karls des Kahlen. Er setzte dort seine Ausbildung fort und trat in die Kapelle des Königs ein. Karls Tod (877) veranlaßte ihn, zum weiteren Studium fortzuziehen, wahrscheinlich nach Saint-Martin in Tours. 899 wurde R. im Einverständnis mit Ks. Arnulf zum Bischof von Utrecht gewählt und spätestens Mitte des folgenden Jahres geweiht. Da seine Bischofsstadt jedoch seit den Normanneneinfällen zerstört war, folgte er dem Beispiel seiner beiden Vorgänger und residierte in Deventer. Um sich einen Überblick über Rechte und Besitzungen seiner Kirche zu verschaffen, ließ er, wohl als erster Utrechter Bischof, ein Chartular anlegen und bereitete so die Restitutionsbemühungen seines Nachfolgers Balderich (um 897–975) vor. Trotz der engen Beziehungen, die er zu Karl dem Kahlen unterhalten hatte, scheint R. dem Übergang Lotharingiens an das Westfrankenreich 911 zunächst nicht gefolgt zu sein, denn noch 914 erkannte er den ostfränk. Kg. Konrad I. als seinen Herrscher an. Spätestens 916 wird er sich jedoch Karl dem Einfältigen angeschlossen haben. Für 914/15 ist eine Reise R.s nach Rom zu Papst Johannes X. belegt. Seinen Nachfolger Balderich hat er selbst designiert.

    Dem hochgebildeten R. werden neben Gedichten auch Werke religiösen und historischen Inhalts zugeschrieben. Die zwischen 962 und 975 wohl von einem Utrechter Kanoniker verfaßte Vita Radbodi äußert Sympathien für das Westfrankenreich und läßt Vorbehalte gegen das sog. Reichskirchensystem erkennen.|

  • Auszeichnungen

    R. wird seit seinem Tod als Heiliger verehrt (Fest am 29. Nov.). Seinen Namen trägt die 1905 gegründete St. Radbod-Stiftung, Trägerin der kath. Univ. Nimwegen.

  • Werke

    M. Carasso-Kok, Repertorium van verhalende historische bronnen uit de middeleeuwen, 1981, passim;
    Vita Radbodi episcopi Traiectensis, ed. O. Holder-Egger, in: XV, 1, 1887, S. 568-71;
    Leven van St. Radbuod, medegedeelt d. H. ter Haar, in: Bijdragen en Mededeelingen van het Historisch Genootschap te Utrecht 35, 1914, S. 158-68.

  • Literatur

    ADB 27;
    Oorkondenboek van het sticht Utrecht tot 1301, hg. v. S. Muller Fz. u. A. C. Bouman, I, 1920, S. 97-99;
    J. Fleckenstein, Die Hofkapelle d. dt. Könige, I, 1959, S. 149-51, 158 f., 161;
    B. Ahlers, Die ältere Fassung d. Vita Radbodi, 1976;
    E. Karpf, Herrscherlegitimation u. Reichsbegriff in d. otton. Gesch.schreibung d. 10. Jh., 1985, S. 98-101;
    R. Große, Das Bistum Utrecht u. seine Bischöfe im 10. u. frühen 11. Jh., 1987, passim;
    W. Jappe Alberts u. St. Weinfurter, Traiectum (Utrecht), in: Series episcoporum, hg. v. O. Engels u. St. Weinfurter, V/1, 1982, S. 181-83;
    Germania Pontificia, IX, hg. v. Th. Schieffer (im Druck);
    Dict. de spiritualité 13, 1988, Sp. 33 f.;
    Catholicisme 12, 1990, 433 f.;
    Lex. MA;
    BBKL;
    LThK.

  • Autor/in

    Rolf Große
  • Empfohlene Zitierweise

    Große, Rolf, "Radbod" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 83 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118597574.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Radbod, Bischof von Utrecht (899—917). R., der Sprößling einer vornehmen fränkischen Familie, empfing seinen Namen von dem alten heidnischen Friesenherzog Radbod ( 719), der der Ahnherr seiner Mutter gewesen war. Als ein begabter Knabe wurde er frühzeitig seinem mütterlichen Oheim, dem Erzbischofe Gunther von Köln (850—864), zur Erziehung übergeben, der als ein|Freund und Gönner der Studien gefeiert wird, bis seine Beihilfe zur Scheidung Lothar's II. ihn ins Verderben stürzte. Gleich anderen Söhnen edler Geschlechter begab sich R. zu seiner weiteren Ausbildung an den Hof Karl's des Kahlen, des westfränkischen Herrschers, wo er an Manno, dem damaligen Leiter der Hofschule (später Propst von St. Claude) einen sehr gelehrten Lehrer und an Stephan und Mancio, den nachmaligen Bischöfen von Lüttich und Chalon, ausgezeichnete Mitschüler fand. Nach dem Tode Karl's ( 877) kehrte R. zu seinen Verwandten in den Lommagau (um Namur) zurück, in welchem wir, wie es scheint, seine Heimat zu suchen haben, auch lebte er zeitweise in der Umgebung des berühmten Abtes Hugo von Tours ( 886), der zwar auch in der Dialektik und Rhetorik gerühmt wurde, vornehmlich aber unter den Enkeln Karl's des Kahlen und unter Karl III. als die Seele des westfränkischen Staates sich die größten Verdienste erwarb. R., über dessen nächste Schicksale Dunkelheit verbreitet ist, wurde nach dem Tode des Bischofs Odilbald im J. 899 auf den Stuhl von Utrecht erwählt und von Arnolf bestätigt. Der Sitz des Bisthums befand sich jedoch damals nicht an der altgeweihten Stätte, welche durch die Normanneneinfälle völlig verödet war, sondern in Deventer. R. ließ sich als Bischof alle geistlichen Tugenden, namentlich auch die Mildthätigkeit auf das strengste angelegen sein, er übte die grüßte Enthaltsamkeit in den Speisen und trank nur Wasser, dagegen hielt er sich von dem Hofe fern und suchte weltliche Geschäfte als mit seinem priesterlichen Berufe unvereinbar, soviel wie möglich, zu vermeiden. Man schrieb ihm unter andern Gaben vorzüglich die der Weissagung zu: so soll er vorher gesagt haben, wie es durch Otto den Großen geschah, daß die westfränkischen Könige sich unter das deutsche Kaiserthum beugen würden, doch nicht für immer. Sein eigenes Ende sah er drei und ein halbes Jahr sicher voraus und wiederholt bezeichnete er den Jüngling Baldrich, den Sohn des Grafen Ricfrid, der öfter bei ihm verkehrte, in prophetischem Geiste als den, der dazu berufen sein würde, das Bisthum und den Bischofssitz aus dem Verfalle wiederherzustellen und durch viele Schenkungen zu schmücken und zu bereichern. Wenn wir uns erinnern, daß Baldrich der Lehrer Bruno's, des Bruders Otto's des Großen, wurde und daß dieser mit Recht als einer der wesentlichsten Erneuerer der Studien in Deutschland gepriesen wird, so leuchtet ein, daß durch diese Verzweigung das Licht, welches von der Hofschule Karl's des Kahlen ausging, seine wohlthätigen Wirkungen weit über unser Vaterland erstreckte. R. starb, schon längere Zeit kränkelnd und hochbejahrt, am 29. Nov. 917 zu Ootmarsum in Overyssel, einem seiner Lieblingsorte, und wurde unter sehr lebhafter Theilnahme der Bevölkerung in Deventer beigesetzt.

    Das Andenken Radbod's wurde der Nachwelt nicht nur durch einen Biographen erhalten, der etwa ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode uns schätzbare Nachrichten über ihn überlieferte (M. G., SS. XV, 568—571), sondern auch durch eigene Schriften. Wie er ein großer Verehrer der Heiligen, ein Dichter und Musiker war, so hat er vorzüglich zu Ehren jener theils Predigten in Prosa theils Verse und Gesänge verfaßt. So verherrlichte er Swidbert, den Apostel des bergischen Landes, den angelsächsischen Glaubensboten Liafwin (Lebuin), den hl. Servatius und Amalberga, sowie ein Wunder des hl. Martin, durch welches im J. 903 die Stadt Tours vor den stürmenden Dänen errettet worden sein soll. Ansprechender und gemüthvoller als die Verse zum Preise der Heiligen, die jedoch ein fleißiges Studium des Vergil und eine gute metrische Bildung verrathen, ist sein in dieser Zeit ganz vereinzelt stehendes Gedicht auf die Schwalbe. Auch über die Ereignisse des Jahres 900 hinterließ er eine kurze Aufzeichnung. Sein früherer Mitschüler Stephan zeichnete sich ebenfalls als lateinischer Dichter aus.

    • Literatur

      Ueber Radbod handeln: Wattenbach in den Geschichtsquellen Deutschlands 5. Aufl. I, 349 und Ebert in der Geschichte der Literatur des Mittelalters III, 184—188.

  • Autor/in

    Ernst Dümmler.
  • Empfohlene Zitierweise

    Dümmler, Ernst, "Radbod" in: Allgemeine Deutsche Biographie 27 (1888), S. 110-112 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118597574.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA