Lebensdaten
1874 bis 1936
Geburtsort
Gitschin (Böhmen)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
jüdisch,katholisch,konfessionslos?
Normdaten
GND: 118566288 | OGND | VIAF

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Kraus, Karl, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118566288.html [26.09.2016].

CC0

Kraus, Karl

Schriftsteller, * 28.4.1874 Gitschin (Böhmen), 12.6.1936 Wien. (bis 1899 israelitisch, 1911-23 katholisch)

  • Genealogie

    V Jakob (1833–1900), Papierfabr. u. -großhändler in G., seit 1877 in W.; M Ernestine ( 1891), T d. Ignaz Kantor, Arzt in G.; ledig.

  • Leben

    K., der seit 1877 in Wien lebte, empfing in den 80er Jahren starke, lebenslang wirkende Theatereindrücke (Burgtheater). Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums studierte er 1892-96 in Wien Jurisprudenz, Philosophie und Germanistik. In dieser Zeit versuchte er sich als Schauspieler, Regisseur und Rezitator und verfaßte literaturkritische Beiträge (unter anderem für „Die Gesellschaft“). Er nahm zunächst Verbindung mit den Jung-Wienern (Hofmannsthal, Schnitzler unter anderem, und andere) auf und schloß Freundschaft mit Peter Altenberg, dessen erstes Buch er an S. Fischer vermittelte. In der Satire „Die demolirte Literatur“ (1896/97) distanzierte er sich von den literarisch-journalistischen Tendenzen Jung-Wiens. Wenig später löste er sich auch vom kritischen Journalismus des Fin de siècle. 1899 gründete K. die Zeitschrift „Die Fackel“ – seit Ende 1911 von ihm allein geschrieben (letztes Heft Februar 1936) –, die von Anfang an eine vor allem antijournalistische Funktion hatte. Diese Funktion war anfänglich lokal bestimmt, insofern die Wiener Presse der Jahrhundertwende als die versierteste des deutschen Sprachraums galt. „Die Fackel“ bezwelfelte zunächst vornehmlich die Informationsleistung der Presse, glossierte aber auch die Abhängigkeit der Politik vom Journalismus und die Journalisierung der Literatur.

    Der scheinbar neue publizistische Ansatz von K. in seiner Justizkritik (seit 1902), die sich mehr und mehr auf die Relation von Sexualität und Strafrecht bezog (Sittlichkeit und Kriminalität, in: Die Fackel, 1902; auch Titel des 1. Bandes der „Ausgewählten Schriften“, 1908), ist in Wahrheit die konsequente und konkretere Fortsetzung der ersten Phase seiner Journalismuskritik. Moral war für K. vor allem darum nicht justiziabel, weil die moralischen Normen nur noch von einer willkürlichen öffentlichen Meinung stammten, die überdies von einer Presse repräsentiert werde, für die der „Sittlichkeitsprozeß“ gleichzeitig sensationierender Gegenstand sei. Dagegen ist die Norm einer natürlichen Moral für K. aller großen Literatur implizit, als deren Repräsentant er immer wieder Shakespeare nannte. Damit ist die für ihn werkbestimmende Opposition Literatur/Presse zum ersten Mal sichtbar geworden.

    Entscheidender noch für diesen Zusammenhang ist die Abwendung von Maximilian Harden und dessen Zeitschrift „Die Zukunft“, die für K. das Vorbild des eigenen Schreibens für die „Fackel“ war. Früh schon lehnte er allerdings Hardens Postulat einer Literarisierung des Journalismus ab. In dem Augenblick, da Harden die Aufdeckung homosexueller Beziehungen deutscher Diplomaten und Militärs (Eulenburg-Affäre) als Politik interpretierte, stellte sich ihm K. mit der Behauptung entgegen, Harden betreibe nichts anderes als journalistische Sensationsmacherei, die durch eine totale Rhetorisierung der Sprache kaschiert werden solle. Schlimmer noch sei, daß Harden damit Sprache nach Belieben manipuliere und auf die Phrase reduziere, das heißt Sprache bedeutungs-, ja sinnlos mache. Gleichzeitig mit den Harden-Polemiken erschienen die Parodien dieses Sprechens (1907/08) wie die zum Teil auf den Polemiken basierenden ersten Aphorismen und die mit der Zeitungssprache als Material operierenden Glossen. Sie insgesamt sind die ersten bedeutenden Beispiele literarisch-satirischer Darstellung bei K.; statt publizistische Meinung zu verbreiten, erscheinen sie als die allmähliche Verfertigung des Gedankens durch Sprachreflexion.

    In dem Essay „Heine und die Folgen“ (1911) wird der Literatur selbst, soweit sie sich seit der Mitte des 19. Jahrhundert dem Journalismus und seinem instrumentellen Verhältnis zur Sprache angeschlossen hatte, die Schuld an einer Entwicklung gegeben, die K. nicht allein als ästhetische Deformation verstand, sondern als „Verquickung des Geistigen mit dem Informatorischen“. Dadurch sei Literatur nicht mehr lebendiger Gedanke, sondern Ornamentierung der Wirklichkeit, während Presse sich durch Übernahme der Sprachgestik der Literatur deren Bedeutung zu erschleichen versucht habe, um von der Nichtigkeit ihrer sogenannten Tatsachenvermittlung (Nachricht) wie von der Beliebigkeit ihrer Meinung abzulenken.

    Das Pendant zum Heine-Essay ist die Gedenkrede „Nestroy und die Nachwelt“ zu Nestroys 50. Todestag (1912). Darin wird der Literaturbegriff aus der Umklammerung des gängigen klassizistischen Verständnisses gelöst: Nestroy, ein Possenautor, ist ein großer Schriftsteller, weil bei ihm „sich die Sprache Gedanken macht über die Dinge“. Dies ist das Kriterium, das K. bestimmt, für das Verständnis von Literaturgeschichte so unterschiedlich einzuschätzende Autoren wie Shakespeare und Claudius, Goethe und die Lasker-Schüler in seinen Vorlesungen (seit|1910) nebeneinander zu stellen. Diese Vorlesungen wie das 1916 begonnene „Theater der Dichtung“ (die Lesung vollständiger dramatischer Texte, vor allem auch von Operetten Offenbachs) sind nicht als Rezitationen üblicher Art zu verstehen, sondern als Hinweis auf das in der Vergangenheit verkapselte Sprachbewußtsein in einer Epoche wachsender Sprachlosigkeit. Den welthistorischen Umschlag dieser in der Pressephrase täglich vernehmbaren Sprachlosigkeit in die Gewalt sah K. im 1. Weltkrieg. Die apokalyptische Perspektive seines Weltkriegsdramas „Die letzten Tage der Menschheit“ (Aktausg. 1918/19, Buchausg. 1922) ist weder eine traditionell eschatologische noch eine gesellschaftlich-ökonomische im Sinne des Untergangs einer „alten Welt“. Apokalyptisch ist hier vielmehr die endgültige Zerstörung des konkreten Bewußtseins, das in der Sprache und nur in ihr erscheint, und dessen durchgängiger Ersatz durch Gerede als kommunikatives Geräusch, wie es in der Presse sich historisch längst zu realisieren begonnen hat.

    Die vorübergehende kulturell-politische Hoffnung von K. auf die Sozialdemokratie nach dem 1. Weltkrieg schwand schon bald. Bestimmender waren für ihn die beiden großen Polemiken gegen „die nackte Kriminalität“ im Revolverjournalismus des Wiener Zeitungsherausgebers Emmerich Békessy (1925/26) und gegen Alfred Kerr, der für K. schon seil der letzten Zeit vor dem Krieg den Feuilletonismus als ästhetisch und moralisch zu wertende Schwundform der Literatur repräsentierte (zwischen 1926 und 1929).

    K. hatte sich im Kriege aus dem Erlebnis seiner Beziehung zu der böhmisch Baronin Sidonie von Nádherný sowie in Konsequenz seiner Literatur- und Sprachreflexion der Lyrik zugewandt, die formal, motivisch und intentional bewußt epigonal war: sie sollte (ähnlich wie die Vorlesungen) das in der Gegenwart verlorene, in der Geschichte der Lyrik bewahrte Sprachbewußtsein als das menschliche Bewußtsein überhaupt erneuern (Worte in Versen, 9 Bände, 1916–30).

    In den späten 20er und in den 30er Jahren konzentrierte sich K. mehr und mehr auf seine „Sprachlehre“, zum größten Teil scheinbar kasuistische Sprachglossen, die aber alle die politisch und individuell sich äußernde Bewußtlosigkeit der Epoche als Sprachbewußtlosigkeit reflektieren (postum in dem Band „Die Sprache“, 1937, zusammengefaßt). Dazu kamen insbesondere die Bearbeitung von Texten der Offenbach-Operetten, von Dramen der Schlegel-Tieckschen Shakespeare-Übersetzung und die Nachdichtung der Sonette des Dichters.

    Zweimal noch, 1927 und 1934, suchte K. politische Ereignisse als Symptome des Bewußtseinsstandes der Epoche kenntlich zu machen. Das Polizeigemetzel während der Julidemonstration 1927, für das der Wiener Polizeipräsident Schober verantwortlich war, galt ihm als der brutale Revers zu der Feigheit der Öffentlichkeit insgesamt und insbesondere Schobers (als des „pflichttreuen Beamten“) gegenüber den Erpressungen von Békessys Journalismus. – Nach dem Machtantritt Hitlers schwieg K. lange. Er vermittelte dieses Schweigen in dem Schlußvers des Gedichts „Man frage nicht“ vom Oktober 1933: „Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.“ Seit Mai 1933 hatte er an einem Heft der „Fackel“ mit dem Titel „Die dritte Walpurgisnacht“ gearbeitet, hielt es aber aus Sorge vor möglichen Repressalien gegen gefährdete Deutsche zurück (postum 1952 erschienen). Doch veröffentlichte er Teile daraus in der „Fackel“ vom Juli 1934 mit dem Titel „Warum die Fackel nicht erscheint“. Darin stellte er die perspektivische Identität der politischen Gegensätze als Dummheit des Geschwätzes und Dummheit der Gewalt dar („Das mit Links und Rechts ist vorbei“). Er maß Politik allein noch an dem aktuellen Widerstand, der gegen Hitler als die kategoriale Veränderung europäischer Geschichte geleistet wurde. Deshalb stellte er sich auf die Seite des autoritären, aber Hitler sich widersetzenden österreichischen Bundeskanzlers Dollfuß. 1926, 1927 und 1928 wurde K. für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

    Die historische Bedeutung K.s liegt vor allem in seiner Justizkritik wie in seiner Antikriegshaltung, die er im 1. Weltkrieg zunächst fast allein vertrat. Doch korrespondierte er in beidem mit breiten, wenn auch erst später sich durchsetzenden Tendenzen der Epoche. Die über seine Wirkenszeit hinausgehende und aktuelle Bedeutung K.s liegt aber in den Intentionen, die – als Pressekritik, Satire, Bemühung um das Theater, Literatur- und Dichtungsverständnis, aber auch als politische und ethische Reflexion – alle in seinem Sprachdenken konvergieren. Dieses Sprachdenken entwickelt sich allmählich aus der konkreten Kritik des zeitgenössischen öffentlichen Sprechens, das heißt vor allem des Sprechens der Presse, und aus der eigenwilligen, auch am Materialen der Sprache orientierten Dichtungshermeneutik. Das K.sche Sprachdenken als Sprachkritik emanzipiert sich früh von der geläufigen Sprachskepsis der Jahrhundertwende (Mauthner, Mach, Hofmannsthal, Schnitzler unter anderem, und andere) und läßt diese als unbegriffene Kritik nicht an der Sprache schlechthin, sondern dem Sprechen der Zeit erscheinen. K. begreift Sprache weder als Abstraktum noch als System, vielmehr als das wirkliche, also historische Sprechen der Epoche, das er nicht von einer Verfallsthese aus kritisiert, sondern im ständigen Vergleich zwischen großer Literatur, die die Totalität der sprachlichen Möglichkeiten postuliert, und Presse (als dem ersten Nachrichtenmedium), die auf der Reduktion von Sprache auf bloße Instrumentalität basiert. – In dieser Reduktion sieht K. tendenziell die fortschreitende Verkümmerung aller für den Menschen unabdingbaren, weil weltkonstituierenden Fähigkeiten von Wahrnehmung, Vorstellung, Erfahrung, Fühlen und Denken, da diese für ihn nur als sprachlich vermittelte sich verwirklichen können und daher vom Stand des jeweiligen Sprachbewußtseins abhängen. Die Konkretheit dieses Sprachdenkens weist sich darin aus, daß es vor allem als satirische Darstellung und nicht als „Theorie“ begegnet; die Aktualität ist nicht so sehr in der mannigfachen Berührung mit heutigen Sprachtheorien als vielmehr darin zu sehen, daß es K. um das Sprachverhalten jedes einzelnen geht, in welchem allein die konkrete Einheit von politischem, moralischem und intellektuellem Verhalten sich herstellen könne.|

  • Auszeichnungen

    Die Wirkungen von K. auf die Sprachreflexion (Wittgenstein), die Pressekritik, das epische Theater (Brecht, Piscator), philosophische Tendenzen (Benjamin, Adorno, Horkheimer), das Verhältnis Politik-Sprache, die Satire als literarische Möglichkeit sind offenkundig, aber bisher eher unterschätzt oder verschwiegen worden.

  • Werke

    Weitere W Eine Krone f. Zion, 1898;  Sprüche u. Widersprüche, 1909 (Aphorismen);  Die chines. Mauer, 1910;  Pro domo et mundo, 1912 (Aphorismen);  Nachts, 1918 (Aphorismen);  Weltgericht, 2 Bde., 1919;  Lit. od. Man wird doch da sehn, Mag. Operette, 1921;  Untergang d. Welt durch schwarze Magie, 1922;  Wolkenkuckucksheim, Phantast. Versspiel, 1923;  Traumstück, 1923;  Traumtheater, 1924;  Epigramme, 1927;  Die Unüberwindlichen, Nachkriegsdrama, 1928;  Lit. u. Lüge, 1929;  Zeitstrophen, 1931. -  Ausgaben: Werke v. K. K., hrsg. v. H. Fischer, 14 Bde. u. 3 Suppl.bde., 1952-70;  Ausgew. Werke, hrsg. v. D. Simon, 3 Bde., 1971;  „Die Fackel“, Jg. 1 (Nr. 1: April 1899) - 37 (Nr. 917/922: Febr. 1936), Nachdr., hrsg. v. H. Fischer, 1968-73, Nachdr., o. J. [1977];  Briefe an Sidonie Nádherný v. Borutin, 2 Bde., hrsg. v. H. Fischer u. M. Lazarus, 1974, Taschenbuchausg. 1976.

  • Literatur

    O. Kerry, K.-K.-Bibliogr., 1970;  erg. in: Die Pestsäule 6, 1973, S. 527-31 (Primärlit.);  Modern Austrian Literature 8, 1975, S. 103-80 (Sekundärlit.);  S. P. Scheichl, Kommentierte Auswahlbibliogr. zu K. K., in: Text u. Kritik, Sonderbd. K. K., 1975, S. 158-241;  erg. in: Kraus-Hh., 1977 ff. - R. Scheu, K. K., 1909;  L. Liegler, K. K. u. s. Werk, 1920, 21933;  B. Viertel, K. K., Ein Charakter u. d. Zeit, 1921;  W. Benjamin, K. K., in: Frankfurter Ztg., 1931, jetzt: W. B., Ges. Schrr., hrsg. v. R. Tiedemann u. H. Schweppenhäuser, II, 1, 1977, S. 334-67;  W. Kraft, K. K., Btrr. z. Verständnis s. Werkes, 1956 (P);  J. Stephan, Satire u. Sprache, Zu d. Werk v. K. K., 1964;  Ch. J. Wagenknecht, Das Wortspiel bei K. K., 1965, 21975;  F. Jenaczek, Zeittafeln z. „Fackel“, 1965;  P. Schick, K. K. in Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten, 1965;  H. Weigel, K. K. od. Die Macht d. Ohnmacht, 1968;  M. Naumann, Der Abbau n. verkehrten Welt, Satire u. pol. Wirklichkeit im Werk v. K. K., 1969;  G. Feigenwinter-Schimmel, K. K., Methode d. Polemik, 1972;  V. Bohn, Satire u. Kritik, Über K. K., 1974;  J. M. Fischer, K. K., 1974;  H. Arntzen, K. K. u. d. Presse, 1975;  M. Schneider, Die Angst u. d. Paradies d. Nörglers, Versuch üb. K. K., 1977.

  • Portraits

    Federzeichnung v. O. Kokoschka (Wien, Nat.-bibl.);  Aquarell v. A. Hagel, um 1930.

  • Autor

    Helmut Arntzen
  • Empfohlene Zitierweise

    Arntzen, Helmut, "Kraus, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 694-696 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118566288.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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