Lebensdaten
1875 bis 1926
Geburtsort
Prag
Sterbeort
Val-Mont bei Montreux
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118601024 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • RMR
  • Ril'ke, Rajner M.
  • Ril'ke, Rajner Marija
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Rilke, Rainer Maria, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118601024.html [29.07.2016].

CC0

Rilke, Rainer Maria (seit 1897, eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef)

Dichter, * 4.12.1875 Prag, 29.12.1926 Val-Mont bei Montreux, Raron (Kanton Wallis). (katholisch)

  • Genealogie

    V Josef (1838–1906), aus Schwabitz (Böhmen), Eisenbahn-Insp., österr. Unteroffz.; M Phia Entz (1851–1931), aus Prager Kaufmannsfam., d. Eltern trennten sich 1886; Bremen 1901 Clara Westhoff (s. 2); 1 T Ruth (1901–72 Freitod, 1] 1922 Carl Sieber, 1897–1945, Dr. iur., Mithg. v. R.s Briefen, s. L, 2] 1948 Willy Fritzsche, 1908–72, Bratschist in Eisenach), Mithg. v. R.s Briefen (s. L); E Josepha Sieber (* 1927, Klaus Günther Beyer, * 1922, Photograph in Weimar), Christoph Sieber-R. (* 1933, Hella Hartwig, * 1928), Geschäftsführer e. Papierfabr. in Gernsbach, Verw. d. R.-Archivs ebd.

  • Leben

    R. erlebte nach eigenen Äußerungen eine unglückliche Kindheit, zunächst in Prag, dann seit 1886 in der Militärerziehungsanstalt St. Pölten, wo er auf die Offizierslaufbahn vorbereitet werden sollte. 1891 aus Gesundheitsgründen entlassen, besuchte er bis 1892 die Handelsakademie Linz. Nach der Matura 1895 studierte R. Kunst- und Literaturwissenschaften in Prag, seit 1896 in München, wo eine langjährige Beziehung mit Lou Andreas-Salomé (1861–1937) begann, und seit 1897 in Berlin. Erste Reisen führten ihn nach Skandinavien, Rußland (wo er Tolstoj begegnete), Mittel- und Südeuropa. Aufenthalte in Italien, erneut Rußland sowie 1898 und 1900 in der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen folgten. Von Aug. 1902 bis Juni 1903 war R. in Paris, um den Bildhauer Auguste Rodin (1840–1917) kennenzulernen. In Rom begann er im Sept. 1903 mit Studien zu den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, die er 1904 in Südschweden und Kopenhagen weiterführte. Von Sept. 1905 bis Juli 1906 arbeitete er in Paris als Privatsekretär Rodins, mit dem er sich jedoch schließlich überwarf. Mäzene wie Harry Gf. Kessler (1868–1937) und der Verleger Anton Kippenberg (1874–1950) ermöglichten R.s dortiges Schaffen, verbunden mit weiteren Reisen nach Belgien, Capri, Berlin, Rom und in die Provence; es folgten Aufenthalte in Paris 1907 sowie 1908-11. Im Okt. 1910 stellte er gemeinsam mit Kippenberg in Leipzig die Schlußredaktion des „Malte“ fertig. 1910/11 reiste R. nach Nordafrika (Algier, Tunis, Ägypten), was sich ebenso auf sein Spätwerk auswirkte wie der Aufenthalt auf Schloß Duino bei Triest von Okt. 1911 bis Mai 1912, zu dem ihn seine bedeutendste Förderin, Fürstin Marie von Thurn und Taxis (1855–1934), eingeladen hatte und wo er die „Duineser Elegien“ begann. Anschließend reiste er nach Spanien (Toledo, Cordoba, Ronda), hielt sich 1913/14 in Paris auf, um dann für fünf Jahre nach München überzusiedeln. 1916 leistete R. Ersatzdienst in einem Wiener Kriegsarchiv. Als er 1919 seine Hoffnungen auf die bayer. Räterepublik enttäuscht sah, folgte er Lesungseinladungen in die Schweiz. Bis zum Lebensende wohnte R., von kurzen Auslandsreisen (1925 ein letztes Mal nach Paris) abgesehen, in Schönenberg b. Pratteln, Berg am Irchel und 1921-23 im Chateau de Muzot (Kt. Wallis), das ihm sein Schweizer Mäzen Werner Reinhart (1884–1951) zur Verfügung stellte. Hier vollendete er die „Duineser Elegien“ und die „Sonette an Orpheus“.

    R.s lyrisches Frühwerk (u. a. Leben u. Lieder, 1894; Larenopfer, 1895; Advent 1898) wird gemeinhin der Neuromantik zugerechnet und ist durch Formtreue und subjektive Einfühlsamkeit gekennzeichnet. Ornamentale und sentimentale Züge sowie das dialoghafte Ansprechen eines geliebten Gegenübers finden sich dort ebenso wie das Einssein des Dichters mit der Natur – Positionen, die R. jedoch um 1900 überwand, als er in der Landschaftssicht der Worpsweder Maler einer fundamentalen Fremderfahrung der Moderne begegnete (Das Buch d. Bilder, 1902, erweitert 1906; Worpswede, 1903). Den Hintergrund dieser Krise bildete die über Andreas-Salomé vermittelte Skepsis Nietzsches gegenüber Erkenntnis, naiver Einfühlung und Sprache, die nur aus Metaphern ohne Wahrheitsgrund bestehe. Diese Sprachskepsis, die viele Autoren um 1900 prägte (vgl. Hugo v. Hofmannsthal, Ein Brief, 1902), führte R. zur Suche nach einer neuen Sprache. Impulse dafür bezog er v. a. aus der bildenden Kunst: Maßstäbe setzten die Skulpturen Rodins (Auguste Rodin, 1903, erweitert 1907), aber auch die Malerei Paul Cézannes, die R. anläßlich der ersten großen Retrospektive von dessen Œuvre im Salon d'Automne 1907 mit essayhaft-lyrischen Briefen begleitete – das „neue Sehen“ wird dort zum literarischen Programm verdichtet.

    Das Subjekt der Dichtung wird nun zurückgenommen, abstrakte Wendungen und konkrete Bilder werden spätestens in den „Neuen Gedichten“ (1907) und ihrem „Anderen Teil“ (1908) zu einer Ästhetik des „sachlichen Sagens“ verbunden. Damit ist nicht empirische Objektivität gemeint, sondern die Suche nach der verbalen Verfaßtheit der Welt, die mit neuen Kompositionsregeln gestaltet werden soll. Das Wortmaterial wird selbst zur sachlich-objektiven Größe wie auch die strenge dichterische Form, die R. mit mathematischer Genauigkeit, festem|Reimschema und regelmäßigem Metrum kalkuliert.

    Konkrete Dinge bilden aber den Anlaß der Dichtung, was sich besonders deutlich an R.s berühmtestem Prosawerk, den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (1910) zeigt, das fraglos zum Kanon der klassischen Moderne gehört. Ausgehend von tagebuchähnlichen Aufzeichnungen mit Großstadtimpressionen wird hier in avantgardistischer Weise der Versuch entwickelt, durch Vielfalt des Erzählens, Polyperspektive, Montagetechnik und Aufbau synthetischer Raumund Zeitbegriffe der Erfahrung des heterogenen modernen Lebens und des akzelerierten Großstadttempos eine Langerzählung an die Seite zu stellen. Fragment geblieben, zeigt der Roman auch formal die Krisis der Moderne, die R. bei aller Fremdheit aber nicht ablehnt. R.s Modernität erweist sich vielmehr darin, daß er den Weltzweifel als dichterische Chance wertet: Wenn die innere und die äußere Welt mit Sprache nicht adäquat dargestellt werden können, so kann man aus sprachlichen Entwürfen diese Welten schöpfen bzw. aus sprachlichen Einzelteilen die Welt synthetisch generieren.

    Es wurde viel über den Bruch gerätselt, den R.s Schaffen nach Manuskriptabschluß des „Malte“ aufweist: Von einzelnen Gedichten und Entwürfen abgeseh en, zehrte R. im wesentlichen von bereits veröffentlichten Werken. Sporadisch nur arbeitete er an seinem neuen Projekt, den „Duineser Elegien“ (1923). Seine Lebenskrise wurde vertieft durch enttäuschte Liebe, aber auch durch den als verbrecherisch erfahrenen Krieg. R. selbst erkannte diese scheinbar verlorenen Jahre als Inkubationszeit und Bedingung dafür, daß 1922 in wenigen Wochen die „Duineser Elegien“ sowie die „Sonette an Orpheus“ (1923) auf Schloß Muzot vollendet werden konnten. Beide Dichtungen sind durch den antiken Elegienvers, in Anlehnung etwa an Klopstock, gestaltet. R. versucht, die Existenzverzweiflung dichterisch aufzulösen, wenn er in der Kunstsprache Innen- und Außenwelt zum „Weltinnenraum“ verwebt, in dem die festen Zeitstufen und Raumkategorien aufgelöst sind. Diese „neue Mythologie“ spiegelt sich in den Gedichtfiguren: Engelsfiguren treten auf, Liebende, Verzweifelnde und Hoffende, jung Verstorbene, die im dichterischen Eingedenken lebendig werden, schließlich Orpheus, der mythische Liebende und Sänger, der zugleich Selbstbild des Dichters wird.

    R. wirkte als Brückenbauer zwischen den Kulturen. Er vermittelte die zunächst slaw. Einflüsse und nordeurop. Erfahrungen mit dt.sprachiger Kultur sowie der Kunst und Literatur Frankreichs und Südeuropas, zwischen denen er eine Art lingua franca schuf. Davon zeugen seine intensiven Beziehungen zu André Gide, Paul Valéry oder dem späteren Maler Balthus und dem Autor Pierre Klossowski, aber auch eigene späte Gedichte in franz. Sprache, die zum einen naturmagische, zum anderen gesteigert-artistische Sprachmöglichkeiten ausloten.

    Auch wenn R. manche Nachahmer gefunden hat, verstand er sich nicht als Schulengründer und ist so auch kaum rezipiert worden, sieht man von der Naturlyrik der 1920er bis 1950er Jahre und von einzelnen Autoren wie Peter Handke ab. Populär wurde insbesondere sein von neuromantischer Schwärmerei und Dichteremphase getragenes Frühwerk. „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ (1906), ein 1899 verfaßtes Versepos, das das Soldatentum romantisiert und sein meist verkauftes Buch ist. Die Rubrizierung seines Œuvres unter eine Epoche oder eine bestimmte Richtung ist kaum möglich; gemeinhin akzeptiert ist allenfalls die Zurechnung zum Symbolismus, den R. seit 1910 gegen die zunehmend sich durchsetzenden Tendenzen der Avantgarde vertrat. Auf zeitgenössische Deutungen von R.s Werk, die meist den Dichterkult verstärkten und nur am Rande die Gedichte auch als Wortkunstwerke analysierten, folgten existenzialistische, an der Schule Heideggers orientierte Interpretationen. Die in den 1960er Jahren aufkommenden sozialkritischen Deutungen kritisierten elitäre Tendenzen R.s; ferner entwickelte sich, meist an der Figur Malte Laurids Brigges, ein tiefenpsychologisches Interesse. Eine weitere Perspektive, die sich bis heute durchgesetzt hat, zielt über die Motive hinaus auf jene Besonderheiten der Dichtungssprache bei R., deren Differenz zur Alltagssprache nach wie vor Entdeckungen zuläßt.|

  • Auszeichnungen

    Rilke Ges. (seit 1971); Rilke-Preis; Rilke-Gedenkstätte.

  • Werke

    Ausgew. Werke, hg. v. R. Sieber-Rilke, 2 Bde., 1938; Ges. Werke in 6 Bdn., 1927-30; Sämtl. Werke in 6 Bdn., hg. v. E. Zinn, 1955-66; Werke in 3 Bdn., 1978; Werke, Kommentierte Ausg. in 4 Bdn., 1996 (P); Briefe (1899–1926), hg. v. R. Sieber-Rilke u. C. Sieber in 7 Bdn., 1929-37; Briefe in Einzelausgg. nach Adressaten seit 1973 im Insel-Verlag (zuletzt: R. M. R., August Rodin, Der Briefwechsel u. andere Dok. zu R.s Begegnung mit Rodin, hg. v. R. Luck, 2001); R. M. R., Mathilde Vollmoeller, „Paris tut not“, Briefwechsel, hg. v. B. Glauert-Hesse, 2001 (P); Briefwechsel mit Rolf v. Ungern-Sternberg, hg. v. K. Kratzsch, 2002 (P).|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Harvard Univ.bibl. (Slg. Mises); Yale Univ. Bibl. (Slg. Oppenheimer); Dt. Lit.archiv, Marbach (Slg. Kippenberg); |Bihliotheca Bodmeriana, Genf (Briefwechsel mit Elizabeth [Baladine] Klossowska 1919–22); R.-Archiv (Fam.besitz, Gernsbach).

  • Literatur

    F. Bollnow, R., 1951, 21956; K. Hamburger, Die phänomenolog. Struktur d. Dichtung R.s, in: Philos. d. Dichter, 1966, S. 179-275; B. L. Bradley, R. M. R.s „Neue Gedichte“, Ihr zykl. Gefüge, 1967; dies., R. M. R.s „Der neuen Gedichte anderer Teil“, 1976; dies., Zu R.s Malte Laurids Brigge, 1980; J. Ryan, Umschlag u. Verwandlung, Poet. Struktur u. Dichtungstheorie in R. M. R.s Lyrik d. Mittleren Periode (1907–1914), 1972; dies., R., Modernism and Poetic Tradition, 1999; H. Engelhardt (Hg.), Materialien zu R. M. R., „Die Aufzeichnungen d. Malte Laurids Brigge“, 1974; I. Schnack, R. M. R., Chronik seines Lebens u. seines Werkes, 2 Bde. 1975 (P); Insel Alm. auf d. J. 1977, R. M. R., 1875 bis 1975. E. Dok., 1976; W. Simon, Verz. d. Hochschulschrr. über R. M. R., 1978; A. Stahl, R.-Kommentar z. lyr. Werk, 1978; ders., R.-Kommentar zu d. „Aufzeichnungen d. Malte Laurids Brigge“, z. erzählenden Prosa, zu d. essayist. Schrr. u. z. dramat. Werk, 1979; W. Leppmann, R., sein Leben, seine Welt, sein Werk, 1981; U. Fülleborn u. M. Engel (Hg.), R.s Duineser Elegien, 3 Bde., 1982/83; Egon Schwarz (Hg.), Zu R. M. R., 1983; W. Small, R.-Kommentar zu d. Aufzeichnungen d. Malte Laurids Brigge, 1983; M. Krießbach, R. u. Rodin, Wege e. Erfahrung d. Plastischen, 1984; O. H. Olzien, R. M. R., Wirklichkeit u. Sprache, 1984; D. A. Prater, A Ringing Glass, 1986, dt. Übers. 1989; R. Görner (Hg.), R. M. R., 1987; H. Nalewski (Hg.), R., Leben, Werk u. Zeit in Texten u. Bildern, 1992 (P); R. Freedman, Life of a Poet, R. M. R., 1996 (dt. in 2 Bdn., 2001/02, P); R. heute, Der Ort d. Dichters in d. Moderne, 1997; P. Demetz u. a. (Hg.), R., Ein europ. Dichter aus Prag, 1998; M. Engel, Rilke-Forsch. heute, Einige Überlegungen z. Verhältnis v. Autoren-Forsch. u. Fachgesch. anläßl. e. Sammelrez., in: Internat. Archiv f. Soz.gesch. d. dt. Lit. 24, 1999, S. 106-31; ders. u. D. Lamping (Hg.), R. u. d. Weltlit., 1999 (L); H. R. Brittnacher u. a. (Hg.), Poetik d. Krise, R.s Rettung d. Dinge in d. Weltinnenraum, 2000; Berlin, Wien, Stationen d. Moderne, Bll. d. Rilke-Ges. 23, 2000 (W, L); Der Lit. Brockhaus, hg. v. W. Habicht u. a., 1988; BBKL; LThK; Metzler Lit. Lex. (P); Kosch. Lit.-Lex.3 (W, L); Killy (P); TRE.

  • Portraits

    Ölgem. v. P. Modersohn-Becker, 1906 (Kunsthalle Bremen); Bronzebüste v. Clara R.-Westhoff, 1936 (Privatbes. Weimar), Abb. in: R. M. R. u. d. Schweiz, hg. v. J. Steiner, 1992, S. 199.

  • Autor

    Ralph M. Köhnen
  • Empfohlene Zitierweise

    Köhnen, Ralph M., "Rilke, Rainer Maria" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 621-23 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118601024.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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