Lebensdaten
1896 – 1992
Geburtsort
Hamburg
Sterbeort
Stuttgart
Beruf/Funktion
Literaturwissenschaftlerin ; Germanistin ; Philosophin ; Kritikerin
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118545264 | OGND | VIAF: 44311728
Namensvarianten
  • Hamburger, Käte
  • Hamburger, Käte
  • Hamburger, Käthe
  • mehr

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Hamburger, Käte, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118545264.html [25.02.2024].

CC0

  • Käte Hamburger war eine deutsch-jüdische Literaturwissenschaftlerin und Philosophin. Für ihr wissenschaftliches Werk, das literaturhistorische Studien u. a. zu Novalis (1772–1801), Thomas Mann (1875–1955) und Rainer Maria Rilke (1875–1926) sowie literaturtheoretische Arbeiten, v. a. die „Logik der Dichtung“ (1957) umfasst, erhielt sie internationale Aufmerksamkeit.

    Lebensdaten

    Geboren am 21. September 1896 in Hamburg
    Gestorben am 8. April 1992 in Stuttgart
    Grabstätte Pragfriedhof in Stuttgart
    Konfession jüdisch
    Käte Hamburger, DLA Marbach (InC) = Käte Hamburger, 29.4.1987, Quelle: Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar, Bildnummer 6752-1, Fotograf: Bernd Hoffmann (geb. 1957).
    Käte Hamburger, DLA Marbach (InC) = Käte Hamburger, 29.4.1987, Quelle: Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar, Bildnummer 6752-1, Fotograf: Bernd Hoffmann (geb. 1957).
  • Lebenslauf

    21. September 1896 - Hamburg

    1912 - 1917 - Hamburg

    Schulbesuch

    Wendtsches Realgymnasium für Mädchen des Vereins für Frauenbildung und Frauenstudium

    1917 - Hamburg

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Gymnasium Johanneum

    1917 - 1918 - Berlin

    Studium der Kunst- und Literaturgeschichte sowie Geschichte

    Universität

    1918 - 1922 - München

    Fortsetzung des Studiums der Philosophie, Kunst- und Literaturgeschichte sowie Geschichte

    Universität

    1922 - München

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1922 - 1928 - Hamburg

    Buchhändlerin; Privatgelehrte

    1928 - 1933 - Berlin

    Privatassistentin bei Paul Hofmann (1880–1947)

    1933 - Dijon (Frankreich)

    Studienaufenthalt

    1934 - 1956 - Göteborg (Schweden)

    Emigration; Sprachlehrerin und Kulturjournalistin

    1945 - Göteborg

    schwedische Staatsbürgerin

    1956 - Stuttgart

    Remigration nach Deutschland

    1957 - Middlebury (Vermont, USA)

    Gastprofessorin

    Universität

    1957 - 1959 - Stuttgart

    Habilitation für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft; Privatdozentin

    Technische Hochschule

    1959 - 1976 - Stuttgart

    außerplanmäßige Professorin, seit 1961 mit Lehrauftrag

    Technische Hochschule (seit 1967 Universität)

    8. April 1992 - Stuttgart
  • Genealogie

    Vater John Hamburger 1859–1930 Bankier in Hamburg
    Mutter Herta Hamburger, geb. Mayer 1872–1951
    Heirat ledig
    Kinder keine
    Diese Grafik wurde automatisch erzeugt und bietet nur einen Ausschnitt der Angaben zur Genealogie.

    Hamburger, Käte (1896 – 1992)

    • Vater

      John Hamburger

      1859–1930

      Bankier in Hamburg

    • Mutter

      Herta Hamburger

      1872–1951

    • Heirat

  • Biografie

    Hamburger entstammt einer reformiert-jüdischen Bankiersfamilie. Nach ihrem externen Abitur am traditionsreichen Johanneum in Hamburg nahm sie 1917 ein Studium der Philosophie (u. a. bei Ernst Cassirer, 1874–1945), Kunst- und Literaturgeschichte und Geschichte in Berlin auf und setzte es in München fort. Hier wurde sie 1922 bei Clemens Baeumker (1853–1924) mit einer philosophischen Studie zu Friedrich Schiller (1759–1805) zur Dr. phil. promoviert. Weil ihre Aussichten auf eine akademische Karriere als jüdische Frau gering waren, nahm sie eine Tätigkeit als Buchhändlerin in Hamburg auf, bemühte sich aber weiterhin, seit 1928 unterstützt durch den Philosophen Paul Hofmann (1880–1947) in Berlin, um ihre akademische Weiterqualifikation. Es entstanden Studien zu Jean Paul (1763–1825), Novalis (1772–1801) sowie zu Thomas Mann (1875–1955), ohne dass sich Hamburgers Habilitationspläne hätten realisieren lassen. Mit Mann, den sie 1932 persönlich kennenlernte, stand sie seither im Briefkontakt.

    Nach einem Studienaufenthalt in Frankreich floh Hamburger 1934 vor den Nationalsozialisten nach Göteborg (Schweden), wo sie, unterstützt durch die jüdische Gemeinde, ihren Unterhalt als Sprachlehrerin und Kulturjournalistin bestritt und weitere literaturwissenschaftliche Arbeiten auf Schwedisch und Deutsch verfasste. Das Vorhaben, in Schweden nach 1945 erneut zu promovieren, um die Chancen auf eine universitäre Anstellung zu erhöhen, scheiterte ebenso wie Bewerbungen an die Universitäten Uppsala und Stockholm. Auch in Deutschland fand sie keine Unterstützung, bis sich 1956 der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Fritz Martini (1909–1991) für sie einsetzte und ihr die Remigration ermöglichte. 1957 habilitierte sich Hamburger an der TH Stuttgart mit ihrer Studie „Die Logik der Dichtung“ und lehrte hier anschließend als Privatdozentin, von 1959 bis zu ihrem Ruhestand 1976 als außerplanmäßige Professorin für Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft. In diesen Jahren entstanden weitere literaturwissenschaftliche Studien zu Schiller, Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Heinrich Heine (1797–1856), Rainer Maria Rilke (1875–1926), Jean-Paul Sartre (1905–1980), Hans Christian Andersen (1805–1875), Henrik Ibsen (1828–1906), Thomas Mann und anderen, immer wieder auch literaturtheoretischen Themen.

    Internationale Anerkennung erhielt Hamburger v. a. für ihre Verbindung von literaturtheoretischen, sprachanalytischen und philosophischen Fragen, mit der sie in „Die Logik der Dichtung“ das Spezifische literarischer Rede bestimmte und wesentliche Impulse für die Fiktionstheorie, die Gattungstheorie und den literaturwissenschaftlichen Strukturalismus gab. Mit ihrem Namen verbunden ist insbesondere der Versuch, Kriterien zu entwickeln, mit denen sich allein auf der Basis von Textmerkmalen (Tempus, Deiktika, Zeitadverbien) die Fiktionalität eines Textes erkennen lässt. Der Gebrauch des so genannten epischen Präteritums beispielsweise erzeugt demnach in einem fiktionalen Text – anders als in einem faktualen Text, also in Sachtexten, Briefen und für Hamburger auch in der Lyrik – keine zeitliche Distanzierung, es bezeichnet keine Vergangenheit. Vielmehr hat das epische Präteritum nach Hamburger eine atemporale Funktion und vermittelt den Eindruck von Gegenwärtigkeit.

    Hamburgers Anregungen fanden in der Literaturwissenschaft starke positive wie negative Resonanz: Weil die von ihr genannten Kriterien zu keiner strengen Differenzierung von Fiktion und Wirklichkeitserzählung führen, geht man heute eher von einer Reihe von Indizien für die Identifikation von Fiktionalität aus. Gleichwohl spielen Hamburgers Einsichten in der Narratologie weiterhin eine zentrale Rolle. In Anerkennung ihrer besonderen Verdienste richtete das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2009 bundesweit zehn „Käte Hamburger Kollegs für geisteswissenschaftliche Forschung“ ein. Seit 2014 verfolgt die Universität Stuttgart mit der Käte-Hamburger-Forschungsstelle das Ziel, Hamburgers Werk zu sammeln und in einer Online-Edition verfügbar zu machen sowie Forschungen zu ihrem Schaffen zu befördern. Zu Hamburgers Schülerinnen und Schülern zählen u. a. Dorrit Cohn (1924–2012), Reinhard Döhl (1934–2004), Helmut Kreuzer (1927–2004), Jürgen Kühnel (1944–2018), Hans Dieter Mück (geb. 1947) und Ingrid Strohschneider-Kohrs (1922–2014).

  • Auszeichnungen

    1957 Mitglied der Deutschen Schiller-Gesellschaft Marbach am Neckar
    1958 Mitglied der Thomas-Mann-Gesellschaft Zürich
    1962 Mitglied der Goethe-Gesellschaft Weimar
    1962 Mitglied der Hölderlin-Gesellschaft
    1966–1971 Mitglied des Deutschen PEN-Zentrums
    Mitglied der International Federation of University Women
    Ehrenmitglied der Modern Language Association
    1966 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
    1984 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
    1987 Dr. theol. h. c., Universität Göttingen
    1989 Schiller-Gedächtnispreis des Landes Baden-Württemberg
    1999 Käte-Hamburger-Weg, Göttingen
    2009 Käte Hamburger Kollegs für geisteswissenschaftliche Forschung
    2013 Käte Hamburger-Preis für herausragende Bachelorarbeiten in der germanistischen Literaturwissenschaft der Universität Stuttgart
  • Quellen

    Nachlass:

    Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar.

  • Werke

    Monografien:

    Schillers Analyse des Menschen als Grundlage seiner Kultur- und Geschichtsphilosophie. Ein Beitrag zum Problem des Individualismus, dargestellt auf Grund seiner philosophischen Schriften, Typoskript 1922. (Diss. phil.)

    Thomas Mann und die Romantik. Eine problemgeschichtliche Studie, 1932.

    Leo Tolstoi: Gestalt und Problem, 1950, schwed. 1945.

    Die Logik der Dichtung, 1957, 2. stark überarb. Aufl. 1968, 41994, engl. 1973, 2. überarb. Aufl. 1993, kroat. 1976, serb. 1982, franz. 1986, span. 1995, slowen. 2004, korean. 2001.

    Von Sophokles zu Sartre. Griechische Dramenfiguren antik und modern, 1962, 51974.

    Philosophie der Dichter. Novalis, Schiller, Rilke, 1966.

    Rilke in neuer Sicht, 1971.

    Kleine Schriften, 1976, 2. erw. Aufl. u. d. T. Kleine Schriften zur Literatur und Geistesgeschichte, 1986.

    Wahrheit und ästhetische Wahrheit, 1979.

    Thomas Manns biblisches Werk, 1981.

    Das Mitleid, 1985.

    Ibsens Drama in seiner Zeit, 1989.

    Aufsätze:

    Die Individuation der Gottesidee bei Jean-Paul, in: Jean-Paul-Blätter 3 (1928), S. 8–13.

    Das Todesproblem bei Jean-Paul, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 7 (1929), S. 446–474.

    Novalis und die Mathematik. Eine Studie zur Erkenntnistheorie der Romantik, in: Romantik-Forschungen, hg. v. Paul Kluckhohn/Erich Rothacker, 1929, S. 113–185.

    Zwei Formen literatursoziologischer Betrachtung. Zu Erich Auerbachs Mimesis und Georg Lukàcs' Goethe in seiner Zeit, in: Orbis Litterarum 7 (1949), S. 142–160.

    Zum Strukturproblem der epischen und dramatischen Dichtung, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 25 (1951), H. 1, S. 1–26.

    Das epische Präteritum, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 27 (1953), H. 3, S. 330–357.

    Das Opfer der delphischen Iphigenie, in: Wirkendes Wort 4 (1953/54), S. 221–231.

    Die Zeitlosigkeit der Dichtung, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 29 (1955), S. 413–426.

    Schillers Fragment ‚Der Menschenfeind‘ und die Idee der Kalokagathie, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 30 (1956), S. 367–400.

    Der Epiker Thomas Mann, in: Orbis Litterarum 13 (1958), S. 7–14.

    Schiller und Sartre, in: Jahrbuch der deutschen Schiller-Gesellschaft 3 (1959), S. 34–70.

    Zum Problem des Idealismus bei Schiller, in: Jahrbuch der deutschen Schiller-Gesellschaft 4 (1960), S. 60–70.

    Briefe:

    Käte Hamburger/Klaus Schröter, Um Thomas Mann. Der Briefwechsel 1964–1990, hg. v. Klaus Schröter, 1994.

    Thomas Mann/Käte Hamburger, Briefwechsel, hg. v. Hubert Brunträger, 1999.

    Josef Körner, Philologische Schriften und Briefe, hg. v. Ralf Klausnitzer, 2001.

    Bibliografien:

    Johanna Bossinade/Angelika Schaser (Hg.), Käte Hamburger. Zur Aktualität einer Klassikerin, 2003, S. 209–214. (Bio-Bibliografie)

    Claudia Löschner, Denksystem. Logik und Dichtung bei Käte Hamburger, 2013, S. 203–227.

  • Literatur

    Käte Hamburger, Aufsätze und Gedichte zu ihren Themen und Thesen. Zum 90. Geburtstag hg. v. Helmut Kreuzer/Jürgen Kühnel, 1986.

    Konrad Feilchenfeldt, Rahel-Philologie im Zeichen der antisemitischen Gefahr (Margarete Susman, Hannah Arendt, Käte Hamburger), in: Rahel Levin Varnhagen. Studien zu ihrem Werk im zeitgenössischen Kontext, hg. v. Sabina Becker, 1987, S. 187–195.

    Herlinde Koelbl, Hamburger, Käte, Interview, in: dies., Jüdische Portraits: Photographien und Interviews, 1989, S. 108–112. (P)

    Howard Pollack, Novalis and Mathematics Revisited. Paradoxes of the Infinite in the Allgemeine Brouillon, in: Athenäum 7 (1997), S. 113–140.

    Gesa Dane, Käte Hamburger (1896–1992), in: Christoph König/Hans-Harald Müller/Werner Röcke (Hg.), Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Porträts, 2000, S. 189–198.

    Gesa Dane, Käte Hamburgers Brief an Rudolf Unger vom 3. Juli 1932, in: Querelle. Jahrbuch für Frauenforschung 6 (2001), S. 166–175.

    Johanna Bossinade/Angelika Schaser (Hg.): Käte Hamburger. Zur Aktualität einer Klassikerin, 2003.

    Caroline Domenghino, Käte Hamburger’s Logik der Dichtung in Contemporary Narrative Theory, in: Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur 100 (2008), H. 1, S. 25–32.

    Marcel Lepper, „Genau und anders“. Zum Nachlass von Käte Hamburger, in: Zeitschrift für Germanistik 18 (2008), H. 3, S. 734–738.

    Michael Scheffel, Käte Hamburger, in: Matias Martinez/Michael Scheffel (Hg.), Klassiker der modernen Literaturtheorie, 2010, S. 148–167.

    Claudia Löschner: Denksystem. Logik und Dichtung bei Käte Hamburger, 2013.

    Andrea Albrecht/Claudia Löschner (Hg.), Käte Hamburger. Kontext, Theorie und Praxis, 2015.

    Lexikonartikel:

    Gesa Dane, Art. „Hamburger, Käte“, in: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, hg. v. Christoph König, Bd. 2, 2003, S.657–660. (W, L)

    Anke Hees, Aart. „Hamburger, Käte“, in: Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert, Bd. 14, hg. v. Konrad Feilchenfeldt, 2010, Sp. 15–18. (W, L)

    Utz Maas, Art. „Hamburger, Käte“, in: ders., Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933–1945. (Onlineressource)

    Waltraud Schiffels, Art. „Käte Hamburger“, in: FemBio. Frauen-Biographieforschung. (Onlineressource)

  • Onlineressourcen

  • Porträts

    Fotografie v. Herlinde Koelbl (geb. 1939), in: dies., Jüdische Portraits. Photographien und Interviews, 1989, S. 109.

  • Autor/in

    Andrea Albrecht (Heidelberg)

  • Zitierweise

    Albrecht, Andrea, „Hamburger, Käte“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2023, URL: https://www.deutsche-biographie.de/118545264.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA