Lebensdaten
1884 bis 1961
Geburtsort
Sankt Gallen
Sterbeort
Ebersberg
Beruf/Funktion
Schriftstellerin
Konfession
jüdisch,katholisch
Normdaten
GND: 118763520 | OGND | VIAF: 109357371
Namensvarianten
  • Ullmann, Rega
  • Ullmann, Regele
  • Ullmann, Regeli
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Zitierweise

Ullmann, Regina, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118763520.html [29.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    Aus jüd. Kaufmannsfam., deren Vorfahren Rabbiner u. Ärzte in Hohenems (Vorarlberg) waren;
    V Richard (1842–89), Kaufm. in St. G., S d. Ludwig (Levi) (1812–76), Arzt, u. d. Regina Mayer (1818–49);
    M Hedwig (1853–1938), T d. Max Isaak Neuburger (1814–70), Fabr. in Ulm, u. d. Helene Mayer (1818–79);
    1 Schw Helene Breene (1883–1929), Krankenschwester, Leiterin e. Privatsanatoriums in Tunjunga (Kalifornien); – ledig; aus Verbindung|mit Hanns Dorn (1878–1934), Publ., Prof. f. Wirtsch.wiss. an d. TU München, Präs. d. Reichsfinanzhofs (s. Rhdb.; NDB 24*) 1 T Gertraud (Gerda) (1906–85, Johann [Hans] Kahl, 1894–1974, Gärtnermeister aus Feldkirchen), aus Verbindung mit Otto Gross (1877–1920), Dr. med., Essayist, Psychoanalytiker (s. Killy; Kreuter, Neurologen; Personenlex. Sexualforschung; NDB VII*) 1 T Camilla (1908–2000), Krankenschwester.

  • Leben

    U. erhielt wie ihr Vater die österr. Staatsangehörigkeit. Sein früher Tod wurde für U. zur traumatischen Erfahrung. Ihre von Kindheit an ausgeprägte Langsamkeit und ihr schwermütiges Wesen prägten Leben, Arbeitsweise und Werk. Die Protagonisten ihrer Erzählungen waren meist am Rand des Lebens stehende, auf irgendeine Weise behinderte Menschen. U. selbst verbrachte ihre ersten vier Schuljahre in einer Privatschule für lerngehemmte Kinder, eine Erfahrung, die sie in ihrer autobiographischen Erzählung „Goldener Griffel“ (in: Der Engelskranz, 1942; Separatdr. 1984) eindrucksvoll schilderte. Danach besuchte sie eine Mädchenrealschule, die sie erfolgreich abschloß. Mit ihrer Mutter, mit der sie bis zu deren Tod in oft drückender Nähe zusammenlebte, zog U. 1902 nach München. Durch ihre literarische Begabung und verblüffende, eruptive Vortragskunst gewann sie in den nächsten Jahren viele Freunde und Bewunderer, u. a. Rainer Maria Rilke, Hans Carossa, Wilhelm Hausenstein, Karl Wolfskehl, Thomas Mann und Hans-Ludwig Held.

    Ihre zwei unehelichen Kinder mußte U. nach der Geburt zu Pflegeeltern geben, da die Väter sie nicht unterstützten. Der kath. Glaube, zu dem sie 1911 unter Einfluß des Schriftstellers Ludwig Derleth (1870–1948) übertrat, gab ihr lebenslang Halt. Ihre religiöse Überzeugung prägte auch ihre Erzählungen, in die sie häufig christliche Elemente und umgedeutete Heiligenlegenden einbaute.

    Rilke, dem U. 1908 ihr Erstlingswerk, die dramatische Dichtung „Feldpredigt“ (1907, 3 1961, UA St. Gallen 1954), zugeschickt hatte, war ihr Zeit seines Lebens ein in beruflichen und privaten Angelegenheiten beratender und helfender Freund. Er schrieb das Vorwort zu ihrem ersten Erzählband „Von der Erde des Lebens“ (1910) und vermittelte sie als Autorin dem Inselverlag, von dem sie dann jahrelang finanzielle Unterstützung erhielt. Sein Bekanntenkreis nahm U. herzlich auf. Enge Freundschaften knüpfte sie zu den Schriftstellerinnen Ellen Delp, die später ihre Biographin und Mitherausgeberin der Werkausgabe wurde, und Editha Klipstein, zu der Reformpädagogin Eva Cassirer, der Malerin Lou Albert-Lasard und Rilkes Schweizer Mäzenin Nanny Wunderly-Volkart, die auch U. finanziell unterstützte. Vergeblich versuchte U. in den folgenden Jahren, als Gärtnerin, Imkerin und Wachsmodelherstellerin Geld zu verdienen. In der Abgeschiedenheit von Mariabrunn bei Dachau entwickelte sie nach 1917 ihre größte Schaffenskraft, unterbrochen von depressiven Phasen. Ihr Erzählband „Die Landstraße“ (1921, Nachdr. 2007) mit der von Rilke als Meisterstück gelobten Erzählung „Von einem alten Wirtshausschild“ (Separatdr. 1949) entstand in dieser Zeit. 1932 wurden Gerhart v. Westermans Rezitativ und Arie für Sopran und Orchester Op. 12 nach Gedichten von U. beim Allgemeinen Dt. Musikfest in Zürich uraufgeführt.

    Nachdem U. 1935 in München als Jüdin aus dem Reichsschriftstellerverband ausgeschlossen worden und 1938 mittellos in die Schweiz geflüchtet war, lebte sie bis 1959 äußerst bescheiden im St. Galler Marienheim. Ihre letzten beiden Lebensjahre verbrachte sie, gepflegt von ihrer Tochter Camilla, in Eglharting bei München. Nach der Einschätzung Hermann Hesses fand U. „die höchste Anerkennung einer kleinen Elite, niemals aber die der Welt“. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. U.s selbstgewählte Isolierung und die erdrückende finanzielle Not in der Emigration verhinderten zusammen mit ihren häufigen Schreibhemmungen eine erfolgreiche Karriere. Ihr Werk, das keiner bestimmten Stilrichtung zuzuordnen ist, gründet auf einem barock-bäuerlichen Katholizismus, voller Mitgefühl und Verständnis für die einfache, häufig geschundene oder mißgebildete Kreatur. Verglichen wird es in der Schlichtheit seiner Motive häufig mit Robert Walser, aber auch mit Adelheid Duvanel, Jeremias Gotthelf und Adalbert Stifter.

  • Auszeichnungen

    A Mitgl. d. Schweizer Schriftst.ver. (1923); Buchpreise d. Schweizer. Schillerstiftung f. „Vom Brot der Stillen“ (1933) u. „Madonna auf Glas“ (1945); Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste (1949); St. Galler Kulturpreis (1954).

  • Werke

    W Gedichte, 1919, Nachdr. 2012 ;
    Die Barockkirche, 1925;
    Vier Erzz., 1930;
    Vom Brot der Stillen, 2 Bde., 1932;
    Der Apfel in d. Kirche u. andere Geschichten, 1934;
    Der Engelskranz, 1942, Nachdr. 1961;
    Madonna auf Glas u. andere Geschichten, 1944, 31961;
    Erinnerungen an Rilke, 1945;
    Der ehrliche Dieb u. andere Geschichten, 1946;
    Schwarze Kerze 1954;
    Ges. Werke in 2 Bdn., hg. v. R. U. u. E. Delp, 1960;
    Kl. Galerie, hg. v. E. Antkowiak, 1972, Nachdr. 1975;
    Erzz., Prosastücke, Gedichte, Ges. Werke in 2 Bdn., hg. v. F. Kemp, 1978 (darin W-Verz. Bd. 2, S. 431–34);
    Ausgewählte Erzz., hg. v. dems., 1979, Nachdr. 1997; W. Simon (Hg.), Rilke, Briefwechsel mit R. U. u. Ellen Delp, 1987 (darin W-Verz. S. 464–76); Ich bin d. Umweg statt d. Weg gegangen, Ein|Lesebuch, zus.gest. u. mit e. biogr. Nachwort hg. v. C. Linsmayer, 2000 (P); – Nachlaß: Kt.bibl. Vadiana, St. Gallen (hierzu: M. Ebneter, Der Literar. Nachlass d. Schriftst. R. U., 1884–1961, in d. Kt. bibl. Vadiana, Dipl.arb. St. Gallen 1999); Monacensia, Lit.archiv u. Bibl. München.

  • Literatur

    L H. Hesse, in: W. Bergengruen u. a., R. U. z. siebzigsten Geb.tag, Sankt Gallen, Am 14. Dez. 1954, o. J. [1954];
    W. Tappolet, R. U., Eine Einf. in ihre Erzz., 1955 (P);
    J. Scherer, R. U., Zu Sprache u. Welt d. Dichterin, Diss. Innsbruck 1958;
    E. Delp, R. U., Eine Biogr. d. Dichterin, 1960 (P);
    D. S. Stephens, R. U., Biogr., Literary Reception, Interpretation, Diss. Austin (Texas) 1980;
    P. Hamm, Die Zurückgebliebene, Etwas über R. U., 1990, in: ders., Der Wille z. Ohnmacht, 1992, S. 59–86;
    U. Voswinckel, Ein Goldener Griffel, Auf Umwegen zu sich selbst, R. U. in: E. Ziegler (Hg.), Der Traum v. Schreiben, Schriftstellerinnen in München 1860–1960, 2000, S. 98–117 (P);
    R. Butz, „Behalte lieb Deine Rega!“. R. U. u. Otto Gross, Eine verdrängte Gesch. aus d. Anfängen d. Psychiatrie, in: St. Galler Tagbl. v. 15. 9. 2005, S. 29 (P);
    K. Kargl, Und nach u. nach versiegte d. Mondnacht in mir, Eine Annäherung an R. U., in: Lit. in Bayern 87, März 2007, S. 2–16 (P);
    dies., Aus d. Schwabinger Bohème ins Schweizer Exil, Das ruhelose Leben d. Schriftst. R. U., in: I. Macek (Hg.), Ausgegrenzt, entrechtet, deportiert, Schwabing u. Schwabinger Schicksale 1933–1945, 2008, S. 489–98 (P);
    dies., In d. Nichts gewürfelt ist meine ganze Welt, in: W. Fromm u. W. Göbel (Hg.), Freunde d. Monacensia, Jb. 2009, S. 172–85 (P);
    R. Klüger, Poesie d. Angst u. Einsamkeit, R. U., Die Landstraße, in: dies., Frauen schreiben anders, 2012, S. 176–179, Kosch, Lit.-Lex. 3 (W, L);
    Killy;
    Metzler Lex. d. dt.-jüd. Lit.; Munzinger.

  • Portraits

    P Photogrr. im Nachlaß, München u. St. Gallen; 3 Gem. v. L. Albert-Lasard, um 1914/15 (Monacensia, Lit.archiv u. Bibl. München, Schillerarchiv Marbach, Rilke-Archiv Gernsbach); Gem., anon., 1920er Jahre (Vadiana, Kt.bibl. St. Gallen), Abb. als Frontispiz v. C. Linsmayer (Hg.), 2000 (s. L); Büste v. G. Chaims, um 1922 (verschollen).

  • Autor/in

    Kristina Kargl
  • Empfohlene Zitierweise

    Kargl, Kristina, "Ullmann, Regina" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 567-569 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118763520.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA