Lebensdaten
1872 – 1942
Geburtsort
Bremen
Sterbeort
Kolchos „Budjonny“ bei Karaganda (Kasachstan)
Beruf/Funktion
Maler ; Graphiker ; Sozialreformer
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118627481 | OGND | VIAF: 56628484
Namensvarianten
  • Vogeler, Johann Heinrich
  • Vogeler, Heinrich
  • Vogeler, Johann Heinrich
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Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Vogeler, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118627481.html [19.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit 1392 in Minden (Westfalen) nachweisbarer Fam., d. im 16. Jh. auch Ratsherren stellte;
    V Carl Eduard (1836–94), Kaufm., Eisenwarengroßhändler in B., S d. Otto Gottlieb (1799–1839), Kaufm. in B., u. d. Anna Margarete Dubbers (1806–83);
    M Marie|Louise (1847–1924), T d. Johann Gottlieb Förster (1798–1859), Brauereibes. in Hameln, u. d. Dorothea Louise Schotte (1813–75);
    Ur-Gvv Johann Gottlieb (1743–1817), Wundarzt, Geb.helfer, Johann Bernhard Dubbers (1771–1824), Kaufm. in B.;
    3 B (1 früh †) Franz (1876–1915 ), gründete 1908 mit V. d. Möbelfabrik „Worpsweder Werkstätte“ in Tarmstedt (s. L), Eduard (1877–1942), Landwirt in Adiek b. Zeven, 3 Schw (1 früh †) Henriette (Henny) (1879–1947), Marie Luise (1883–1943);
    1) Heeslingen b. Zeven 1901 1926 Martha (1879–1961), Kunsthandwerkerin, Textilkünstlerin (s. ThB; Vollmer; AKL), T d. Dietrich Schröder (1843–85), Lehrer in Worpswede, u. d. Becka Margarethe (Meta) Kohlmann (1843–1917), 2) Moskau 1926 1941 Zofia (Sonja) Marchlewská (1898–1983), Übers., Journ. (s. L), T d. Julian Marchlewski (Karski, Kujawiak) (1866–1925), kommunist. Pol. (s. NDB 16; Dt. Kommunisten), u. d. Bronisława (Bronka) Gutman (1866–1952), Biol.;
    3 T aus 1) Marie Luise (Mieke) (1901–45, Gustav Regler, 1898–1963, Schriftst., s. NDB 21), Malerin, Zeichnerin (s. G. Eisenbürger, Exil u. Tod in Mexiko, in: ila 338, Sept. 2010, S. 21–23), Bettina (1903–2001, Walter Müller, 1901–75, Entwurfzeichner f. Bildteppiche, s. Vollmer, AKL), Textilkünstlerin, Martha (Mascha) (1905–93, Hermann Schnaars, 1911–45), 1 vorehel. S aus 2) Jan (1923–2005), 1962 Prof. f. marxist. u. dt. Philos. an d. Lomonossow-Univ. in Moskau, 1957–60 Gastprof. in Leipzig, lebte seit 2001 in Worpswede, Mitarb. im Haus im Schluh ebd. (s. L);
    E Hans Georg Müller (1924–2018), Kunsttischler im Haus im Schluh in Worpswede.

  • Biographie

    Aus einer gutbürgerlichen Bremer Kaufmannsfamilie stammend, besuchte V. zunächst die Real- und Handelsschule in Bremen und nahm im Okt. 1890 ein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie auf. Seine wichtigsten Lehrer dort waren Eduard v. Gebhardt (1838–1925) und Peter Janssen (1844–1908). Gelangweilt vom klassischen Akademiebetrieb, unterbrach V. 1892 das Studium für eine Reise in die Kunstmetropolen Belgiens, Frankreichs und Italiens und entwickelte hier seinen eigenen künstlerischen Stil. Nach Ende des Studiums 1895 ließ V. sich endgültig in der neu entstandenen Künstlerkolonie Worpswede nieder, wo er eine alte Bauernkate erwarb. Innerhalb der Künstlergruppe, die hauptsächlich Landschaftsbilder produzierte, nahm er eine Sonderstellung ein. V. malte Märchenbilder, versetzte seine Figuren ins Mittelalter und schmückte seine Grafiken mit floralen Ornamenten. Sein Bauernhaus baute er zu einer Villa, den Barkenhoff, um und richtete ihn mit selbst entworfenen Gebrauchsgegenständen ein. Teil dieses Gesamtkunstwerks war seine Frau Martha, die in von ihm entworfenen Kleidern und Schmuck Modell stehen mußte. Als Maler, Designer und Jugendstilgraphiker erlangte V. große Anerkennung, beschickte Ausstellungen u. a. in München, Dresden und Oldenburg, illustrierte Bücher und gestaltete 1904 / 05 den als Güldenkammer bekannten Jugendstilsaal im Bremer Rathaus.

    Trotz seines Erfolgs lebte V. abgeschieden. Die Schilderungen Rainer Maria Rilkes, der 1900 auf den Barkenhoff kam und ihm von seinen Reiseerlebnissen aus Rußland und seinen Begegnungen mit Leo Tolstoi berichtete, riefen bei V. ein dauerhaftes Interesse hervor; gleichzeitig begann er die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten im eigenen Land wahrzunehmen und sich für soziale Fragen zu interessieren. 1908 gründete er mit seinem Bruder Franz eine Möbelfabrik, für die er preiswerte, stilvolle Möbel entwarf; zudem konzipierte er Wohnhäuser, die auch für Arbeiter und Bauern erschwinglich sein sollten. Seine Kunst sollte die soziale Situation der Menschen verbessern und ihre Lebensfreude heben. 1909 unternahm er mit der Dt. Gartenstadt-Gesellschaft eine Reise nach England und entwarf eine Arbeitersiedlung.

    Der Ausbruch des 1. Weltkriegs bewirkte einen tiefen Einschnitt in V.s Leben. Seine Ehe war gescheitert, seine Jugendstilkunst nicht mehr gefragt und sein soziales Engagement wurde belächelt. Dieser Erstarrung suchte V. im Aug. 1914 mit einer Meldung als Kriegsfreiwilliger zu entkommen. An der Ostfront mit dem Leid der Menschen konfrontiert, schrieb er im Jan. 1918 einen Friedensappell an den dt. Kaiser, was ihm einen Aufenthalt in einer Bremer Irrenanstalt einbrachte. Im Frühjahr 1918 konnte V. auf den Barkenhoff zurückkehren; hier beschäftigte er sich mit einer neuen Gesellschaftsordnung, die sozialistisch und der christlichen Ethik verpflichtet sein sollte. Mit Gleichgesinnten gründete er auf dem ehemaligen Künstlerhof eine Kommune und Arbeitsschule, die die Erziehung des „Neuen Menschen“ zum Ziel hatte. V. verbreitete seine politischen und pädagogischen Ideen in vielen Schriften, die den Barkenhoff deutschlandweit bekannt machten. Behördliche Einflußnahmen, ideologische Streitigkeiten und erhebliche finanzielle Probleme ließen das sozialistische Experiment 1923 scheitern. Danach wurde der Barkenhoff auf Vorschlag von Julian Marchlewski ein Kinderheim der „Roten Hilfe Deutschland“. V. überließ 1924 seinen Hof der proletarischen Hilfsorganisation und wurde in den Zentralvorstand der Roten Hilfe gewählt.

    Im Juni 1923 reiste V. gemeinsam mit Sonja Marchlewska erstmals nach Moskau – in der Hoffnung, in Rußland den Aufbau einer menschlichen Gesellschaft zu erleben, für die er tätig werden wollte. Künstlerisch veränderte er sich und entwickelte eine moderne, montageartige Maltechnik. Ein frühes, von der Kunstkritik später als „Komplexbild“ bezeichnetes Gemälde mit dem Titel „Die Geburt des Neuen Menschen“ widmete er seinem Sohn Jan, der im Okt. 1923 in Moskau zur Welt kam. Bis 1931 pendelte V. immer wieder zwischen Berlin, seinem neuen Wohnsitz, und der Sowjetunion, wo er neben Moskau auch Karelien, den Kaukasus und die asiat. Republiken besuchte. Eine Fülle von Skizzenbüchern, Aquarellen und Komplexbildern aus dieser Zeit zeugt von seinem regen Schaffen – zugleich häuften sich jedoch die privaten Schwierigkeiten und politische Auseinandersetzungen mit der KPD, der er 1925 beigetreten war. Von seiner letzten Rußlandreise 1931 kehrte V. nicht mehr nach Deutschland zurück. Aus Moskau engagierte er sich gegen Hitler und entwarf antifaschistische Plakate und Flugblätter. Seine letzte intensive künstlerische Phase wurde mit dem Überfall der dt. Wehrmacht auf die Sowjetunion beendet. Im Sept. 1941 brachte man V. mit anderen Exilanten nach Kasachstan. In primitiven Verhältnissen lebte er in einem Kolchos in der kasach. Steppe, wo er nach wenigen Monaten an Entkräftung starb.

  • Auszeichnungen

    |Kl. Medaille d. Wiener Graph. Ausst. (1898);
    Gr. Goldene Kl. Medaille f. Kunst u. Wiss. auf d. Nordwestdt. Kunstausst. in Oldenburg (1905);
    Goldene u. silberne Medaille auf d. Brüsseler Weltausst. (1910).

  • Werke

    |u. a. Ölgem.: Frühling, 1897 (Worpswede, Slg. Haus im Schluh);
    Das Konzert (Sommerabend), 1905 (Worpswede, Große Kunstschau);
    Die Rote Marie, 1919 (ebd.);
    Rote Metropole, 1923 (Moskau, Zentrales Revolutionsmus.);
    Die Geburt des neuen Menschen, 1923 (Privatbes.);
    Hamburger Werftarbeiter, 1928 (St. Petersburg, Staatl. Ermitage);
    Frau im Lehnstuhl (Bildnis d. Schausp. Lotte Loebinger), 1938;
    Gebirgslandschaft in Kabardino-Balkarien, Öl/ Holz, 1940 (beide Worpswede, Barkenhoff, Dauerleihgaben d. Staatl. Mus. zu Berlin);
    – An den Frühling, Mappe mit Radierungen, 1899 (Worpswede, Slg. Haus im Schluh);
    Aus dem Osten, Mappe mit Zeichnungen aus d. Kriegsgebieten, 1916 (Barkenhoff, Worpsweder Archiv);
    W-Verzz.: P. Elze (Hg.), H. V., Buchgrafik, 1997;
    R. Noltenius (Hg.), H. V., Ein Leben in Bildern, Werkverz. d. Gem., 2013;
    H.-H. Rief (Hg.), H. V., Das graph. Werk, 1983;
    Schrr.: Werden, Erinnerungen, mit Lebenszeugnissen aus d. J. 1923–1942, hg. v. J. Priewe u. P.-G. Wenzlaff, 1989 (P);
    Das Neue Leben, Schrr. z. proletar. Rev. u. Kunst, hg. v. D. Pforte, 1972;
    Reisebilder aus d. Sowjetunion, hg. v. P. Elze, 1988.

  • Literatur

    |Sonja Marchlewska, Eine Welle im Meer, Erinnerungen an H. V. u. Zeitgenossen, 1968 (P);
    B. Stenzig, Worpswede – Moskau, Das Werk v. H. V., 1989 (P);
    ders., H. V., Eine Bibliogr. d. Schrr., 1994;
    S. Bresler, H. V., 1996 (P);
    H. V., Zwischen Gotik u. Expressionismus-Debatte, Schrr. z. Kunst u. Gesch., hg. v. dems., 2006;
    B. Küster, H. V. im Ersten Weltkrieg, 2004 (P);
    Heinrich u. Franz Vogeler u. d. Worpsweder Werkstätte, Möbelproduktion, Arbeiterdorf, Arbeiterstreik, Mit e. Nachdr. d. Kat. Worpsweder Möbel n. Entwürfen v. H. V. v. 1914, hg. v. d. Heinrich Vogeler Stiftung Haus im Schluh Worpswede, Erg. Neuaufl., 2011;
    H. V., Künstler, Träumer, Visionär, hg. v. S. Schlenker u. B. Arnold, Ausst.kat. Worpswede 2012 (P);
    S. Bresler, H. V., Lebensstationen, 2017 (P);
    B. Stenzig, Das Märchen vom lieben Gott, H. V.s Friedensappell an d. Kaiser im Jan. 1918, 2018;
    – Niedersächs. Lb. IV, 1960 (P);
    BHdE II;
    ThB;
    Vollmer;
    Dt. Kommunisten (P);
    Kulturlex. Drittes Reich;
    Who is who d. Soz. Arbeit;
    Brem. Biogr.;
    Kosch, Theater-Lex.;
    Dict. of Art.;
    zur Fam.: Stammtafel d. Fam. Wilhelm V.;
    Dt.GB 100, 1938;
    zu Jan: M. Baade (Hg.), Von Moskau n. Worpswede, Jan V., Sohn d. Malers H. V., 2007 (zahlr. Ill., P).

  • Porträts

    |u. a. Selbstbildnisse: Öl/ Pappe, 1900 (Kunstver. Bremerhaven);
    mit Schottenkappe, Öl/ Lw., 1909 (Mus. am Modersohn-Haus, Worpswede;
    2002 gestohlen);
    Öl/ Lw., 1914 (Mus. Gr. Kunstschau, Worpswede);
    Bleistift, 1917 (Barkenhoff-Stiftung, Worpswede), Abb. in: H. V., 2012 (s. L), S. 198;
    Gem. v. A. Schiestl-Arding, Öl/ Pappe, 1931 (Slg. Haus im Schluh, Worpswede);
    Photogrr. v. C. Eeg, 1898 (Barkenhoff-Stiftung, Worpswede), Abb. in: H. V., 2012 (s. L), Vorsatzbl., u. v. N. Perscheid, 1920 (ebd.), Abb. in: H. V., 2012 (s. L), S. 226;
    – Denkmal v. A. Bilyk, 1999 (Karaganda, Kasachstan), Abb. in: M. Baade (s. L), S. 310.

  • Autor/in

    Siegfried Bresler
  • Zitierweise

    Bresler, Siegfried, "Vogeler, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 33-35 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118627481.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA