Lebensdaten
1873 – 1934
Geburtsort
Fürth
Sterbeort
Altaussee (Salzkammergut)
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
jüdisch
Namensvarianten
  • Wassermann, Jakob Karl
  • Wassermann, Jacob Carl
  • Wassermann, Jakob
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Zitierweise

Wassermann, Jakob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz139161.html [21.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Adolf (Abraham) (1844–1901), Kaufm., Fabr. v. Holzspielwaren, Vers.agent in Würzburg, S d. Max (1813–1905), Seiler, dann Spezereihändler in Zirndorf, u. d. Rosette Krailsheimer (1807–71);
    M Henriette (Jette) Traub (1850–82);
    Stief-M Flora Wannbacher, aus Hagenbach;
    Om Aron Traub ( n. 1914), Fächerfabr. (Traub & Strauß) in Wien;
    Wien (?) 1901 1926 Julie (Julia) Elsa (1876–1966), T d. Albert Speyer (1836–1905), Textilfabr., erster jüd. Laienrichter in Wien, u. d. Nanny Wallach (1845–1925), 2) Mart(h)a Barbara (Ps. Barbara Vogel) (1889–1965, 1] Walt[h]er Stroß [Stross], * 1883, Textilindustr.), seit 1919 W.s Lebensgefährtin, Schriftst., emigrierte 1934 in d. Schweiz, studierte Psychol. b. C. G. Jung, ging 1939 n. Montreal u. eröffnete später e. psychotherapeut. Praxis in Ottawa, T d. Carl Karlweis (eigtl. Karl Weiß, auch Weiss) (1850–1901), Eisenbahnbeamter, Schriftst., u. d. Emilie Kraus;
    2 S aus 1) Albert (1901–71), Dr. phil., Chemiker (s. BHdE II; Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft; Pogg. VI, VII a, VIII), Georg Maximilian (1903–68), 2 T aus 1) Judith (Barbara J[udith] Benz) (1906–94), Eva (1915–79, 1] Hermann Friedrich [Armand] Broch de Rothermann, 1910–94, Reiseleiter, Dolmetscher, Übers., S d. Hermann Broch, 1886–1951, Schriftst., s. NDB II, 2] 1972 John C. Pierrakos, 1921–2001, Psychiater in New York, Begründer d. Bio-Energetik), Modezeichnerin, Tänzerin, Psychol., 1 S aus 2) Carl Ulrich (Uli, seit 1935 Charles) (1924–78, Jacqueline Desjardins, 1917–93, Sängerin), emigrierte 1935 n. England, 1940 n. Kanada, kehrte 1954 n. A. zurück, Reporter, Kommentator, Kameramann, Rundfunk- u. Fernsehdramatiker, Erzähler (Kriminalromane).

  • Biographie

    W.s Kindheit in Fürth war von Armut und, nach dem frühen Tod der Mutter, vom Geiz der Stiefmutter geprägt. Die jüd. Religion spielte im Elternhaus keine Rolle. Seit 1883 besuchte W. die Kgl. Realschule in Fürth und publizierte Auszüge aus einem ersten (verschollenen) Roman im „Fürther Tagblatt“. Nach dem Schulabschluß 1889 trat er bei seinem Onkel Aron Traub in Wien eine kaufmännische Lehre an, wurde aber 1891 infolge einer Intrige entlassen und absolvierte seinen Militärdienst in Würzburg. 1892–95 wechselten Phasen des Bohèmelebens mit Zeiten schlecht bezahlter Lohnarbeit, u. a. als Korrespondent in einem Nürnberger Versicherungsbüro, als Beamter in Freiburg (Br.) und als Sekretär des Schriftstellers Ernst v. Wolzogen (1855–1934), der W. dem Verleger Albert Langen (1869–1909) empfahl. Seit 1896 war W. Bürofaktotum, dann Lektor der bei Langen erscheinenden Zeitschrift „Simplicissimus“ in München. Hier begegnete er Thomas Mann (1875–1955) und suchte Kontakt u. a. zu Rainer Maria Rilke (1875–1926) und Hugo v. Hofmannsthal (1874–1929). In dieser Zeit erschienen W.s erste Romane (Melusine, 1896; Die Juden v. Zirndorf, 1897). 1898 wechselte W. als Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ nach Wien, wo er die Autoren der Wiener Moderne kennenlernte. Freundschaft schloß er u. a. mit Hofmannsthal und Arthur Schnitzler (1862–1931). Dieser empfahl W.s Roman „Die Geschichte der jungen Renate Fuchs“ (1901) 1900 seinem Verleger Samuel Fischer (1859–1934), in dessen Zeitschrift „Die neue Rundschau“ (Berlin) seitdem W.s Novellen, Romanvorabdrucke und -auszüge erschienen und der zu W.s engem Freund wurde.

    1904 positionierte sich W. in dem in der „Neuen Rundschau“ erschienenen Aufsatz „Das Los der Juden“ erstmals als Analytiker und Kritiker des Antisemitismus; mit den Romanen „Alexander in Babylon“ (1905) und „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ (1908) legte er den Grundstein für seinen späteren Ruf als „Welt-Star des Romans“ (Th. Mann). „Caspar Hauser“ ist der eindringlichste Beleg für W.s besondere, auf chronikalisch-dokumentarischer Sachlichkeit, psychologischem Historismus und multiperspektivisch-auktorialer Eindringlichkeit beruhende Narrativik. Seine Aufsätze „Das deutsche Wesen“ und „Nationalgefühl“ (beide 1915) zeigen W. als (dt.-)patriotischen Kriegsmythologen. In „Mein Weg als Deutscher und Jude“ (1921) bekannte sich der seit 1919 in Altaussee lebende W. zum Judentum und rechnete sowohl mit dem Antisemitismus als auch mit dem Zionismus ab. Sein Ideal, das sich in seinen Schriften niederschlug, bestand in einer gemeinsamen „Assimilation an die Menschlichkeit“.

    Ende der 1920er Jahre befand sich W. auf dem Zenit seines Ruhms über den dt.sprachigen Raum hinaus; Lesereisen führten ihn u. a. nach Brüssel, in die Schweiz, nach Schweden, Dänemark, in die Niederlande, 1927 in die USA und 1931 nach Riga. In seiner „Andergast“-Trilogie (Der Fall Maurizius, 1928; Etzel Andergast, 1931; Joseph Kerkhovens dritte Existenz, 1934) bot er, motivisch ausgehend von einem Justizirrtum, eine Prosa-Epopöe des dt. Bürgertums seiner Zeit, oder, wie der Ich-Erzähler in „Etzel Andergast“ es ausdrückt: „Geschichtsschreibung, Schicksalsdarstellung, Blick in das Gewebe der Epoche“.

    1933 kam W. einem Ausschluß aus der „Sektion für Dichtkunst“ der Preuß. Akademie der Künste (Mitgl. seit 1926) durch eigenen Austritt zuvor. W.s Bücher gelangten auf die erste „Schwarze Liste“ der Nationalsozialisten; der S. Fischer-Verlag ließ W. als exponierten Juden fallen; die Einnahmen aus Deutschland versiegten fast gänzlich. Zudem ließ seine erste Ehefrau W.s Konto sperren und bemühte sich, das Haus in Altaussee pfänden zu lassen, wo W. bald darauf nach einem Anfall von Angina pectoris starb.

    Viele Romane W.s wurden zu seinen Lebzeiten mehrfach aufgelegt und übersetzt (engl., dän., schwed., russ., poln., hebr., tschech., ungar., franz.), zwei davon verfilmt (Christian Wahnschaffe, 1920, Regie: U. Gad; The Masks of the Devil/ Die Masken Erwin Reiners, 1928, Regie: V. Sjöström). Ws. Erzählweise, die mittels (tiefen-)psychologischer Realistik, visionär-grotesken Innensichten und einer von Mitleidsethik getragenen auktorialen Haltung ausgesprochen suggestiv verfährt, ist einem parabolischen Modernismus verpflichtet. W. war zu Lebzeiten neben Stefan Zweig (1881–1942) der wohl auflagenstärkste dt.sprachige Erzähler und wurde auch unter den Wiener und Berliner Modernen hochgeschätzt. Nach der Zäsur 1933–45 fand er zwar wieder seine Leserschaft, rangierte aber ästhetisch außerhalb des Kanons. Seit Anfang der 2000er Jahre findet W. wieder verstärkt Aufmerksamkeit als private und öffentliche Person sowie als Repräsentant und Kritiker dt.-jüd. Themen.

  • Auszeichnungen

    |J. W.-Lit.preis d. Stadt Fürth (seit 1993).

  • Werke

    Weitere W Schläfst Du, Mutter? Ruth, 1897 (Novellen);
    Die Schaffnerin, Die Mächtigen, [1897] (Novellen);
    Hockenjos oder Die Lügenkomödie, 1898;
    Der niegeküßte Mund, in: Die Insel 2, 1900, S. 247–301 (Novelle);
    Der Moloch, [1902] (Roman);
    Donna Johanna v. Castilien, in: Die neue Rdsch. 16, 1905, Bd. 2, S. 1491–518 (hist. Erz.);
    Rede über Humanität, ebd. 34, 1923, Bd. 1, S. 1–24;
    Das Gold v. Caxamalca, ebd., Bd. 2, S. 981–99 u. 1100–18 (hist. Erz.);
    Engelhart Ratgeber, in: Dt. Roman-Bibl. 35, 1907, Bd. 1, Nr. 9–18 (autobiogr. Roman);
    Die Masken Erwin Reiners, 1910 (Roman);
    Der goldene Spiegel, Erzz. in e. Rahmen, 1911;
    Faustina, Ein Gespräch über d. Liebe, 1912;
    Dt. Charaktere u. Begebenheiten, 1915 (hist. Skizzen);
    Die Prn. Girnara, Weltspiel u. Legende, 1919 (Libretto z. Oper v. Egon Wellesz);
    Oberlins drei Stufen u. Sturreganz, 1922 (Novellen);
    Ulrike Woytich, 1923 (Roman);
    Faber oder Die verlorenen J., 1924 (Roman);
    Der Aufruhr um d. Junker Ernst, 1926 (Erz.);
    Lebensdienst, Ges. Stud., Erfahrungen u. Reden aus drei J.zehnten, 1928;
    Christoph Columbus, Der Don Quichote d. Ozeans, 1929 (Biogr.);
    Hofmannsthal d. Freund, 1930;
    Lukardis, Schausp. in drei Akten, 1932;
    Bula Matari, Das Leben Stanleys, 1932 (Biogr.);
    Meine Landschaft, äußere u. innere, in: Die Slg. 1, 1933 / 34, H. 1, Sept., S. 7–19 (Rede);
    Selbstbetrachtungen, 1933;
    W-Verz.: B. Müller-Kampel, 2007 (s. L);
    Bibliogr. d. Sekundärlit. u. biogr. Übersicht: B. Müller-Kampel u. S. Stadler, in d. Internetpräsentation „Lithes“ d. Univ. Graz;
    Nachlaß: DLA Marbach;
    Österr. Nat.bibl., Wien.

  • Literatur

    |Th. Mann, in: M. Karlweis, J. W., Bild, Kampf u. Werk, 1935, S. 7;
    A. Rigaudière, J. W., 1873–1934, L’homme et l’œuvre. 2 Bde., 1981;
    J. W. 1873–1934, Ein Weg als Deutscher u. Jude, Lesebuch zu e. Ausst., In Verbindung mit d. DLA Marbach am Neckar, hg. v. D. Rodewald, 1984 (P);
    J. W., Deutscher, Jude, Literat, hg. v. D. Niefanger u. a., 2007 (P);
    N. Plöger, Ästhet, Ankläger, Verkünder, J. W.s lit. Anfänge, 1890–1900, 2007;
    B. Müller-Kampel, J. W., Eine biogr. Collage, 2007 (W, L, P);
    Th. Kraft, J. W., Biogr. 2008 (P);
    Fränk. Lb. XII, 1986;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    Killy;
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    Hist. Lex. Wien;
    Metzler Autorenlex. (P);
    Metzler Lex. d. dt.-jüd. Lit. (P).

  • Porträts

    |2 Kohlezeichnungen v. E. Orlik, 1899 (DLA Marbach) u. um 1899 (Berlin, Bildarchiv Preuß. Kulturbes.);
    Brustbild (Karikatur) v. O. Gulbransson, in: Verlagskat. Albert Langen, 1904;
    Gem. v. A. Ulmann-Speyer (Speyer-Ulmann), 1905;
    Halb-Brustbild Druck n. e. Zeichnung v. N. Born, 1924;
    Druck n. e. Zeichnung v. E. Stumpp, 1932 (?), u. Brustbild (Karikatur) v. N. N. Kroll (alles Wien, Österr. Nat. bibl., Bildarchiv);
    Karikatur v. B. F. Dolbin, um 1927 (Dortmund, Inst. f. Ztg.forsch.), Abb. in: J. W., Ein Weg als Deutscher …, 1984 (s. L), S. 107;
    Brustbild (Gem.) v. A. Rumm, Abb. in: Menorah 10, 1932, Nr. 7–8, S. 331;
    Holzschnitt v. Ph. Bauknecht;
    Kohle auf Schreibpapier v. J. Bruijn u. Totenmaske (beides DLA Marbach);
    Photogr. d. Totenmaske v. M. Michaelis, Abb. in: Archiv d. Gesichter, S. 198 f. u. 374;
    Bleistiftzeichnung v. S. Carvallo-Schülein (Leo Baeck Inst., Art Collection);
    Halb-Brustbild. Federzeichnung v. H. Rauchinger (DLA Marbach), Druck n. dieser Federzeichnung (Wien, Österr. Nat.bibl., Bildarchiv), Abb. in: J. W., Ein Weg als Deutscher (…), 1984 (s. L), S. 76.

  • Autor/in

    Beatrix Müller-Kampel
  • Zitierweise

    Müller-Kampel, Beatrix, "Wassermann, Jakob" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 450-451 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz139161.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA