Lebensdaten
1890 – 1945
Geburtsort
Prag
Sterbeort
Beverly Hills (Kalifornien, USA)
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Dichter ; Librettist ; Sprecher ; Übersetzer ; Musiker
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118631373 | OGND | VIAF: 34464361
Namensvarianten
  • Werfel, Franz Viktor
  • Werfel, Franz
  • Werfel, Franz Viktor
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Werfel, Franz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118631373.html [21.07.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Rudolf (1857–1941), Handschuhfabr. in P. (s. ÖBL), S d. Nathan (um 1828–97), Inh. e. Federreinigung in P., u. d. Amalie Elbogen (um 1834–98);
    M Albine (1870–1964), zuletzt in d. USA, T d. Bernhard Kussi (1833–1932), Mühlenbes. in Pilsen, u. d. Franziska [Fani] Feig (1840–1907);
    Om Edwin Kussi (1872–1943 Ghetto Theresienstadt), Dr. med., Arzt in Wien;
    2 Schw Hanna (1896–1964, Herbert v. Fuchs-Robet[t]in, 1885/86–1949, Industr. in P.), befreundet mit Alban Berg, emigrierte mit ihrem Ehemann n. New York, Marianne (Mizzi) (1899–1965, Ferdinand Rieser, 1886– 1947, Gen.dir. d. Schauspielhauses Zürich, emigrierte 1938 in d. USA, s. HLS; Theaterlex. Schweiz), Schausp., Dramatikerin, emigrierte 1938 mit ihrem Ehemann über Frankr. in d. USA (s. Theaterlex. Schweiz);
    1929 Alma (1879 1964, 1] Gustav Mahler, 1860–1911, Komp., Dirigent, beide s. NDB 15, 2] Walter Gropius, 1883 1969, Architekt, 1919–26 Leiter d. Bauhauses in Weimar bzw. Dessau, emigrierte 1934 n. Großbritannien u. 1937 in d. USA, s. BHdE II; NDB VII*, 15* u. 17*), T d. Emil Jakob Schindler (1842–92), Landschaftsmaler in W. (s. ADB 54; ÖBL), u. d. Anna Sofie Bergen (1857–1938), Sängerin;
    1 S (früh †), 1 Stief-T Manon Gropius (1916–35).

  • Biographie

    W. entstammte einer vermögenden dt.böhm.-jüd. Familie und besuchte in Prag die Piaristenschule, das Gymnasium am Graben und das Gymnasium in der Stephansgasse bis zur Reifeprüfung 1909. W., der 1908 in einer Wiener Zeitung sein erstes Gedicht veröffentlichte, neigte zu bohèmehaften Lebensformen, die sich steigerten, als er 1912 Lektor im Verlag von Kurt Wolff (1887–1963) in Leipzig wurde. Hier initiierte er u. a. die für die Entwicklung des Expressionismus wichtige Buchreihe „Der jüngste Tag“ und verfeindete sich mit Karl Kraus (1874–1936), der W.s Gedichte zunächst geschätzt hatte, seit etwa 1913 aber z. T. aus persönlichen Gründen ablehnte. 1914 wurde W. zum Kriegsdienst eingezogen und nach mehreren Beurlaubungen 1916 an der Front in Galizien eingesetzt; 1917 wechselte er in das Kriegspressequartier. Obwohl sich W. mit kritischen Aussagen zurückhielt, war er ein Gegner des Kriegs, was seine vor Aug. 1914 fast abgeschlossene Bearbeitung der „Troerinnen“ des Euripides (1915) ebenso zeigt wie der umfangreiche Briefwechsel mit seiner Freundin Gertrud Spirk (1885–1967). Im Nov. 1918 hielt W. in Wien revolutionäre Brandreden und trat offen für die Roten Garden ein. Später artikulierte er sich kaum noch politisch, sympathisierte aber weiterhin mit der Linken.

    W.s spätere Ehefrau Alma, der er erstmals 1917 in Wien begegnete, führte den kontaktfreudigen W., der bereits in Prag mit vielen Literaten seiner Generation freundschaftlich verbunden war, in die Wiener Gesellschaft ein. Ihr Salon erlangte v. a. in den Jahren des Ständestaats als Ort der Begegnung für Intellektuelle Bedeutung. Das Ehepaar (seit 1929) hielt sich oft in Italien auf und unternahm Reisen u. a. nach Ägypten und Palästina. 1938 ließen sich die beiden zuerst in Frankreich (Sanary-sur-Mer) nieder, dann, nach einer gefährlichen Flucht, die zu einem längeren Aufenthalt in Lourdes führte, in Los Angeles (Beverly Hills). Wegen des Erfolgs seiner Romane in den USA hatte W., dessen letzte Lebensjahre von Krankheit geprägt waren, keine materiellen Sorgen.

    W., der in einer nicht-orthodoxen jüd. Familie aufwuchs, kam schon als Kind mit der kath. Kirche in Berührung. Auf Drängen seiner nicht-jüd. Frau trat er 1929 aus dem Judentum aus, ließ sich aber nicht taufen; jüd. wie christliche (kath.) Motive durchziehen sein Werk.

    W.s erster, formal innovativer Gedichtband, „Der Weltfreund“ (1911), wurde zu einem Grundbuch des Expressionismus. Die hier und in folgenden, bei Wolff erschienenen Sammlungen veröffentlichten Gedichte, die häufig als interessantester und wirkungsmächtigster Teil seines Werks gesehen werden, gelten durch ihre von Walt Whitman beeinflußte Form wie durch ihren „O Mensch!“-Gestus und durch ihre Thematik als expressionistisch, ebenso seine ersten Dramen, etwa „Der Spiegelmensch“ (1920). Das gilt unter dem Gesichtspunkt des Themas (Vater-Sohn-Konflikt) auch von W.s erster längerer Prosaarbeit, der Novelle „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig“ (1920). Mitte der 1920er Jahre, nach dem inflationsbedingten Wechsel vom „Kurt Wolff Verlag“ zum neuen|Wiener „Zsolnay-Verlag“ 1924, näherte sich sein Schreiben konventionellen Verfahrensweisen an, sowohl im Drama (z. B. Juarez u. Maximilian, 1924) als auch in seiner zunehmend in den Vordergrund tretenden, erfolgreichen Epik, in der das Erzählen nie zum Problem wird und die von vielen Kritikern deshalb in die Nähe der Unterhaltungsliteratur gerückt wurde. An „Verdi, Roman der Oper“ (1924) beeindruckt die inhaltliche Kompetenz des Autors, der sehr musikalisch, seit früher Jugend von Verdi begeistert war und später Verdi-Libretti für dt. Bühnen bearbeitete. Neben Novellen entstanden weitere Romane, von denen „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ (2 Bde., 1933) über den Völkermord an den Armeniern in der Türkei, ein sehr gründlich recherchiertes Buch, wegen ihres Themas und ihres humanitären Engagements besonders berühmt sind; die Armenier verehren den Autor bis heute. Weitere bekannte Werke der Exiljahre sind „Der veruntreute Himmel, Die Geschichte einer Magd“ (1939, verfilmt 1958, Regie E. Marischka, als Hörspiel 1951, 1957) und „Das Lied von Bernadette“ (1941, verfilmt 1943, Regie H. King, als Hörspiel 1948, 1954, 1959), der symbolbefrachtete utopische Roman „Stern der Ungeborenen, Ein Reiseroman“ (1945, als Hörspiel 1990) und die Komödie „Jacobowksy und der Oberst“ (1944, verfilmt 1958, Regie P. Glenville, als Hörspiel 1949, 1951, 1958). „Das Lied von Bernadette“ über die Marienerscheinungen in Lourdes fand als eines der ersten im Exil entstandenen Bücher seit 1947 viele Leser in Deutschland und Österreich. W.s meist umfangreiche Romane erlebten zahlreiche Auflagen und wurden in viele Sprachen übersetzt.

    In der zeitgenössischen Literaturszene wurde v. a. der junge, „expressionistische“ W. stark rezipiert. Wenngleich seine Romane auch heute noch viel gelesen werden, ist seine Nachwirkung nach 1945 doch gering. Seine Stücke werden kaum noch aufgeführt. Die dt.sprachige germanistische Forschung behandelt ihn wenig; sie beschäftigt sich am meisten mit seinen Jugendwerken. Deutlich größer ist das Interesse an W. in der Literaturwissenschaft außerhalb des dt. Sprachraums.

  • Auszeichnungen

    |Grillparzerpreis (1926);
    Mitgl. d. Preuß. Ak. d. Künste, Sektion Dichtkunst (1926, ausgeschlossen 1933), Tschechoslowak. Staatspreis u. Schillerpreis (1927);
    Österr. Verdienstkreuz f. Kunst u. Wiss. 1. Kl. (1937);
    Dr. h. c. (Univ. of California, Los Angeles, 1943);
    W.-Str., Wien-Hernals (1949);
    F.-W.-Stipendium d. Österr. Austauschdiensts (seit 1992);
    F.-W.-Menschenrechtspreis v. Zentrum gegen Vertreibungen d. Bundes d. Vertriebenen (seit 2003, zweijährig);
    armen. Ehrenbürger (2006).

  • Werke

    Weitere Werke u. a. Wir sind, Gedichte, 1913;
    Einander, Gedichte, 1914;
    Paulus unter d. Juden, 1926 (Drama);
    Barbara oder d. Frömmigkeit, 1929 (Roman);
    Das Reich Gottes in Böhmen, Tragödie e. Führers, 1930;
    Der Abituriententag, Die Gesch. e. Jugendschuld, 1931;
    Die Geschwister v. Neapel, Roman, 1931;
    Eine blaßblaue Frauenschr., 1941 (Erz., verfilmt 1984, Regie A. Corti);
    Zw. oben u. unten, 1946 (Essays);
    Ges. Werke, hg. v. A. D. Klarmann, 10 Bde., 1948–67;
    Ges. Werke in Einzelbdn., hg. v. K. Beck, 6 Bde., 1989–94;
    Bibliogr.: L. B. Foltin, F. W., 1972;
    J. Michaels, F. W. and the Critics, 1994;
    Quellenlex. dt. Lit.gesch.;
    J. M. Spalek u. S. H. Hawrylchak, F. W., Bibliogr. of German Editions, 2009;
    Archiv Bibliographia Judaica, Lex. dt.-jüd. Autoren, Bd. 20, 2012;
    Nachlaß: Univ. of California, Los Angeles;
    Univ. of Pennsylvania.

  • Literatur

    |L. B. Foltin, F. W., 1972 (W, L);
    P. S. Jungk, F. W., 1987 (P);
    L. Huber (Hg.), F. W., An Austrian Author Reassessed, 1989;
    N. Abels, F. W., 1990 (P);
    K. Auckenthaler (Hg.), F. W., Neue Aspekte seines Werkes, 1992;
    W. Nehring u. H. Wagener (Hg.), F. W. im Exil, 1992;
    W. Paulsen, F. W., Sein Weg in d. Roman, 1995;
    H. Wagener u. W. Hemecker (Hg.), Judentum in Leben u. Werk v. F. W., 2011;
    Karl Kraus, F. W., Eine Dok., hg. v. C. Wagenknecht u. E. Willms, 2011;
    KLL;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    Metzler Autoren Lex. (P);
    Metzler Lex. dt.-jüd. Autoren (W, L, P);
    Killy1+2;
    LThK³;
    BHdE II;
    Munzinger, ÖBL.

  • Porträts

    |Briefmarke d. Österr. Post, 1990, u. d. Dt. Post, 1995;
    Denkmal v. O. Petrosjan, 2000 (Wien, Schillerpark).

  • Autor/in

    Sigurd Paul Scheichl
  • Zitierweise

    Scheichl, Sigurd Paul, "Werfel, Franz" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 806-807 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118631373.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA