Lebensdaten
1861 bis 1938
Geburtsort
Magdeburg
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118577565 | OGND | VIAF

Verknüpfungen

Visualisieren

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Marcks, Erich, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118577565.html [27.08.2016].

CC0

Marcks, Erich

Historiker, * 17.11.1861 Magdeburg, 21.11.1938 Berlin.

  • Genealogie

    V Albert (1830–88), Stadtbaudir. u. Architekt in M., S d. Albert (1804–84), Oberfeuerwerker b. d. Artilleriebrigade, dann Geh. Kanzleirat in B., u. d. Johanna Volmar (1811–1904); M Therese (1841–72), T d. Louis Peter Coqui (1818–90), Großkaufm. in M., u. d. Emilie Caroline Hundrich (1818–94); Vt Gerhard (s. 3); - Schweidnitz 1889 Friederike (1865–1951), T d. Strafanstaltsdir. Gustav v. Sellin (1823–76) u. d. Agnes Balluseck (1839–1914); 3 S (1 ⚔), 1 T, u. a. Erich (s. 2), Otto (1905–78), Oberst, Gerta (1897–1986, Willy Andreas, 1884–1967, Prof. d. Gesch. in Heidelberg).

  • Leben

    Vom Gymnasium zum Kloster Unserer Lieben Frau der Heimatstadt ging M. 1879 zum Studium der Alten Geschichte nach Straßburg, folgte seinem Lehrer Heinr. Nissen nach Bonn und studierte schließlich, „zu Theodor Mommsen gezogen“, in Berlin. Nach der Straßburger Promotion über „Die Überlieferung des Bundesgenossenkrieges 91-89 v. Chr.“ (1884) wandte er sich jedoch, von Heinr. v. Treitschke tief beeindruckt, der Neueren Geschichte zu, und zwar – unter dem Einfluß Hermann Baumgartens und eingedenk der hugenottischen Ahnen mütterlicherseits – den franz. Religionskriegen. Mit einer Arbeit über die Zusammenkunft von Bayonne 1565 habilitierte er sich 1887 in Berlin bei Treitschke, trotz dessen heftigem Streit mit Baumgarten. Der 1892 erschienene erste Band einer Coligny-Biographie und Treitschkes Empfehlung führten zum Ruf nach Freiburg i. Br., von wo M. 1894 nach Leipzig, 1901 nach Heidelberg, 1907 an die Hamburg. Wissenschaftliche Stiftung, 1913, nach einer Gastprofessur in den Vereinigten Staaten, nach München und 1922 unter gleichzeitiger Berufung zum Historiographen des preuß. Staates und Aufnahme in die Preuß. Akademie der Wissenschaften, nach Berlin ging (Emeritierung 1928).

    1897 erschien noch eine Monographie über „Kgn. Elisabeth von England und ihre Zeit“ (31951), und M.s Vorlesung über „Die Gegenreformation in Westeuropa“, die ein wichtiger Teil seines Universitätsrepertoires blieb, wurde 1930 zur Grundlage seines Beitrags zu Bd. V von Walter Goetz' „Propyläen-Weltgeschichte“. „Heimweh“ ließ ihn dann jedoch die „fremde Geschichte“ verlassen. Für die ADB (Bd. 42, 1897, S. 517-692) schrieb er an Stelle des verstorbenen Heinr. v. Sybel die einfühlende und anschauliche Biographie Kaiser Wilhelms I. (auch als Separatdruck, 91943). Sie wurde zum Einstieg in das große Hauptthema nicht nur seiner historischen Arbeit: Bismarck, den er 1893 in Friedrichsruh hatte besuchen dürfen und dessen Sohn Herbert ihm das Familienarchiv öffnete. Neben kleineren Arbeiten, zumal einer Auseinandersetzung mit „Gedanken und Erinnerungen“ (1899), entstand zunächst der Band „Bismarcks Jugend 1815-1848“ (1909, 211951) einer geplanten großen Bismarck-Biographie. Ein zweiter Band „Bismarck und die deutsche Revolution 1848-1851“ blieb liegen und erschien postum 1939 (51951). Dafür kam 1915 „Otto v. Bismarck, Ein Lebensbild“ heraus (261944), und der zweite Band des seit den frühen 20er Jahren unter Mühen erstellten epischen Alterswerks „Der Aufstieg des Reiches“ (1936, 31943), das von 1807 bis 1871/78 reicht, ist wiederum „Bismarck“ gewidmet. Die Biographie, freilich mit der Umwelt des Helden und seinem zeitgeschichtlichen Hintergrund, hat dem empfindsamen Psychologen M. besonders gelegen – Calvin, Philipp II., itt der Jüngere, Karl August von Sachsen-Weimar, Roon und die Historiker Sybel, Treitschke, Ludwig Häusser, Karl Theodor v. Heigel, Max Lenz –, wie dem Künstler M., der Bekanntschaft, ja Freundschaft in Leipzig mit Ludwig v. Hofmann, in Heidelberg mit Hans Thoma, in Hamburg mit Alfred Lichtwark und Leopold Gf. v. Kalckreuth, in München mit Thomas Mann, Hans Pfitzner und Bruno Walter pflegte, der historische Essay. Essay-Sammlungen sind „Männer und Zeiten“ (1911, 71942, mit von Auflage zu Auflage variiertem Inhalt), „Geschichte und Gegenwart“ (1925), schließlich (postum) „Englands Machtpolitik“ (1940, 31944).

    M., Max Lenz und Hermann Oncken gelten gemeinhin als die führenden Neurankeaner, die nach erfolgreicher Reichsgründung weg von den nationalliberalen politischen Historikern der Vätergeneration zu dem irenischobjektiv betrachtenden, universalhistorischen Altmeister zurückstrebten. Im Imperialismus sah M. das notwendige Ausgreifen von Rankes „großen Mächten“ in die Welt, wo es unter gleichberechtigter Beteiligung Deutschlands ein neues Gleichgewicht herzustellen gelte, und bejahte ihn, wenn er – feinnerviger, ja weicher Aristokrat, der er war – auch vor den Häßlichkeiten des Industriezeitalters und dem Hochkommen der Massen zurückschreckte, die Ausbreitung von Egoismus und Materialismus mit Bedenken sah und den Verlust an Kultursubstanz beklagte. Die angestrebte Vermittlung von Ranke und Bismarck geriet sehr bismarcklastig, und der neuidealistische Versuch, „Goethe und Bismarck“ (1911 u. 1918) zu vereinen, mußte fehlschlagen. M.s nationaler „Realismus“ und Machtästhetizismus und vollends sein leidenschaftlicher rednerischer Einsatz für den als Höhepunkt deutscher Geschichte verherrlichten Weltkrieg ließen ihn Rankes religiös-ethische Bindungen mehr und mehr abstreifen und geradezu zum Nachfolger und Fortsetzer Treitschkes werden. Das bewunderte, ja beneidete „stammverwandte“ England wurde ihm, jedenfalls eine Zeitlang, zum Hauptgegner, und in der Kriegszieldiskussion näherte er sich, wenn auch vorsichtig, den Annexionisten auf der Rechten (Mitteleuropa unter deutscher Führung!). So mußte ihn die Niederlage von 1918 schwer erschüttern. Zusammen mit dem jüngeren, ihn sehr verehrenden Karl Alexander v. Müller, mit dem er die „Meister der Politik“ (3 Bde., 1922/23) herausgab, verschrieb er sich einem reaktionären nationalen Revisionismus (Die Versklavung des deutschen Volkes, 1921; Pfingstpredigt, 1922; Tiefpunkte des deutschen Schicksals in der Neuzeit, 1925) und lehnte im Sinne des deutschen Sonderwegs den Weimarer Parlamentarismus ab, wenngleich er, nach wie vor um Verstehen und Gerechtigkeit bemüht und negativer Polemik abhold, einem Mann wie Friedrich Ebert den Respekt nicht versagte. Die alte Freundschaft mit dem langjährigen Weggenossen Friedrich Meinecke, der als „Reinhold“ mit ihm, „Eberhard“, noch das fingierte „Gespräch aus dem Herbste 1919“ geführt hatte (Nach der Revolution, Betrachtungen über unsere Lage, 1919, S. 107-44), erkaltete. 1926 versuchte M. in fünf Rundfunkvorträgen über „Auf- und Niedergang im deutschen Schicksal“ sich und seinen Zuhörern Mut zu machen. In der Krise der frühen 30er Jahre stellte er sich hinter Hindenburg und ging wie dieser den Weg ins Dritte Reich. Der angesehenste und mit Ehren und Titeln überhäufte deutsche Geschichtsprofessor der Zeit, seit 1916 Sekretär und seit 1923 Präsident der Historischen Kommission bei der Bayer. Akademie der Wissenschaften, 1928 Gründungsmitglied der Historischen Reichskommission und seit 1910 Mitherausgeber der Historischen Zeitschrift, ließ er sich 1935 mit Heinr. v. Srbik und K. A. v. Müller von Walter Frank als Ehrenmitglied für dessen Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands gewinnen, erhielt 1936 den Adlerschild für Verdienste um Kunst und Wissenschaft und kam von einer Audienz bei Hitler „bewundernd heim“ (Meinecke).

    Mit den übersteigerten Vorstellungen des stillen und konfliktscheuen Gelehrten von der Rolle der großen Männer in der Geschichte, zumal seiner pseudoreligiösen Bismarck-Apotheose, seiner Macht- und Staatsvergottung, seiner immer wieder vorgetragenen Überzeugung vom Primat der Außenpolitik, seiner deutschen Reichsmystik, seinem im Alter hervortretenden Zukunfts- und Jugendkult und seinem naturalistischen Sprachsuperlativismus muß M. als einer der geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus gelten.

  • Werke

    Weitere W u. a. Einl. zu: H. Baumgarten, Hist. u. pol. Aufsätze u. Reden, 1894, S. V-CXXXIV; Die imperialist. Idee in d. Gegenwart, 1903; A. Lichtwark u. s. Lebenswerk, 1914; Wo stehen wir? Die pol., sittl. u. kulturellen Zusammenhänge unseres Krieges, 1914 (Teilabdr. in: K. Böhme, Aufrufe u. Reden dt. Professoren im 1. Weltkrieg, 1975, S. 80-88); Bismarck u. unser Krieg, in: Süddt. Mhh. 11, 1914, S. 780-87; Der Imperialismus u. d. Weltkrieg, 1916; An d. Schwelle d. dritten Kriegsj., 1916; Luther u. Dtld., Eine Reformationsrede im Kriegsj. 1917, 1917 (dän., 1918); Ostdtld. in d. dt. Gesch., 1920; England u. Frankreich während d. letzten Jhh., 1923 (auch engl.); Preußen als Gebilde d. auswärtigen Pol., in: Gesch. u. Gegenwart, 1925, S. 109-57; Hindenburg als Mensch u. Staatsmann, in: O. Karstedt (Hrsg.), Paul v. Hindenburg, 1932, S. 39-76 (wieder in: W. Hubatsch [Hrsg.], Persönlichkeit u. Gesch. 32, 1963).

  • Literatur

    F. Friedrich, in: HV 31, 1937/39, S. 809-26; K. Stählin, in: HZ 160, 1939, S. 496-533; F. Hartung, in: Jb. d. Preuß. Ak. d. Wiss., Jg. 1939, 1940, S. 167-74 (W-Verz.); P. Wenger, Grundzüge d. Gesch.schreibung v. E. M., 1950; H. v. Srbik, Geist u. Gesch., Vom dt. Humanismus b. z. Gegenwart, Bd. 2, 1951; ders., Die wiss. Korr. d. Historikers 1912–45, hrsg. v. J. Kämmerer, 1988; K. A. v. Müller, Erinnerungen, 3 Bde., 1951/66; W. Goetz, Historiker in meiner Zeit, Ges. Aufsätze, 1957; O. Gf. zu Stolberg-Wernigerode, in: Die Welt als Gesch. 21, 1961, S. 249-56; F. Meinecke, Ausgew. Briefwechsel, hrsg. v. L. Dehio u. P. Classen, 1962 (auch f. S Erich); H.-H. Krill, Die Rankerenaissance, M. Lenz u. E. M., Ein Btr. z. hist.-pol. Denken in Dtld. 1880-1935, 1962 (vgl. d. Rez. v. H. Schleier, in: Zs. f. Gesch.wiss. 12, 1964, S. 497-500); J. Streisand (Hrsg.), Die bürgerl. dt. Gesch.schreibung v. d. Reichseinigung v. oben b. z. Befreiung Dtld.s v. Faschismus, 1965; G. M. Stewart, in: B. E. Schmitt, Some Historians of Modern Europe, Essays in Historiography, 1966 (11942), S. 279-305 (W, L); H. Heiber, Walter Frank u. s. Reichsinst. f. Gesch. d. neuen Dtld.s, 1966; G. G. Iggers, The German Conception of History, The National Tradition of Historical Thought from Herder to the Present, 1968 (dt. 1971, 21972); Ch. Weisz, Gesch.auffassung u. pol. Denken Münchener Historiker d. Weimarer Zeit, 1970 (L); E. Fehrenbach, Rankerenaissance u. Imperialismus in d. wilhelmin. Zeit, in: B. Faulenbach (Hrsg.). Gesch.wiss. in Dtld., 1974, S. 54-65; H. Schleier, Die bürgerl. dt. Gesch.schreibung d. Weimarer Republik, 1975; Th. Mann, Tagebücher 1918–21, hrsg. v. P. de Mendelssohn, 1979; B. Faulenbach, Ideologie d. dt. Weges, Die dt. Gesch. in d. Historiographie zw. Kaiserreich u. Nationalsozialismus, 1980; R. vom Bruch, Wiss., Pol. u. öffentl. Meinung, Gelehrtenpol. im Wilhelmin. Dtld. (1890–1914), Diss. München 1980; W. Weber,|Priester d. Klio, Hist.-soz.wiss. Stud. z. Herkunft u. Karriere dt. Historiker u. z. Gesch. d. Gesch.wiss. 1800-1970, 1984; ders., Biogr. Lex. z. Gesch.wiss. in Dtld., Österreich u. d. Schweiz, 1984 (W, L).

  • Portraits

    Gem. v. L. Gf. v. Kalckreuth, 1912 (Hamburger Kunsthalle); Büste v. J. W. Fehrle (Privatbes.); Phot. in: Geist u. Gestalt, Biogr. Btrr. z. Gesch. d. Bayer. Ak. d. Wiss. III, 1959, Abb. 200, u. in: Die Hist. Komm b. d. Bayer. Ak. d. Wiss. 1858-1958, 1958, n. S. 160.

  • Autor

    Peter Fuchs
  • Empfohlene Zitierweise

    Fuchs, Peter, "Marcks, Erich" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 122-125 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118577565.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Artikel noch nicht erschlossen.