Lebensdaten
1885 bis 1947
Geburtsort
Frankfurt/Main
Sterbeort
Washington D. C
Beruf/Funktion
Historiker ; Archivar ; Publizist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118803735 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Valentin, Veit Rudolf
  • Valentin, Veit
  • Valentin, Veit Rudolf
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Zitierweise

Valentin, Veit, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118803735.html [04.07.2020].

CC0

  • Genealogie

    Aus Frankfurter bürgerl. Fam. mit hugenott. Herkunft;
    V Veit (1842–1900), aus F., Gymn.prof., Philol., Lit.- u. Kunsthist., Goetheforscher in F., Leiter d. Gesamtausschusses d. Freien Dt. Hochstifts (s. BJ V, Tl.; Frankfurter Biogr.), S d. Johann Daniel (1800–47), Weinhändler in F., u. d. Katharina Daumer;
    M Karoline (1855–1923), Musikhist., Mitgl. d. Allg. Dt. Frauenver. (s. Riemann; Frankfurter Biogr.), T d. Oskar Pichler (1826–65), Architekt in F. (s. ADB 55);
    Ur-Gvv Johannes (1762–1804), aus Hanau, Aufseher d. hessen-kassel. Post, 1793 Bürger in F., gründete 1794 d. Weinhandlung J. Valentin & Otte auf d. Kornmarkt, d. 1804 aufgelöst wurde;
    Gr-Ov Georg Friedrich Daumer (1800–75), Rel.philos., Schriftst. (s. NDB III);
    2 Schw u. a. Klara, Oberschullehrerin in F.;
    1) Kassel 1919 1937 Ilse (Isa) (1884–1954), Diakonisse, T d. Ernst Frhr. v. Münchhausen (1847–1921), auf Straußfurt, preuß. Rittmeister, u. d. Elisabeth Henriette Charlotte v. d. Malsburg, 2) Arlington (Virginia) 1946 Liane (* 1912), aus Wien, RA, T d. Karl Johann Emil v. Krolikiewicz u. d. Elise Friedländer;
    1 S aus 1) Wolfgang (1920–46 Freitod).

  • Leben

    V. wuchs in Frankfurt/M. auf. Nach dem Abitur 1903 studierte er Geschichte in Heidelberg und wurde 1906 mit der Arbeit „Politisches, geistiges und wirtschaftliches Leben in Frankfurt a. M. vor Beginn der Revolution 1848–49“ (gedr. 1907) bei Erich Marcks (1861–1938) zum Dr. phil. promoviert. Zu dessen Lieblingsschülern zählend, wurde V. von Marcks’ Bildungsästhetizismus und neurankeanischem Ansatz nachhaltig beeinflußt. Nach Reisen ins westliche Ausland habilitierte er sich 1910 in Freiburg (Br.) mit der Studie „Fürst Karl Leiningen und das deutsche Einheitsproblem“ (gedr. 1910), für die er – wie für die meisten seiner historiographischen Arbeiten – neues Quellenmaterial erschloß (ao. Prof. 1916). 1912–14 betrieb er Studien im Geheimen Staatsarchiv in Berlin.

    Zeitweilig auch literarisch ambitioniert, v. a. aber publizistisch tätig, engagierte sich V. – beeinflußt vom Sozialliberalismus Friedrich Naumanns – für die Fortschrittliche Volkspartei. Während des 1. Weltkriegs anfangs in Briefzensur und Nachrichtenbüro, später bei den Nachrichtentruppen eingesetzt, war er zweimal beurlaubt, um Forschungsaufträge für das Auswärtige Amt durchzuführen. Verstand V., wie ein Großteil der Professoren, den Krieg zunächst als Kulturkrieg, so griff er bald alldt. Geschichtsinterpretationen und Ziele scharf an, was auf heftigen Widerspruch des Freiburger Prorektors Georg v. Below (1858–1927) stieß. Zugleich in eine Presseaffäre – hervorgerufen durch eine Indiskretion über eine von V. in einem Privatgespräch geäußerte Kritik an Alfred v. Tirpitz und dem Reichsmarineamt – mit jur. Auseinandersetzungen verwickelt, sah sich V. auf Druck von Fakultät und Kultusministerium gezwungen, seine Venia legendi 1917 zurückzugeben, was seine akademische Karriere faktisch beendete. Bis 1918 war V. im Büro Hobohm tätig, das im Auftrag der Zentralstelle für Auslandsdienst des Auswärtigen Amts dem Annexionismus und seinen Folgen im Ausland entgegenwirken sollte. 1920 erhielt er eine Stelle als Archivrat beim Reichsarchiv in Potsdam, seit 1919 lehrte er bereits zudem an der Handelshochschule und an der Hochschule für Politik in Berlin.

    V. begrüßte die Weimarer Republik, plädierte für einen dezentralen Einheitsstaat, trat 1918 in die DDP ein, war zeitweilig deren Kreisvorsitzender in Potsdam und setzte sich für einen Ausgleich von Bürgertum und Arbeiterschaft ein, was mit der Absage an linksextreme und dt.nationale Positionen verbunden war. Durch die Kriegserfahrung zum Pazifisten geworden, engagierte er sich mit reger publizistischer Tätigkeit in der Liga für den Völkerbund (Gesch. d. Völkerbundgedankens, 1920). 1926–33 war er Mitherausgeber der „Friedens-Warte“.

    Von V.s Beschäftigung mit der vieldiskutierten Vorgeschichte des Weltkrieges zeugt „Deutschlands Außenpolitik von Bismarcks Abgang bis zum Ende des Weltkrieges“ (1921), mit der er – trotz seiner Kritik an Nationalismus und Militarismus – das dt. Ausgreifen in die Weltpolitik in der Wilhelminischen Zeit verteidigte. Vor allem aber setzte V. seine|Studien über die dt. Revolution 1848/49 fort. Sein Werk „Die erste deutsche Nationalversammlung“ (1919) arbeitete die Hauptfragen des Paulskirchenparlaments heraus, wertete die Linke auf und interpretierte die Revolution nicht als Vorbereitung der Bismarckschen Reichsgründung. Vielmehr stellte V. die Weimarer Republik in die Tradition der Revolution 1848/49, was auch Ausdruck in seiner Forderung nach einem Nationaldenkmal für Robert Blum (1928) fand. Bis heute lesenswert und von Einfluß auf die Forschung ist V.s „Geschichte der deutschen Revolution von 1848–49“ (2 Bde., 1930/31, Neudr. 1998), in der er auf der Basis einer enormen Quellenkenntnis und vor dem Hintergrund einer diffusen Forschungslage in umfassender Weise die Vorgeschichte, das revolutionäre Geschehen an verschiedenen Orten (Frankfurt, Berlin, Wien) und in verschiedenen Einzelstaaten sowie die Gründe des Scheiterns und dessen Folgen darstellte. Verknüpft mit diesem Werk waren Publikationen über das „Hambacher Nationalfest“ (1932, Neudr. 1978) und „Die deutschen Farben“ (1929 mit Ottfried Neubecker), in denen V. den „Flaggenstreit“ in eine historische Perspektive rückte, und für Schwarz-Rot-Gold Partei nahm.

    Im Juni 1933 wurde V. unter Berufung auf das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Staatsdienst entlassen. Er emigrierte nach England, erhielt durch Vermittlung von George Peabody Gooch und George M. Trevelyan einen Lehrauftrag am Univ. College der Univ. London und hielt zahlreiche Vorträge. In seiner „Weltgeschichte, Völker – Männer – Ideen“ (1938, eingel. u. bis z. Gegenwart fortgeführt v. A. Wucher, 1960) charakterisierte V. den Verlauf der Weltgeschichte als „Wellenlinie von grausamer Gewundenheit“ und als Kampf um die „Lebensgüter“ Religion, Kunst, Wissenschaft und Staatsform, was naturgemäß anfechtbar war.

    Nach der Zuspitzung des dt.-brit. Verhältnisses wurde V.s Lehrauftrag in London 1938 nicht verlängert. V. nahm daraufhin 1939 eine Einladung des „Institute of International Education“ in New York zu einer Vortragsreise an und blieb in den USA, wo er mit erheblichen ökonomischen Problemen kämpfen mußte. 1945 reiste er im Auftrag der Strategic Services des amerik. Kriegsministeriums nach Deutschland, um an der Aufbereitung von Materialien für die Nürnberger Prozesse mitzuwirken. Seine Eindrücke verarbeitete er in seiner „Geschichte der Deutschen“ (1947, 2. Aufl. in 2 Bdn. 1949, Neuaufll. 1979 u. 1992, engl. 1946), in der er die Besonderheiten der dt. Geschichte und des dt. „Volkscharakters“ zu erklären versuchte. Für die Zukunft wünschte sich V. eine europ. Föderation, in der Deutschland ein Teil sein sollte. 1947 starb er im Georgetown Hospital in Washington an einem Nierenleiden.

    V. zählt zu der Minderheit von Historikern der Weimarer Zeit, die sich für die Erhaltung und Gestaltung der Demokratie engagierten. Seine Geschichtsschreibung ist durch „einen oft ästhetischen Historismus auf lebensphilosophischer Grundlage“ (Wehler) geprägt, der Geschichte sinnlich-anschaulich und damit recht subjektiv darzustellen versucht. Sie wirkt wie Literatur, doch ist sie nicht nur historiographiegeschichtlich interessant, sondern wirkt etwa in Forschungen zur Geschichte der Revolution 1848/49 bis heute nach.

  • Werke

    W Frankfurt am Main u. d. Rev. v. 1848–49, 1908;
    Die Mächte d. Dreiverbandes, 1914;
    Belgien u. d. gr. Pol. d. Neuzeit, 1915;
    Kolonialgesch. d. Neuzeit, Ein Abriß, 1915;
    Entente u. Neutralität, 1917;
    Bismarck u. seine Zeit, 1918;
    Die 1848er Demokratie u. d. Völkerbundsgedanke, 1919;
    Das erste dt. Parl. u. wir, 1920;
    Baden u. Preußen im J. 1949, in: Von staatl. Werden u. Wesen, FS Erich Marcks z. 60. Geb.tag, dargebracht v. L. Bergsträsser, M. Laubert u. a., 1921, S. 103–22;
    Bismarcks Außenpol. v. 1871 bis 1890, 1922;
    Die pol. Parteien in Dtld., in: Teubners Hdb. d. Staats- u. Wirtsch.kde., 1. Abt., 2. Bd., H. 1, 1924;
    Friedrich d. Große, 1927;
    Bismarcks Reichsgründung im Urteil engl. Diplomaten, 1937;
    Bismarck and Lasker, in: Journal of Central European Affairs 3, 1943/44, S. 400–15;
    Perspektiven u. Profile, Aus Schrr. V. V.s, hg. v. Frankfurter Ver. f. Gesch. u. Landeskde., ausgew. u. eingel. v. W. Schaber, 1965 (Einl., S. 7–46, P);
    Nachlaß: BA, Berlin;
    Inst. f. Stadtgesch. Frankfurt/M.

  • Literatur

    L Der Fall V., Die amtl. Urkk., hg. u. eingel. v. F. Rachfahl, 1920; P. Honigsheim, V. V., Der Weg e. dt. Hist. z. Pazifismus, in: Die Friedens-Warte, 1947, Nr. 4/5, S. 274 ff.;
    R. H. Bauer, in: Some 20th Century Historians, hg. v. W. Halperin, 1961, S. 274–82; E. Fehrenbach, in: H.-U. Wehler (Hg.), Dt. Hist., Bd. 1, 1971, S. 69–85;
    H. Schleier, in: ders., Die bürgerl. dt. Gesch.schreibung in d. Weimarer Rep., 1975, S. 346–98 (P); H.-U. Wehler, Staatsgesch. oder Ges.gesch.? Zwei Außenseiter d. dt. Hist.zunft, V. V. u. Ludwig Quidde, in: H. Berding u. a. (Hg.), Vom Staat d. Ancien Régime z. modernen Parteienstaat, FS Theodor Schieder zu seinem 70. Geb.tag, 1978, S. 349–68; V. Ullrich, Ein lib. Patriot, V. V.s „Gesch. der Deutschen“ in e. leider unkomm. Neuaufl., in: Die Zeit v. 20. 3. 1992, S. 53; ders., V. V., „Gesch. d. dt. Rev. 1848–1849“, ebd. v. 19. 2. 1998, S. 40;
    B. Faulenbach, in: Historikerlex.;
    BHdE II;
    Frankfurter Biogr. (P); Kosch, Lit.Lex. 3 (W, L)

  • Autor/in

    Bernd Faulenbach
  • Empfohlene Zitierweise

    Faulenbach, Bernd, "Valentin, Veit" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 701-702 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118803735.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA