Lebensdaten
1869 bis 1949
Geburtsort
Moskau
Sterbeort
Salzburg
Beruf/Funktion
Komponist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118593625 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Pfitzner, Hans Erich
  • Pfitzner, H.
  • Pfitzner, Hans Erich

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Zitierweise

Pfitzner, Hans, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118593625.html [28.07.2016].

CC0

Pfitzner, Hans Erich

Komponist, Musikschriftsteller, * 5.5.1869 Moskau, 22.5.1949 Salzburg, Zentralfriedhof Wien, Ehrengrab. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Robert (1825–1904), Violinist am Stadttheater Würzburg, 1860-72 am Operntheater Moskau, bis 1892 am Stadttheater Frankfurt/M., Musikdir. ebd., S d. Gottfried (1795–1887), Stadtmusikdir. u. Kantoreiverw. in Frohburg (Sachsen); M Wilhelmine Reimer (1841–1924), aus Moskau; 1) Canterbury 1899 Mimi (1879–1926), T d. James Kwast (1852–1927), Pianist, Komp. (s. MGG; Riemann mit Erg.bd.), u. d. Tony Hiller (1850–1931), Schausp., 2) München 1939 Mali Soherr (1893–1963), T d. Wilma Stoll; Gvv d. 1. Ehefrau Ferdinand v. Hiller (1811–85), Komp., Dirigent, Pianist (s. NDB IX); 2 S aus 1) Paul (1903–36, s. L), Peter (1906–44, ⚔), Regisseur u. Schausp., 1 T Agnes (1908–39, Freitod), Ärztin, 1 Stief-S Hermann Soherr (* 1924), Regisseur in Wuppertal, 1 Stief-T Annelore Habs (* 1921).

  • Leben

    Nach Rückkehr der Familie aus Moskau 1872 besuchte P. seit 1878 in Frankfurt/M. die Klingerschule und studierte 1886-90 am Hoch'schen Konservatorium (Musiktheorie bei Iwan Knorr, Klavier bei James Kwast, seinem späteren Schwiegervater). Neben einer intensiven Auseinandersetzung mit der Philosophie Schopenhauers prägten ihn besonders die Freundschaft mit dem Journalisten Paul N. Cossmann (1869–1942) und der Kontakt zu James Grun (1866–1928), dem Textdichter seiner beiden ersten Opern („Der arme Heinrich“ u. „Die Rose vom Liebesgarten“). Nach Lehr- und Kapellmeisterstellen in Koblenz und Mainz, wo 1895 „Der arme Heinrich“ uraufgeführt wurde, lehrte P. 1897-1907 Komposition am Stern'schen Konservatorium in Berlin, wo er seit 1903 auch als Kapellmeister am Theater des Westens arbeitete. In die Berliner Zeit fiel die Uraufführung der „Rose“ (1901 in Elberfeld) und die Annahme dieses Werks durch Gustav Mahler in Wien (1905); damit begann zugleich die jahrzehntelange Beziehung zu Alma Mahler (1879–1964). Einen Höhepunkt in P.s Karriere und künstlerischem Wirken bildete die Berufung zum Städtischen Musikdirektor und Direktor des Konservatoriums in Straßburg (1908–18), wo er 1910-16 auch Operndirektor war, eine Opernschule einrichtete und in zahlreichen Konzerten und Aufführungen musikdramatischer Werke als Dirigent und Regisseur hervortrat. In Straßburg schuf er Dichtung und Musik seiner bekanntesten Oper „Palestrina“ (UA 1917 in München unter Bruno Walter), die nach Anlage und Aussage einem Schopenhauer-Motto folgt und von P. selbst als Lebensbekenntnis angesehen wurde. Sie begründete die Beziehung zu Thomas Mann (1875–1955), die sich – z. B. durch Mann als Mitbegründer des „Hans-Pfitzner-Vereins für deutsche Tonkunst“ (1918) – bis 1922 noch intensivierte, um dann an der konträren Haltung beider zur Weimarer Republik und zum Dritten Reich zu zerbrechen. Nach der Flucht aus Straßburg angesichts der deutschen Niederlage im 1. Weltkrieg ließ sich P. 1919 in Schondorf/Ammersee nieder, von wo aus er 1920-29 an der Preuß. Akademie der Künste in Berlin eine Meisterklasse für Komposition leitete, aus der namhafte Komponisten (Felix Wolfes, Hermann Ambrosius, Robert Rehan, Eduard Hebra, Gerhard Frommel) hervorgingen.

    Für P. begann nun eine besonders produktive Phase (Violinsonate op. 27; Eichendorff-Kantate „Von deutscher Seele“ op. 28; Klavierkonzert op. 31; Violinkonzert op. 34; Streichquartett op. 36 sowie diverse Liederzyklen); zudem veröffentlichte er mit „Die neue Ästhetik der musikalischen Impotenz, Ein Verwesungssymptom?“ (1917, 21918, Wiederabdr. 1926 in; Ges. Schrr. II) die provokanteste seiner theoretischen Schriften. Ausgehend von radikaler Kritik an Ferruccio Busoni wandte sich P. gegen Atonalität und brachte die progressiven Tendenzen der zeitgenössischen Musik in Zusammenhang mit Strömungen wie Bolschewismus, Amerikanismus und Pazifismus, die seiner Meinung nach entschieden zu bekämpfen seien. Mangelndes deutsches Nationalbewußtsein und insbesondere „das Judentum“ schienen ihm verantwortlich für die „Impotenz“, den angeblichen Verfall der schöpferischen Kräfte.

    Das Trauma des frühen Todes seiner Frau 1926 leitete den Übergang zum Spätwerk ein: Mit „Lethe“ (op. 37, nach C. F. Meyer, 1926) und der zweiten Kantate „Das dunkle Reich“ (op. 38, 1929) entstanden eindringliche musikalische Reflexionen über das Phänomen des Todes. P.s letzte Oper „Das Herz“ (1931), eine Art Parallele zur Faust-Legende, bewog ihn angesichts mangelnder Resonanz zum Verzicht auf weiteres Opernschaffen. 1929 erschien als dritter Band der „Gesammelten Schriften“ das Buch „Werk und Wiedergabe“, in dem P. seine Auffassung vom werkgerechten Theater grundlegend definierte. Im selben Jahr wurde er als Professor an die Akademie der Tonkunst in München berufen (bis 1934). Die zahlreichen Ehrungen, die der inzwischen Berühmtgewordene erhalten hatte (u. a. Orden „Pour le mérite“, 1925), setzten sich im Dritten Reich nicht in dem Maße fort, wie P. es erhofft hatte, nachdem er sich – ohne je der Partei anzugehören – durch seine theoretischen Schriften als Vorläufer nationalsozialistischer Weltanschauung zu profilieren gesucht hatte. Zwar erhielt er 1936 den Ehrentitel eines „Reichskultursenators“ und 1944 von Goebbels eine Ehrengabe von 50 000 RM, zog sich jedoch durch mehrfache Eingaben und Beschwerden den Unwillen Görings und Hitlers zu und wurde in den Akten des Propagandaministeriums als Querulant geführt. Dagegen hofierte ihn der Generalgouverneur von Polen, Hans Frank (1900–46), mit dem P. seit Mitte der 30er Jahre persönlich bekannt war.

    Künstlerisch brachten diese Jahre weitere wichtige Werke, so die 1933 uraufgeführte Sinfonie cis-moll op. 36a (eine Bearbeitung d. Streichquartetts), die beiden Cello-Konzerte op. 42 (1935) und op. 52 (1943), die Sinfonien op. 44 (1939) und op. 46 (1940), das Streichquartett op. 50 (1942) sowie Klavierstücke und verschiedene kleinere Aufsätze.

    1943 wurde P.s Villa in München-Bogenhausen durch Bomben zerstört. Die folgenden Monate verbrachte er in Wien-Rodaun und gelangte von dort, auf der Flucht vor russ. Truppen, 1945 nach Garmisch-Partenkirchen. Hier arbeitete er an seiner Autobiographie „Eindrücke und Bilder meines Lebens“ (ersch. 1947) und schrieb sein letztes Kammermusikwerk, das Sextett op. 55. 1946-49 lebte P. in ärmlichen Verhältnissen in einem Altersheim in München-Ramersdorf; dann übersiedelte er provisorisch nach Wien, wo ihm durch Vermittlung der Philharmoniker eine Unterbringung in Schloß Schönbrunn in Aussicht gestellt worden war, starb aber (auf der Durchreise nach Frankfurt/M. zur Feier seines 80. Geburtstags) in Salzburg.

    Mit einem relativ schmalen Werk von rund 50 Opus-Zahlen gehört P. zu den hervorragenden Tonsetzern zwischen Spätromantik und Atonalität. Namentlich im Frühwerk und in Schöpfungen wie dem Klavier-, dem Violinkonzert, der Eichendorff-Kantate und der Sinfonie op. 36a erscheint er als ein provozierender Modernist, der durch die Kühnheit der Harmoniebehandlung bis zur Grenze der Atonalität, durch eigenwillige Polyphonie und durch eine mitunter auffallende Herbheit und Strenge des Klangs verblüfft. Die „Innigkeit der Empfindung und Tiefe des Gemütslebens“ (Engelbert Humperdinck) resultiert aus einem ausgeprägten kontemplativen, zuweilen schwermütigen Gestus, der P.s Musik den Terminus „vergrübelt“ einbrachte. Eng damit verbunden ist P.s Ablehnung des Megalomanen, Virtuosen und Pathetischen, so daß bedeutende Stimmen seinem Schaffen eine spezifische „Echtheit“ (Furtwängler) attestierten und ihn, „zugleich Bewahrer der Tradition und Schöpfer neuer musikalischer Werte“ (Gerhard Frommel), als faszinierend „querständig“ (Wolfgang Rihm) empfanden. Seine nationalkonservative Gesinnung, besonders seine Haltung zum Dritten Reich, standen lange der Rezeption seines Werkes im Wege; in jüngster Zeit finden Originalität und künstlerischer Rang seiner Beiträge zur Kammermusik und zum Kunstlied, mit einzelnen Werken auch zur Sinfonik und mindestens mit „Palestrina“ zur Musikdramatik zunehmend Anerkennung.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Schwed. Ak. f. Musik (1917) u. d. Preuß. Ak. d. Künste (1919); Senator d. dt. Ak. in München (1925); Bayer. Maximiliansorden f. Kunst u. Wiss. (1927); Beethovenpreis d. Dt. Reiches (1931); Goethe-Medaille d. Stadt Frankfurt (1933); Ehrenmitgl. d. Accademia di Santa Cecilia (1936); Goethe-Plakette d. Stadt Frankfurt (1939); Beethoven-Medaille d. Stadt Bonn (1939); Beethoven-Preis d. Stadt Wien (1943); Schumann-Preis d. Stadt Düsseldorf (1948).

  • Werke

    Bühnenmusik zu Ibsens „Das Fest auf Solhaug“, 1890; „Herr Oluf“ (n. Herder), op. 12, Ballade f. Bariton u. Orch., 1891; Bühnenmusik zu Kleists „Käthchen v. Heilbronn“, op. 17, 1905; „Das Christelflein“, Spieloper, op. 20, 1906; Elegie u. Reigen f. Orch., op. 45, 1940; Fantasie f. Orch., op. 56, 1946/47; Urworte orphisch (n. Goethe), Kantate, op. 57 (unvoll.), 1948/49. – 115 Lieder f. Singst. u. Klavier, z. T. orchestriert. – H. Rutz, H. P., 1949 (Gesamtverz. d. W); H. Grohe, H. P., Verz. sämtl. im Druck ersch. Werke, 1960; J. P. Vogel, H. P., 1989 (Gesamtverz. d. W); ders., H. P., 1999 (Gesamtverz. d. W). – Schrr.: Ges. Schrr. Bde. 1 u. 2, 1926, Bd. 3, 1929; Sämtl. Schrr. (= Ges. Schrr. Bd. 4), hg. v. B. Adamy, 1987; Briefe (2 Bde.), hg. v. dems., 1991.

  • Literatur

    W. Abendroth, H. P., 1935 (P); H. Rectanus, Leitmotivik u. Form in d. musikdramat. Werken H. P.s, 1967; W. Diez, H. P.s Lieder, 1968; FS H. P., hg. v. W. Abendroth, 1969; B. Adamy, H. P., Lit., Philos. u. Zeitgeschehen in seinem Weltbild u. Werk, 1980; ders., Schopenhauer in P.s „Palestrina“, in: 63. Schopenhauer-Jb. 1982, S. 67-79; ders., Die sog. Antipoden – H. P. u. Richard Strauss als Zeitgenossen, in: Richard-Strauss-Bll. 15, 1986, S. 21-98; U. Skouenborg, Von Wagner zu P., 1983; Symposium H. P. Berlin 1981, hg. v. W. Osthoff, 1984; E. Wamlek-Junk, H. P. u. Wien, 1986 (P); R. Ermen, Musik als Einfall, 1986; Günther Weiß, P. in München, 1988 (P): J. P. Vogel, H. P., 1989 (P); ders., H. P., 1999 (W, L, P); H. P. – „Das Herz“ u. d. Übergang z. Spätwerk, Ber. üb. d. Symposium Rudolstadt 1993, hg. v. W. Osthoff, 1997; Mitt. d. Hans-Pfitzner-Ges. H. 1, 1954-59, 1999; MGG (P) mit Suppl.bd.; Riemann mit Erg.bd.; Kosch, Lit.-Lex.3; Killy; New Grove (P). – Zu Paul: B. Adamy, P.s kranker Sohn, in: Musik in Bayern, H. 32, 1986, S. 5-42 (P).

  • Portraits

    Ölgem. v. W. Geiger, 1923 (München, Städt. Gal. im Lenbachhaus), Abb. in New Grove. – G. Busch-Salmen u. Günther Weiß, H. P., Münchner Dok., Bilder u. Bildnisse, 1990; B. Adamy, Ein Btr. z. R-Ikonografie, in: Mitt. d. Hans-Pfitzner-Ges. 52, 1991, S. 6-21.

  • Autor

    Bernhard Adamy
  • Empfohlene Zitierweise

    Adamy, Bernhard, "Pfitzner, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 341-343 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118593625.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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