Lebensdaten
1882 bis 1964
Geburtsort
München
Sterbeort
Rottach-Egern
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118737538 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müller, Karl Alexander von
  • Müller, K. A. von
  • Müller, Karl Alexander
  • mehr

Porträt(nachweise)

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Müller, Karl Alexander von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118737538.html [22.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ludwig (1846–95, bayer. erbl. Adel 1891), Dr. iur. et med., bayer. Staatsmin. d. Innern f. Kirchen- u. Schulangelegenheiten 1890-95 (s. Schärl), S d. Franz Seraph M. (1801-84) aus Neunburg vorm Wald (Oberpfalz), bayer. Rat, Vorstand d. Hauptmünz- u. Stempelamts, u. d. Adelheid Frech (1810–86);
    M Marie (1857–1933), T d. Carl Alexander v. Burchtorff (1822–94), 1876-93 Reg.präs. v. Oberfranken (s. Schärl), u. d. Amalie Freiin v. Hirschberg (1828-1912);
    B Ludwig (* 1886, 1944), Dr. phil., Chemiker, Albert (* 1888, 1941), Historiker, Leiter d. Archivs d. Münchner Neuesten Nachrichten;
    München 1919 Irma (1885–1965, ev.), Malerin, T d. Georg Richter (1830–1902, kath., später altkath.), Fabr. in M., u. d. Louise Schmidt (1849–1920);
    2 S (1 ⚔); Schwägerin Elisabeth Richter ( Gottfried Feder, 1883–1941, nat.soz. Wirtsch.theoretiker, s. NDB V).

  • Leben

    M. studierte zunächst Rechtswissenschaft (zeitweise als Stipendiat des Maximilianeums; erstes Examen 1905), dann Geschichte und war 1903-04 einer der ersten fünf Rhodes Scholars in Oxford (Oriel College). Nach seiner Promotion 1908 bei Siegmund v. Riezler (Bayern im Jahre 1866 und die Berufung des Fürsten Hohenlohe, 1909) galt M. in seiner Zunft als große Begabung. 1910 wurde er Mitarbeiter der gesamtdeutschen Historischen Kommission, nach seiner Habilitation 1917 Privatdozent, dann Honorarprofessor in München; 1916 wurde er ao., 1923 o. Mitglied, 1928 geschäftsführender Sekretär und 1929 Schriftführer der Kommission für bayer. Landesgeschichte. 1917-28 war M. Syndikus der Bayer. Akademie der Wissenschaften (1919 Regierungsrat, 1922 Oberregierungsrat), seit 1928 o. Mitglied und wurde 1936 an Stelle des gewählten Eduard Schwartz als ihr Präsident eingesetzt (bis 1944). Als dieser führte er das Führerprinzip ein. Im Sommer 1945 kam er dann dem Ausschluß durch seinen Austritt zuvor. Der Historischen Kommission gehörte M. seit 1916 als o. Mitglied an und war 1928-45 ihr Sekretär. 1928 wurde M. als Nachfolger von Michael Doeberl Ordinarius für mittlere, neuere und bayer. Geschichte in München. Rufe an die TH Karlsruhe 1933 und als Nachfolger Hermann Onckens nach Berlin 1935 lehnte er ab. 1929-35 war M. Leiter des Süd-Ost Instituts in München.

    M.s Werdegang ist kaum zu trennen von seiner bereits früh einsetzenden publizistischen Tätigkeit. Bedingt durch seine zarte Konstitution konnte M. 1914 nicht mit ins Feld ziehen. Er kompensierte dies, indem er zunächst dem rauschhaften Erlebnis des Kriegsbeginns Worte verlieh. 1916 wurde er, von Hause aus eher wittelsbachisch-monarchisch gesinnt, Mitherausgeber (mit Paul Nikolaus Cossmann) der Süddeutschen Monatshefte, deren Mitarbeiter er seit 1910 gewesen war. Nach 1918 war es das Trauma der Niederlage, das nicht nur sein publizistisches Wirken, sondern auch zum guten Teil seine eigentliche akademische Tätigkeit bestimmte. M. entwickelte Anfang der zwanziger Jahre eine unerhört reiche Vortragstätigkeit. Im nationalistischen Kreis um Cossmann nahm er u. a. in den durch Artikel der Süddeutschen Monatshefte ausgelösten Prozessen zur Kriegsschuldfrage und zur Dolchstoßlegende eine zentrale Rolle ein.

    Gegenstand seiner Gelehrtentätigkeit waren vor allem die engl. Geschichte des 18. und 19. Jh., die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jh. sowie die bayer. Geschichte des 19. Jh. M. galt vornehmlich seinen Zeitgenossen als ein feinsinniger Meister der kleinen Form. War er als Gelehrter genau genommen ein Mann unius libri, nämlich seiner Dissertation – denn die meisten seiner Arbeiten mit wissenschaftlichem Anspruch waren eher Essays und gelegentlich groß angelegte Feuilletons –, so lag M. andererseits als völkischnationaler Publizist im wesentlichen auf der Linie von Erich Marcks, Michael Doeberl und Max Lenz, rief allerdings früher als jene nach dem starken Mann. Seine Bedeutung ist vor allem darin zu suchen, daß er die Vorstellungen und Empfindungen vieler konservativer Zeitgenossen zusammenfaßte und wissenschaftlich verbrämt verbreitete (Deutsche Geschichte und deutscher Charakter, 1927, 31943; Vom alten zum neuen Deutschland, 1938). M.s schriftstellerisches Hauptwerk sind indessen seine nach dem 2. Weltkriege verfaßten dreibändigen Lebenserinnerungen, die mit dem Jahre 1932 abbrechen. Die in ihnen geäußerte kritische Distanz zur entstehenden NS-Bewegung steht in krassem Gegensatz zu früheren Schriften, in denen er das NS-System und seine Vertreter verherrlicht hatte.

    Im München der zwanziger Jahre war M. als Mitherausgeber der Süddeutschen Monatshefte, als Publizist und Historiker eine bekannte Gestalt. Seine Vorlesungen begeisterten und wurden wie ein gesellschaftliches Ereignis von vielen besucht, u. a. von Rudolf Heß und Hermann Göring. Hitler begegnete M. zum erstenmal 1919 in der Kaserne des Regiments List. Als Schwager Gottfried Feders lernte er ihn persönlich näher kennen und war von ihm fasziniert. Er hielt ihn für den kommenden starken Mann und geriet darüber in Gegensatz zu Cossmann und Fritz Gerlich, der sich zur Empörung M.s als Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten am 10.11.1923 scharf vom Hitler-Putsch distanziert hatte. Einen Tag später entwarf M., zur Versöhnung mahnend, den Aufruf des Generalkommissars Gustav v. Kahr.

    Die Schwenkung Cossmanns und der von ihm betreuten Organe, der Süddeutschen Monatshefte und der Münchner Neuesten|Nachrichten, zur Monarchie betrachtete M. mit großer Skepsis. Für ihn waren Hitler und seine Bewegung die zeitgemäßere Lösung der Probleme. Die Machtergreifung 1933 begrüßte er aus vollem Herzen. Die Verhaftung Cossmanns und das Verbot der Süddeutschen Monatshefte, deren Mitherausgeber er immer noch war, nahm er hin. Durch seine Verbindungen zu NS-Größen wurde M. 1933 zum Aushängeschild einer Geschichtswissenschaft, die sich dem Geist des NS-Regimes anpaßte. 1935 trat M. im Zuge der sog. Gleichschaltung an die Stelle des den NS-Machthabern mißliebig gewordenen F. Meinecke als Herausgeber der Historischen Zeitschrift, was er bis 1944 blieb. 1936 machte M.s Schüler Walter Frank ihn zum Leiter der Forschungsabteilung der Judenfrage im neugegründeten Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands. Allerdings war er dies dann nur pro forma und entzog sich zumeist, wie auch bei andern Ämtern, den damit verbundenen Unbequemlichkeiten und Verpflichtungen. M. besaß Ausstrahlung, war liebenswürdig, konziliant: „Wer immer von M. kam, meinte, auf gleiche oder zumindest verwandte Auffassungen gestoßen zu sein“ (H. Heiber), überhaupt war er das Gegenteil eines engstirnigen und bornierten Parteiideologen: „… ein in die Historie und dann in die Politik gestoßener Ästhet. Er hatte ein sehr reichhaltiges Wörterbuch, in welchem nur das Wort „nein“ fehlte. Er war ein weicher Mann, der sich mit harten Dingen einließ“ (H. Heimpel). Im Laufe der Zeit wurde M. mit Ehrenämtern und Ehrungen überhäuft.

    M. war ein faszinierender und überaus anregender Lehrer, der seine Lehrveranstaltungen geradezu zelebrierte. In seinen Seminaren herrschte auch im 3. Reich ein freier Geist. Unter seinen Schülern, von denen er weit über 200 zur Promotion führte, waren Persönlichkeiten ganz verschiedenen geistigen Zuschnitts wie Karl Bosl, Walter Frank, Heinz Gollwitzer, Ernst Hanfstaengl, Götz v. Pölnitz, Otto Gf. zu Stolberg-Wernigerode und Theodor Schieder. Zahlreiche Freunde sorgten schließlich dafür, daß M. 1948 einstimmig wieder in die Kommission für Bayer. Landesgeschichte aufgenommen wurde, für eine dritte Festschrift (auch sie ohne ein Verzeichnis seiner Schriften), sowie für weitere Ehrungen. Die Rückkehr in die Historische Kommission blieb ihm verwehrt.|

  • Auszeichnungen

    Ehrenmitgl. d. Reichsinst. f. Gesch. d. neuen Deutschlands (1935); Verdun-Preis (1936); Goethemedaille f. Künste u. Wiss. (1942); Mitgl. d. Österr. Ak. d. Wiss. (1939), d. Preuß. Ak. d. Wiss. (1942) u. d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste (1953); Bayer. Verdienstorden (1959).

  • Werke

    Weitere W Karl Ludwig Sand, 1924, 21925;
    Die dt. Träumer, 1925 (mit P. N. Cossmann);
    Görres in Straßburg 1819/20, 1926 (Habil.schr.);
    Zwölf Historikerprofile, 1935;
    Der ältere Pitt, 1937;
    Danton, 1949;
    Aus Gärten d. Vergangenheit, 1951, 31958 (Autobiogr.);
    Unter weißblauem Himmel, 1952;
    Mars u. Venus, 1954;
    Am Rand d. Gesch., 1957;
    Im Wandel e. Welt, 1966;
    Chronik d. G. Haindlschen Papierfabriken, in: Hundert Jahre G. Haindlsche Papierfabriken, 1949, S. 17-179. – Hrsg.: Meister d. Pol., 3 Bde., 1921-25 (mit E. Marcks);
    Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Denkwürdigkeiten d. Reichskanzlerzeit, 1931;
    Knaurs Weltgesch. v. d. Urzeit bis z. Gegenwart, 1935 (mit P. R. Rohden).

  • Literatur

    Festschrr.: Staat u. Volkstum, 1933;
    Stufen u. Wandlungen d. dt. Einheit, 1943;
    Land u. Volk, Herrschaft u. Staat in d. Gesch. u. Gesch.forschung Bayerns, 1964 (P). – H. W. v. Hentig, Der Historiker als Ideologe, Einige Anmerkungen z. Werk M.s (unveröff. Ms. im Inst. f. Zeitgesch., München, vollst. W-Verz.);
    K. Bosl, K. A. v. M. in Memoriam, in: ZBLG 28, 1965, S. 920-28;
    H. Heiber, W. Frank u. sein Reichsinst. f. Gesch. d. neuen Dtld.s, 1966;
    H. Gollwitzer, K. A. v. M. 1882-1964, in: HZ 205, 1967, S. 295-322;
    W. Meißner, Die schwierige Lage d. Ak. unter d. nat.-sozialist. Regime, in: Geist u. Gestalt I, 1959, S. 35-49;
    Ch. Weisz, Gesch.auffassung u. pol. Denken Münchener Historiker d. Weimarer Zeit, 1970 (W);
    W. Schelling, K. A. v. M. (1882-1964), Ein Btr. z. Gesch. d. Gesch.wiss. u. d. pol. Denkens in Dtld., Diss. Wien 1975 (ungedr., W, L);
    B. Faulenbach, Ideol. d. dt. Weges, 1980 (W);
    K. Schönwälder, Historiker u. Pol., Gesch.wiss. u. Nat.sozialismus, 1992;
    W. Benz u. H. Graml, Biogr. Lex. z. Weimarer Republik, 1988;
    B. Faulenbach, in: Historikerlex., hrsg. v. R. vom Bruch u. R. A. Müller, 1991;
    Rhdb. (P);
    Kosch, Kath. Dtld.

  • Autor/in

    Hans Wolfram von Hentig
  • Empfohlene Zitierweise

    Hentig, Hans Wolfram von, "Müller, Karl Alexander von" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 440-442 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118737538.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA