Lebensdaten
1869 bis 1945
Geburtsort
Oldenburg
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118589997 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Oncken, Karl Hermann Gerhard
  • Oncken, Hermann
  • Oncken, Karl Hermann Gerhard
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Zitierweise

Oncken, Hermann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118589997.html [25.05.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl Gerhard (1839–1925), Kaufm. u. Hofkunsthändler in O., S d. Brechter Diederich Onken (1809–65), Kupferschmied u. Kaufm. in Aurich;
    M Friederike Catharine Hermine (1848–1903). T d. Hermann Krüger (1804–86), Schmiedemstr. in Osternburg;
    Hannover 1902 Margarethe (1876–1954), T d. Carl Friedrich Anton Weber (1825–96), Ersparungskasse-Verw.; Schwager August Weber (1871–1957), Dr. iur., Bankier, MdR, Fraktionsvors. d. Dt. Staatspartei 1930-32 (s. BHdE I; Schumacher, M. d. R.);
    2 S Onno (* 1914), Dr. iur., Jurist u. Kaufm., Dirk (* 1919), Dr. phil., 1952-84 im Auswärtigen Dienst d. Bundesrep. Dtld. (s. Munzinger), 1 T Alste (1910–91), Dr. phil., Kunsthistorikerin.

  • Leben

    O. bezog zum Wintersemester 1887/88 die Univ. Berlin, um Geschichte, Germanistik und Volkswirtschaft zu studieren. 1891 wurde er bei dem Neurankeaner Max Lenz mit einer Arbeit über Oldenburg. Geschichtsquellen des Mittelalters promoviert. Anschließend war er im Ghzgl. Haus- und Centralarchiv unter Georg Sello (1850–1926) tätig, mit dem er 1892 das „Jahrbuch für die Geschichte des Hzgt. Oldenburg“ begründete. Seine Oldenburg. Forschungen machte O. zur Grundlage für seine Habilitation, der er sich 1898 in Berlin unterzog. Mit seiner 1904 erschienenen Biographie Ferdinand Lassalles (51965) legte er sein eigentliches und allseits anerkanntes Meisterstück vor. Ohne Berührungsängste gegenüber Arbeiterbewegung, Sozialdemokratie und Parlamentarismus bereicherte O. die etablierte Geschichtswissenschaft um eine – überwiegend biographisch orientierte – Erforschung von Parteien, sozialen Bewegungen und öffentlicher Meinung. 1905/06 war er Austauschprofessor in Chicago, 1906 wurde er Professor für mittlere|und neuere Geschichte in Gießen, 1907 in Heidelberg, wo er 16 Jahre blieb. Wenn diese Zeit arm an größeren Werken ist – lediglich die Biographie Rudolf v. Bennigsens wurde hier abgeschlossen (2 Bde., 1910) –, so lag dies wesentlich daran, daß O., der 1915-18 dem bad. Landtag als nationalliberaler Abgeordneter angehörte, „einen großen Teil seiner Arbeit in den Dienst des Vaterlandes“ stellte. Denn nicht erst seit dem Beginn des 1. Weltkrieges strebte er eine „Politisierung der Nation auf der Grundlage historischer Bildung“ an. Seine Kriegspublizistik ist umfangreich, aber maßvoll im Ton. Die Politik der Weimarer Republik begleitete er als kritischer „Vernunftrepublikaner“, der es zur nationalen Pflicht erklärte, durch innere Geschlossenheit die Wiederherstellung einer deutschen Großmachtstellung zu unterstützen. Geschichte interpretierte O. als steten Kampf von Staaten um die Macht, wobei ihm der Primat der Außenpolitik ebenso wie ein im Inneren gefestigter Staat als Voraussetzungen für den Erfolg galten. Darum hatte O. lange vor 1914 immer wieder die Integration der Arbeiterschaft in den Staat gefordert. Mit seinen einschlägigen Studien wollte er dieser Integration den Weg bereiten. Nur so ist zu verstehen, daß O. in Heidelberg lieber „ein paar Bücher weniger“ schreiben wollte, wenn er auf andere Weise mithelfen könne, die Pfalz und das Rheinland für das Reich zu retten. Um die Anschlußfrage offenzuhalten, erwog er die Annahme eines Rufes nach Wien. 1923 ging er an die Univ. München, um „das allgemeine deutsche Interesse gegen alle Abarten des bayr. Separatismus zu verteidigen“. In den Münchener Jahren nahmen seine großen Darstellungen und Quellenwerke über die Rheinpolitik Kaiser Napoleons III. und über Ghzg. Friedrich I. von Baden endgültige Gestalt an, die ihn berühmt machten und 1928 zu seiner Berufung nach Berlin führten.

    Die „Machtergreifung“ 1933 versuchte O. zunächst unter dem Aspekt „Einheit der Nation“ in die Kontinuität deutscher Geschichte einzuordnen. Da er jedoch das völkisch-rassistische Geschichtskonzept des Nationalsozialismus ablehnte, blieb ein Konflikt mit dem Regime nicht aus. Seine Akademierede über die „Wandlungen des Geschichtsbildes in revolutionären Epochen“ (gedr. in: Dt. Allg. Ztg. v. 13.1.1935, sowie v. O. überarbeitet in: HZ 189, 1959, S. 124-38), in der er das „Nebeneinander von fruchtbaren Gedanken …, aber auch von zeitgebundener Willkür“ kritisierte, wurde zum Anlaß für eine Hetzkampagne gegen O., u. a. seitens seines zum NS-Chefhistoriker avancierten Schülers Walter Frank (1905–45) in einem diffamierenden Schmähartikel im „Völkischen Beobachter“ vom 3.2.1935. Nach Solidaritätsbekundungen seiner Studenten mußte O. am 7.2. seine Vorlesungstätigkeit vorzeitig abbrechen und wurde emeritiert. Seiner 1933 erschienenen Vorgeschichte des Weltkrieges, die sich mit der für seine Generation zentralen Kriegsschuldfrage auseinandersetzte, blieb ein breiteres Echo versagt. O. konnte zwar weiterhin publizieren, aber der feinfühlige Mann litt schwer am Dasein eines „Emigranten gleichsam im eigenen Land“ (G. Ritter).|

  • Auszeichnungen

    Hess. Verdienstorden Philipps d. Großmütigen 1. Kl. (1907); bad. Orden v. Zähringer Löwen 1. Kl. (1912); preuß. Verdienstkreuz f. Kriegshilfe (1917); Wilhelmskreuz d. Kg. v. Württ. (1918); Geh. Hofrat (1918); Mitgl. d. Ak. d. Wiss. zu Heidelberg (1909), Göttingen (1919), Berlin (korr. 1922, o. 1932), München (1924) u. Kopenhagen (1936); Mitgl. d. Hist. Komm. b. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1920) u. d. Hist. Reichskomm. (1920, Präs. 1934/35).

  • Werke

    Weitere W u. a. Hist.-pol. Aufss. u. Reden, 2 Bde., 1914;
    Die Utopie d. Thomas Monis u. d. Machtproblem in d. Staatslehre, 1922;
    Aus Rankes Frühzeit, 1922;
    Das Dt. Reich u. d. Vorgesch. d. Weltkrieges, 2 Bde., 1933;
    Cromwell, Vier Essays üb. d. Führung e. Nation, 1934, 21952;
    Nation u. Gesch., Reden u. Aufss. 1919-1934, 1935;
    Die Sicherheit Indiens, Ein Jh. engl. Weltpol., 1937. – Hg.: Die Rheinpol. Kaiser Napoleons III. v. 1863-1870 u. d. Ursprung d. Krieges v. 1870/71, 3 Bde., 1926, Nachdr. 1967;
    Ghzg. Friedrich I. v. Baden u. d. dt. Pol. v. 1854-1871, 2 Bde., 1927, Nachdr. 1966;
    Vorgesch. u. Begründung d. dt. Zollver. 1815-1834, 3 Bde., 1934. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Niedersächs. StA Oldenburg (Findbuch z. Bestand, bearb. v. St. Hartmann, hg. v. A. Eckhardt, 1979).

  • Literatur

    F. Hirsch, in: Preuß. Jbb. 218, 1929, S. 162-81;
    ders., H. O. and the End of an Era, in: Journ. of Modern History 18, 1946, S. 148-59;
    G. Ritter, in: Geistige Welt 1, 1946, S. 26-30;
    H. Heiber, Walter Frank u. sein Reichsinst. f. Gesch. d. neuen Dtld., 1966;
    Ch. Weisz, Gesch.auffassung u. pol. Denken Münchener Historiker d. Weimarer Zeit, 1970, S. 37-42;
    K. Schwabe, in: Dt. Historiker II, hg. v. H.-U. Wehler, 1971, S. 81-97;
    R. vom Bruch, Wiss., Pol. u. öff. Meinung, Gel.pol. im Wilhelmin. Dtld. (1890–1914), 1980;
    E. Wolgast, Die neuzeitl. Gesch. im 20. Jh., in: Gesch. in Heidelberg, hg. v. J. Miethke, 1992, S. 127-37 (P);
    D. Hertz-Eichenrode, Die „Neuere Gesch.“ an d. Berliner Univ., in: Gesch.-wiss. in Berlin im 19. u. 20. Jh., hg. v. R. Hansen u. W. Ribbe, 1992, S. 291-99;
    Ch. Studt, „Ein geistiger Luftkurort“ f. dt. Historiker, H. O.s Austauschprofessur in Chicago 1905/06, in: HZ 264, 1997, S. 361-89;
    Rhdb. (P);
    Bad. Biogrr. III, 1990;
    Driill I;
    Biogr. Hdb. Oldenburg (W, L, P).

  • Autor/in

    Christoph Studt
  • Empfohlene Zitierweise

    Studt, Christoph, "Oncken, Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 538 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118589997.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA