Lebensdaten
1887 bis 1960
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Forte dei Marmi (Italien)
Beruf/Funktion
Romanist ; Sprachwissenschaftler ; Literaturwissenschaftler
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118752138 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spitzer, Siegfried Leo
  • Spitzer, Leo
  • Spitzer, Siegfried Leo
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Zitierweise

Spitzer, Leo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118752138.html [26.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1848–1919), aus Mähren, Forstbes. u. Holzindustrieller in W.;
    M Adele Wolf;
    Wien 1919 Emma Kandziora, aus Breslau, starb 93jährig nach 1990 in d. USA;
    1 S Wolfgang (Puxi) (* 1922), lebt in Bronxville (New York), USA.

  • Leben

    Nach dem frühen Tod der Mutter wurde S. vorwiegend von der Lebensgefährtin des Vaters, der Schauspielerin Antonie (Tony) Janisch, verh. Gfn. Arco-Valley (1850–1920), erzogen. Seit Jugendzeiten verband ihn eine enge Freundschaft mit dem Biologen Paul Kammerer (1880–1926). Nach dem Besuch|der Volksschule und des Ks. Franz Joseph-Gymnasiums in Wien studierte S. hier seit 1906 Roman. Philologie, u. a. bei Elise Richter (1865–1943) und Wilhelm Meyer-Lübke (1861–1936), bei dem er 1910 zum Dr. phil. promoviert wurde. In seiner Dissertation widmete sich S. bereits der Stilforschung, die zu seinem lebenslangen Arbeitsschwerpunkt wurde. Im Winter 1910/11 ging S. zu Studien an die Sorbonne, 1911/12 nach Leipzig, anschließend nach Italien. Zurück in Wien, habilitierte er sich 1912 und erhielt 1913 die Venia docendi für Roman. Philologie. Prägend waren für S. seit 1912 intensive Kontakte zu Hugo Schuchardt (1842–1927), Karl Vossler (1872–1949) und Benedetto Croce (1866–1952) sowie dessen neo-idealistischer Schule.

    S. trat als vehementer Gegner des 1. Weltkriegs publizistisch (u. a. in: Die Wage, Der Friede, Internat. Rdsch.) und in der Volksbildung auf. Seinen Kriegsdienst versah er in der Zensurabteilung für ital. Kriegsgefangene im österr. Militär, wo auf der Grundlage überprüften Materials wesentliche Schriften zu einer frühen Form der Diskursanalyse entstanden (Die Umschreibungen d. Begriffs ,Hunger` im Italienischen, 1920; Ital. Kriegsgefangenenbriefe, 1921). Ideologiekritisch beschäftigte er sich mit Nationalismen, Krieg und Sprache (Betrachtungen e. Linguisten über H. S. Chamberlains Kriegsaufss. u. d. Sprachbewertung im allgemeinen, 1918; Fremdwörterhatz u. Fremdvölkerhaß, 1918) und knüpfte daran später, den 2. Weltkrieg reflektierend, an (Das Eigene u. d. Fremde, Über Philol. u. Nationalismus, in: Die Wandlung 1, 1945/46, H. 7, S. 576–94). Mit dem Band „Ital. Umgangssprache“ (1922) lieferte er einen frühen Beitrag zur Erforschung der realen sprachlichen Verhältnisse des vereinigten Italien. In seiner Suche nach Interdisziplinarität und zeitgemäßen Methoden traten Elemente der Psychoanalyse und Soziologie in sein Werk (Über einige Wörter d. Liebessprache, 1918; Puxi, Eine kl. Stud. z. Sprache e. Mutter, 1927).

    1918 erfolgte S.s Umhabilitierung an die Univ. Bonn, 1925 erhielt er das Ordinariat für Roman. Philologie in Marburg, 1930 wechselte er nach Köln. Hier wurde er 1933 als Jude entlassen, ging 1936 als o. Professor nach Istanbul und im selben Jahr an die Johns Hopkins University, Baltimore (em. 1955). Das Angebot einer Rückkehr auf die Kölner Professur lehnte er im Mai 1946 ab. Nach dem 2. Weltkrieg hielt sich S. nur noch sporadisch in Deutschland auf (Gastprofessur Heidelberg 1958), dagegen häufig in Italien, wo er auch starb. S.s Beschäftigung mit Stil in linguistischer wie literarischer Form lieferte auch eine frühe Begründung textlinguistischer Methoden. S. schlug auch Brücken zur Alltagskultur, wie in der Untersuchung zu einem Sunkist-Plakat der frühen 1940er Jahre (American Advertising Explained as Popular Art, 1949), wo er die Begründung für wiss.-stilistische Zusammenhänge von künstlerischer und literarischer Form aus Erscheinungsformen im Alltagsleben zu geben suchte. In diesen Jahren erweiterte er in einer Auseinandersetzung die alte Polemik mit dem Positivismus und Mechanizismus der Junggrammatiker auf die neuere amerik. Sprachwissenschaft (Answer to Mr. Bloomfield, 1944). Im engeren Sinne grammatikographische Arbeiten von S. gibt es nicht, dafür aber unzählige Etymologien (v. a. roman., aber auch polit. wie „La vie du mot nazi en France“, 1934), die abseits der junggrammatischen Linie neue Argumentationsformen suchen und sich stärker vom Wörter- und Sachen-Paradigma entfernen. Neben seiner Präsenz in der ital. Diskussion integrierte sich S. zunehmend in die fachspezifische Auseinandersetzung in den USA (v. a. mit dem New Literary Criticism). Zahlreiche Übersetzungen (z. B. Études de style, hg. v. J. Starobinski, übers. u. a. v. M. Foucault, 1970; Lingua italiana del dialogo, hg. v. C. Caffi u. C. Segre, 2007) und fremdsprachige Aufsatzsammlungen zeigen die dauerhafte Rezeption von S.s Denken in diesen Ländern. Trotz des hohen Rezeptionsgrads kam es zu keiner Schulenbildung im eigentlichen Sinn.

  • Auszeichnungen

    Premio Feltrinelli d. Acc. Nazionale dei Lincei, Rom (1955); Mitgl. d. Acc. Nazionale dei Lincei, Rom (1960), d. Acc. della Crusca, Florenz, u. d. Hispanic Soc., New York, u. d. Rumän. Ak., Bukarest.

  • Werke

    Die Wortbildung als stilist. Mittel exemplifiziert an Rabelais, 1910 (Diss.);
    Die Namengebung b. neuen Kulturpflanzen, Dialektfranz. échaler, ,Nüsse abschlagen`, 1912 (Habil.schr.);
    Aufss. z. Roman. Syntax u. Stilistik, 1918, Nachdr. 1967;
    Motiv u. Wort, Stud. z. Lit.- u. Sprachpsychol., 1918 (mit H. Sperber);
    Studien zu Henri Barbusse, 1920;
    Btrr. z. roman. Wortbildungslehre, 1921 (mit E. Gamillscheg);
    Das Hugo Schuchardt Brevier, Ein Vademecum d. allg. Sprachwiss., hg. v. L. S., 1922, Neuaufl. 1928, Neudr. 1976;
    Stilstud., 2 Bde., 1928, Nachdr. 1961/68;
    Roman. Stil- u. Lit.studien, 2 Bde., 1931;
    Essays in Historical Semantics, 1948;
    Linguistics and Literary History, Essays in Stylistics, 1962;
    A Method of Interpreting Literature, 1949, Nachdr. 1967, dt. 1966, Nachdr. 1975;
    Roman. Lit.stud. 1936–1956, 1959;
    Essays on English and American Literature, hg. v. A. Granville-Hatcher, 1962;
    Classical and Christian Ideas of World Harmony, Prolegomena to an Interpretation of the Word „Stimmung“, hg. v. A. Granville-Hatcher u. R. Wellek, 1963;
    L. S.s Briefe an Hugo Schuchardt,|hg. v. B. Hurch, 2006 (P);
    Bibliogr.:
    E. K. Baer u. D. E. Shenholm, L. S. on Language and Literature, A descriptive bibliography, 1991;
    Nachlaß:
    nicht nachgewiesen;
    verstreute Papiere in d. Johns Hopkins Univ. u. Univ. of Washington, Seattle.

  • Literatur

    H. Hatzfeld, in: Hispanic Review 29, 1961, S. 54–57;
    H. Levin, Two „Romanisten“ in America, S. and Auerbach, 1969;
    H.-J. Neuschäfer, Über d. Konzept d. Stils b. L. S., in: H. U. Gumbrecht u. a. (Hg.), Stil, 1986, S. 281–88;
    D. della Terza, Da Vienna a Baltimora, 1987;
    H. H. Christmann u. a. (Hg.), Dt. u. österr. Romanisten als Verfolgte d. NS, 1989;
    Exil Türkei, Dt.sprachige Emigranten 1933–1945, hg. v. J. Cremer u. H. Przytulla, Ausst.kat. München 1993;
    H. Aschenberg, Idealist. Philol. u. Textanalyse, Zur Stilistik L. S.s, 1992;
    H. U. Gumbrecht, L. S.s Stil, 2001;
    B. Hurch, Einl., in: L. S.s Briefe an Hugo Schuchardt, 2006 (s. W);
    Marburger Gel.;
    BHdE II;
    Metzler Lex. Lit.- u. Kulturtheorie;
    Killy;
    Lex. Grammaticorum;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft.

  • Autor/in

    Bernhard Hurch
  • Empfohlene Zitierweise

    Hurch, Bernhard, "Spitzer, Leo" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 722-724 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118752138.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA