Lebensdaten
1852 bis 1921
Geburtsort
Marburg
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Architekt
Konfession
evangelisch,katholisch-apostolisch
Normdaten
GND: 118622005 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Thiersch, Friedrich Ritter von (seit 1897)
  • Thiersch, Friedrich Heinrich Max (bis 1897)
  • Thiersch, Friedrich Heinrich Maximilian (bis 1897)
  • mehr

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Thiersch, Friedrich von (seit 1897), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118622005.html [02.06.2020].

CC0

  • Genealogie

    Gvv Friedrich v. T. (s. 1);
    Ov Carl T. (s. 2), Ludwig T. (1825–1909), Maler (s. Gen. 1; P);
    B u. a. August T. (s. 3);
    Lindau/Bodensee 1886 Auguste (1866–1948), T d. Eduard Eibler, Großkaufm. in Lindau, KR, u. d. Emma Gullmann;
    2 S u. a. Heinrich Ernst T. (1894–1914 ⚔), 6 T u. a. Berta T. (Ps. Walter Bergh) (1888–1984, ⚭ Karl Friedrich Schmidtlein, 1887–1953), Schriftst., Frieda T. (1889–1947), Kunstbuchbinderin in München (s. L).

  • Leben

    Die ersten Jahre seiner Gymnasialzeit verbrachte T. noch in Marburg; 1864 zog die Familie nach München um, wo T. zunächst das Max-, dann das Wilhelmsgymnasium besuchte. Während er hier keine großen Erfolge hatte, bescheinigte ihm sein Onkel, der Maler Ludwig T., ein auffallendes Zeichentalent. Obwohl T. gerne Maler geworden wäre, und Ludwig dies nachdrücklich empfahl, bestimmte sein Vater ihn für den Architektenberuf. 1868–72 studierte T. daraufhin an der Polytechnischen Schule in Stuttgart, verdiente jedoch durch Gebrauchsgraphik einen Teil seines Unterhalts. Seine Begabung für bildnerische Gestaltung förderte während seiner gesamten späteren Laufbahn auch seine Erfolge als Architekt: Durch aufwendig aquarellierte Projektansichten zeichnete er sich in Wettbewerben vor den Konkurrenten aus, seinen Schülern kam seine hohe Visualisierungsgabe in Tafelzeichnungen während der Vorlesungen zugute.

    Nach dem Examen arbeitete T. 1874–77 im Büro der Semper-Schüler Karl Jonas Mylius (1839–83) und Alfred Friedrich Bluntschli (1842–1930), die ihm v. a. Fassadendetails von Neubauten und praktische Dekorationsarbeiten (Wandmalerei u. Sgraffito) anvertrauten. Im Wettbewerb für das Hamburger Rathaus (1876) trug T. zum Plansatz seines Büros einen aquarellierten Schnitt bei, dessen Qualität diesem den 1. Preis eingetragen haben soll.

    Längere Aufenthalte in Italien (Jan. 1877–Jan. 1878) und Griechenland (Febr.Sept. 1878) schlossen sich an. T. nutzte sie zu Hunderten von Landschafts- und Architekturskizzen im Stil der Romantik, aber auch zu Auftragsarbeiten für den Frankfurter Kunstverlag von Karl Ferdinand Klimsch (1841–1926), der ihm die Finanzierung seiner Reisen ermöglichte. Kürzere Fahrten nach Paris und London beschlossen zunächst seine Auslandserfahrungen; erst in den 1880er Jahren folgten Exkursionen und Fernreisen (1881 Kleinasien, 1884 Ägypten u. Syrien, 1897 Spanien).

    T.s 1878 einsetzende selbständige Tätigkeit in Frankfurt begann wiederum mit Dekorationsmalerei, der Ausstattung des Saals im Palmengarten und der prestigeträchtigeren Ausmalung des Opernhauses (1879–80). Bereits durch die familiäre Hochschätzung der klassischen Stile und durch seinen Lehrer Christian Friedrich v. Leins (1814–92) im Sinne der ital. und franz. Renaissance geprägt, schuf er eine prachtvolle Innendekoration für den von Richard Lucae (1829–77) geplanten Neorenaissancebau.

    Noch während der Frankfurter Arbeiten erreichte T. 1879 ein Ruf aus München. Gottfried v. Neureuther (1811–87) hatte, angeregt von T.s Stuttgarter Lehrern, dafür gesorgt, daß der junge Architekt eine ao. Professur „für Innendekoration und Perspektive“ an der Technischen Hochschule erhielt; drei Jahre später übernahm T. Neureuthers Ordinariat „für höhere Baukunst“. In seiner bis 1921 dauernden Lehrtätigkeit gewann er großen Einfluß auf die folgende Architektengeneration, u. a. auf Theodor Fischer (1862– 1938), Hans Grässel (1860–1939), Karl Hocheder (1854–1917) und Emil Faesch (1865– 1915). Als Konservator der Architektursammlung sorgte T. für historische Vorbilder in Form von Gipsabgüssen von Bauskulptur; die toskan. Beispiele publizierte er in einem Katalog. Als Gründer des „Akademischen Architektenvereins“ regte der „Gesellschaftsmensch“ T. erfolgreich einen permanenten Ideenaustausch zwischen Lehrern und Schülern an.

    Seit Anfang der 1880er Jahre versuchte T., auch in der Baupraxis Fuß zu fassen, und beteiligte sich an prestigeträchtigen Wettbewerben: 1880 für den Neubau des Frankfurter Hauptbahnhofs, 1882 in Konkurrenz zu seinem ehemaligen Kollegen Paul Wallot (1841– 1912) für das Reichstagsgebäude in Berlin. Da T. hier den 1. Preis gewann, obwohl Wallot die Ausführung überlassen wurde, war der junge Architekt nun bekannt, und es folgten Aufträge parallel zu seiner Lehrtätigkeit in München. Bis zur Jahrhundertwende entstanden hier u. a. der Justizpalast (1887–97), das Parcushaus am Promenadeplatz (1887–88), das Geschäftshaus Bernheimer (1889–91, erweitert 1907–10), sein Schwabinger Wohnhaus in Form einer ital. Villa (1889–90, im 2. Weltkrieg beschädigt, nach 1945 abgerissen), der Erweiterungsbau des Löwenbräukellers (1893–94) sowie das Haus für Handel und Gewerbe (1899–1900). In stilistischer Hinsicht ging T. von den ihm vertrauten Renaissanceformen aus, verarbeitete aber bereits im Justizpalast barocke Vorbilder (Palais Schwarzenberg in Wien) zu einem Bau mit stark plastischer, bewegter Oberfläche. Sicher im Austausch mit Cornelius Gurlitt (1850–1938) und Emanuel v. Seidl (1856– 1919) überwand er die gängige Verachtung des „Zopfstils“ und wurde so zu einem frühen Vertreter des Neobarock in Bayern. Beiträge zum „Heimatstil“ lieferten T.s Allgäuer Aufträge, besonders Umbau und Fassadenmalerei des Neuen Rathauses in Lindau (1885–87). Bautechnisch schloß sich T. an die neuesten Entwicklungen der Eisenkonstruktion an und adaptierte sie für seine Zwecke. So überwölbt den Lichthof des Justizpalastes ein Klostergewölbe in Glas-Eisen-Konstruktion, an der die Flachkuppel aufgehängt ist.

    Auch nach 1900 wandte T. überwiegend historische Stilformen an; fast nur bei Innendekorationen bezog er Elemente des Jugendstils ein. Dies ist besonders deutlich im Baukomplex des Wiesbadener Kurhauses (1905–07): Zwar war der Außenbau am Wunsch der Auftraggeber orientiert, das 1904 abgerissene klassizistische Kurhaus durch einen Neubau in „vornehm-klassischer Richtung“ zu ersetzen, aber in den sehr unterschiedlich gestalteten Innenräumen griff T. jeweils passend erscheinende neuzeitliche Stilepochen auf. Neoklassizistisch sind nur die Konzertsäle, und antikisierend ist die Ausstattung der zentralen Wandelhalle durch kassettierte Tonnengewölbe, Thermenfenster und Wandverkleidungen, während Keramikreliefs im Biersaal und Wandgemälde in der Südhalle (Fritz Erler, 1868–1940) zeitgenössische Dekorationsformen des späten Jugendstils aufnehmen. Die doppelschalige Glas-Eisen-Konstruktion der Kuppel in der zentralen Wandelhalle sorgt ähnlich wie im Münchner Justizpalast für eine lichte Atmosphäre. Bei der Frankfurter Festhalle (1906–09) gestaltete T. hingegen eine neuartige Rippenkuppel aus Stahlfertigteilen und Glas in gigantischer Dimension.

    Für München entstanden seit 1902 Neubauten dreier urbanistisch wichtiger Isarbrücken (Reichenbach-, Cornelius- u. Maximiliansbrücke), teils in verkleidetem Stahlbeton. Die Bebauung der Kohleninsel – wenig später Standort des Dt. Museums – mit einem eigenen Stadtplatz in oberbayer.-österr. Stil wurde nicht realisiert. Hingegen waren das Neue Justizgebäude (1902–05) und die Erweiterungsbauten für die TH (1908–17) bestimmend für das Stadtbild. In starkem Kontrast zum neobarocken Justizpalast schloß T. ein spätmittelalterlich wirkendes, ehem. illusionistisch und figürlich bemaltes Backsteingebäude mit Turm, Stufengiebeln und Blendmaßwerk nach Westen an. Neben der im Vergleich zum Justizpalast sparsameren Bautechnik reizte T. ein malerisches, weil scheinbar historisch gewachsenes Ensemble. Der die Innenhöfe trennende Querbau ist hingegen ganz in sichtbar belassener Glas-Eisen-Konstruktion errichtet.

    Weniger eindrucksvoll als diese Großbauten erscheinen T.s Kirchen, von denen nur drei erhalten sind: die neogotische Christuskirche in Aeschach bei Lindau (1899–1901), die neobarocke Garnisonskirche (heute Friedenskirche) Ludwigsburg (1900–03) und die Kapuzinerkirche Aschaffenburg (1908–09, im Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg stark verändert). Seine größten Fähigkeiten hatte T. zweifellos in der Inszenierung und technischen Realisierung repräsentativer Profanarchitektur und in deren Dekoration als Bühne zur Selbstdarstellung der zeitgenössischen Gesellschaft.

  • Quellen

    Qu Archivalien u. Pläne: Architekturmus. d. TU München; Bayer. Staatsmin. d. Justiz, München; StA u. Bayer. HStA München; Bayer. Staatsbibl. München; StadtA Augsburg; Planslg. d. TU Berlin; Hess. Landesmus. Darmstadt; – gedr. Qu: J.berr. d. TH 1879–1921; M. Creutz, Das Kurhaus zu Wiesbaden, 1908; H. Thiersch, F. v. T., 1925 (P); Th. Fischer, Der Justizpalast u. d. neue Justizgebäude in München, 1926.

  • Werke

    W u. a. Verz. e. Ausw. v. Orig.-Abgüssen n. Architekturteilen aus d. Zeit d. Renaissance in Toskana, welche z. Vervielfältigung d. Gipsabguss bestimmt sind, o. J. [n. 1894];
    Die Augsburger Fassadenmalereien, Vortr. gehalten am 2. Sept. 1902, 1902;
    Die ehem. Augustinerkirche zu München, Vortr. gehalten am 2. März 1909, 1909;
    Die Ausst.- u. Festhalle d. Stadt Frankfurt a. M., 1909.

  • Literatur

    L U. v. Hase, Wiesbaden, Kur- u. Residenzstadt, in: Die dt. Stadt im 19. Jh., hg. v. L. Grote, 1974, S. 129–49, bes. S. 145 ff.; W. Nerdinger, F. v. T., Ein Münchner Architekt d. Späthistorismus, 1852–1921, Ausst. kat. München 1977;
    M. Arnold, Entwürfe e. Baumeisters, in: Weltkunst 49, 1979, S. 2533–37; H. K. Marschall, F. v. T., Ein Münchner Architekt d. Späthistorismus, 1852–1921, 1982; W. Nerdinger u. K. Blohm (Hg.), Architekturschule München, 1868–1993, 1993, S. 59–171 u. 174–78;
    A. Toussaint, Eine|Zierde d. Stadt, München – Maximiliansplatz, Das Gebäude d. Ind.- u. Handelskammer im Wandel d. Zeit, 1998, bes. S. 68–108;
    B. Reuter, Der Architekt u. sein Haus, 2001, S. 129–31 u. 348; M. Hausner, 100 J. Neues Justizgebäude München, 1905–2005, 2005;
    DBJ III, S. 252–67 u. Tl.;
    ThB;
    Dict. of Art;
    Frankfurter Biogr.;
    Nassau. Biogr.; – zu Frieda: Bookbindings by F. T., Exhibited at The First Edition Club, London, 1929; F. Krinitz, F. T. u. ihre Handbuchbinderei, 1968;
    ThB; Vollmer.

  • Portraits

    P Porträtzeichnungen d. jungen T. v. Ludwig Thiersch, Abb. in: H. Thiersch, F. v. T., 1925, S. 19; Photogrr., 1881, 1904 u. 1910/15, Abb. ebd., S. 90 u. 276 f., Aufnahme v. H. Haeußer, 1916, Abb. ebd., Vorsatzbl., u. in: Nerdinger/Blohm (s. L), S. 174.

  • Autor/in

    Sibylle Appuhn-Radtke, Paul Thiersch
  • Empfohlene Zitierweise

    Appuhn-Radtke, Sibylle; Thiersch, Paul, "Thiersch, Friedrich von" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 138-140 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118622005.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA