Wüst, Walther

Lebensdaten
1901 – 1993
Geburtsort
Kaiserslautern
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Indogermanist ; Indologe ; NS-Wissenschaftsorganisator ; Rektor der Universität München ; Präsident der "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe" ; Philologe ; Nationalsozialist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117376388 | OGND | VIAF: 109722242
Namensvarianten

  • Wüst, Karl Franz Walther
  • Wüst, Walther
  • Wüst, Karl Franz Walther
  • Wüst, Walter
  • Wüst, W.
  • Wüst, Walter
  • Wüst, Carl Franz Walther
  • wüst, karl franz walter
  • Wüst, Walther

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Zitierweise

Wüst, Walther, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117376388.html [16.02.2026].

CC0

  • Wüst, Karl Franz Walther

    | Indologe, Indogermanist, NS-Wissenschaftsorganisator, * 7.5.1901 Kaiserslautern, † 21.3.1993 München, ⚰ München, Waldfriedhof. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Wilhelm (1868–1947), bayer. Strafanstaltsoberlehrer in K., ab 1927 in M., Heimatforscher, Volksmusiksammler, mit Fritz Heeger Hg. v. „Volkslieder aus d. Rheinpfalz“, 2 Bde., 1909 u. „Pfälz. Volkslieder mit Bildern u. Weisen“, 1929, Red. „Der Pfälzische Heimatkal. (Der Jäger aus Kurpfalz)“ (s. Lex. Pfälzer), S d. Nikolaus (1827–1901), Drechslermeister, Winzer in Ilbesheim b. Landau (Pfalz), u. d. Margareta Kessler (1836–1885);
    M Frieda (1876–1917), T d. Philipp Börtzler (1844–1903), Volksschullehrer, u. d. Charlotte Knapp (1856–1922);
    B (⚔1914/18), Offz.;
    1927 Berta-Josefine Schmid (* 1908);
    T Ingeborg (* 1927).

  • Biographie

    Nach der Volksschule in Kulmbach und Lichtenau besuchte W. 1911 bis zum Abitur 1920 das Humanistische Gymnasium in Kaiserslautern. Anschließend begann er an der Univ. München (LMU) ein geisteswissenschaftliches Studium mit den Schwerpunkten germanische Philologie, indogermanische Sprachwissenschaft, Religionswissenschaft und indoiranische Altertumskunde. Seine hochgelobte Dissertation verfaßte der 22jährige über den Schaltsatz im Rigveda bei dem Indologen und Iranisten Wilhelm Geiger (1856–1943), zu dessen Lieblingsschüler er avancierte. Bereits 3 Jahre später habilitierte er sich mit einer indologischen Arbeit bei Hanns Oertel (1868–1952), Professor für Arische Philologie, und wurde 1926 als Privatdozent zugelassen. 1931 erhielt er den Preis der Hardy-Stiftung der Bayer. Akademie der Wissenschaften und wurde 1932 zum nicht beamteten ao. Professor ernannt.

    Wie viele Nachwuchswissenschaftler, die 1933 noch keinen Lehrstuhl hatten, versuchte W. seine Karriere auch auf politischem Weg voranzutreiben. Als „Märzgefallener“ trat er am 1.5.1933 der NSDAP, dem NS-Lehrerbund sowie 1934 dem NS-Dozentenbund bei. Zudem begann er eine rege Rednertätigkeit bei verschiedenen Parteigliederungen und publizierte zahlreiche Artikel im Sinn der NS-Ideologie. W. begann seine Fachwissenschaft, zumindest in ihrer populärwissenschaftlichen Ausprägung, entsprechend zu transformieren. Ab 1934 erfolgte eine schrittweise Annäherung an die SS, indem er zunächst Vertrauensmann des SD der SS an der LMU wurde und infolge seines Engagements für das Ahnenerbe der SS Anfang 1937 als Hauptsturmführer in die SS eintrat.

    1935 wurde W. wegen seiner fachlichen Verdienste auf den Lehrstuhl seines Lehrers Hanns Oertel berufen. Die Ernennung zum Dekan der phil. Fakultät im selben Jahr war allerdings politisch motiviert. Die Ausrichtung der Universität nach dem „Führerprinzip“, demzufolge die Organe der Selbstverwaltung systematisch ausgeschaltet wurden, ermöglichten dem Dekan weitreichende Handlungsspielräume. Bis 1941 verhalf W. akademisch qualifizierten Nachwuchswissenschaftlern wie den klassischen Philologen Rudolf Till (1911–1979) und Franz Dirlmeier (1904–1977) sowie dem Philosophen Fritz-Joachim v. Rintelen (1898–1979), die sich auch politisch engagierten, zu Lehrstühlen. Indem wissenschaftliche Standards bei den Promotionen, Habilitationen und Berufungsverfahren aufrecht erhalten blieben, verhinderte W. das Eindringen von ungeeigneten Parteiideologen.

    Diesem Kurs blieb er auch als Rektor, zu dem er im März 1941 ernannt wurde, treu und verfolgte eine eher konservative Politik, indem er etwa den Senat in Berufungsfragen wieder vermehrt einschaltete und sich dort erfolgreich gegen die rein politisch motivierte Berufung von Kandidaten des NS-Dozentenbundes stellte. Durch seine Beziehungen zu mächtigen Entscheidungsträgern wie Heinrich Himmler (1900–1945) – in der SS stieg er bis zum Oberführer (1942) und Amtschef im Persönlichen Stab des Reichsführers der SS auf – eröffneten sich für W. in der polykratischen Struktur der NS-Wissenschaftsorganisation Handlungsspielräume, die er nutzte, um die Autonomie der Universität weitgehend zu bewahren und deren ideologische Durchdringung etwa durch das Amt Rosenberg oder den NS-Dozentenbund zu vermeiden. In verschiedenen Berufungsverfahren gelang es W., dezidierte NS-Wissenschaftler verhindern und für Kollegen einzutreten, die von NS-Parteistellen mit dem Ziel der Entlassung angegriffen und diffamiert wurden. Sein öffentliches Auftreten in Form von antisemitischen und rassistischen Reden waren wesentlich radikaler als sein tatsächliches Handeln als Rektor, das teilweise sogar im Widerspruch zu seinen formulierten propagandistischen Zielen stand.

    Infolge der Vielzahl seiner Ämter publizierte er nach 1935 nur mehr wenige Aufsätze und propagandistische Reden. Der äußerst machtbewußte Multifunktionär stand nicht nur der Dt. Akademie faktisch seit 1939 als Vizepräsident vor – hier vertrat er eine kulturchauvinistische Ideologie, die er durch die rassenmäßige Überlegenheit der dt. Kultur und Sprache begründet sah -, sondern verantwortete auch die beiden Sparten Orientalistik und Indogermanische Kultur im Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften des Reichserziehungsministeriums. Das Ahnenerbe der SS leitete er ab 1939 als Kurator unter der Präsidentschaft Himmlers in wissenschaftlicher Hinsicht. Im Bereich der „Wehrwissenschaftlichen Zweckforschung“ akzeptierte er Menschenversuche im KZ Dachau, war jedoch mit der Durchführung nicht direkt befaßt.

    Von Sommer 1945 bis Okt. 1948 war W. interniert und wurde im ersten Entnazifizierungsverfahren in Gruppe II der Belasteten eingeordnet, konnte aber in einer Revision 1950 die Verurteilung als Minderbelasteter (Stufe III) erreichen. Obwohl in Folge einer allgemeinen Amnestie seit 1951 o. Universitätsprofessor zur Wiederverwendung erhielt er keinen Lehrstuhl mehr und wurde 1961 pensioniert. Als Privatgelehrter publizierte er v. a. zur indogermanischen Wortkunde in der von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift „Rhema“.

  • Auszeichnungen

    |Ehrenmitgl. d. Rumän.-Dt. Kulturinst., Bukarest (1938);
    stv. Präs. d. Dt. Ak. (1939);
    Mitglied d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1940);
    ausw. Mitgl. d. Finn. Ak. d. Wiss. 1941.

  • Werke

    |Stilgesch. u. Chronol. des Rigveda, 1928;
    Vergleichendes u. etymol. Wörterbuch d. Alt-Indoarischen (Altindischen), Bd. 1, 1935;
    Des Führers Buch „Mein Kampf“ als Spiegel arischer Welt-Anschauung, 1936 (Typoskr. im Spruchkammerakt 2015);
    Von indogerman. Religiosität, Sinn u. Sendung, in: Archiv f. Rel.wiss. 36, 1939, S. 64–107;
    Indogerman. Bekenntnis, Sieben Reden, 1943;
    Hg.: Wörter u. Sachen, 1935–45;
    Zs. f. Ortsnamenkde., 1939–45;
    Archiv f. Rel.wiss., 1941–45;
    Der Biologe, 1941–45;
    Wiener Zs. f. d. Kunde d. Morgenlandes, 1941–45;
    Studienführer, Gruppe I (Kulturwiss.), 1942–45.

  • Quellen

    Qu Archiv d. LMU; Bayer. HStA München (Kultusmin.); StA München (Spruchkammer); BA Berlin (BDC); – Nachlaß: Bayer. Staatsbibl. (fast ausschließl. Material d. Nachkriegszeit).

  • Literatur

    |H. Böhm, Von d. Selbstverw. z. Führerprinzip, Die Univ. München in d. ersten J. d. Dritten Reiches (1933–1936), 1995;
    M. H. Kater, Das „Ahnenerbe“ d. SS, Ein Btr. z. Kulturpol. d. Dritten Reiches, 2001;
    E. Kraus (Hg.), Die Univ. München im Dritten Reich, Aufss., 2 T., 2006–08;
    M. Schreiber, W. W., Dekan u. Rektor d. Univ. München 1935–1945, 2008 (Qu, L, P);
    H. Junginger, in: I. Haar u. a., Hdb. d. völk. Wissenschaften, 2008, S. 776–82;
    Biogr. Lex. NS-Wiss.pol.

  • Porträts

    |Photogr., W. im Gespräch mit Baron P. de Francisci, 1942 (Univ.archiv München).

  • Autor/in

    Maximilian Schreiber
  • Zitierweise

    Schreiber, Maximilian, "Wüst, Karl Franz Walther" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 529-530 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117376388.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA