Lebensdaten
1868 bis 1937
Geburtsort
Paris
Sterbeort
Lyon
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Diplomat ; Bibliophile ; Kunstförderer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118561685 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kessler, Harry Clemens Ulrich (bis 1879)
  • Kessler, Harry von (1879-1881)
  • Kessler, Harry Graf von (seit 1881)
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Zitierweise

Kessler, Harry Graf von (seit 1881), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118561685.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Adolf (preuß. Adel 1879, |reuß. Gf. 1881, 1838-95), Inh. d. Pariser Niederlassung d. Komm.- u. Bankhauses Auffmordt, S d. Joh. Ulrich K., Pastor d. dt.-ref. Gemeinde in Hamburg (Pfarrers-S aus St. Gallen), u. d. Henriette Louise Auffm-Ordt;
    M Alice Harriet (1852–1919), T d. Henry Blosse-Lynch, Commodore d. Royal Navy in Bombay; Vorfahre Johannes (s. 2); - ledig.

  • Leben

    K. besuchte Schulen in Paris, Ascot sowie Hamburg und studierte 1888-91 in Bonn und Leipzig Jura und Kunstgeschichte. Dies entsprach den beiden Neigungen, die K. stets zu verknüpfen suchte: Mit dem Ziel einer diplomatischen Laufbahn befestigte er zunächst in höchsten Berliner Gesellschaftskreisen seine ererbte soziale Stellung; gleichzeitig intensivierte er Kontakte zur Kunst, die in seiner Mitarbeit bei der großbürgerlichen Zeitschrift „Pan“ gipfelten. Signifikant waren für K. in Berlin (wo er Gerichtsassessor und Leutnant der Reserve bei den 3. Garde-Ulanen wurde) Freundschaften mit E. von Bodenhausen, E. Förster-Nietzsche, H. von Hofmannsthal, A. Lichtwark, M. Liebermann, E. Munch und W. Rathenau. Nachdem er 1902 die Verwaltung des Weimarer Museums übernommen hatte, betrieb K. Kunst-Politik: Er schuf durch vielfältige Ausstellungen, Aufsätze und als großzügiger Mäzen ein Forum für den Neoimpressionismus, etablierte H. van de Velde an der Spitze der Kunstgewerbeschule und leitete jahrelang den Deutschen Künstlerbund, dessen Gründung er 1903 mitveranlaßt hatte. Solche und andere Aktionen mit dem Ziel, Weimar zum neuen Kulturzentrum Deutschlands zu machen (mit dem Nietzsche-Archiv als geistigem Mittelpunkt), standen den offiziellen Kunstansichten entgegen und brachten K. 1906 zu Fall. Er befreundete sich unter anderem mit André Gide, M. Harden, G. Hauptmann, L. von Hofmann, A. Maillol, H. von Nostitz, M. Reinhardt, R. M. Rilke, A. Rodin und R. A. Schröder. Der ausgewiesene Kenner einer internationalen Moderne unterstützte und betrieb auch nach seiner Entlassung Ausstellungen, die zum Teil bewußt der Völkerverständigung dienen sollten.

    K. blieb trotz kunsthistorischer Vortragsreisen durch Europa allerdings wenig beachtet, bis er durch die ersten Drucke seiner Cranach-Presse (gegründet 1913 in Weimar) und die mit H. von Hofmannsthal für S. Diagilew verfaßte und von R. Strauss komponierte „Josephslegende“ (1914) von sich reden machte.

    Im Weltkrieg wurde K. als Rittmeister und bald als Ordonnanzoffizier in Belgien, Rußland, Polen, Ungarn und Frankreich eingesetzt. 1916 erhielt er den Auftrag des Auswärtigen Amts, in Bern offiziell die deutsche Kulturpropaganda zu organisieren und insgeheim Friedensbedingungen mit Frankreich zu sondieren; beiden Aufgaben widmete er sich dank seiner Kenntnis gesellschaftlicher und künstlerischer Instanzen. Während K. in der Schweiz mit D. von Bethmann Hollweg, P. Cassirer, A. Kolb und R. Schickele verkehrte, stets deutsche Exilanten unterstützte und in Berlin mit den Kreisen um G. Stresemann und der „Vossischen Zeitung“ Kontakte pflegte, schaltete er sich immer mehr in die Tagespolitik ein – schließlich sogar in die deutsch-russischen Friedensverhandlungen. 1918 erwirkte K. die Freilassung J. Pilsudskis und wurde im selben Jahr akkreditiert: Als Botschafter in Warschau regulierte er mit Erfolg die Rückführung deutscher Truppen. Danach begann K.s intensivste politisch-journalistische Tätigkeit unter anderem für Vereinigungen wie „Bund Neues Deutschland“, „Deutsche Friedensgesellschaft“, „Weltjugendliga“, „Sozialwissenschaftlicher Club“, „Reichsbanner Schwarz Rot Gold“, von denen er einigen vorstand. Seine Artikel (meist in der von ihm mitherausgegebenen Zeitschrift „Die Deutsche Nation“) und Flugschriften forderten Demokratie und Sozialismus. Die „Richtlinien für einen wahren Völkerbund“ (1920) brachten ihm den Namen eines Führers der deutschen Friedensbewegung ein. Auf Vortragsreisen durch Deutschland und auf europäischen Kongressen profilierte er sich linksliberal. K. gehörte zur deutschen Delegation auf der Konferenz von Genua (1922); auf jener von Genf (1924) fungierte er als offiziöser Vertreter Deutschlands. Er hielt in England und den USA 1923/25 Propagandareden, die auch in das Buch „Germany and Europe“ (1923, 21971) eingingen. K. kandidierte 1924 bei den Reichstagswahlen (vergeblich) für die Deutsche Demokratische Partei.

    Die Persönlichkeiten, mit denen K. in und nach dem Weltkrieg Verbindung aufnahm – J. R. Becher, Th. Däubler, A. Einstein, G. Grosz, W. Herzfelde, C. von Ossietzky, L. Quidde und K. Weill – zeugen von einer Wandlung K.s, der neben seinen politischen Aktivitäten die Kontakte zur Kunst kaum reduzierte. Die Cranach-Presse druckte einen Teil seiner Feldpostbriefe („Krieg und Zusammenbruch“, 1921) und seiner Flugschriften; ihre berühmten bibliophilen Ausgaben erschienen allerdings erst nach K.s (durch schwere Krankheit 1926/27 bedingtem) Rückzug aus der Politik. Dann pendelte er wieder häufiger zwischen Berlin, Paris und London, hielt Rundfunkvorträge, beteiligte sich an Ausstellungen, entwarf Dramen und Ballettszenarien, schrieb erneut kunstkritische Aufsätze. Sein wichtigstes Werk dieser Jahre bildete das Buch „Walther Rathenau“ (1928, 31962; niederländisch 1929; englisch 1930, 1969; französisch 1933), eine Biographie aufgrund genauer Quellenkenntnis. Kleinere diplomatische Demarchen bezeugen K.s anhaltende Wachsamkeit, kulturpolitische Initiativen (1930 Vorstandsmitglied des PEN, 1932 Mitbegründung des „Freien Worts“) seine Beunruhigung über den Nationalsozialismus. Am Tag nach der Reichstagswahl vom März 1933 verließ er Deutschland für immer. – Im Exil in Frankreich und auf Mallorca beteiligte sich K. kaum mehr an öffentlichen Unternehmungen; er schrieb seine Memoiren „Gesichter und Zeiten“, deren 1. Band „Völker und Vaterländer“ (Porträt) 1935 in Berlin erschien, über das Porträt des Autors hinaus ein Panorama seiner Zeit (wieder 1962 [P], französisch 1936; Teile von II in: Neue Rundschau 1935, der Rest im Manuskript verschollen).

  • Werke

    Verz., in: H. v. Hofmannsthal, H. Gf. K., Briefwechsel 1898-1929, hrsg. v. H. Burger, 1968 (P). - u. a. Notizen üb. Mexiko, 1898, 1964;
    Impressionisten, 1908;
    Tagebücher 1918–37, hrsg. v. W. Pfeiffer-Belli, 1961, 31962 (P) (engl. 1971, franz. 1972);
    Aus d. Tagebüchern, mitget. v. B. Zeller, in: Jb. d. Dt. Schillerges. 12, 1968, S. 48-87 (P). Druckleitung u. a.
    P. Vergilii Maronis Eclogae … übers. v. R. A. Schröder, mit Ill.v. A. Maillol, 1926;
    W. Shakespeare, Gesch. v. Hamlet … übers. v. G. Hauptmann, Figurinen … v. E. G. Craig, 1929;
    Nachlaß im Dt. Lit.archiv, Marbach (P).

  • Literatur

    H. Wehberg, Die Führer d. dt. Friedensbewegung, 1923;
    R. Schickele, Werke III, 1959, S. 911-13;
    H. v. Nostitz, Aus d. alten Europa, 1928, 21964;
    A. Kolb, in: Maß u. Wert I, 1937 f., S. 630 f.;
    K. H. Salzmann, in: Aufbau IV, 1948, S. 151-55;
    H. van de Velde, Gesch. m. Lebens, 1962, 21964 (P);
    A. Scherer u. J. Grunewald (Hrsg.), L'Allemagne et les Problèmes de la Paix, 2 Bde., 1962-66;
    R. Müller-Krumbach, H. Gf. Kessler u. d. Cranach-Presse in Weimar, 1969 (P);
    J. Haupt, Konstellationen H. v. Hofmannsthals, 1970;
    N. Nabokov, Zwei rechte Schuhe im Gepäck, 1975.

  • Portraits

    Lith. v. E. Munch, 1895, Abb. in: W. Timm, Edvard Munch, 1969, Tafel 26;
    Ölgem. v. dems., 1904 (Oslo, Privatbes.), Abb. in: E. Munch, New Yorker Kat., 1965, S. 61;
    Ölgem. v. dems., 1906 (Berlin, Nat.-Gal.), Abb. in: H. Bock u. G. Busch (Hrsg.). Edvard Munch, 1973, S. 29.

  • Autor/in

    Hans-Ulrich Simon
  • Empfohlene Zitierweise

    Simon, Hans-Ulrich, "Kessler, Harry Graf von/seit 1881" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 545-546 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118561685.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA