Lebensdaten
1860 bis 1904
Geburtsort
Budapest
Sterbeort
Edlach (Niederösterreich)
Beruf/Funktion
Zionist ; Schriftsteller ; Begründer des Zionismus
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118550241 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Herzl, Theodor
  • Gerclʹ, Teodor
  • Hartzil
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Herzl, Theodor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550241.html [22.04.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Jacob (1835–1902), Kaufm.;
    M Jeanette (1836–1911), T d. Kaufm. Herm. Diamant in Pest;
    1889 Julie (1868–1907), T d. Kaufm. Jos. Naschauer aus Böhmen;
    1 S, 2 T.

  • Leben

    H. kam als Student 1878 nach Wien, wo er 1881 der deutschnationalen Verbindung Albia beitrat, die er 1883 wegen ihrer antisemitischen Tendenz wieder verließ. Er promovierte 1884 zum Dr. iur. und wandte sich der Schriftstellerei zu. Er schrieb etwa ein Dutzend Theaterstücke (darunter „Solon in Lydien“, 1900, „Das Neue Ghetto“, 1898 und so weiter), die wenig Erfolg hatten, erwarb sich aber einen großen Ruf als begabter Feuilletonist in der Wiener Tradition jener Zeit und wurde 1896 als Feuilletonredakteur der „Neuen Freien Presse“ eine der mächtigsten Figuren im Wiener Literaturbetrieb – Zu einer historischen Gestalt jedoch wurde er im Bereich der Politik, als er unter dem Eindruck des Dreyfus-Prozesses, dem er als Reporter der „Neuen Freien Presse“ in Paris beigewohnt hatte, 1896 eine Broschüre „Der Judenstaat“ veröffentlichte. Sie war abgefaßt im Stil utopischer Entwürfe, zum Beispiel des sozialreformerischen Buches „Freiland“ von Theodor Hertzka. Ausgehend von der Erkenntnis, daß die europäisch Gesellschaft die nach der Emanzipation immer stärker werdende und durch ihren Überschuß an Intellektuellen unbequeme Judenheit nicht würde verdauen können und daß das Ignorieren des Problems zur Katastrophe führen könne, schlug H. die Gründung eines Judenstaates vor: „Die Judenfrage ist eine nationale Frage; um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu lösen sein wird.“ Er machte politische, technische und finanzielle Pläne für|organisierte Massenauswanderung. Seine Idee fand viel Widerspruch, aber auch Begeisterung bei den damals schon existierenden schwachen zionistischen Gruppen (vor allem Studenten), von deren Existenz, besonders in Osteuropa, H. nichts wußte. Zu praktischen Schritten gedrängt, rief er für den 26.8.1897 den ersten zionistischen Kongreß nach Basel ein, der unter H.s Vorsitz das „Basler Programm“ des Zionismus formulierte: die „Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“. (Die Sprache der Bewegung war bis 1914 deutsch.) Am 3.9.1897 schrieb H. in sein Tagebuch: „Fasse ich den Kongreß in ein Wort zusammen, … so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig, wird es jeder einsehen.“ Genau nach fünfzig Jahren (1947) hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Gründung eines Judenstaates in einem Teil Palästinas beschlossen. H. war von der Schlagkraft seiner Argumente so überzeugt, daß er glaubte, er würde die leitenden Staatsmänner Europas ebenso wie die führenden Juden (vor allem die Reichen wie Rothschild und so weiter) leicht gewinnen. Darin täuschte er sich. Er ging davon aus, daß die Staatsmänner, die in der Judenfrage inhärenten Gefahren erkennen und daher bei der Schaffung eines Reservoirs zur Aufnahme der überschüssigen Juden mithelfen würden. In Österreich war der Antisemitismus besonders fühlbar, nachdem die christlich-soziale Partei Karl Luegers eine volkstümliche antisemitische Bewegung entfesselt und damit Wien erobert hatte, obgleich Kaiser Franz Joseph zweimal die Bestätigung Luegers als Bürgermeister verweigerte. Seine erste Hoffnung setzte H. auf das zur Weltmacht aufsteigende Deutsche Reich. Darin wurde er bestärkt durch Großherzog Friedrich von Baden, bei dem ihn dessen englisch Hofprediger Reverend Hechler, ein schwärmerischer Zionistenfreund, einführte. Es gelang, Kaiser Wilhelm II. zu überreden, daß er während seiner Orientreise 1898 H. erst in Konstantinopel und dann in Jerusalem empfing. H. wollte den Sultan dafür gewinnen, daß er der – nach dem Muster der Ostind. Companie zu gründenden – jüdischen Kolonisationsgesellschaft eine Charta zur Besiedlung Palästinas und weitgehende Autonomie im Rahmen des Ottoman. Reiches einräume. Dies hoffte H. zu erreichen durch diplomatische Hilfe der Großmächte und durch Beschaffung einer Anleihe für den „Kranken Mann am Bosporus“. Der Sultan jedoch gab eine ausweichende Antwort. Von der negativen Haltung des Reichskanzlers von Bülow enttäuscht, wandte sich H. nach England, wo durch Masseneinwanderung osteurop. Juden die Judenfrage akut geworden war. Der britische Premierminister Joseph Chamberlain bot den Zionisten ein Gebiet in Ostafrika für eine autonome Siedlung an (damals „Uganda“ genannt, nicht identisch mit dem heutigen Uganda). Die Anerkennung der Zionistischen Organisation durch eine Großmacht war ein politischer Erfolg, aber aus dem Plan wurde nichts, einerseits weil das Gebiet als ungeeignet befunden wurde, andererseits weil die Mehrheit der Zionisten ein anderes Land als Palästina nicht in Betracht ziehen wollte. Diese Opposition war ein Schlag für H. Trotzdem unternahm er im August 1903 eine Reise nach Rußland, wo er mit dem allmächtigen Innenminister Plehwe und anderen Ministern verhandelte, die ihm Unterstützung in Konstantinopel versprachen. In Rußland wurde H. von den jüdischen Volksmassen ekstatisch umjubelt. Diese und viele andere diplomatischen Bemühungen H.s (unter anderem Audienz bei Papst Pius X. und König Victor Emanuel III. von Italien) hatten in seiner Lebenszeit keinen praktischen Erfolg. Er erlag seinem Herzleiden im Alter von nur 44 Jahren. Seine Grundhaltung spiegelt sich in dem 1902 veröffentlichten utopischen Roman „Altneuland“, der ein Zukunftsbild des verwirklichten Zionismus gibt mit dem Motto „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“. Darin zeigt sich H.s weitsichtiges Vertrauen auf die technische Revolution, aber auch seine liberale, allem Chauvinismus abholde Gesinnung. Palästina sollte kein autoritärer „Judenstaat“, sondern eine demokratische „Neue Gesellschaft“ werden, ein auf friedlicher Zusammenarbeit aller seiner Völker und Religionen und auf humanem Geist gegründetes Gemeinwesen.

  • Werke

    Weitere W Neues v. d. Venus, 1887 (Geschichtchen);
    Buch d. Narrheit, 1888 (Feuilletons);
    Schauspiele: Der Flüchtling, 1889;
    Muttersöhnchen, 1869;
    Causa Hirschkorn, 1890;
    Seine Hoheit, 1890;
    Was wird man sagen?, 1890;
    Die Dame in Schwarz, 1890 (mit H. Wittmann);
    Wilddiebe, 1891 (mit dems.);
    Prinzen aus Genieland, 1892;
    Die Glosse, 1895;
    Gretel, 1899;
    Unser Käthchen, 1899. - Das Palais Bourbon, 1895 (Reportage);
    Phil. Erzz., 1900;
    Feuilletons, 2 Bde., 1904;
    Zionist. Schrr., hrsg. v. L. Kellner, 1905;
    Tagebücher 1895-1904, 3 Bde., 1922;
    Ges. Zionist. Werke, 5 Bde., 1934 f.

  • Literatur

    A. Friedemann, Th. H., 1914, 21919;
    L. Kellner, H.s Lehrj., 1920;
    J. de Haas, The Life of Th. H., 2 Bde., New York 1927;
    A. Böhm, Die Zionist. Bewegung I, 1920 (1937);
    Zeitgenossen üb. H., hrsg. v. Th. Nussenblatt, 1929;
    Sch. Gorelik, H.|in s. Tagebüchern, 1929;
    M. Georg, Th. H., 1932;
    A. Bein, Th. H., 1934, engl. Philadelphia 1941, London 1957 (W, P);
    P. J. Diamant, H.s väterl. u. mütterl. Vorfahren, Jerusalem 1934;
    Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1944;
    I. Cohen, Th. H., Founder of political Zionism, New York/London 1959;
    A. Chouraqui, H., Tel Aviv 1960;
    ders., Th. H., Inventeur de l'État d'Israel, 1860–1904, Paris 1960;
    H., Hechler, The Grand Duke of Baden and the German Emperor 1896-1904, hrsg. v. H. u. B. Ellern, Tel Aviv 1961;
    J. Adler, The H. paradox, New York 1962;
    O. Schnitzler, Th. H. im Spiegelbild d. Freundschaft, 1962;
    W. Döbertin, Der Zionismus Th. H.s, Diss. Hamburg 1964;
    BJ X (Tl. 1904, L);
    Enc. Jud. VII (W, L, P);
    Hdb. d. Ztg.wiss., 1940 ff. (L);
    Kosch, Lit.-Lex. (W, L).

  • Autor

    Robert Weltsch
  • Empfohlene Zitierweise

    Weltsch, Robert, "Herzl, Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 735-737 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550241.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA