Lebensdaten
1886 bis 1954
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Baden-Baden
Beruf/Funktion
Dirigent ; Komponist ; Musikschriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118536931 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Furtwängler, Gustav Heinrich Ernst Martin Wilhelm
  • Furtvengler, Vil'gel'm
  • Furtvengler, Vilchelm
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Furtwängler, Wilhelm, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118536931.html [06.12.2016].

CC0

Furtwängler, Gustav Heinrich Ernst Martin Wilhelm

Dirigent, Musikschriftsteller und Komponist, * 26.1.1886 Berlin, 30.11.1954 Baden-Baden. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Adolf s. (1); 1) 1922 (⚮) Zitla Lund, Dänin, 2) 1943 Elisabeth, T d. Fabrikbes. Ernst Albert u. d. Katharina van Endert (* 1880, 4] Siegfr. v. Kardorff, 1873–1945, Reichstagsvizepräs., s. Rhdb., P), Mitgl. d. Reichstags; 1 S, 1 T aus 1), 1 S, 1 T aus 2).

  • Leben

    In der geistigen und künstlerischen Atmosphäre des Münchener Elternhauses und unter der Obhut seiner Erzieher, der Archäologen L. Curtius und W. Riezler, wuchs F. seiner Bestimmung entgegen, die sich zunächst in frühen Kompositionen ankündigte. Bei A. Beer-Walbrunn und J. Rheinberger fand er die grundlegende Kompositionsausbildung, die 1901 von M. von Schillings ergänzt wurde. Längerer Aufenthalt in Florenz (1902, bei dem Bildhauer A. Hildebrand) brachte das ihn entscheidend formende Erlebnis Michelangelos. – F. begann als Korrepetitor am Breslauer Stadttheater (1906). Seine eigentliche Begabung setzte sich erstmalig im Juni 1906 bei der Leitung von Bruckners 9. Sinfonie in München durch. Über Zürich (Chordirektor), München (Korrepetitor am Hoftheater unter F. Mottl 1908-09), Straßburg (Kapellmeister unter H. Pfitzner), Lübeck (1911–15) kam er nach Mannheim (Kapellmeister am Nationaltheater 1915-20). Von hier aus wirkte er auch in Wien, wo er das Tonkünstlerorchester leitete und Konzertdirigent der Gesellschaft der Musikfreunde war. In der Folge stieg F. neben Toscanini und B. Walter zum Beherrscher des europäischen Konzertlebens auf. 1921/22 dirigierte er die Sinfoniekonzerte der Berliner Staatskapelle und die Frankfurter Museumskonzerte. 1922 übernahm er als Nachfolger A. Nikischs die Direktion der Berliner Philharmonie und des Gewandhausorchesters in Leipzig, das er 1928 verließ, um bei den Wiener Philharmonikern die Nachfolge F. Weingartners anzutreten.|1925 öffnete sich ihm der amerikanische Kontinent. – Nach 1933 – nun Direktor der Berliner Staatsoper – geriet F. bald in Widerspruch zur offiziellen Kulturpolitik. Auf Grund der Maßregelung seines Eintretens für Hindemith (Ende 1934) legte er seine Ämter nieder. Später glaubte er, durch formelle Anerkennung der Zuständigkeit der Machthaber für die Kulturpolitik der Mitverantwortung enthoben zu sein. Dieser Schritt fand vielfach kein Verständnis, brachte ihm aber die ausbedungene künstlerische Unabhängigkeit; politisch repräsentative Konzerte vermied er nun ebenso wie später das Dirigieren im besetzten Westeuropa. Seine Respektierung ermöglichte ihm unter vielem anderen, den Berliner Philharmonikern ihre jüdischen Mitglieder zu erhalten. Als Göring eine Berufung zu den New Yorker Philharmonikern vereitelte, zog F. sich für längere Zeit zum Komponieren zurück, in dem er stets seine wahre Bestimmung gesehen hat. 1937 dirigierte er anläßlich der englischen Königskrönung. Als Musikbevollmächtigter in Wien wahrte er 1938 die Selbständigkeit der traditionsreichen Institutionen, übernahm hier 1939 auch die Leitung der Philharmoniker. Anfang 1945 siedelte er in die Schweiz über, Clarens (Genfer See) blieb sein ständiger Wohnsitz. F.s Rehabilitierung wurde lange hinausgezögert, das erste Nachkriegskonzert fand Pfingsten 1947 in Berlin statt. Bayreuth, Edinburgh, Mailänder Scala, Luzern, Salzburg sowie zahlreiche Konzertreisen mit den Berliner Philharmonikern, deren Dirigent auf Lebenszeit er 1952 wurde, steigerten seinen Ruf zu fast legendärem Ruhm. – Wenngleich persönlich anspruchslos und zurückhaltend, ohne Ehrgeiz und Intrige, war F. doch voller Energie und Selbstbewußtsein; in künstlerischen Fragen schloß er keinen Kompromiß. An sich Romantiker, errang er in der Zucht geistiger Arbeit und in verstandesmäßiger Durchdringung der Partitur die Freiheit zu nahezu traumhafter Improvisation in der Wiedergabe, in der er, „ekstatisch-beherrscht“ den Takt ohne Figuren schlagend, unerhörten Klangreichtum entfaltete und das Kunstwerk in der Suggestion seiner Auffassung zum Gemeinschaftserlebnis werden ließ. Unaufhörlich an sich arbeitend, erstrebte er bei der Gestaltung der großen klassischen Werke immer von neuem den Nachvollzug ihres Werdens, das Aufdecken ihrer immanenten Klarheit und Logik; der strenge Sonatensatz mit seiner dialektischen Dramatik war ihm als „Naturform“ zugleich Gesetzlichkeit des Menschlichen. Hier wurzelte einerseits F.s Wahlverwandtschaft mit Beethoven, dem Zentrum seines Wirkens, wie auch seine Bevorzugung von Brahms, Bruckner – den er, zum Teil überformend, aus dem Geist der Sonate faßte – und Haydn, andererseits seine Abneigung gegen das Historisieren und die nichttonale Musik, deren geschichtliche Legitimität er nur widerstrebend und über den Intellekt einzusehen vermochte. An F.s Überformung andersgearteter Werke setzte auch die Kritik an. Von den Neueren dirigierte er häufiger R. Strauss (Till Eulenspiegel), seltener Hindemith und den frühen Strawinsky, in der Oper vor allem Mozart und Wagner. Der Spannungsreichtum seines Wesens spiegelt sich auch in seinen Kompositionen mit schlicht-kantabler, weitgespannter Melodik, riesenhaften Ausmaßen und oft formsprengender Expressivität sowie in seinen Schriften über Probleme der gegenwärtigen Musikkultur. Sie sind, wie F.s gesamtes Wirken und Schaffen, Bekenntnis zur klassischen Musiktradition, zur Tonalität und zur Gesetzlichkeit von Spannung und Lösung.|

  • Auszeichnungen

    Dr. phil. h. c. (Heidelberg 1927), Friedensklasse d. Pour le Mérite 1930, Goethemedaille 1932, Kommandeur d. franz. Ehrenlegion (Juli 1939).

  • Werke

    W Schrr.: J. Brahms u. A. Bruckner, 1942 (mit Nachwort v. W. Riezler), 21952; Gespräche üb. Musik, hrsg. v. W. Abendroth, 1948, 21949 (engl. Übers. 1953); Ton u. Wort, 1954; Der Musiker u. s. Publikum, 1954; Vermächtnis, nachgelassene Schrr., 1956, 21956; Aufsätze in Ztg. u. Zss. s. MGG. – Komp.: Stückchen v. d. Tieren f. Klavier op. 1, 1893; Oratorium zu Ehren d. Großmutter f. Soli, Chor u. Orch., 1897; 17 Stücke zu Goethes Walpurgisnacht op. 7, 1899; Streichsextett, 1901; 3 Chöre aus Goethes Faust, 1903; Symphonie D-dur, 1903; Adagio h-moll f. Orch., 1906; Te Deum f. Soli, Chor, Orch. u. Orgel, 1910; 1. Sonate d-moll f. Violine u. Klavier, 1937; Symphon. Konzert h-moll f. Klavier u. Orch., 1937; 2. Sonate e-moll f. Violine u. Klavier, 1940; l. Symphonie h-moll, 1940; 2. Symphonie e-moll, 1947 (Schallplatte DG 18114/15 LPM, v. F. dirigiert); 3. Symphonie (unvollendet), 1954.

  • Literatur

    R. Specht, W. F., 1922; Zur Geneal., in: Fam.-geschichtl. Bll., Dt. Herold, fg. 1937, H. 5/6, Sp. 154-58; ebd., Jg. 1938, H. 9/10, Sp. 249-54; O. Schrenk, W. F., 1940; F. Herzfeld, W. F., Weg u. Wesen, 1941, 21950 (P); ders., Magie d. Taktstocks, Die Welt d. großen Dirigenten, Konzerte u. Orch., 1953; B. Geissmar, Musik im Schatten d. Pol., 31951; L. Curtius, Dt. u. antike Welt, Lebenserinnerungen, 1950; W. Siebert, F., 1950; H. Kralik, Das große Orch., Die Wiener Philharmoniker u. ihre Dirigenten, 1952; C. Riess, F., Musik u. Pol., 1953; E. Stargardt-Wolff, Wegbereiter großer Musiker, 1954, S. 235-42 (P), 287-91; K. Höcker, Sinfon. Reise, Konzerte, Gespräche, Fahrten mit W. F. u. d. Berliner Philharmonikern, 1955; W. F. im Urteil seiner Zeit, 1955, hrsg. v. M. Hürlimann; F. Thiess, In memoriam|W. F., Zwei Gedenkreden, 1955; K. A. v. Müller, Die F. auf Tannek, in: Merian, Jg. 1955, H. 1, S. 89-93; Alfr. Einstein, W. F., in: Von Schütz bis Hindemith, 1957, S. 153 ff.; Die Programme d. Konzerle mit d. Berliner Philharmon. Orch. 1922–54, hrsg. v. P. Wackernagel, 1958; F. Stein, in: MGG IV, Sp. 1155-58 (W, L, P); Moser; Riemann.

  • Portraits

    Zahlr. Wiedergaben v. Gem., Zeichnungen u. Phot., in: F. Herzfeld, W. F., 21950 (u. a. Ölgem. v. s. M Adelheid F.) u. R. Gavoty u. Hauert, W. F., 1954; H. Wimmer, F., Arb.skizzen e. Bildhauers, 1954; Bronzebüste v. A. Archipenko, 1927 (Darmstadt, Hess. Landesmus.), Abb. in: Ausstellungskat. A. Archipenko, Darmstadt, Mannheim, Recklinghausen, 1955; Bronzekopf v. H. Wimmer, 1953 (Fassungen in Mannheim, Kunsthalle, im Bes. d. Stadt Bielefeld u. in Lübeck, Mus.), Abb. in: H. Wimmer, Bildnisse unserer Zeit, 1958.

  • Autor

    Alfons Ott
  • Empfohlene Zitierweise

    Ott, Alfons, "Furtwängler, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 740-742 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118536931.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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