Winckelmann, Johannes

Lebensdaten
1900 – 1985
Geburtsort
Hamburg
Beruf/Funktion
Jurist ; Förderer der kritischen Gesamtausgabe der Werke, Briefe und Vorlesungen Max Webers
Konfession
evangelisch
Namensvarianten

  • Winckelmann, Johannes Ferdinand Hermann
  • Winckelmann, Johannes
  • Winckelmann, Johannes Ferdinand Hermann

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Zitierweise

Winckelmann, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142886.html#indexcontent [30.04.2026].

CC0

  • Winckelmann, Johannes Ferdinand Hermann

    | Jurist, Max-Weber-Herausgeber, * 29. 3.1900 Hamburg, † 21.11.1985 Bad Dürrheim. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Ferdinand Heinrich (1848–1925), aus H., Inh. d. Großbetriebs „Winckelmann &
    Scheele“ f. Malerei u. Raumkunst in H.;
    M Dorothea (1868–1900), T d. Johannes Erdmann Krützfeldt, Landwirt in Plön, u. d Helene Johanna Mathilde Gerich;
    Stief-M Gertrud Riedel, geb. Reinhardt ( n. 1925);
    Hamburg 1935 Freda (1896–1985), aus Neurode (Schlesien), Sekr. d. Dirigenten Wilhelm Furtwängler (s. Gotha. Geneal. Tb. d. Adeligen Häuser, A 41, 1942, S. 445), T d. Richard Frhr. v. Rechenberg (1856–1939), aus Ilmen, Landrat d. Kr. Neurode, preuß. Geh. Reg.rat, u. d. Freda v. Meyerinck (1869–1962), Pol. (DNVP), 1924–28 Mitgl. d. Preuß. LT (s. GHdA Adelige Häuser A 18, 1985, S. 333; Biogr. Hdb. Preuß. LT);
    wohl kinderlos;
    Schwager Hans Albrecht Frhr. v. Rechenberg (1892–1953), Dr. phil., Fabrikdir., Untern., Erfinder f. d. Mühlenind., 1937 Teilh., später Inh. d. „Kalker Trieurfabrik u. Fabrik gelochter Bleche Mayer &
    Cie.“ in Heumar b. Köln, 1949 Mitgl. d. BT (FDP) (s. Kölner Personenlex.; Biogr. Hdb. MdB).

  • Biographie

    W. besuchte 1906–10 die Privatschule Bertram und dann das Heinrich Hertz-Realgymnasium in Hamburg, wo er Anfang 1918 die Reifeprüfung ablegte. Nach kurzem Kriegsdienst studierte er ab Jan. 1919 an der Univ. Hamburg Rechts-, Staats- und Wirtschaftswissenschaften sowie Geschichte, Kunstund Kulturgeschichte. In Marburg wies ihn der Staatsrechtslehrer Johann Victor Bredt (1879–1940) 1919 auf Max Weber (1864–1920) hin, W. konnte jedoch erst nach dessen Tod an die Univ. München wechseln. Im Dez. 1921 legte er die Erste jur. Staatsprüfung in Kassel ab. Mit einer strafrechtlichen Dissertation „Zur Strafwürdigkeit der Schwangerschaftsbeseitigung“ (Diss. masch. 1923) wurde er 1922 bei Ludwig Traeger (1856–1927) zum Dr. jur. utr. promoviert.

    Mitte 1923 ging W. in Hamburg in den jur. Vorbereitungsdienst, wo er Ende 1926 die Große jur. Staatsprüfung ablegte und bis 1938 als Richter an Arbeits-, Handels- und Zivilgerichten amtierte. 1937 trat er in die NSDAP ein, auch aus antidemokratischer Überzeugung. Der Umzug nach Berlin erfolgte um seiner Frau, der Sekretärin Wilhelm Furtwänglers (1886–1954), willen. Als Oberregierungsrat (1938) und ab Dez. 1942 als Ministerialrat leitete er im Reichswirtschaftsministerium ein Referat in der Hauptabteilung Geld und Kredit. Anfang 1945 nach Nordhessen versetzt, wo ihn die US-Militärbehörden verhafteten und kurzzeitig internierten, zog er im Juni 1947 nach Oberursel um; im selben Monat erging das Urteil der Spruchkammer Obertaunus, in dem er als „Widerstandsaktivist und Entlasteter“ bezeichnet wurde. Zunächst im alliierten Hauptquartier in Frankfurt/M. bei der Finance Division SHAFF/USFET tätig, wurde W. 1947 zum Justiziar, im März 1948 zum Vorstandsmitglied der Landeszentralbank von Hessen ernannt.

    Nicht zuletzt dank enger Kontakte zu Marianne Weber (1870–1954) seit Mitte der 1920er Jahre trieb W. mit Ende des 2. Weltkriegs die Institutionalisierung seiner unkritischen Begeisterung für den zum Gründungsvater der modernen dt.sprachigen Sozialwissenschaften verklärten Max Weber erfolgreich voran. 1951 veröffentlichte er eine Neuauflage von Webers „Gesammelten Aufsätzen zur Wissenschaftslehre“ (⁶1985), ursprünglich 1922 von Marianne Weber herausgegeben. 1952 folgte die Studie „Legitimität und Legalität in Max Webers Herrschaftssoziologie“, in der W., stark beeinflußt von der Naturrechtsrenaissance der Nachkriegszeit, Webers neukantianisch inspirierte Begrifflichkeit falsch verstand und, wie Stefan Breuer gezeigt hat, massiv entstellte. Weiterhin veröffentlichte W. Webers „Wirtschaft und Gesellschaft (⁴1956), einen Erläuterungsband zur 5. Auflage (1976) und die „Studienausgabe“ (1972), ferner „Wirtschaftsgeschichte“ (³1958), „Gesammelte politische Schriften“ (²1958, mit e. Geleitwort v. Th. Heuss) sowie die „Protestantische Ethik“ als Taschenbuchausgabe (1965), gefolgt von einer Sammlung von „Kritiken und Antikritiken“ (1968).

    Nach seinem Ausscheiden aus der Bank 1951 knüpfte der von eigenem Vermögen und einer großzügigen Pension in Rottach-Egern lebende W. durch eine intensive Korrespondenz, u. a. mit Karl Loewenstein (1891–1973), dem Besitzer der Originalmanuskripte Max Webers von „Rechtssoziologie“ und dem Abschnitt „Die Wirtschaft und die Ordnungen“ (zu Wirtsch. u. Ges.), ein globales Netz von Weber-Forschern. Er gründete 1960 ein Max Weber-Archiv am Soziologischen Institut der Univ. München, überführte dieses 1966 in ein Max-Weber-Institut, angebunden an die staatswirtschaftliche Fakultät der Univ. München, sammelte Dokumente zu Webers Leben und Werk und führte zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen, speziell zu Webers Lehrtätigkeit in München. 1965 gründete W. die „Gemeinschaft von Freunden und Förderern des Max Weber Instituts“ (später: Max Weber Ges.), eine Honoratiorengesellschaft. Seine populären, in hohen Auflagen verbreiteten Neuausgaben der Schriften Webers, die er überarbeitete, teilweise neu gliederte und erweiterte mit bisweilen sinnentstellenden Auslassungen und verfälschenden Eingriffen in die originalen|Texte, wurden trotz ihrer erheblichen Mängel weltweit für Übersetzungen herangezogen.

    W. stellte sein didaktisches Interesse über die philologische Genauigkeit, die später ausschlaggebend für die Edition der Max Weber-Gesamtausgabe nach historisch-kritischen Grundsätzen wurde. 1963 Honorarprofessor an der Univ. München sowie Briefpartner und zeitweiliger Freund Carl Schmitts (1888–1985), publizierte W. auch Weber-Studien, speziell zu „Wirtschaft und Gesellschaft“, die erkennen lassen, daß er bis in die ersten Jahre der Bundesrepublik hinein seiner Kritik an der liberalen Demokratie und v. a. am Parlamentarismus treu blieb. Zugleich gilt, daß Max Weber „zumindest in der Bundesrepublik seinen Aufstieg zum Klassiker der Soziologie in nicht geringem Maße einem Promoter verdankt, der in Webers Soziologie nie wirklich angekommen ist“ (Breuer, S. 104). Seit 1975 Mitglied der Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Bayer. Akademie der Wissenschaften, trieb W. seit 1976 mit den späteren Herausgebern Horst Baier (1933–2017), Wolfgang J. Mommsen (1930–2004), M. Rainer Lepsius (1928–2014) und Wolfgang Schluchter (* 1938) die Planungen für eine Kritische Gesamtausgabe der Werke, Briefe und Vorlesungen Webers (MWG) voran.

  • Werke

    |Max Webers Opus Posthumus, Eine literar. Stud., in: ZStW 105, 1949, H. 2, S. 368–87;
    Ges. u. Staat in d. verstehenden Soziol. Max Webers, 1957;
    Max Weber, Staatssoziol. mit e. Einf. u. Erl. hg. v. J. W., ³1966, Neudr. 2011;
    Die Herkunft v. Max Webers „Entzauberungs“ -Konzeption, in: Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol. 32, 1980, H. 1, S. 12–53;
    Die doppelseitige, gegenläufige Betrachtungsweise b. empir.-vgl. soziol. Kulturanalysen, ebd. 34, 1982, H. 3, S. 435–43;
    Max Webers hinterlassenes Hauptwerk, 1986;
    Hg.: Max Weber z. Gedächtnis, 1963 (mit R. König);
    Nachlaß: Archiv d. Bayer. Ak. d. Wiss., München (nur teilweise erschlossen).

  • Literatur

    |M. R. Lepsius, in: Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol. 38, 1986, S. 414–16, erneut in: ders., Soziol. u. Soziologen, Aufss. z. Institutionalisierung d. Soziol. in Dtld., hg. v. O. Lepsius, 2017, S. 381–84;
    ders., Die Max-Weber-Ed. nähert sich ihrem Abschluss, in: Ak. Aktuell, 2014, H. 1, S. 44–49;
    A. Munding, Die Institutionalisierung e. Leidenschaft, ebd., 2014, H. 1, S. 54–57 (P);
    D. Kaesler, Die Zeit d. Außenseiter in d. dt. Soziol., in: K.-L. Ay u. K. Borchardt (Hg.), Das Faszinosum Max Weber, Die Gesch. seiner Geltung, 2006, S. 169–96;
    St. Breuer, Klassiker d. Karlsruher Rep., J. W. etabliert n. 1945 Max Weber, in: Zs. f. Ideengesch. 2, 2015, S. 89–104;
    F. W. Graf u. E. Hanke, Bürgerwelt u. Sinnenwelt, Max Webers München, 2020.

  • Porträts

    |Photogr., 1966 (Bayer. Ak. d. Wiss., München).

  • Autor/in

    Friedrich Wilhelm Graf
  • Zitierweise

    Graf, Friedrich Wilhelm, "Winckelmann, Johannes Ferdinand Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 217-219 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142886.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA