Wittgenstein, Paul

Lebensdaten
1887 – 1961
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Manhasset (Long Island, USA)
Beruf/Funktion
Pianist ; Mäzen
Konfession
katholisch
Namensvarianten

  • Wittgenstein, Paul Carl
  • Wittgenstein, Paul Carl Hermann
  • Wittgenstein, Paul
  • Wittgenstein, Paul Carl
  • Wittgenstein, Paul Carl Hermann
  • Wittgenstein, Paul Karl
  • Wittgenstein, Paul Karl Hermann

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Zitierweise

Wittgenstein, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142920.html [04.02.2026].

CC0

  • Wittgenstein, Paul Carl Hermann

    | Pianist, Mäzen, * 11.5.1887 Wien, † 3.3.1961 Manhasset (Long Island, USA), ⚰ Manhasset (Long Island, USA) (?), seit etwa 1972 Pocontas (Pennsylvania, USA). (katholisch)

  • Genealogie

    V Karl (s. 1);
    M Leopoldine Kal(l)mus;
    4 B u. a. Ludwig (s. 3), 4 Schw (1 früh †);
    Havanna 1940 Hilde (1915–2001), aus Rannersdorf, Pianistin, Schülerin W.s, emigrierte mit ihm 1941 n. Pennsylvania, T d. Franz Schania u. d. Elisabeth N. N.;
    1 S Paul-Luis (Paul, Paul-Louis) (* 1941), aus New York, Kunstmaler, 2 T Elizabeth (1935–74), aus W., emigrierte in d. USA, zuletzt in New York, Johanna (Joan) Ripley (* 1937), aus W., emigrierte in d. USA (?).

  • Biographie

    W. entstammte einer ursprünglich jüd. Industriellenfamilie, die zu den angesehensten und wohlhabendsten der Donaumonarchie gehörte. Musik spielte im Hause Wittgenstein eine große Rolle – sowohl im eigenen Musizieren als auch im Mäzenatentum. Hier verkehrten die bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten der Zeit, u. a. Richard Strauss (1864–1949), Gustav Mahler (1860–1911), Bruno Walter (1876–1962), Joseph Joachim (1831–1907) und Pablo Casals (1876–1973). Nach Schuljahren zunächst an einer Privatschule, später am humanistischen Gymnasium der Ursulinen in Wien absolvierte W. eine Banklehre, entschied sich dann jedoch für die Pianistenlaufbahn. Er studierte Klavier zuerst bei Malvine Brée (1851–1937), Assistentin Theodor Leschetizkys (1830–1915), deren Andenken er seine „Schule für die linke Hand“ widmete, anschließend bei Leschetizky selbst, der als führender Klavierpädagoge seiner Zeit galt. Außerdem wurde er von Joseph Labor (1842–1924) unterrichtet, den W.s Vater besonders unterstützte. Nicht spektakulär, aber erfolgreich debütierte W. als Pianist 1913 im Musikvereinssaal in Wien. 1914 als Leutnant eingezogen, wurde er schon zu Kriegsbeginn so schwer verwundet, daß sein rechter Arm amputiert werden mußte.

    Bereits im Kriegsgefangenenlager im sibir. Omsk nahm W. das Spiel alleine mit der linken Hand auf. 1915 im Rahmen eines Gefangenenaustausches entlassen, begann er ab 1916 – obgleich nach wie vor in militärischen Diensten – mit Werken für die linke Hand zu konzertieren. Die erste Auftragskomposition, die er zu Gehör brachte, war das „Konzertstück in Form von Variationen“ von Labor.

    Da das W.sche Familienvermögen trotz des Zusammenbruchs der k. u. k.-Monarchie weitgehend erhalten geblieben war, konnte W. in den Folgejahren zahlreiche Kompositionsaufträge vergeben. Diese gingen an viele der namhaftesten Künstler seiner Zeit, darunter Richard Strauss, Franz Schmidt (1874–1939), der allein sechs Werke für W. schrieb, Erich Wolfgang Korngold (1897–1957), Paul Hindemith (1895–1963), Maurice Ravel, Sergei Prokofjew und Benjamin Britten. Aufgrund der Seltenheit von Originalkompositionen für linkshändiges Klavierspiel arrangierte W. außerdem zahlreiche Werke der Klavierliteratur und schuf sich so ein Konzertrepertoire. Ab der Mitte der 1920er Jahre bis zu seiner erzwungenen Emigration entwickelte W. in vielen Tourneen, die ihn auch bis in die USA führten, eine internationale Karriere, die ihn mit den besten Orchestern der Welt und den berühmtesten Dirigenten der Zeit wie Wilhelm Furtwängler (1886–1954), Bruno Walter, Fritz Busch (1890–1951), später auch Eugene Ormandy und Leonard Bernstein zusammenführte. Ab 1931 leitete er zudem eine Klavierklasse am Neuen Wiener Konservatorium.

    Obgleich bereits W.s Großvater zum Protestantismus konvertiert war, wurde die Familie nach dem „Anschluss“ Österreichs gemäß den „Nürnberger Gesetzen“ als jüd. klassifiziert, konnte sich allerdings durch die Zahlung von 1,8 Mio. Franken den Status als „Mischlinge“ erkaufen. W. lehnte jedoch – im Gegensatz zu zwei seiner Schwestern – einen Verbleib in Österreich ab und emigrierte im März 1938 über die Schweiz und Italien zunächst nach Kuba, bis er und seine in Kuba angetraute Ehefrau in die USA einreisen konnten. Hier setzte er neben dem Konzertieren seine Unterrichtstätigkeit in New Rochelle (NY) am Ralph Wolfe Conservatory (1938–1943) und in New York am Manhattanville College of the Sacred Heart (1940–1945) fort. Er lebte zunächst in Huntington, Long Island und ab 1946 in Great Neck, New York; im selben Jahr erhielt er die US-amerik. Staatsbürgerschaft. Mit seiner Familie versöhnte er sich nicht mehr. W. starb an Herzversagen; sein Nachlaß wurde nach dem Tod seiner Witwe 2003 bei Sotheby’s versteigert.

    W.s Bedeutung liegt weniger in seinem pianistischen Rang begründet, der durchaus kontrovers beurteilt wurde, als vielmehr in seiner Funktion als Mäzen und Auftraggeber.

    Sind die beiden Werke von Richard Strauss, „Parergon zur Sinfonia domestica“ und der „Panathenäenzug“, dessen Uraufführung unter Walter mit W. am Klavier einer der seltenen Mißerfolge war, eher als Nebenwerke im Schaffen des Komponisten zu betrachten, war die bei weitem bedeutendste Auftragsarbeit das (W. pianistisch überfordernde) Konzert in D-Dur von Ravel, den W. überdies durch eigenmächtige Eingriffe in die Komposition verärgerte. W.s selbst eingestandener konservativer Musikgeschmack führte dazu, daß er die für ihn geschriebenen Werke Hindemiths und Prokofjews nicht öffentlich zur Aufführung brachte. Einige wenige Schallplatten dokumentieren die Kunst W.s, v. a. mit von ihm arrangierten Werken.

  • Auszeichnungen

    |Gr. Silberne Tapferkeitsmedaille (1917);
    Dr. h. c. (Philadelphia Ac. of Music, 1958);
    – „Stolperstein“ vor d. „Haus f. Mozart“ in Salzburg (2020).

  • Werke

    |u. a. Schrr.: School for the Left Hand, 3 Bde., 1957;
    Über einarmiges Klavierspiel, New York, 1958, unveröff. Ms. (Österr. Kulturforum Wien);
    für W. geschriebene u., wenn nicht anders angegeben, von ihm uraufgeführte Komp.: S. E. Bortkiewicz, Klavierkonzerte c-Moll u. Es-Dur op. 28, Nocturne, op. 24;
    B. Britten, Diversions f. Klavier linke Hand u. Orch. op. 21, 1940, rev. 1954, UA 1942;
    H. Gál, Klavierquartett A-Dur, 1926/27, UA 1928;
    L. Godowsky, Symphon. Metamorphosen über d. „Schatz-Walzer“ aus „Der Zigeunerbaron“ v. J. Strauß (Mai 1928), v. W. nicht aufgeführt;
    P. Hindemith, Klaviermusik mit Orch., op. 29, 1923, UA 2004 in Berlin mit L. Fleisher u. d. Berliner Philharmonikern unter S. Rattle;
    E. W. Korngold, Klavierkonzert f. d. linke Hand, op. 17, UA 1924 Wien;
    Suite f. 2 Violinen, Violoncello u. Klavier (linke Hand), op. 23, 1930, UA 1930 Wien;
    J. Labor, Konzertstücke in D-Dur, 1915, f-Moll, 1917, Es-Dur, 1923;
    Fantasie in fis-Moll f. Klavier solo, 1920, sowie Kammermusik;
    S. Prokofjew, Klavierkonzert Nr. 4 B-Dur, op. 53, 1931, v. W. nicht aufgeführt;
    M. Ravel, Konzert D-Dur f. d. linke Hand, 1929/30, UA 1932 Wien;
    F. Schmidt, Konzertante Variationen über e. Thema v. Beethoven, 1923, UA 1924;
    Quintett f. Klavier u. Streichquartett G-Dur, 1926;
    Quintett f. Klavier, Klarinette u. Streichtrio B-Dur, 1932, UA 1933;
    Klavierkonzert Es-Dur, 1934, UA 1935;
    Quintett f. Klavier, Klarinette u. Streichtrio A-Dur, 1938, UA 1939;
    Toccata f. Klavier linke Hand alleine, 1938, UA 1940;
    R. Strauss, Parergon z. Sinfonia domestica, 1924/25, UA 1925 Dresden;
    Panathenäenzug, Sinfon. Etüden in Form e. Passacaglia f. Klavier (linke Hand) u. Orchester, op. 74, 1927, UA 1928 Berlin;
    A. Tansman, Pièce concertante, 1943 (nicht orchestriert);
    Nachlaß: größtenteils im privaten Paul-Wittgenstein-Archiv in Hongkong, seit 2004 v. d. Octavian Soc., Hongkong, aufgearbeitet u. digitalisiert.

  • Literatur

    |F. E. Flindell, P. W. (1887–1961), Patron and Pianist, in: The Music Review 32, ⁸1971, S. 107–27;
    S. Y. Kim-Park, P. W. u. d. f. ihn komp. Klavierkonzerte f. d. linke Hand, 1999 (W-Verz.);
    W. Werbeck, Richard Strauss u. P. W., Zu d. Klavierkonzerten f. d. linke Hand „Parergon z. Symphonia domestica“ op. 73 u. „Panathenäenzug“ op. 74, in: Österr. Musikzs. 54, 1999, S. 16–25;
    S. Lillie, Was einmal war, Hdb. d. enteigneten Kunstslgg. Wiens, 2003, S. 1332–39 (P);
    I. Suchy u. A. Sassmann, „… freue mich, daß Ihr Stück Ihnen auch selbst gefällt …“, Der Pianist u. Mäzen P. W., in: Neue Zs. f. Musik, H. 1, 2005, S. 56–59;
    dies., A. Janik u. G. Predota (Hg.), Empty Sleeve, Der Musiker u. Mäzen P. W., 2006;
    O. Sacks, Der einarmige Pianist, Über Musik u. d. Gehirn, 2008;
    Das Klavierkonzert in Österr. u. Dtld. v. 1900–1945, hg. v. C. Ottner, 2009;
    G. Predota, P. W.’s voice and Richard Strauss’s music, Discovering the musical dialogue between composer and performer, in: Fontes Artis Musicae, 61, Nr. 2, 2014, S. 107–37;
    Romane: J. Barchilon, The Crown Prince, 1984;
    L. Singer, Konzert f. d. linke Hand, 2008, Tb. 2011, litau. 2015;
    BHdE II;
    MGG²;
    ÖML;
    LexM;
    Filme: L’Homme et sa musique, Maurice Ravel, Der Mensch u. seine Musik, Regie: C. Santelli, Interpret: P. W., M. Ravel, Klavierkonzert f. d. linke Hand, 2. chaîne de la T.V. française, 1971;
    „Alles aus einer Hand“, Dok., Regie: M. Beyer (Österr./Dtld.), 2009.

  • Autor/in

    Stephan Hörner
  • Zitierweise

    Hörner, Stephan, "Wittgenstein, Paul Carl Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 339-341 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142920.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA