Lebensdaten
1882 bis 1963
Geburtsort
Großlichterfelde bei Berlin
Sterbeort
Tübingen
Beruf/Funktion
Pädagoge ; Philosoph ; Psychologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118616390 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spranger, Franz Ernst Eduard
  • Spranger, Eduard
  • Spranger, Franz Ernst Eduard
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Zitierweise

Spranger, Eduard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616390.html [19.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Franz (1839–1922), Spielzeugwarenhändler in B., S d. Gustav Adolf Friedrich (1806–50), Kaufm. u. Buchbindermeister in B., u. d. Auguste Friederike Wilhelmine Geiling (1814–98);
    M Henriette (Bertha) (1847–1909), Verkäuferin, T d. Hermann Dietrich Schönenbeck (1811–81), Müller- u. Bäckereigehilfe in Borlinghausen (Westfalen), u. d. Wilhelma (Mina) Dahlhaus (1821–82);
    Gr-Ov Eduard|(„Spranger der Maler“) (1805–72), Maler in B. (s. Nagler, ThB);
    Görken b. Königsberg (Ostpr.) 1934 Susanne (1890–1963), Studienrätin in B., T d. Anton Ferdinand Conrad (1852–1932), Gutspächter in Görken/Memel, u. d. Gertrud Bon (1863–1929); kinderlos.

  • Leben

    Nach dem Erwerb der Hochschulreife am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin immatrikulierte sich S. 1900 an der Univ. Berlin für Philosophie. 1905 wurde er bei Friedrich Paulsen (1846–1908) (Die Grundlagen d. Gesch.wiss., 1905) zum Dr. phil. promoviert. In den folgenden Jahren finanzierte er seinen Lebensunterhalt mit wissenschaftlichen Gelegenheitsarbeiten und Unterrichtsstunden an zwei privaten Höheren Töchterschulen in Berlin. 1909 habilitierte er sich an der Univ. Berlin für Philosophie und Pädagogik mit der Monographie „Wilhelm von Humboldt und die Humanitätsidee“ (gedr. 1909, 21928), der er bereits ein Jahr später den Band „Wilhelm von Humboldt und die Reform des Bildungswesens“ (31965) folgen ließ. Seit 1909 wirkte S. als Privatdozent in Berlin, 1911 erhielt er als Nachfolger Ernst Meumanns (1862–1915) ein Ordinariat für Philosophie und Pädagogik an der Univ. Leipzig. 1920 kehrte er als Nachfolger Alois Riehls (1844–1924) auf den Lehrstuhl für Pädagogik und Philosophie nach Berlin zurück.

    Am 25.4.1933 erklärte S. seinen Rücktritt vom Lehrstuhl, wobei neben hochschulpolitischen Motiven auch ausschlaggebend war, daß man ihn bei der Berufung Alfred Baeumlers (1887–1968) auf ein neu geschaffenes Ordinariat für politische Pädagogik an der Univ. Berlin übergangen hatte. Zwar widerrief er sein Rücktrittsgesuch Anfang Juni, er hatte sich aber dadurch das Mißtrauen der Nationalsozialisten zugezogen. Diese ließen seine akademische Tätigkeit weiterhin zu, bedienten sich gleichzeitig seiner internationalen Reputation bei diversen Vortragsreisen ins Ausland und schickten ihn schließlich 1936 und 1937 als ersten dt. Austauschprofessor und Direktor des Kulturinstituts Tokio nach Japan. Anschließend lehrte S. wieder in Berlin. 1939/40 wurde er zum heerespsychologischen Reichswehrdienst einberufen. Im Zusammenhang mit dem Attentat am 20. Juli 1944 auf Hitler war S., der seit 1934 der Berliner Mittwochsgesellschaft angehörte und u. a. Kontakte zu Ludwig Beck, Ulrich v. Hassell und Johannes Popitz unterhielt, vom 8. 9. bis 14.11.1944 in Moabit inhaftiert. Im Juni 1945 übernahm S. das Amt des kommissarischen Rektors der Univ. Berlin und bemühte sich vergeblich, diese unter Viermächtekontrolle zu stellen. Nach seiner Amtsenthebung im Okt. 1945 nahm er im Juli 1946 einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Philosophie an der Univ. Tübingen an, wo er über seine Emeritierung 1950 hinaus bis 1958 lehrte.

    S. zählt zu den herausragenden Gestalten der dt. Bildungsgeschichte im 20. Jh. Er gilt als ein Hauptvertreter der „Geisteswissenschaftlichen Pädagogik“, obwohl er nicht im engeren Sinne Schüler Wilhelm Diltheys war. Seine beiden Hauptwerke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und werden bis heute rezipiert: Dabei werden die „Lebensformen“ (21921, 91966; aus d. 1. Aufl. e. Btr. in d. FS A. Riehl, 1914, S. 413–522, hervorgegangen) häufig verkürzt als psychologische Typenlehre verstanden, wobei ihre bildungstheoretische und kulturethische Dimension gewöhnlich ebenso wenig gewürdigt wird wie ihr erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Anliegen. Die „Psychologie des Jugendalters“ (1924, 291979) wird als Pionierarbeit der pädagogischen Jugendforschung beachtet. In der Weimarer Zeit (u. a. als Teilnehmer an d. Reichsschulkonferenz 1920) und nach 1945 nahm der wertkonservative, monarchisch orientierte S., der sich erst spät zum Vernunftdemokraten wandelte, bedeutenden Einfluß auf die Hochschul- und Bildungspolitik, v. a. auf die Lehrerausbildung (Gedanken über Lehrerbildung, 1920). Trotz vieler wissenschaftlicher Spezialarbeiten über sein aus mehr als 1500 Schriften bestehendes Werk ist dieses noch nicht im Zusammenhang aufgearbeitet. Auch eine Biographie, die auf der Auswertung des umfangreichen Nachlasses und der Dokumente über die weit verzweigten persönlichen Beziehungen S.s (Briefwechsel mit ca. 1800 Korrespondenzpartnern) aufbauen kann, steht noch aus.

  • Auszeichnungen

    u. a. Pestalozzi-Bild (bester Schüler d. Gymn. z. GrauenKloster Berlin 1895); Mitgl. d. Preuß. Ak. d. Wiss. (Berlin, 1925), d. Leipziger Ak. d. Wiss. (1925) u. d. Ak. d. Wiss. (Wien, 1936); Ehrenmitgl. d. Ak. d. gemeinnützigen Wiss. in Erfurt (1926), d. Ges. d. Berliner Freunde d. Dt. Ak. (1930), d. Lutherges. (Dorpat 1934), d. Dt. Ges. f. Psychol. (1952), d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung (1956) u. d. Süddt. Schriftst.verbands (1957); Treueehrenzeichen in Bronze (Berlin 1934); Dr. phil. h. c. (Budapest 1934; Padua 1942; FU Berlin 1952; Köln 1952; Tokio 1962); Dr. rer. pol. h. c. (Wirtschaftshochschule Mannheim 1957); japan. Orden v. Zuihosho (1938); Silbernes Treuedienst-Ehrenzeichen d. Dt. Reiches (1939); japan. Orden d. Hl. Schatzes 2. Kl. (1941); Goldene Medaille d. Goethe-Ges. (1942); Ehrensenator d. Dt. Ak. München (1944); Gr. BVK mit Stern u. Schulterband u. Gr. Verdienstorden (1952); Hanseat. Goethepreis d. Stadt u. Univ. Hamburg (1952); Orden Pour le mérite f.|Wiss. u. Künste (1952); Cortina-Ulisse-Preis (1955); Vfg.medaille in Gold d. Landes Baden-Württ. (1962); Ehrenpräs. d. Allg. Ges. f. Philos. in Dtld. (1962); Goldene Medaille d. Stadt Tübingen (1962): – Gedenktafel an S.s ehem. Wohnhaus, 1988 (Berlin-Dahlem, heute Fachbereich Eriehungswiss. u. Psychol. d. FU).

  • Werke

    Weitere W Begabung u. Studium, 1917;
    Kultur u. Erziehung, 1919, 52002;
    Der Bildungswert d. Heimatkde., 1923, 41960;
    Kulturzyklentheorie u. d. Problem d. Kulturverfalls, 1926;
    Der Sinn d. Voraussetzungslosigkeit in d. Geisteswiss., 1929;
    Volk, Staat, Erziehung, 1932;
    Weltfrömmigkeit, 1941;
    Die Magie d. Seele, 1947, 21949;
    Pestalozzis Denkformen, 1947, 21959;
    Zur Gesch. d. dt. Volksschule, 1949;
    Päd. Perspektiven, 1950, 81964;
    Kulturfragen d. Gegenwart, 1953, 31961;
    Der unbekannte Gott, 1954;
    Der Eigengeist d. Volksschule, 1955, 21956;
    Der geborene Erzieher, 1958, 41965;
    Gedanken z. Daseinsgestaltung, 1962;
    Menschenleben u. Menschheitsfragen, Ges. Rundfunkreden, 1963;
    Der Eigensinn d. Volksschule, 1966;
    Hg.:
    Die Erziehung, Jg. 1–19, 1925–43 (mit H. Nohl, A. Fischer, W. Flitner u. Th. Litt);
    J. H. Pestalozzi, Sämtl. Werke, 29 Bde., 1927–96 (mit A. Buchenau u. a.);
    Ges. Schrr., hg. v. H. W. Bähr u. a., 11 Bde., 1969–80;
    Kultur u. Erziehung, Ges. päd. Aufss., hg. v. B. Ofenbach, 2002;
    Filmdok.:
    Tonfilm G125, hg. v. Inst. f. d. Wiss. Film, 1943/72;
    Tondok.:
    Rede über Halbstarke, 1960;
    Im Innern ist e. Universum auch, 1961;
    Gibt es heute noch Moral?, o. J. (unveröff. Audiokassetten, E.-S.-Archiv d. TU Braunschweig);
    Erziehung z. Verantwortungsbewußtsein/Bilder aus meinem Leben, Schallplattenaufnahme, Stimme d. Wiss. 23,1, hg. v. d. Akad. Verlagsges., 1963;
    Komp.:
    Klavierkomp. op. 1 (1893), op. 10 (1895), 1 CD, in: Schulpädagog. Unterss. Nürnberg, hg. v. W. Sacher, H. 28, 2007 (Beil.);
    Korr.:
    E. S., Briefe 1901–1963, in: Ges. Schrr., Bd. 7, hg. v. H. W. Bähr, 1978;
    Friedrich Meinecke – E. S., Briefwechsel in Ausw., 1943–1953, hg. v. L. Dehio u. P. Classen, Bd. 6/III, S. 569–640;
    Georg Kerschensteiner – E. S., Briefwechsel 1912–1931, hg. v. L. Englert, 1966;
    Korr. zw. Oswald Spengler u. E. S., in: Oswald Spengler, Briefe 1913–1936, hg. v. A. M. Koktanek, 1963, S. 427, 431 f., 441 f., 443 u. 772 f.;
    Der Briefwechsel zw. Carl Diem u. E. S., hg. v. H. Lück u. D. R. Quanz, 1995;
    E. S. u. Käthe Hadlich, Eine Ausw. aus d. Briefen d. J. 1903–1960, hg. v. S. Martinsen u. W. Sacher, 2002;
    Bibliogr.:
    Th. Neu, Bibliogr. E. S. 1902–1957, 1958;
    L. Englert u. S. Mursch, in: Päd. Rdsch. 16, H. 7/8, 1962, S. 631–44;
    L. Englert, Letzte Ernte, Die Veröff. E. S.s in seinem letzten Lebensj. Juli 1962 – Juli 1963, Sonderdr. aus: Die Neuen Berufsschule, H. 10, 1963;
    Nachlaß:
    BA Koblenz;
    E.-S.-Archiv d. TU Braunschweig.

  • Literatur

    Geistige Gestalten u. Probleme, hg. v. H. Wenke, 1942;
    Erziehung z. Menschlichkeit, hg. v. H. W. Bähr u. a., 1957;
    Bildnis e. geistigen Menschen unserer Zeit, hg. v. H. Wenke, 1957;
    FS f. E. S., Universitas, Zs. f. Wiss., Kunst u. Lit. 17, H. 6, 1962;
    FS f. E. S., Päd. Rdsch. 16, H. 7/8, 1962;
    E. S., hg. v. H. W. Bähr u. H. Wenke, 1964;
    F. H. Paffrath, E. S. u. d. Volksschule, 1971;
    M. Löffelholz, Philos., Pol. u. Päd. im Frühwerk E. S.s 1900–1918, 1977;
    E. S. z. 100. Geb.tag ( . . . ), hg. v. G. Bräuer u. F. Kehrer, 1982;
    Maßstäbe, Perspektiven d. Denkens v. E. S., hg. v. W. Eisermann u. a., 1983;
    G. Meyer-Willner, E. S. u. d. Lehrerbildung, Die notwendige Revision e. Mythos, 1986;
    Pädagogen u. Päd. im NS, Ein unerledigtes Problem d. Erziehungswiss., hg. v. W. Keim, 1988;
    W. Sacher, E. S. 1902–33, Ein Erziehungsphilos. zw. Dilthey u. d. Neukantianern, 1988;
    Enttäuschung u. Widerspruch, Die kons. Position E. S.s im NS, hg. v. U. Henning u. A. Leschinsky, 1991;
    1994;
    Btrr. z. Philos. E. S.s, hg. v. J. S. Hohmann, 1996;
    K. Priem, Bildung im Dialog, Köln, 2000;
    E. S., Aspekte seines Werks aus heutiger Sicht, hg. v. G. Meyer-Willner, 2001;
    Päd. Unter d. Linden, Von d. Gründung d. Berliner Univ. im J. 1810 bis z. Ende d. 20. Jh., hg. v. K.-P. Horn u. H. Kemnitz, 2002;
    U. Waschulewski, Die Wertpsychol. E. S.s, Eine Unters. z. Aktualität d. „Lebensformen“, 2002;
    Volkserzieher in dürftiger Zeit, Studien über Leben u. Wirken E. S.s, hg. v. W. Sacher u. A. Schraut, 2004;
    A. Schraut, Biogr. Studien zu E. S., 2007;
    ders., E. S. u. d. Musik als Weltanschauungsausdruck, in: Schulpäd. Unterss. Nürnberg, hg. v. W. Sacher, H. 28, 2007, S. 2–27;
    M. Stubenvoll, E. S. als Komp., e. Kind seiner Zeit, ebd., S. 28–60;
    A. Schraut, Auf dem Weg zu e. Biogr., E. S.s Kingheit, Schul- u. Jugendzeit, ebd., H. 30, 2008;
    P. Drewek, in: Klassiker d. Päd., II, hg. v. H.-E. Tenorth, 2003, S. 137–251;
    Rhdb. (P);
    Gedenktage d. mitteldt. Raumes 1982, S. 84–86;
    BBKL X (W, L);
    LThK3;
    RGG4;
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Munzinger;
    Baden-Württ. Biogr. IV.

  • Portraits

    Totenmaske in Bronze, Abb. in: Archiv d. Gesichter, S. 263;
    G. Fiege, Bildnisse, 1978;
    M. Löffelholz, in: Klassiker d. Päd., hg. v. H. Scheuerl, II, 1979, S. 273.

  • Autor/in

    Alban Schraut, Werner Sacher
  • Empfohlene Zitierweise

    Schraut, Alban; Sacher, Werner, "Spranger, Eduard" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 743-745 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616390.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA