Lebensdaten
1922 – 2012
Geburtsort
Kiel
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Germanist
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 117138312 | OGND | VIAF: 24620996
Namensvarianten
  • Wapnewski, Hans Peter
  • Wapnewski, Peter
  • Wapnewski, Hans Peter
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Zitierweise

Wapnewski, Peter, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117138312.html [21.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Harald (1896–1928), Seeoffz.;
    M Gertrud (1900–81), Schausp., T d. Ernst Hennings, RA in K., u. d. Elvira Matthiesen;
    1) Hamburg-Othmarschen 1950 1959 Caroline (* 1924), T d. Hans Wolfram Gf. Finck v. Finckenstein (1891–1962), Dr. phil., Agrarwiss., PD an d. Univ. Basel, preuß. Rittmeister (s. Kürschner, Gel.-Kal. 1961; Altpreuß. Biogr. III), u. d. Caroline v. (1892–1980), 2) 1971 Monica Wirth geb. Plange (* 1937), Bildhauerin, Übers.;
    kinderlos.

  • Biographie

    W. wuchs in Kiel auf, wo er das Staatliche Gymnasium besuchte. Als Schüler (vermutlich 1938 / 39) trat er der NSDAP bei, absolvierte nach dem Abitur 1941 den Reichsarbeitsdienst, danach die Rekrutenausbildung und kam 1942 an die Ostfront, wo er im Juli 1942 schwer verwundet wurde. Im Mai 1943 nahm er als Rekonvaleszent eines Berliner Lazaretts sein Studium an der Phil. Fakultät der Univ. Berlin auf. Nach einer studentischen Kneipentour mit regimekritischen Reden wurde er denunziert, am 11. 6. 1943 wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet und am 26. 1. 1944 angeklagt; es drohte der Tod durch|Erhängen, doch aufgrund der Verkettung günstiger Zufälle wurde das Verfahren eingestellt.

    W.s Studium war breit angelegt: Er hörte bei den Philosophen Nicolai Hartmann und Eduard Spranger, den Germanisten Franz Koch, Hans Pyritz und Julius Schwietering, studierte Kunstgeschichte bei Wilhelm Pinder und Zeitungswissenschaft bei Emil Dovifat. Unter der Leitung des Privatdozenten Ulrich Pretzel (1898–1981) wandte er sich der Altgermanistik zu, studierte 1944 in Freiburg (Br.), dann in Jena und Hamburg, wo er 1949 bei Pretzel mit der Dissertation „Die Übersetzungen mittelhochdeutscher Lyrik im 19. und 20. Jahrhundert“ (gedr. 1949) zum Dr. phil. promoviert wurde. Danach ging W. als Assistent Richard Kienasts (1892–1976) nach Heidelberg. Hier habilitierte er sich 1954 mit „Wolframs ‚Parzival’, Studien zur Religiosität und Form“ (1955, ²1982). Auf eine Vertretungsprofessur in Tübingen 1956–58 folgte ein Gastsemester an der Harvard Univ. in Cambridge (Mass.) mit einem Ruf dorthin, den W. ablehnte. 1959 wurde W. als Professor der Dt. Philologie nach Heidelberg berufen, 1966 wechselte er an die FU Berlin und 1969 im Verlauf der Studentenunruhen in das ruhigere Karlsruhe. 1980 wurde er von Wissenschaftssenator Peter Glotz (1939–2005) als Gründungsrektor (und Permanent Fellow) des Wissenschaftskollegs nach West-Berlin geholt – eine Position, die seit 1982 mit dem Lehrstuhl für Literatur des Mittelalters und ihre Rezeption an der TU Berlin verbunden war (em. 1990).

    W. verstand sich stets als Germanist ohne penible Grenzziehung zwischen neuer und älterer Dt. Philologie. Sein besonderes Interesse galt zum einen der Lyrik, zum anderen den großen Epen des Hochmittelalters, wie dem „Rolandslied“, dem „Nibelungenlied“, den Werken Hartmanns von Aue, Wolframs von Eschenbach und Gottfrieds von Straßburg. Neben einer Auswahl von Walther-Gedichten mit sensiblen Übertragungen ins Neuhochdeutsche (Walther v. d. Vogelweide, Gedichte, Mhdt. Text u. Übertragung, ausgew., übers., komm. u. mit e. Nachwort versehen v. P. W., 1962, ²2006) legte er die bis heute maßgebliche Edition und Kommentierung der Lyrik Wolframs (Die Lyrik Wolframs v. Eschenbach, Ed., Kommentar, Interpretation, 1972) vor. W.s Interpretationen mhdt. Lyrik (Waz ist minne, Stud. z. mhdt. Lyrik, 1975, ²1979) sind in ihrem philologischen Scharfsinn und eleganten Stil weiterhin lesenswert. Ebenfalls in den 1970er Jahren stellte er eine Anthologie (Ausgew. Gedichte, Auswahl u. Nachwort, 1973, erw. Neuausg. 1989) des Lyrikers Peter Huchel (1903–81) zusammen und veröffentlichte „Zumutungen, Essays zur Literatur des 20. Jh.“ (1979, Neuausg. 1982), die auch auf grundsätzliche Fragen wie der, was eigentlich ein Gedicht ausmache, eingingen. 1962–2012 war W. Mitherausgeber der Zeitschrift „Euphorion“.

    Noch bevor die Rezeptionsforschung sich etablierte, beschäftigte sich W. mit der Vermittlung von mhdt. Literatur. Dies schlug sich in seinen Übersetzungen nieder und bekam seit den 1990er Jahren ein eigenes Profil, als er zahlreiche mhdt. Texte einsprach und damit zum Pionier des neuen Mediums Hörbuch wurde. Hier ging es ihm ebenso um den Klang der alten Sprache wie um die historische Kontextualisierung und zeitgemäße Kommentierung der Texte. In der Karlsruher Zeit begann die intensive Beschäftigung mit Richard Wagner, die sich zu einer lebenslangen Passion entwickelte. In seinen sechs Wagner-Monographien, als Mitherausgeber des Wagner-Handbuchs und in zahlreichen Aufsätzen verband W. seine hervorragende Kenntnis mhdt. und altnord. Quellen mit musikalischer Kennerschaft. Als Anwalt der Neuen Musik moderierte W. 1979–92 im SWR-Fernsehen mehr als einhundert Mal das Musikmagazin „Notenschlüssel“. Als Repräsentant dt. Kultur wirkte er auch außerhalb der Wissenschaft und über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus: 1972–79 war er Vizepräsident des DAAD, 1977–80 Mitglied des Wissenschaftsrats, 1977–2002 Erster Vizepräsident des Goethe-Instituts, München.

    Der Germanist und homme de lettres W. prägte die dt. Kultur seit 1950: in der Altgermanistik durch brillante Interpretationen und philologisch präzise Editionen, in der Wissenschaftspolitik durch kritische Einlassungen und die Gründung des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Die breiteste Wirkung erzielte W. mit seinen Übersetzungen aus dem Mittelhochdeutschen, den Audiolesungen und den Wagner-Interpretationen.

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. d. Medieval Ac. of America, Cambridge (Mass.) (1982), d. P.E.N.-Clubs, Zentrum Bundesrep. (1970), d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung (1986) u. d. Ak. d. Künste, Berlin (1996);
    – Ernst-Reuter-Preis (1978);
    Gr. BVK (1986) mit Stern (1992);
    Sigmund-Freud-Preis (1996);
    Rahel-Varnhagen-v.-Ense-Medaille (1999);
    Dr. phil. h. c. (Heidelberg 2002, Freiburg, Br. 2004);
    Ehrenmitgl. d. TU Berlin (2002);
    Ernst-Reuter-Plakette d. Landes Berlin (2003);
    Helmholtz-Medaille d. Berlin-Brandenburg. Ak. d. Wiss. (2008).

  • Werke

    |Dt. Lit. d. MA, 1960, ⁵1990, korean. 1983, ital. 1991;
    Hartmann v. Aue, 1962, ⁷1979;
    Richard Wagner, Die Szene u. ihr Meister, 1978, ⁷2010;
    Der trau-|rige Gott, Richard Wagner in seinen Helden, 1978, ³2001;
    Tristan, d. Held Richard Wagners, 1981, ²2001, ital. 1994;
    Von Forsch. u. Lehre u. d. Problematik d. Elite-Begriffs, 1982;
    Aus d. Leben Richard Wagners, Erll. zu acht Radierungen v. J. Grützke, 1983;
    Richard Wagner u. e. Ende, Überlegungen in e. Gedenkj., 1983;
    Gottfried v. Straßburg, Tristan, Wunschleben u. Minnegrotte, mit zehn Bildern v. F. Hechelmann u. e. Einf. u. Anmm. v. P. W., 1985;
    Liebestod u. Götternot, Zum ‚Tristan‘ u. z. ‚Ring d. Nibelungen‘, 1988, ²1991;
    Zuschreibungen, Ges. Schrr., hg. v. F. Wagner u. W. Maaz, 1994;
    Weißt du wie das wird …? Richard Wagner, Der Ring d. Nibelungen, erz., erl. u. komm., 1995, ²1996, Neuaufl. u. d. T. Der Ring d. Nibelungen, Richard Wagners Weltendrama, 1998, ²2001;
    Hörbücher: Nibelungenlied, 8 CDs, 1996, ³2006;
    Der Parzival d. Wolfram v. Eschenbach, 8 CDs, 1997;
    Der Tristan d. Gottfried v. Straßburg, 1998;
    Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, 6 Tonkassetten, 2000;
    Walther v. d. Vogelweide, Ausgew. Gedichte, „ir sult sprechen willekomen“, 4 CDs, 2000;
    Richard Wagner, Tristan u. Isolde, Einf., Komm. u. Musik, 2003, ²2013;
    Nausikaa soll nicht sterben! Ein Maskenspiel im Garten Goethes u. Homers, 2007;
    Hg.: Das Rolandslied d. Pfaffen Konrad, hg. v. C. Wesle, 2. Aufl. besorgt v. P. W., 1967, ³1985;
    Mhdt. Texte, Mhdt. u. Neuhochdt., 1973 (mit R. Krohn);
    MA-Rezeption, Ein Symposion, 1986;
    Richard-Wagner-Hdb., 1986 (mit U. Müller);
    Eduard Hanslick, Aus meinem Leben, 1987;
    Eduard Hanslick, Aus d. Tagebuch e. Rezensenten, Ges. Musikkritiken, ausgew. v. R. Ermen u. P. W., 1989;
    Die unerhörten Künste, Repräsentanten dt. Kunst aus neun Dekaden, 1900–1990, 1989;
    Betrifft Lit., Über Marcel Reich-Ranicki, 1990;
    Realitäten u. Visionen, Hilmar Hoffmann zu ehren, 2000 (mit C. Mücher);
    Autobiogr.: Mit d. anderen Auge, Erinnerungen, 2 Bde., 2005 / 06, überarb. Neuausg. 2007 (P);
    Nachlaß: Ak. d. Künste, Berlin.

  • Literatur

    |Liebe als Lit., Aufss. z. erot. Dichtung in Dtld., hg. v. R. Krohn, 1983 (FS);
    Gegenspieler, hg. v. T. Cramer u. W. Dahlheim, 1993 (FS);
    J. Bumke, in: Euphorion 86, 1992, S. 245–48;
    W. Adam, ebd. 107, 2013, S. 1–5;
    A. Muschg, Weiter im Text, Laudatio auf P. W., in: Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung, Jb. 1996, S. 141–45;
    W. Lepenies, in: Die Welt v. 22. 12. 2012 (P);
    P. Stoltzenberg, in: Der Tagesspiegel v. 23. 12. 2012 (P);
    U. Pörksen, Camelot in Grunewald, Szenen aus d. intellektuellen Leben d. achtziger J., 2014;
    Internat. Germanistenlex. (W, L);
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    Munzinger.

  • Autor/in

    Karina Kellermann
  • Zitierweise

    Kellermann, Karina, "Wapnewski, Peter" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 416-418 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117138312.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA