Lebensdaten
1896 bis 1942 oder 1945
Geburtsort
Greifenberg (Pommern)
Sterbeort
Riga (?)
Beruf/Funktion
Journalist ; Lyriker ; Librettist ; Regisseur
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 117444480 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Seeler, Moriz
  • Seeler, Moritz
  • Seeler, Moriz

Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Seeler, Moritz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117444480.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V N. N., Kaufm., Textil- oder Eisenwarenhändler in G.;
    M N. N.;
    Ur-Gvv Itzig Simon;
    B Leo, Arzt in Berlin.

  • Leben

    Nach der Reifeprüfung 1915 am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium seiner Geburtsstadt wurde S. zum Kriegsdienst an die franz. Front einberufen, jedoch bereits zur Jahreswende als untauglich aus der Armee entlassen. Seit etwa Frühjahr 1916 in Berlin lebend, begann er Gedichte zu schreiben, die er auf Autorenabenden vortrug, zudem Artikel über das Theater, die in Tageszeitungen und Monatszeitschriften wie „Das junge Deutschland“ und „Die junge Kunst“ erschienen. Im Winter 1919/20 verfaßte er eine Reihe von parodistischen Sketchen für den Kabarettisten und Schauspieler Hans Heinrich v. Twardowski (1898–1958), der in dem von Max Reinhardt (1873–1943) gerade eröffneten Kabarett „Schall und Rauch“ auftrat. Die Parodien auf zeitgenössische Literaten kamen später in der Sammlung „Der rasende Pegasus“ heraus. Seit etwa 1919 verkehrte S. im Künstler- und Literatenkreis des Romanischen Cafés an der Gedächtniskirche, dem u. a. Otto Dix, Max Liebermann, Alfred Döblin, Arnold Zweig und Else Lasker-Schüler angehörten. Auch um S., der hier am Cafétisch schrieb und diskutierte, bildete sich bald ein Zirkel von Autoren (u. a. Carl Zuckmayer, Bertolt Brecht, Arnolt Bronnen) und Schauspielern. Hier lernte S. auch Fritz Gottfurcht (* 1901) kennen, den Herausgeber der Zeitschrift „Der Feuerreiter, Blätter für Dichtung und Kritik“, für die S. Gedichte und Theaterkritiken verfaßte und in der er seine Entwürfe für ein avantgardistisches, junges Theater erläuterte.

    Um seine Vorstellungen in die Tat umzusetzen, gründete S. 1922 die legendäre „Junge Bühne“, ein Theater ohne festes Ensemble und eigene Spielstätte, das durch einmalige Sonntagsmatineen in großen Berliner Schauspielhäusern eine Plattform für Stücke junger Talente bieten sollte. Die zumeist unbekannten Schauspieler arbeiteten ohne Gage, geprobt wurde nachts. Am 16.4.1922 fand im Neuen Theater am Zoo die Aufführung von Bronnens expressionistischem Drama „Vatermord“ statt. Die provokative Inszenierung verursachte einen Theaterskandal und machte die „Junge Bühne“ und ihre Akteure über Nacht berühmt. Es folgten Matineevorstellungen wie u. a. Carl Zuckmayers „Pankraz erwacht oder Die Hinterwäldler“ (UA 15.2.1925), Bertolt Brechts „Baal“ (14.2.1926), Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ (UA 25.4.1926) oder Hans Henny Jahnns „Die Krönung Richards III.“ (UA 12.12.1926). Ihr Engagement an der „Jungen Bühne“ bedeutete den Durchbruch fürSchauspieler wie Curt Bois (1901–91), Heinrich George (1893–1946), Kurt Gerron (1897–1944), Fritz Kortner (1892–1970), Elisabeth Bergner (1897–1986), Gerda Müller (1895–1951), Helene Weigel (1900–71), Agnes Straub (1890–1941) und den Regisseur Heinz Hilpert (1890–1967).

    Nach dem Ende der „Jungen Bühne“ 1926 arbeitete S. 1927 zusammen mit Friedrich Hollaender (1896–1976) an der literarischen Kabarettrevue „Bei uns – um die Gedächtniskirche rum“ für das Theater am Kurfürstendamm. Seit etwa 1928 beschäftigte sich S.|mit dem neuen Medium Film, konnte jedoch seine Ideen bei den Filmgesellschaften nicht durchsetzen und gründete für eigene Produktionen das „Filmstudio 1929“. Hier entstand 1929 der Stummfilmklassiker „Menschen am Sonntag“ unter Mitarbeit der Brüder Robert (1900–73) und Curt Siodmak (1902–2000), Edgar D. Ulmer (1904–72), Eugen Schüfftan (1893–1977) und des noch unbekannten Billy Wilder (1906–2002). S.s Karriere wurde durch die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten abrupt beendet. 1933 (?) ging er nach Prag und 1935 nach Wien, wo er jedoch keine Arbeit fand und nach Berlin zurückkehren mußte. Bis 1938 arbeitete er als Regisseur beim Jüd. Kulturbund Rhein-Ruhr in Köln. Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde S. verhaftet und in ein Konzentrationslager eingeliefert, jedoch wieder entlassen. 1941 stand er erneut auf der Deportationsliste für Auschwitz, wurde jedoch zurückgestellt und als Kohlenarbeiter zwangsverpflichtet; schließlich lebte er illegal in Berlin. C. Zuckmayer bemühte sich erfolglos um S.s Ausreise aus Deutschland. Bei einem Fluchtversuch im Frühjahr 1942 von der Gestapo verhaftet, wurde er am 15. August nach Riga deportiert, wo er vermutlich im sog. „Reichsjudenghetto“ umkam.

  • Auszeichnungen

    M.-S.-Gasse, Wien-Favoriten (1969); Gedenktafel am Haus Brandenburg. Str. 36, Berlin-Wilmersdorf (enthüllt 2000); M.-S.-Str., Berlin, Treptow-Köpenick.

  • Werke

    u. a. Literar. Porträts, in: H. H. v. Twardowski, Der rasende Pegasus, 19192;
    Dem Hirtenknaben, Gedichte, 1919;
    Von Rilke bis Kästner, in: 1. Beil. d. Berliner Börsencouriers Nr. 347 v. 28. 7. 1932 morgens, wiederabgedr. in: G. Elbin (s. L), S. 118–25;
    Die Flut, Gedichte, 1937.

  • Literatur

    C. Zuckmayer, Als wär's e. Stück von mir, Horen d. Freundschaft, 1966;
    „Bei uns um d. Gedächtniskirche rum . . .“, Friedrich Hollaender u. d. Kabarett d. zwanziger J., 1996;
    G. Elbin, Am Sonntag in die Matinee, M. S. u. d. Junge Bühne, 1998 (Verz. d. Bibliotheken u. Archive);
    BHdE II;
    Kosch, Theaterlex.;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy.;
    Qu
    Ztg.ausschnitte in: Staats- u. Univ.bibl., Hamburg, Walter-A.-Berendsohn-Forschungsstelle f. dt. Exillit.

  • Autor/in

    Ulrike Krone-Balcke
  • Empfohlene Zitierweise

    Krone-Balcke, Ulrike, "Seeler, Moritz" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 147-148 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117444480.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA